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02.09.2026. Die Eröffnung der Filmfestspiele Venedig zeigt, dass sich das Kino in einer Existenzkrise befindet, seufzt der Tagesspiegel. Der Freitag erwartet derweil die auf Festivals inzwischen üblichen harschen Auseinandersetzungen um Gaza und Russland. Außerdem bejubeln die Filmkritiker Paweł Pawlikowskis Thomas-Mann-Film "Vaterland". Die SZ begeistert sich auf der Ruhrtriennale für Solal Mariotte und Anne Teresa De Keersmaekers getanzten Fiebertraum "Brel". Doch kein Milliardengrab? Die Welt zumindest ist voller Lob für die sauteure, aber äußerst elegant restaurierte Oper Köln.
Sie ist schnippisch, er trägt Krawatte: Sandra Hüller als Erika, Hanns Zischler als Thomas Mann in "Vaterland" (Neue Visionen) Die Feuilletons stürzen sich auf den bereits in Cannes sehr gut besprochenen Schwarzweißfilm "Vaterland", in dem der polnische Auteur PawełPawlikowski von Thomas und Erika Manns Reise quer durch das zerstörte Deutschland im Jahr 1949 erzählt - HannsZischler spielt ihn, SandraHüller sie, AugustDiehl ist als KlausMann dabei. Es "ist ein kleines, bescheidenes Meisterstück, ein Film von kristallener Klarheit", jubelt Philipp Bovermann in der SZ. Schon in früheren Filmen hat der Regisseur "von dem erzählt, was zurückblieb an Schmerz und verpasster Trauer, als das Fieber des Krieges von Europa wich". Nun schaut er nach Deutschland, "ins Herz eines Landes, das sich um diese Zeit, die er in seinen Filmen immer wieder bearbeitet hat, selbst fremd geworden und seither wohl auch immer fremd geblieben ist. Um das so klar zu sehen, muss man vielleicht selbst fremd in Deutschland sein." Schon alleine für das Schauspiel von Hanns Zischler und Sandra Hüller lohnt sich der Kinobesuch, schwärmt FAZ-Kritiker Andreas Kilb. "Zischler unterspielt das Gravitätische, zu dem seine Rolle einlädt, so mühelos wie Sandra Hüller dastrotzigTöchterliche. Die Last des Nationaldichtertums drückt auf seine Schultern wie auf ihre die Trauer um den toten Klaus. Sie rettet sich in Schnippischkeit und Sarkasmen (...), er versteckt sich in Anzügen und Krawatten. ... Schon dieses Duell macht den Film groß."
Ansonsten viele Interviews zum Film: Thomas Abeltshauser (taz) und Jan Küveler (Welt) sprachen mit dem Regisseur, Rüdiger Suchsland (Jungle World) und Andreas Busche (Tsp) mit HannsZischler und Kathleen Hildebrand (SZ) mit SandraHüller.
In Venedig eröffnen die Filmfestspiele. Barbara Schweizerhof zieht im Freitag schon mal den Kopf ein, denn es könnten durchaus Berlinale-Vibes auf uns zukommen: YuvalAbrahams und RachelSzors wie gehabt pro-palästinensischer Dokumentarfilm "Naza" könnte die Gemüter wohl ziemlich erhitzen - und dann ging auch das Gerücht herum, dass das Festival die traditionelle Jury-Pressekonferenz mit Blick auf diesen Film vor allem deshalb zwischenzeitlich abgesagt hatte, um Szenen wie in diesem Jahr im Februar an der Spree zu verhindern. Auch dass der russische Regisseur IlyaKhrzhanovsky einen neuen Film seines "Dau"-Projekts zeigt, wurde von ukrainischen Stimmen kritisch kommentiert. "Festivaldirektor Alberto Barbera wies diese Anwürfe von ukrainischer Seite als 'kleinlich und inakzeptabel' zurück. Dau sei weder ein russischer Film - als Produktionsländer sind Deutschland, Frankreich und Schweden gelistet -, noch putinfreundliche Propaganda, sondern 'das Werk eines russischen Dissidenten'." Wichtiger fände Schweizerhof, auf die bereits auf der Berlinale 2020 bei den ersten zwei "Dau"-Filmen aufgeflammte Debatte um die Ethik dieses Monumentalprojekts anzuschließen: "Khrzhanovsky habe in ethisch fragwürdiger Weise realeSex- undGewaltszenen mit Laien gefilmt, hieß es."
In der SZ stutzt Philipp Bovermann, dass die großenUS-Studios, die am Lido normalerweise die Oscar-Saison ankündigen, genauso fernbleiben wie zuvor auch schon in Berlin und Cannes. Die Branche hadert mittlerweile mit Festivalpremieren - nicht nur schaden Festival-Verrisse dem Kinostart, seit Berlin geht auch die Sorge um, dass man viel Geld dafür ausgibt, um am Ende doch nur mit einem Nahost-Skandal in den Pressekonferenzen und einem Boykott-Aufruf nach Hause zu gehen: "Dann bucht man halt lieber ein schönes Kino in New York oder London und lädt dazu geneigteInfluencer-Superfans ein." Festivalleiter "Barbera sprach davon, dass die Studios durch die Veränderungen des Marktes gerade eine Identitätskrise durchmachen", berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel, doch er findet: "Man könnte den Spieß also genauso gut umdrehen: Die Absagen von Hollywood könnten über kurz oder lang Filmfestivals in eine Identitätskrise stürzen." Außerdem blicken Daniel Kothenschulte (FR) und Tim Caspar Boehme (taz) auf die nächsten Tage.
Besprochen werden MarcRothemunds Komödie "Das gewisse Etwas" (Standard), James Ashcrofts auf Netflix gezeigter Thriller "Kinderflüsterer" mit Robert de Niro (Standard), und RalphNünthels Buch "Vor dem Film - Nach dem Film - Zu jedem Film: Das Programm von Heute. Die Entstehung und Entwicklung einer fast in Vergessenheit geratenen Filmprogramm-Reihe" (FD).
SZ-lerin Dorion Weickmann ist rundum begeistert davon, wie die Choreografen und Tänzer Solal Mariotte und Anne Teresa De Keersmaeker in einer gemeinsamen Arbeit dem belgischen Chansoniers Jacques Brel Referenz erweisen. Ihre Arbeit "Brel" (bereits letztes Jahr in der Welt als "kosmisches Ereignis" gefeiert) ist auf der Ruhrtriennale als Deutschlandpremiere zu sehen. "Brels stürmische, von einer Ehefrau, drei Kindern, unzähligen Affären und postumen Erbstreitigkeiten orchestrierte Biografie ist der Nährboden eines Werks von radikaler Konsequenz. Ob antibürgerliche Attacke, Sehnsuchtsballade oder Eloge auf 'Amsterdam' und die polynesische Wahlheimat der späten Jahre - De Keersmaeker und Mariotte erschaffen daraus ein Tanz-Leporello, schwarz-weiß wie ein Fiebertraum. Szene um Szene knoten sie ein Gespinst aus Andeutungen, Anspielungen und Assoziationen."
Simon Strauß unterhält sich in der FAZ mit Alvis Hermanis, einem lettischen Theaterregisseur, der einst viel auf deutschen Bühnen inszenierte - bevor er vor zehn Jahren nach Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik de facto aus dem deutschen Theaterbetrieb "verbannt" wurde, wie Strauß scheibt. (Mehr in unseren Resümees). Er sei einer Art "Ausgestoßener", klagt er. Inzwischen arbeitet er wieder in Lettland. Würde er zurückkommen, wenn ihm unter einer AfD-geführten Regierung die Intendanz eines deutschen Theaters angeboten würde? "Nein. Vor allem deshalb nicht, weil ich inzwischen 61 Jahre alt bin. Ich möchte kein weiteres Theater leiten. Ich bin seit 27 Jahren Intendant des Neuen Rigaer Theaters und damit zufrieden. Eines möchte ich allerdings sagen: Wenn man die Geschichte verschiedener Länder betrachtet, dann stellt man fest, dass rechte Politiker Künstlern mit abweichenden politischen Ansichten meist wesentlich toleranter begegnen als linke Politiker. Aus historischer Perspektive ist das für mich offensichtlich." Auf Strauß' Nachfrage, ob er keine Angst vor rechten Parteien habe, antwortet er: "Was bedeutet eigentlich 'rechts'? Das muss man immer zuerst klären. Ehrlich gesagt habe ich persönlich die Gefahren, von denen oft gesprochen wird, nie erlebt. Ich weiß allerdings auch nicht genau, wie sich die Situation in Ungarn unter Orbán tatsächlich darstellte." Weiter wird dann auch nicht mehr nachgehakt.
Außerdem: Rüdiger Schaper beschäftigt sich im Tagesspiegel mit der lebendigen Theaterlandschaft Sachsen-Anhalts, die vor der Landtagswahl bangend einer möglichen AfD-Regierung entgegen blickt. Margarete Affenzeller schaut im Standard auf die Premiere des Stücks "Schattenparty" von Theresa Luise Gindlstrasser im Wiener Figurentheater Lilarum voraus. Daniela Barth trifft sich für die taz mit Alexander Klessinger, dessen umstrittenes Buckelwal-Bühnenstück "Timmy" am Hamburger Ernst Teutsch Theater weitere Aufführungen erhält. Noch einen weiteren Text über den Bayreuther KI-Ring bringtnmz, geschrieben hat ihn Bojan Budisavljević. Ulrich Seidler gibt in der BlZ durch, dass der Marmorsaal im Gorki-Theater vom Schwamm befallen ist, was die Planungen der neuen Saison beeinträchtigt. Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von Sabrina Sadowskas Projekt "Tanz/Moderne/Tanz-Zentrum" - einem tanzbezogenen Integrationszentrum, das die Choreographin in Chemnitz eröffnen möchte. Ebenfalls in der FAZ erzählt Melanie Mühl von der Begegnung mit einem Horrorclown während eines Zirkusbesuchs.
Haben sich die 1,5 Milliarden Euro, die die Generalsanierung der Kölner Oper gekostet hat, am Ende doch gelohnt? Welt-ler Boris Pofalla jedenfalls ist hellauf begeistert vom Ergebnis der Runderneuerung. Der vom legendären Architekten Wilhelm Riphahn entworfene Originalbau war 1957 ein Meilenstein der bundesdeutschen Nachkriegsarchitektur. Und in Zukunft wird ein Besuch der Kölner Oper zur "Zeitreise ins Deutschland der Adenauer-Ära, aber mit neuester Bühnentechnik". Pofalla staunt: "Hell, elegant, frisch und zugleich originalgetreu modernistisch" schaut der Bau aus. "Stuck und Ornamente sucht man in dem Bau vergebens, abgesehen von den Murano-Glasleuchtern, die von der mitternachtsblauen Decke des Foyers im ersten Stock herabhängen. (…) Der Garderobe mit ihren geschwungenen Formen und den Hängern aus gebürstetem Aluminium wurde ihre originale Bespannung aus taubenblauem Kunstleder zurückgegeben. Die Wände sind nicht mehr langweilig weiß, sondern so dezent farbig, wie Riphahn sie sich 1957 vorgestellt hatte."
Wer sich dafür interessiert, was Don Alphonso zum Thema AfD vs Bauhaus zu verlautbaren hat, wird ebenfalls in der Welt fündig.
Michael Wurmitzer berichtet im Standard über die Empörung, die die Entscheidung des Londoner British Museum auslösen könnte, dem Milliardär Peter Thiel einen exklusiven Vorabbesuch zur Begutachtung des Teppich von Bayeux zu gewähren. Hanno Hauenstein besucht für die FR die Marseiller Kunstmesse "Art-O-Rama", Alicja Schindler schaut sich ebendort für monopol um. Gleichfalls auf monopolblickt Katharina Cichosch voraus auf die "Frankfurt Art Experience", den Saisonstart einer Reihe von Frankfurter Galerien.
Zelda Biller schaut für die NZZ auf die Hintergründe zur abgesagten Galliano-Ausstellung in New York (mehr dazu bereits hier). Der einst gefeierte Modedesigner verlor bekanntlich 2011 hochdekorierte Posten in der Branche, nachdem er sich wüst rassistisch und antisemitisch geäußert hatte und dann auch noch ein Video auftauchte, in dem er von Hitler schwärmte. Die nun doch nicht stattfindende Ausstellung, die ursprünglich wohl von Mode-Zarin Anna Wintour lanciert wurde, sollte offenbar eine große Rehabilitation einläuten, die sich in den letzten Jahren bereits durch vereinzelte Posten und Pöstchen ankündigte. "Die Geschichte John Gallianos ist ein großes Hin und Her: Mal rastet er aus, mal kriecht er zu Kreuze, mal macht er sich über Juden mit einer Kaftan-Maskerade lustig, dann will er sein Werk in einer großen Schau würdigen lassen - und am Ende wird diese abgesagt, weil es wieder einmal jüdische Kritiker waren, die protestierten. Darin zeigt sich auf exemplarische Weise ein Muster, das das Verhältnis nichtjüdischer Gesellschaften zu Juden generell prägt: Mal werden sie angegriffen, mal bittet man um Vergebung, mal beschäftigt man sich mit ihrer Geschichte, macht Ausstellungen über sie. Dann wendet man sich wieder ab. Und immer bleibt die Frage: Was kommt als Nächstes?" In der tazblickt Hilka Dirks auf die Geschichte.
Die Agenturen melden, dass der Börsenverein des deutschen Buchhandels an der Buchpreis-Jurorin MahaElHissy festhält - der hessische Antisemitismusbeauftrage Uwe Becker hatte zuvor gefordert, sie aus der Jury zu nehmen, und der Kritikerin vorgeworfen, in einer Essayreihe "israelfeindliche Stereotype vom Siedlerkolonialismus über Apartheid und ethnische Säuberung bis zum angeblichen Völkermord" zu verbreiten. In der Jüdischen Allgemeinenhatte sich vor kurzem Daniel Neumann sehr kritisch mit Maha El Hissy beschäftigt und sieht in El Hissys Berufung "ein Warnsignal für den moralischen und politischen Kompass des deutschen Literaturbetriebs" (unser Resümee).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Für den Tagesspiegel spricht Gerrit Bartels mit SvenRegener über "Frankie und Freddie", Regeners neuen Roman aus der Welt des Herrn Lehmann, der diesmal durch das damals noch sehr triste Westberlin in der Weihnachtszeit des Jahres 1980 tappst: "Schaut man sich Archivaufnahmen aus den 80ern an, sieht das teilweise ja auch so aus, als wäre der Krieg gerade erst vorbei." Janka Zündorf berichtet in der FAZ vom Erlanger Poetenfest.
Besprochen werden unter anderem AnoushMuellers "Lori" (FR), Maxim Billers "Schwarze Samstage. Roman eines Jahres" (Tsp), Shida Bazyars "Die Lücken" (FAZ-Kritiker Andreas Platthaus las "den bemerkenswertesten deutschen Roman dieses Bücherherbstes") und EmmaClines "In die Schweiz" (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Anne Proft ärgert sich auf Backstage Classical, dass das Leipziger Bachfest trotz einer Grenzüberschreitung von John Eliot Gardiner im Juni - der Dirigent hatte einer Mitarbeiterin, die ihm nach einem Konzert eine Urkunde überreichen wollte, diese auf der Bühne barsch in den Ausschnitt gesteckt - auch im nächsten Jahr an ihm im Programm festhalten will. "Der Musikbetrieb kennt eine merkwürdige Form der Unsterblichkeit. Wer einmal zum großen Namen geworden ist, scheint nicht nur einen Platz in seiner Geschichte, sondern beinahe ein fortdauerndes Anrecht auf seine Bühnen erworben zu haben. Ausgerechnet die klassische Musik pflegt dabei einen Personenkult, der zu ihrem eigenen Selbstbild quersteht. Das Orchester ist ein Klangkörper, sein musikalisches Ergebnis entsteht kollektiv, und doch wird das Konzert immer wieder auf jene einzelne Person zugespitzt, die davorsteht. Der Maestro wird zur Marke. Damit verbindet sich eine lange Tradition, autoritäres Verhalten als Begleiterscheinung künstlerischer Größe zu verklären. ... Doch die Verklärung autoritären Gebarens als künstlerisches Temperament ist keine Frage sensiblerer Generationen, sondern die Fortschreibung eines systemischenMachtproblems."
Weiteres: Thomas Wochnik spricht im Tagesspiegel mit JörgWidmann über die Herausforderung, seine in Luzern (wenn auch teils mit geplatzten Trommelfellen) gefeierte Aufführung von WolfgangRihms "Tutuguri" für eine Aufführung heute Abend nach Berlin zu verlegen. Christian Wildhagen resümiert in der NZZ die letzten Tage beim LucerneFestival, wo sich mit dem Orchester der New York Met, der Pianistin MarthaArgerich und den von KirillPetrenko dirigierten BerlinerPhilharmonikern die Superstars der Klassik die Klinke in die Hand geben - auch wenn sich Wildhagen etwas darüber ärgert, dass die Berliner zumindest im ersten ihrer zwei Konzerte keinen konkreten Bezug zum übergeordneten Thema des Festivals aufbauen. Das Haydneum im ungarischen Fertőd soll ein Konzert- und Forschungszentrum werden, berichtet Robin Passon in der FAZ, allerdings mangelt es derzeit noch an der Finanzdecke für das Vorhaben. Sehr verdient findet es Ronald Pohl im Standard, dass PhilCollins in die Rock'n'Roll-"Hall of Fame" aufgenommen wird.
Besprochen werden ErikaThomallas Buch "Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus" (FR), eine Schubert-Aufnahme des Baritons GeorgNigl (SZ), GeorgesGachots Dokumentarfilm "Unisono" über ein junges Orchester bei den Proben (NZZ) und Sugarbear Coverversion des DDR-Schlagers "Sag mir, wo du stehst" (taz).
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