Efeu - Die Kulturrundschau

Fürsorge während des Ausnahmezustands

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07.02.2025. Der amerikanische Künstler Fareed Armaly lehnt den Käthe Kollwitz-Preis ab, weil Stimmen, die für die Rechte der Palästinenser eintreten, angeblich zensiert werden, meldet die Berliner Zeitung. Die Verwicklungen von Jazz, Imperialismus und Geopolitik verfolgen die überwiegend begeisterten Kritiker in Johan Grimoprez' Film "Soundtrack to a Coup d'État" nach. "Applaus-Rowdies" verderben Backstage Classical den Spaß am klassischen Konzert. Heute wird die Entscheidung über die neue Volksbühnen-Intendanz bekannt gegeben, die Berliner Zeitung rekapituliert, was bisher falsch lief.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2025 finden Sie hier

Film

Jazz als Werkzeug amerikanischer Politik: "Soundtrack to a Coup d'Etat" von Johan Grimponprez

Johan Grimonprezʼ oscarnominierter "Soundtrack to a Coup d' Etat" begeistert die Kritiker: Dieser Essayfilm "ist eine überwältigende, ideenreiche Reise, die amerikanischen Jazz, Geopolitik und imperialistische Machenschaften der Fünfziger- und Sechzigerjahre miteinander verwebt", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. So handelt der Film nicht nur von Musik, sondern vom "Kalten Krieg, den postkolonialen Massakern und Bürgerkriegen in Afrika, von der Ermordung von Patrice Lumumba, dem linken Hoffnungsträger und Premierminister der neu unabhängigen Demokratischen Republik Kongo, im Jahr 1961. ... Der Jazz in diesem ambitionierten Werk von schwindelerregendem Tempo dient gleichzeitig als Soundtrack für den Film, gibt ihm Rhythmus, Ton und Intensität vor, fungiert aber auch als kultureller und historischer Kommentar. Schwarze US-amerikanische Jazzmusiker, allen voran Louis Armstrong und Dizzy Gillespie, sind nicht nur Vorboten der Emanzipation oder Schöpfer und Interpreten der amerikanischen Soft-Power, des US-Kulturimperialismus, sondern auch direkte Werkzeuge der Zwecke amerikanischer Politik."

Dieses "dokumentarische Meisterwerk" ist ein "Puzzle, wo jedes Teil der Anfang oder Ende sein könnte und sich das Gesamtbild erst nach und nach zusammensetzt", schreibt Jakob Hayner in der Welt. "Es ist ein feines Netz politischer und kultureller Beziehungen, das Grimonprez durch die Montage zum Vorschein bringt, in dem es um die inneren Widersprüche der USA und des Westens geht. Die Synkopen des Jazz zeigen, wie das Selbstverständnis der 'freien Welt' aus dem Takt gekommen ist."

Florian Weigl von critic.de ist hingegen durchaus skeptisch: "Am Ende des Films hat man für ein Leben genug Aufnahmen von Menschen gesehen, die lächelnd aus einem Flugzeug steigen. Dass Agitprop mehr auf den reinen Affekt als auf die didaktische Wirkung abzielt, ist Teil seines Charmes, aber die tatsächlichen Thesen des Filmes bleiben dann doch etwas unterentwickelt. Allzu platt führt der Film vor, dass ein Friedenscorps selten Frieden bringt und dass die UNO, wie alle Institutionen, im Zweifelsfall ihren Selbsterhaltungstrieb über die eigenen hehren Ziele stellt. Man darf sich auch fragen, wie weit Grimonprez diese Sitzungen tatsächlich als das Politiktheater entlarvt, das sie sind, und wie weit er hier nur bekannte Sehmuster verstärkt."

Zeigt Formen der Pflege und Fürsorge: Juri Rechinskys "Dear Beautiful Beloved"

Juri Rechinskys "Dear Beautiful Beloved" startet vorerst nur in Österreich - offenbar ein Verlust fürs deutsche Kinopublikum: Der Dokumentarfilm erzählt von Opfern und Leid auf der ukrainischen Seite durch die russische Invasion. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist sehr beeindruckt: "Rechinsky webt ein feines Netz aus verschiedenen Formen der Pflege und Fürsorge während des Ausnahmezustands. Eine Engländerin und ihr Mann evakuierten alte Ukrainerinnen aus der bombardierten Region Donezk. Sie werden mit Zügen in notdürftige Altenheime weiter westlich gebracht. ... Ein anderer Beobachtungsstrang begleitet Soldaten beim Bergen und Identifizieren von Leichen. Minutiös werden Körperteile von Explosionsopfern zusammengesucht, penibel darauf achtend, dass keines in den falschen Leichensack kommt. Dann wechselt Rechinsky die Tonalität, zeigt Mütter und Kinder, die an Bahnhöfen warten, um Züge nach Westen zu besteigen. Allein, ohne ihre Männer. Die sind im Krieg."

Weiteres: Keine Ehrenbär-Gala mehr und der Wettbewerb endet bereits nach knapp einer Woche: Mit dieser Raffung der Berlinale begehe die neue Festivalleiterin Tricia Tuttle "strategische Fehler", kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom Filmfestival Rotterdam. Rochus Wolff befasst sich im Filmdienst mit den Körperbildern in Filmen mit und über Rechtsextremen. Besprochen werden Pablo Larraíns "Maria" (Standard, critic.de, Artechock), Patricia Fonts "Der Lehrer, der uns das Meer versprach" (critic.de, Artechock), Tsui Harks aktuell bei Mubi gezeigter Film "Shanghai Blues" von 1984 (critic.de) und die Netflix-Serie "Apple Cider Vinegar" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Der amerikanische, in Berlin lebende Künstler Fareed Armaly lehnt den Käthe Kollwitz-Preis ab, meldet die Berliner Zeitung mit Bezug auf einen Brief, den Armaly schon im August an die preisverleihende Akademie der Künste geschrieben hatte. Grund sei der "verstörende Trend zur Zensur in Deutschland." Dabei dient ihm "Kollwitz' Leben und Werk zur Rechtfertigung seiner Entscheidung, denn sie sei Künstlerin und Aktivistin gewesen, das Politische habe sich bei ihr mit dem Persönlichen und ihrer Kunst verbunden." Der Künstler gibt an, "eine Verschiebung zum Reaktionären zu erkennen, die darauf abziele, die Stimmen derer, die unter Bezugnahme auf das Völkerrecht für die Rechte der Palästinenser eintreten, zum Schweigen zu bringen. (...) In diesem Kontext der Einschüchterung schienen sich auch liberale Kulturinstitutionen selbst zu zensieren. All dies trage strukturell zur 'fortgesetzten Entmenschlichung der Palästinenser' bei. Wenn er seine Stimme als Künstler bewahren wolle, müsse er den Preis ablehnen."

Max Liebermann, Gartenlokal in Laren, um 1903, Foto: Oliver Ziebe.


Die Liebermann-Villa am Wannsee ist ein geschichtsträchtiger Ort, das möchte die Kuratorin Viktoria Krieger auch mit der neuen Ausstellung "Im Fokus. Gesammelte Geschichten. Liebermanns Werke und ihre Wege" zeigen, was Tagesspiegel-Kritikerin Elke Buchholz sehr begrüßt. Um Liebermanns "außerordentliche Bedeutung im Kulturleben seiner Zeit noch stärker in die Öffentlichkeit bringen" zu können, war das Haus auf Leihgaben angewiesen, erklärt Buchholz: "Fast durchweg sind es großzügige Dauerleihgaben, die auf oft verschlungenen Pfaden zurück an den Wannsee fanden. Erst neulich hat sich wieder ein Privatsammler gemeldet, der lieber ungenannt bleiben möchte. Sein winziges Skizzenblatt hängt jetzt im Entree, als jüngster Neuzugang. Flott und flüchtig hat Liebermann, vielleicht selbst mit auf der Caféterrasse sitzend, 1893 die Leute im Kurort Wildbad festgehalten."

In der FAZ rät Stefan Trinks dringend, die neue Dauerausstellung "Trau deinen Augen" in der Kunstsammlung Gera zu besuchen, lässt sich doch hier die ganze Schaffensbreite von Otto Dix betrachten: Von seinen neusachlichen Werken bis zum Nachkriegswerk, das vor allem durch den Mangel an Farben und Materialien geprägt ist: "Nach dem Krieg wechselt er die christliche Identifikationsfigur und sieht sich jetzt als 'Hiob'. Das 1946 entstandene nun wieder expressiv und pastos-fahl-fehlfarbene Bild - die Schwären auf dem Leib der Leidensinkarnation Hiob etwa sind antinaturalistisch hellblau, weil seinerzeit nicht mehr alle Farben zu bekommen waren und erst einmal auf die weniger beliebten zurückgegriffen werden musste - ist ein gemaltes Mahnmal. Dix zeigt seinen vergesslichen Landsleuten, die plötzlich alle Widerständler waren, dass de facto nur einige wenige in den eben erst vergangenen 'tausend Jahren' die unmenschlich harte Prüfung Gottes auf sich nahmen - und überlebten. Die Bohlen des verkohlten Dachstuhls über dem prophetischen Mahner krümmen sich zu einer zerborstenen Swastika."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Modell Neutralität" im Aargauer Kunsthaus (NZZ), die sich mit der politischen Dimension von Kunst auseinandersetzt und dabei ein ums andere Mal in Schweiz-Klischees tappt, wie Kritiker Philipp Meier betont.
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Bühne

Bevor heute bekanntgegeben wird, wer die Intendanz der Berliner Volksbühne übernimmt, macht sich Ulrich Seidler für die Berliner Zeitung noch einmal Gedanken, was in der letzten Zeit alles schief gelaufen ist. Insbesondere der Umgang mit Kandidaten ist ihm ein ziemlicher Dorn im Auge, kaum, dass der Name Ersan Mondtag als Gerücht in einem Tagesspiegel-Artikel aufkam, wurde er zur Zielscheibe der Kritik einer Radio3-Sendung: "Mondtag hat in vielen Interviews, die schon Jahre zurückliegen und die er unter anderem auch der Berliner Zeitung gab, Stellung zu seinem aufbrausenden Temperament bezogen, sein Verhalten reflektiert und um Entschuldigung gebeten. Er hat damit in der Debatte um Machtmissbrauch am Theater einen wertvollen Beitrag geleistet, der nun aufgefrischt und gegen ihn verwendet wird."

"Die Ratten" in Dresden. Foto: Sebastian Hoppe.

Sie hören ja nicht auf, die sozialen Spannungen und privaten Katastrophen, die Gerhart Hauptmann 1911 in sein Stück "Die Ratten" gegossen hat, seufzt Michael Ernst in der FAZ - die Neuadaption der Geschichte um Pauline, die ihr Kind an Henriette verkauft, um es dann wieder zurückzufordern, und alle anderen Bewohner dieses trubeligen Hauses hat Daniela Löffner treffend und zeitgemäß am Staatsschauspiel Dresden inszeniert. "Ihr Theater geht über die tragischen Wahrheiten von damals makaber hinaus und weist auf noch schroffere Kontraste zwischen den Bühnenfiguren, aber auch auf die Distanz zwischen Bühne und heutiger Welt. Nicht als Abgrenzung, versteht sich, sondern um vom Theater aus Position zu beziehen und direkter ins Tagesgeschehen zu wirken", etwa mit Bezügen auf das heutige Dresden, dafür "verbündet sich das Bühnenspiel mit dem davor sitzenden Publikum und attestiert im gedoppelten Spiel, dass niemand die grausamen Wahrheiten der Gegenwart hören mag."

Früher waren die Bezüge zwischen der Gruppe Gob Squad und ihrem Publikum mal weniger verschwommen, beklagt Nachtkritiker Janis El-Bira, die Performance "News from Beyond" am HAU Berlin arbeitet mit bekannten Mitteln, um eine Verbindung zwischen Performern und Zuschauern herzustellen. In einer Art "Ritual der Geisterbeschwörung" können die Anwesenden Fragen ans Universum auf die Bühne schicken, die Antwort wird im "Zwischenreich" der Straße gesucht. El-Bira fragt sich dabei, "was los ist, wenn sich selbst eine der gedankenschärfsten Gruppen der Freien Szene nun bis zum Haaransatz einmümmelt im Possierlichen. Gerade weil die Form bekannt ist, fällt umso deutlicher auf, wieviel schärfer, lustiger, mutiger, subversiver, auch utopistischer das alles einmal war." Das Stück wird auch im Tagesspiegel besprochen.

Weiteres: Die SZ macht uns mit der Ballerina Victoria Dauberville bekannt, die mit Tanzvideos zu Hans Zimmer-Musik viral gegangen ist.

Besprochen werden: Prokofjews Oper "Der Spieler", inszeniert von Axel Ranisch, an der Oper Stuttgart (FR) und Caren Jess' "Heartship" am Schauspiel Zürich, inszeniert von Ebru Tartici Borchers (NZZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Die Schriftstellerin Teresa Präauer macht sich in der SZ Gedanken dazu, warum sich gerade alle mit "Brudi" oder "Bro" ansprechen. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Schriftsteller Wolfgang Matz zum 70. Geburtstag. Ebenfalls 70 wird der Schriftsteller Alban Nikolai, dem Andreas Platthaus in der FAZ gratuliert. Besprochen werden unter anderem Kathryn Scanlans "Boxensport" (FR), illustrierte Neuausgaben der Kurzgeschichten von Anne Frank (SZ) und der Briefwechsel zwischen Hans-Georg Gadamer und Martin Heidegger (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit der Dirigentin Marin Alsop unter anderem über die angespannte Lage beim Radio-Symphonieorchester Wien, das sie seit 2019 und noch bis zum Sommer leitet. Sollte die FPÖ in Österreich an die Macht kommen, könnte der Klangkörper Geschichte sein: Mit Blick auf diese ungewisse Lage könne er momentan "keine Verpflichtungen über dieses Jahr hinaus eingehen. ... Es wäre eine echte Tragödie für Wien, dieses Orchester zu verlieren. Es wäre, als würde ein Stück aus dem Wiener Herz geschnitten. Dieses Orchester spielt alles, ob verrückte Musik bei Wien Modern, eine Fernseh-Pop-Show oder Mahler Neun. Das können sie alles. Es ist auch ein extrem diverses Orchester. Viele junge Musikerinnen und Musiker, viele Frauen im Orchester - das ist schön zu sehen in Wien. Die Bedeutung des Orchesters geht weit über das Repertoire hinaus."

Axel Brüggemann ärgert sich im Kommentar auf Backstage Classical über rücksichtsloses Klatschen mitten in Klassikkonzerten - und auch die Standing Ovations haben in letzter Zeit überhand genommen: "Applaus-Rowdies", wohin man blickt - wohl neues Publikum, wie Brüggemann vermutet. "Ich bin nicht gegen freilegende Emotionen, nicht gegen den Bruch von Konventionen und nicht gegen das Zurückhalten von Überwältigung. Aber mich stört die  Ignoranz gegenüber der Tiefe des Musikhörens aus Dummheit und Egoismus." Den Betrieb selbst sieht er durchaus in Verantwortung: "Wer Klassik als Tourismus verkauft, darf sich nicht beschweren, wenn die Touristen von der Mona Lisa nur ein Instagram-Foto aufnehmen wollen."

Weitere Artikel: Daniel Barenboim hat seine Parkinson-Erkrankung öffentlich gemacht, allerdings wolle er das mit israelischen und palästinensischen Musikern besetzte West-Eastern Divan Orchestra "weiterhin dirigieren, wann immer es seine Gesundheit zulasse", meldet Helmut Mauró in der SZ. Marco Frei resümiert in der NZZ das Mizmorim-Festival für Kammermusik in Basel. Arno Lücker spricht für VAN mit der 1990 geborenen Dirigentin Marie Jacquot über deren beeindruckende Karriere in den letzten Jahren. Jakob Thaller ärgert sich im Standard darüber, dass Hollywood-Komponist Hans Zimmer sich in den Dienst Saudi-Arabiens stellt und eine neue Nationalhymne komponiert: "Auspeitschungen und Steinigungen verletzen Menschenrechte nicht weniger, wenn sie von epochaler Musik begleitet werden." Erich Rathfelder stellt in der taz das Dubioza Kolektiv aus Sarajevo vor. Fürs Zeit Magazin porträtiert Timo Posselt die französische Sängerin Zaho de Sagazan.

Besprochen werden Vikingur Ólafssons Bach-Album "Continuum" (FR) und weitere, neue Popveröffentlichungen, darunter "Alter Zorn" von Turbostaat (Tsp).

Archiv: Musik