Efeu - Die Kulturrundschau

Wie wird ein Mensch ein Mensch?

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22.02.2025. Die Berlinale-Bilanz der Filmkritiker fällt positiv aus: Die FAS sieht die gezeigten Filme als Waffe für eine gute Demokratie, der Tagesspiegel lobt immerhin Tricia Tuttles Experimentierfreude. In der NZZ blickt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew auf die zwei Literaturen Russlands, deren goldene Äpfel im Westen gelandet sind. SZ und Tagesspiegel blicken auf den NS-Raubkunst-Skandal bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und meinen: Nicht die Museen, sondern die Politik trägt die Schuld. Und der Guardian schaut in Margate auf hundert Jahre Widerstand zurück.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2025 finden Sie hier

Film

"Kontinental 25" von Radu Jude im Berlinale-Wettbewerb

Die Berlinale neigt sich ihrem Ende entgegen - heute Abend werden die Bären vergeben und morgen vergünstigt Filme aus dem Programm wiederholt. Selten dürfte eine Berlinale vor dem Hintergrund einer derart massiven geopolitischen Zeitenwende stattgefunden haben, wie sie sich gerade im Zuge von Trumps Zugeständnissen an Russland vollzieht, schreibt Bert Rebhandl in seinem Festivalresümee in der FAS. Immerhin das Programm der Berlinale bietet in diesen Tagen Reflexionsraum und Trost: "Bei Radu Jude, bei Constanze Klaue, bei Joel Alfonso Vargas, bei Mohamed Rashad, bei Julia Loktev geht es immer um die klassische Frage der europäischen Aufklärung: Wie wird ein Mensch ein Mensch? Jedes individuelle Leben ist ein Experiment über die Frage, wie aus den Zufällen und Nöten von Familienschicksal, Klassenverhältnissen, kulturellen Prägungen ein Zusammenleben in Freiheit und vielleicht sogar Wohlstand möglich werden kann. Das Kino behauptet sich als Leitmedium für dieses Experiment. Bei der im Welthintergrund hochdramatischen 75. Berlinale konnte man lernen: Eine bessere Waffe für eine gute Demokratie haben wir nicht als die Öffentlichkeiten, die sich in den vergangenen zehn Tagen immer wieder neu in dunklen Sälen und dann beim Hinausgehen in die Welt bildeten."

Dass Tricia Tuttle ausgerechnet ein Jahr nach der kontroversen Abschlussgala Tilda Swinton den Ehrenbär verlieh, was erwartungsgemäß zu entsprechenden Äußerungen der, nach eigenen Worten, BDS-Bewunderin führte (unser Resümee), war wirklich schlecht beraten, findet Andreas Busche im Tagesspiegel. Filmkuratorisch ist er mit der neuen Leiterin nach ihrem ersten Wettbewerb aber durchaus zufrieden: Ihr "ist es gleich im ersten Jahr gelungen, dem Wettbewerb wieder ein Profil zu verleihen: durch ein breiteres Spektrum an Genres, Erzählweisen, auch formalen Experimenten - sowie einer klugen Balance aus ernsten Themen und Eskapismus, Weltkino und Starpower. ... Das ändert jedoch nichts daran, dass Tricia Tuttle in ihrem ersten Jahr mit denselben Problemen wie ihre Vorgänger zu kämpfen hat. Die Berlinale ist ein schwerfälliger Tanker in einer sich rapide wandelnden Branche."

"Timestamp" von Kateryna Gornostai im Berlinale-Wettbewerb

Den Dokumentarfilmen des Festivals gelang es immer wieder, "Momente echter Erschütterung zu erzeugen", schreibt Philipp Bovermann in der SZ. Insbesondere Kateryna Gornostais Wettbewerbsfilm "Timestamp" (über Schulkinder in der Ukraine), Marcin Wierzchowskis "Das Deutsche Volk" (über den rechtsextremen Terroranschlag in Hanau), Martina Priessners "Die Möllner Briefe" (über die Folgen des rassistischen Brandanschlags in Mölln Anfang der Neunziger) und Julia Loktevs "My Undesirable Friends" (über unabhängige russische Journalistinnen kurz vor und während des russischen Angriffs auf die Ukraine) hebt er hervor.

Zu den Berlinale-Neuerungen unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle gehört der Debütfilmen vorbehaltene Wettbewerb "Perspectives", der im Konzert der Sektionen einerseits Carlo Chatrians "Encounters" ersetzt, andererseits dem Namen nach an die 2023 letztmalig stattgefundene "Perspektive Deutsches Kino" anknüpft, die allerdings auf deutsche Debüts beschränkt war. "Das Gros der Debütanten bewegt sich im konventionellen Rahmen, was Erzählweise und Themenwahl angeht", muss Gunda Bartels im Tagesspiegel allerdings feststellen. "Die Zeiten sind womöglich zu ernst für überbordenden Spieltrieb und unbändige Experimentierfreudigkeit. Oder die Finanzierung zu schwer. Klare Qualitätsausschläge nach oben oder unten sind keine dabei."

Weiteres vom Festival: Thomas Hummitzsch resümiert auf Intellectures die Wettbewerbsfilme von Richard Linklater, Hong Sang-soo und Radu Jude. "Die Zeit des woken Agenda-Settings scheint vorbei", hält Jan Küveler in der Welt nach dem Festival fest, denn in den Filmen dieses Jahrgangs "geht es weniger um Identitäten als um knallharte Realitäten." Tim Caspar Boehme spricht für die taz mit Philipp Döring über dessen Dokumentarfilm "Palliativstation" (mehr zum Film hier). Viele Filme der Berlinale zeigten Kinder "als Boten aus einer anderen Welt", beobachtet Hans-Joachim Neubauer (Filmdienst).

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Hong Sang-soos Wettbewerbsfilm "What Does That Nature Say To You" (critic.de), Radu Judes Wettbewerbsfilm "Kontinental 25" (Artechock), Iván Funds Wettbewerbsfilm "The Message" (critic.de), Kateryna Gornostais Wettbewerbsfilm "Timestamp" (Intellectures), Guillaume Ribots Dokumentarfilm "Je n'avais que le néant" über die Entstehung von Claude Lanzmanns "Shoah" (taz), Kinga Michalskas "Bedrock" (taz), James Bennings "Little Boy" (taz), Ira Sachs' "Peter Hujar's Day" (taz) sowie die Serien "The Narrow Road to the Deep North" und "De Menor" (taz).

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Außerdem aus der Filmwelt: Maria Wiesner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Filmemacher Souleymane Cissé. Andreas Scheiner porträtiert in der NZZ den Schauspieler Aaron Altaras. In der FAS porträtiert Julia Dettke die Schauspielerin Leonie Benesch, die ab Donnerstag im (eben auf der Berlinale gezeigten) Film "Helden" in den Kinos zu sehen ist. Besprochen werden Thomas Vinterbergs in der ARD gezeigte Serie "Families Like Ours - Nur mit Euch" (BLZ), die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Welt) und die SRF-Serie "Die Beschatter" (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

Die russische Literatur unterteilt sich seit Jahrhunderten in eine territoriale, mithin staatstragende Literatur und in die exterritoriale Literatur derjenigen, die sich wegen Zensur und Repressionen zur Flucht ins Ausland gezwungen sahen, schreibt der russische, mit Beginn des Ukrainekriegs selbst nach Berlin geflohene Schriftsteller Viktor Jerofejew in der NZZ. Auch unter Putin "setzte wieder ein neuer Strom der Emigration von Intellektuellen und Schriftstellern ein. ... Man kann sagen, der Baum der Literatur hat sich so verbogen, dass all die goldenen Äpfel im Westen gelandet sind. Es wächst auch eine neue Generation von Emigrantenschriftstellern heran, eine zweite Literatur wird stärker. Schon gibt es Sergei Lebedews Romane in verschiedenen Sprachen, besonders gut ist der Roman 'Das perfekte Gift' über staatliche Giftmischer. In der Lyrik sticht das Talent von Alexander Delfinow hervor, der neulich erklärte, die russische Sprache habe sich in eine Mördersprache verwandelt ... In Russland ist die Literatur auch während des Krieges nicht gestorben. Entweder ist sie zur Z-Poesie der Fanatiker des Präsidenten verkommen. Oder sie dreht sich um neutrale Themen. In Russland gibt es heute keine klar umrissene Ideologie außer Putins Traum von seiner eigenen Unsterblichkeit."

Dazu passend stellt Ulrich Schmid in der NZZ Felix Sandalows Organisation "Straight Forward" vor, "die es sich zum Ziel gesetzt hat, russischen Autoren, die im repressiven Russland verstummt sind, eine Stimme zu geben". Und der 1986 in Moskau geborene, in der Schweiz lebende Schriftsteller Alexander Estis erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den "unbedingten universellen Freiheitsdrang" des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, der in Russland noch heute übel aufstößt: Der Studentin Daria Kosyrewa droht in Russland nun "siebeneinhalb Jahre Strafkolonie", weil sie an ein Denkmal des Dichters mit einem Stück Papier ein paar seiner Verse angebracht hat (mehr dazu bereits hier).

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Frank Hertweck antwortet auf unsere Kritikerumfrage, welches die prägendsten deutschsprachigen Bücher der letzten 25 Jahre waren - und nennt Werke von Friederike Mayröcker, Uwe Tellkamp, Brigitte Kronauer, Wolf Haas und Maxim Biller. Dessen "Biografie" von 2016 ist "ein monströses Buch, das auch die Grenzen sprengt, die Billers andere Romane akzeptiert haben. Wenn man heute die Rezensionen von damals nachliest, spürt man die unschönen Ressentiments, die diese literarische Zumutung erzeugt hat: Ein wildes, aber auch verzweifeltes Gerede über Sex in jedem nur erdenklichen Jargon, ein Roman, der Freud widerlegen will, es ist nicht die Sexualität, die verdrängt wird, sondern das uferlose und unkontrollierte Sprechen über Sexualität verdrängt das eigentliche Trauma, das das Leben der Romanfiguren bestimmt: den Holocaust." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfragen finden Sie hier.

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass die Geschworenen Salman Rushdies Attentäter schuldig gesprochen haben. Besprochen werden unter anderem Nina Bußmanns "Drei Wochen im August" (taz), Joseph Vogls "Meteor. Versuch über das Schwebende" (online nachgereicht von der Zeit), Victor Heringers "Die Liebe vereinzelter Männer" (taz), Jean d'Amériques "Zerrissene Sonne" (online nachgereicht von der FAZ), neue Rilke-Biografien von Manfred Koch und Sandra Richter (NZZ, FAS), Marion Poschmanns "Die Winterschwimmerin" (FAZ), die Ausstellung "Intime Kommunikation. Bettina Brentano, Rahel Levin Varnhagen und Karoline von Günderrode" im Deutschen Romantik Museum in Frankfurt (FAZ), Natasha Browns "Von allgemeiner Gültigkeit" (FAS) und Florentine Anders' "Die Allee" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Nicht nur der Zentralrat der Juden und die Jewish Claims Conference äußerten ihr Entsetzen nach dem SZ-Leak zum bayerischen Umgang mit NS-Raubkunst (unsere Resümees), auch der ehemalige deutsche Kulturstaatsminister Michael Naumann ist wütend: "Es handelt sich um ein museumspolitisches Gesindel. Sie sind absolut schamlos. Denen ist es ganz egal, ob Blut an ihren Sammlungen klebt oder nicht." So resümiert es Jörg Häntzschel heute in der SZ, inzwischen hat sich der SZ gegenüber auch der bayerische Minister für Kunst und Wissenschaft Markus Blume (CSU) geäußert, der "lückenlose" Aufklärung von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen fordert, so Häntzschel: "Er erwähnte dabei nicht, dass die Entscheidungen über Restitutionen von ihm selbst oder den Beamten seines Ministeriums getroffen werden. Im Fall von zwei Klee-Werken und einer Picasso-Bronze hatten die Chefs der Staatsgemäldesammlungen die Restitution beziehungsweise den Gang vor die Beratende Kommission empfohlen. Er hatte dagegen entschieden." In einem zweiten Text kommentiert Häntzschel das Statement der Gemäldesammlungen, die unter anderem schrieben, "sämtliche" Werke mit Raubkunstverdacht seien seit 2022 in der Online-Sammlung der Museen verzeichnet: "Tatsächlich fehlt aber in der Online-Sammlung mit wenigen Ausnahmen die Provenienzgeschichte oder sie ist verkürzt dargestellt."

Derweil berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel von der von Susanne Kurz, Sprecherin der Grünen für Kultur und Medien im bayerischen Landtag, und den Anwälten der Erben eilig anberaumten Pressekonferenz, die der online zugeschaltete Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen Bernhard Maaz nach wenigen Minuten verließ. Dabei gilt die Kritik nicht den Museen, zitiert Kuhn Kurz: "Sie würden ihre Arbeit machen und Provenienzforschung betreiben. Die Kritik gilt der Politik. Die letzte Entscheidung über eine Restitution liegt beim Minister, er trägt die Verantwortung. (…) Den Museen sind die Hände gebunden, sie dürfen nur recherchieren. Die Bewertung der gewonnenen Erkenntnisse übernimmt eine übergeordnete Stelle, um sie dann dem Minister weiterzugeben, der entscheidet. Die kürzliche Empfehlung des Generaldirektors der Gemäldesammlungen, die Picasso-Büste an die Flechtheim-Erben zurückzugeben, wurde prompt von höherer Warte wieder kassiert." Auf Zeit Online schreibt Tobias Timm.

Andrew Testa, Allercombe tree village, on the route of the proposed A30 Honiton Bypass, Devon, December 1996. © Andrew Testa

Auf einhundert Jahre Widerstand, gebannt in Fotografien, blickt Adrian Searle (Guardian) in der Turner Contemporary in Margate in der von Steve McQueen kuratierten Ausstellung "Resistance" zurück. Erinnert wird Searle hier an "bekannte Proteste wie der Grunwick Dispute in den Jahren 1976-78, bei dem eine Gruppe meist indischer Arbeiterinnen aus Ostafrika die Filmverarbeitungsfabrik im Westen Londons verließ, wo sie unter niedrigen Löhnen, Einschüchterung und Ausbeutung litten, oder die Demonstration gegen die Wahlsteuer 1990, die Kämpfe für die Befreiung der Homosexuellen und gegen Section 28, treffen hier auch auf weitgehend vergessene Proteste; Mitglieder der Royal Society for the Protection of Birds protestieren 1911 bei einer Demonstration in London 'gegen die Verwendung von Reiherfedern in Hüten', und blinde Menschen marschieren 1920 aus Städten in ganz England und Wales nach London, um 'Gerechtigkeit statt Wohltätigkeit' zu fordern."

Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Andreas Platthaus an den vor hundert Jahren geborenen amerikanischen Illustrator Edward Gorey. Für die Welt trifft sich Mara Delius mit Isolde Ohlbaum in deren Atelier. Minh An Szabó de Bucs blickt in der NZZ ins Gewerbe chinesischer Kunstfälscher.

Besprochen werden die Schau "Gustav Klimt - Pigment & Pixel" im Wiener Belvedere (Standard), die Ausstellung "Anselm Kiefer - Early Works" im Ashmolean Museum in Oxford (FAZ), die Art Karlsruhe (Tsp), eine Ausstellung mit Werken der DDR-Künsterin Christa Jeitner in der Berliner Galerie Volker Diehl (Tsp), die Ausstellung "An die Arbeit! Vom Schaffen und Schuften der Frauen" im Berliner Kupferstichkabinett (Tsp) und eine Schau mit Werken aus der Sammlung des niederländischen Grafikdesigners Richard Niessen im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (FR).
Archiv: Kunst

Bühne

Im FAZ-Gespräch mit Max Nyffeler erklärt Peter Gelb, seit knapp 20 Jahren Intendant der Metropolitan Opera New York, wie er die Oper, die sich nach der Pandemie nie wieder ganz saniert hat, weiter stabilisieren will: "Was ich nie verstanden habe, ist die Haltung vieler Kritiker, die meinen, Oper sei für sie gemacht. Nein, die Oper soll für möglichst viele Menschen da sein."

Besprochen werden Joana Tischkaus Choreografie "Ich nehm dir alles weg - Ein Schlagerballett" im Frankfurter Mousonturm (FR), Edward Clugs Choreografie zu Shakespeare "Sommernachtstraum" am Berliner Staatsballett (SZ), Sigrun Fritschs Inszenierung des Musicals "Bülowstraße" am Berliner Gripstheater (Tsp, nachtkritik), Philipp Preuss' Inszenierung von Kathrin Rögglas Stück "Kein Plan (Kafkas Handy)" am Theater an der Ruhr in Mühlheim (nachtkritik), Johannes Schütz' Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Mecklenburgischen Staatstheater (nachtkritik), Lukas Holzhausens Inszenierung von Martin McDonaghs "Der einsame Westen" (nachtkritik) und Matthias Köhlers Inszenierung von Tony Kushners zweiteiligem Stück "Engel in Amerika" am Schauspiel Köln (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Im VAN-Gespräch hält der Publizist und Klassikfan Wolfgang M. Schmitt absolut nichts davon, dass die Klassik sich mittels "Verzauberungs"-Rhetorik und jugendlich zugeschnittenen Formaten ein neues Publikum erobern und dabei auf die "Alles ganz leicht"-Karte setzt. "Es ist ein Problem, dass so wenige jüngere Menschen nachkommen", doch "die, die da sind, sind ja nicht das Problem." Er sorgt sich, "dass diese Klassik-Institutionen das tun, was die Schauspielhäuser gemacht haben. Die haben das Publikum verärgert - und ein neues Publikum ist trotzdem nicht gekommen. Und dann ist das Haus wirklich leer. Insofern kann ich nur davon abraten - und ich würde davon abraten, zu glauben, dass man auf der Klassik-Bühne etwas machen sollte, das einem irgendwie ausgedachten Jugend-Zeitgeist gerecht werden will. Wer lieber den Abend in einem Club verbringt, auf einem Hip-Hop-Konzert oder sich betrinken möchte, wird bei einer Klassik-Veranstaltung keine Ersatzbefriedigung dafür finden. ... Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, zu sagen: Nur weil jetzt ein junges Publikum adressiert werden soll, muss das Streichquartett durch die Gegend springen."

Außerdem: Elmar Krekeler porträtiert in der WamS die Komponistin Lera Auerbach. Louis Pienkowski hat für eine FAZ-Reportage die Clubs in Chemnitz besucht, die sich zum Teil gegen tätliche Angriffe von Rechtsextremen zur Wehr setzen müssen. Das SWR Experimentalstudio bleibt in Freiburg, meldet Georg Rudiger in der NMZ. Arnold Werner-Jensen erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den Instrumentebauer Rainer Schütze, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Christian Schachinger hört sich für den Standard die einschlägigen Italopop-Klassiker von Umberto Tozzi an, der sich momentan auf Abschiedstour befindet.

Besprochen werden ein von John Eliot Gardiner dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters in Zürich (NZZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter der Leitung von Patrick Hahn (Standard) und der erste Teil von Chers Autobiografie (WamS).
Archiv: Musik
Stichwörter: Klassikbetrieb, Klassik, Chemnitz