Efeu - Die Kulturrundschau

Typen, Schmiere, Sensationen

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31.08.2024. Die Filmkritiker begeistern sich auf den Filmfestspielen Venedig für Tim Fehlbaums "September 5" über das Münchner Olympiaattentat des Jahres 1972 - die SZ erkennt klassisch-griechische Tragödienwucht. Die Welt ärgert sich darüber, dass die Kunstbiennale Venedig indigene Wandteppiche ausstellt - anstatt digitaler Kunst aus dem globalen Süden. Die NZZ verteidigt die boomende Young-Adult-Literatur gegen den Vorwurf, lediglich der Sehnsucht nach überkommenen Geschlechterrollen Ausdruck zu verleihen. Im Anschluss an eine Theaterfahrt durch den Osten schlägt die FAZ Alarm: Insbesondere in Sachsen droht bei einem AfD-Wahlsieg ein kulturpolitischer Kahlschlag.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2024 finden Sie hier

Film

Gier nach Echtzeit: "September 5" von Tim Fehlbaum

Das Filmfestival in Venedig zeigt in einer Nebenreihe Tim Fehlbaums "September 5", eine Aufarbeitung des antisemitischen Münchner Olympiaattentats im Jahr 1972, bzw. der Berichterstattung darüber: Die Perspektive des Films folgt ganz dem Sportreporter-Team des US-Senders ABC, die sich als Erste dazu entschlossen, Kabel auszurollen, um direkt live vor Ort zu berichten. FAZ-Kritikerin Maria Wiesner sah einen "Reporterfilm", der über weite Strecken "fast wie ein Kammerspiel anmutet. ... Die Originalaufnahmen machen den Film noch beklemmender und rücken das moralische Dilemma der Nachrichtencrew in Perspektive zu heutigen Ereignissen. Wenn Redakteure darüber streiten, ob Einschaltquoten mehr zählen als journalistische Sorgfaltspflicht, denkt man unwillkürlich an Klickzahldebatten und die Sensationslust in sozialen Netzwerken."

Die Tagline dieses "brillant durchgetakteten" Films lautet "Der Tag, als der Terror live ging", schreibt Tobias Kniebe in der SZ und kann dem nur zustimmen: "So viel mehr Terror, so viel mehr schockierende Livebilder werden im Laufe der Jahrzehnte noch dazukommen. Aber die Gier auf Eindrücke in Echtzeit, das Kalkül mit ihrer Wirkung in der Weltpolitik, die moralischen Zweifel und Bedenken und Sicherheitsfragen, die dazugehören - damals fing alles an. ... Wirklich radikal wird der Film mit der Entscheidung, eisenhart im Sendezentrum als Ort der Handlung zu bleiben - allenfalls mal ein Blick zur Tür heraus ist erlaubt. ... Mit dieser glasklaren Einheit von Ort und Zeit verzichtet 'September 5' auf einige naheliegende Einstellungen, gewinnt aber weit mehr: die Wucht eines klassisch-griechischen Tragödienformats."

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Halina Reijns Seitensprung-Thriller "Babygirl" mit Nicole Kidman und Antonio Banderas (Standard), Pablo Larraíns Biopic "Maria" für das Angelina Jolie Maria Callas spielt (taz, Standard, mehr dazu bereits hier) und Andres Veiels "Riefenstahl" (Zeit Online, mehr dazu bereits hier).

Fernab vom Lido: Dass Mohammad Rasoulofs "Die Saat des heiligen Feigenbaums" für Deutschland in der Kategorie "Bester internationaler Film" ins Oscarrennen gehen soll (hier unser Resümee), ist für Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland "ein kleiner Skandal und ein großer Schlag ins Gesicht aller deutschen Filmemacher und Produzenten. ... Zugrunde liegt dem Ganzen auch das zynische Kalkül, nach dem Erfolg alles ist. Es wäre schlimm, wenn diese Rechnung aufginge, denn dann würden die Controller und Kalkulierer, die Quotenzähler und Kunst-Einsparer auch noch Erfolg haben mit ihrem Zynismus."

Außerdem: Andreas Kilb blickt in der FAZ wehmütig zurück auf Fritz Umgelters 1976 ausgestrahlten ARD-Dreiteiler "Der Winter, der ein Sommer war". Besprochen werden Alireza Golafshans Komödie "Alles Fifty-Fifty" (Welt, Artechock, unsere Kritik), Margherita Vicarios "Gloria" (Artechock) und eine Arte-Doku über Brad Pitt (Tsp).

In "Bilder und Zeiten" der FAZ gratuliert der Schriftsteller Jaroslaw Rudiš dem großen tschechischen Film-Surrealisten Jan Švankmajer zum 90. Geburtstag. Insbesondere dessen Kurzfilm "Ossarium" von 1970 legt er uns ans Herz: "Dieses Gruselwerk ist zugleich höchst amüsant."

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Kunst

Gesine Borcherdt ärgert sich in der Welt über den folkloristischen Turn in der Kunstwelt, den sie unter anderem in der jüngsten Kunstbiennale von Venedig ausgemacht hat. Dort werden stolz, in fast schon neokonialistischer Manier, indigene Wandteppiche ausgestellt. Problematisch ist das unter anderem aus folgendem Grund: "Fatal ist die Tatsache, dass die Kunst dieser Biennale so alt aussieht - und damit Klischees über eben diesen 'Globalen Süden' bedient und reproduziert, statt mit dessen schöpferischem Potenzial zu überraschen. Ausgerechnet aus Ländern, in denen etwa Internet und Smartphone auf überaus kreative Weise zur enormen Verbesserung der grundlegenden Lebensqualität beitragen, sehen wir kein einziges Werk, das mithilfe neuester Technologien entstanden ist. Obwohl die spannendsten jungen Künstler heute weltweit mit digitalen Animationen, Algorithmen, künstlicher Intelligenz (KI) und Gaming-Ästhetik arbeiten und mit spielerischem Geist ihr Technikwissen in neue Gedanken über unsere Welt verwandeln, tut die bedeutendste Kunstbiennale so, als gebe es Science-Fiction im 'globalen Süden' nicht."

Weitere Artikel: Stefan Kobel besucht für den Tagesspiegel die Kunstmesse Art-o-Rama in Marseille. In der taz überlegt der Kunsthistoriker Werner Busch, warum Caspar David Friedrich nach wie vor Museumsbesucher fasziniert. Max Florian Kühlem trifft sich für die SZ mit dem Kunstsammler Markus Heinzelmann, der vor allem vom Werk Gerhard Richters fasziniert ist - ein Teil seiner Richter-Kollektion wird nun im Kunstpalast Düsseldorf ausgestellt.

Besprochen werden eine Agnès-Varda-Ausstellung im Luma Westbau Zürich (FAS) und Theodoulos Polyvious Cideoinstallation "A Palace in Exile" in der Julia Stoschek Foundation Düsseldorf (monopol).
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Musik

Rüdiger Görner (NZZ) und Manuel Brug (WamS) erinnern an Anton Bruckner, der vor 200 Jahren geboren wurde.
Archiv: Musik
Stichwörter: Bruckner, Anton

Literatur

Mit allerhöchstem Interesse stöbert sich Stephan Wackwitz für die taz durch die nun (zumindest für Digitalabonennten) online gestellten Digitalisate der DDR-Jahrgänge der Literaturzeitschrift Sinn und Form - und rät, sich für die Lektüre der Texte und Debattenbeiträge unbedingt mit historischen Standardwerken zu wappnen. Denn ein "Reiz der Lektüre kommt dadurch zustande, dass sich die jeweiligen Wendungen und taktischen Manöver der DDR-Kulturpolitik in den Texten und der Zusammenstellung der Hefte eben fast nie offen aussprechen, sondern sozusagen detektivisch erraten werden müssen. Hinter vielen dieser - so gut wie immer brillanten wie gesondert aufpoliert wirkenden - Lesestücke steckt eine politische Absicht. Naturgedichte sind zu verstehen als ideologische Versuchsballons; oder lesbar als kulturpolitische Repliken. Ein Lektüre-Tauchgang mit dem Digitalarchiv von Sinn und Form ist erst komplett, wenn man neben dem Laptop die monumental-dreibändige DDR-Kulturgeschichte Gerd Dietrichs ... liegen hat. Die Erlebnisse auf diesem jetzt möglich gewordenen Lektüre-Ausflug in ein untergegangenes Land sind stereoskopischer Natur."

Das Young-Adult-Genre mit seinen romantischen Plots lässt junge Frauen und weibliche Teenager in Massen zum Buch greifen. Herablassend sollte der literarische Elfenbeinturm darauf nicht reagieren, findet Christine Lötscher in der NZZ. Denn das Genre ist komplexer, als es nach dem ersten Blick den Anschein haben mag: "Auch wenn es häufig eine heterosexuelle Romanze ist, die den Plot vorantreibt, wäre es doch ein Missverständnis zu glauben, dass es sich im New-Adult-Trend um ein Backlash-Phänomen handle. Darin manifestiert sich keine weibliche Sehnsucht nach traditionellen Geschlechterrollen und Beziehungsmodellen." Selbst wenn es "paradox erscheinen mag, geht es in den Romanen ausschließlich um Frauen, um weibliche Arbeitswelten, weibliche Erfahrungen, weibliche Sexualität. Männer sind interessant, weil sie von Frauen begehrt werden. Während die fiktiven Liebhaber mit ihren scharfkantigen Gesichtszügen und definierten Bizepsen eher schematisch daherkommen und Nachhilfeunterricht in Sozialkompetenz brauchen, nehmen Frauenfreundschaften mindestens so viel Raum ein in den Texten. So entsteht der Entwurf einer utopisch anmutenden Gemeinschaft, basierend auf Solidarität und einer Ethik von Care, von Sorge füreinander."

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Außerdem: Für die SZ hat sich Verena Mayer mit der Schriftstellerin Jackie Thomae getroffen, die gerade ihren Roman "Glück" veröffentlicht hat. Leonie Gubela ezählt in der taz von ihrer Begegnung mit der Schriftstellerin Martina Hefter. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus der Büchergilde Gutenberg zum 100-jährigen Bestehen. Paul Jandl porträtiert in der NZZ den Schriftsteller und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlbecker. Für die WamS hat Richard Kämmerlings die Schriftstellerin Zora del Buono in Zürich besucht. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Antrittsvorlesung der Schriftstellerin Felicitas Hoppe, die im Sommersemester an der FU Berlin kreatives Schreiben gelehrt hat (das Skript ihrer Vorlesung bietet sie auch auf ihrer Website als PDF an).

Besprochen werden unter anderem Lydia Davis' Storyband "Unsere Fremden" (NZZ), Judith Kuckarts "Die Welt zwischen den Nachrichten" (FR), Maike Albaths "Bitteres Blau" (FAZ) und Eckhart Nickels "Punk" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Sophie Klieeisen unternimmt in der FAZ eine Theaterfahrt durch den Osten. Was, wenn die AfD nach den anstehenden Landtagswahlen in Regierungsverantwortung gerät und ihre kulturpolitischen Vorstellungen umzusetzen beginnt? Besonders in einem Bundesland könnte es problematisch werden: "Anders als in Thüringen, wo Kulturminister Benjamin Hoff die Förderung der Theater in vorauseilender Sorge bis 2030 vertraglich fixiert hat, wird das in Sachsen geltende Kulturraumgesetz, das die Kulturförderung zur kommunalen Pflichtaufgabe erklärt hat, schon 2026 neu evaluiert, zwei Jahre nach einem möglichen Regierungswechsel in Sachsen. Und schon jetzt steht in Paragraph 3 Absatz 5 des sächsischen Kulturraumgesetzes: 'Ein Rechtsanspruch auf Förderung besteht nicht.'" Klieeisen warnt: "Gerade in ostdeutschen Theatern wie Bautzen, Eisenach und Senftenberg bilden Repertoire und Ensemble den gefährdeten Kern nicht mehr nur eines künstlerischen, sondern auch eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Denn was von der Bühne bleibt, wenn sich die Welt um sie herum radikal verändert, ist noch nicht abzusehen."

Rumpel-Pumpel-Theater: Das Hotel Weimar. (C) Candy Welz

Passend dazu besucht Christine Dössel für die SZ eine Vorführung des Rumpel-Pumpel-Theaters, das, im Rahmen des Kunstfests Weimar, das Stück "Das Hotel im Karussell" auf die Bühne bringt. Ein Spaß nur für die Kleinen? Keineswegs: "Aber Kindertheater ist das, was Rumpel-Pumpel macht, nicht. Sondern: aberwitziges, unverschämtes, ungestümes Anarcho-Freilichttheater, so niedrigschwellig wie hochtourig, so unterfordernd wie übertrieben. Vordergründig daherkommend und dann doch auch hintersinnig. Hinterfotzig. Die Schaulust bedienend im Sinn von Jahrmarktsspektakel. Typen, Schmiere, Sensationen. Schmissig, pfiffig, ranschmeißerisch. Kurz: ein tolldreister Spaß." Auch Jakob Hayner in der Welt, Vincent Koch auf nachtkritik und Sophia Zessnik in der taz berichten vom Kunstfest Weimar.

Außerdem: Werner M. Grimmel sieht sich für die FAZ auf den Innsbrucker Festwochen um hat viel Freude mit der Oper "Dido".

Besprochen werden Stefan Kaegis Stück "Spiegelneuronen" in der Produktion von Sasha Waltz & Guests (Tagesspiegel), Lola Arias' Inszenierung des Musicals "The Days Out There"  im Landestheater Niederösterreich (Standard), Philippe Quesnes Performance-Arbeit "Der Garten der Lüste" am Tangente-Festival St. Pölten (Standard) sowie eine "Faust"-Inszenierung des Berliner Gefängnistheaters "aufBruch" (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne