Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2026. Aktualisierung um 11 Uhr: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird dem Autor Philippe Sands zugesprochen. Heute wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Ihr Werk ist aktueller denn je, meint ihre Biografin Andrea Stoll in der FR, auch politisch. In der Zeit kann der Künstler Jacques Tilly kaum fassen, dass er wegen einer Putin-Pappfigur in Moskau zu mehr als acht Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Die NZZ macht sich in einer Zürcher Ausstellung Gedanken über das Leben im "urbanen Bienenstock". In der taz erzählt der Architekt Francis Kéré, warum das neue Parlamentsgebäude in Benin einem "Palaverbaum" nachempfunden ist.
Der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly ist wegen Verunglimpfung der russischen Streitkräfte und Verletzung religiöser Gefühle von einem russischen Gericht in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Lagerhaft verurteilt worden: Er hatte Putin als Witzfigur auf einem Karnevalswagen dargestellt. Im Zeit-Gespräch mit Claudia Dammann reagiert er: "Es ist eine Farce, dass der Bau von Pappfiguren bestraft wird, als hätte ich ein Kapitalverbrechen begangen. Putin und sein Machtapparat haben offenbar Angst vor politischer Karnevalssatire, durch die sie kritisiert und lächerlich gemacht werden." Aktuell sei er vom Grundgesetz geschützt, aber: "Wenn sich die politische Situation in Deutschland entscheidend ändern sollte, kann es für mich gefährlich werden. Meine Reisefreiheit ist schon jetzt eingeschränkt: Ich kann innerhalb der EU reisen, jedoch nicht in Länder, die ein Auslieferungsabkommen mit Moskau haben. Und weil ich vorbestraft bin, kann meine Einreise in viele Länder schwierig bis unmöglich werden." Das Kunstmuseum Bonn wird Tilly ab November eine Ausstellung widmen.
Marilou Schultz Water, Tó, 2022. Gochman Family Collection Photo credit: Thatcher Keats" Seit vier Generationen webt die Familie der Navajo-Künstlerin Marilou Schultz, nun widmet das Hessel Museum of Art am Bard College (N.Y.) der Künstlerin, deren Arbeiten zum Beispiel auf der Documenta 14 zu sehen waren, eine erste Retrospektive. Auf artnewsstaunt Lua Vollaard einmal mehr über die Experimentierfreude der Künstlerin, die sich seit den Neunzigerjahren von Computerchips inspirieren ließ: "Anlässlich des Themas 'Weaving and Technology' der jährlichen Intel-Konferenz, die zur Feier des Erfolgs des Pentium-Chips von 1993 stattfand, wurde sie gebeten, ein Muster zu weben, das auf dem Mikrochip basierte. (…) Es erwies sich als schwieriger als erwartet. Schultz griff die 'Raised-Outline'-Technik auf, eine dreidimensionale Webmethode, die geometrischen Mustern ein geprägtes Aussehen verleiht, indem an der Schnittstelle zweier Farben eine erhabene Kante entsteht, wobei die Farben abwechselnd wie bei Eisenbahnschienen übereinandergelegt werden."
Weitere Artikel: Hanno Rauterberg besucht für den Aufmacher des Zeit-Feuilletons nicht nur den 28jährigen deutsch-französischen Künstler Jérémie Queyras, der das Merkel-Porträt für die Ahnengalerie der Kanzler malt, Rauterberg fragt auch bei Merkel nach, warum ihre Wahl auf Queyras fiel: "Ihr gefiel der Gedanke, nicht den Erwartungen zu gehorchen, keinen bekannten Namen zu engagieren. Ein Wagnis eingehen, warum denn nicht?"
Besprochen werden außerdem die Manifestea 16 Ruhr (SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Produktive Unruhe. Kunst, Publikum und Alternativkultur im Spannungsfeld der IX. und X. Kunstausstellung der DDR in den 80er Jahren" in der Dresdner robotron-Kantine (taz).
Aktualisierung im 11 Uhr: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird in diesem Jahr dem Autor Philippe Sands zugesprochen. In der Pressemitteilung des Börsenvereins heißt es: "Als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit setzt sich der französisch-britische Jurist und Schriftsteller für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts ein. Der Nachkomme von Holocaustüberlebenden zeigt entlang der eigenen Familiengeschichte, wie dieses Recht entstanden ist und welche Erfahrungen hinter den Tatbeständen 'Genozid' und 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' stehen." Philippe Sands vertritt Palästina vor dem Internationalen Gerichtshof. Hier die Bücher Sands' im Perlentaucher.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Zum heutigen hundertsten Geburtstag von Ingeborg Bachmannunterhält sich Judith von Sternburg für die FR mit der Literaturwissenschaftlerin Andrea Stoll, die bereits eine zweite Bachmann-Biografie veröffentlicht hat. Stoll kommt auf die lange verkannte politische und autobiografische Dimension ihres Werks zu sprechen, und überlegt, was Bachmann unserer Zeit zurufen würde, nämlich, "dass wir gut beraten sind, auch einen sogenannten Nachkriegsfrieden oder eine Zivilgesellschaft nicht einfach als zivil zu verstehen, sondern uns sehr bewusst zu machen, dass immer ein Gewaltpotenzial bleibt. Uns Frauen kann sie zurufen, dass wir, wenn Aggressionen in einer Gesellschaft unverhohlener zutage treten, zur vulnerablen Klientel gehören. Dass wir auch heute abgedrängt und mundtot gemacht werden können. Weil die Rolle der Frau im öffentlichen Raum in unserer Kultur nicht wirklich etabliert ist. In einer Welt, in der es zunehmend um Krieg und Kräftemessen geht, verliert das, was Frauen leisten, rasant an Wert. Den Backlash im Westen hätten wir in dieser Wucht vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten."
Im Leitartikel der FAZ betont auch Sandra Kegel Bachmanns Aktualität: "In einer Gegenwart, die aufs Neue lernt, was Schweigen kostet und was Sprache vermag, klingt Bachmann bestürzend aktuell. Ihre literarischen Figuren stehen fast immer im Konflikt mit der Gesellschaft, durch Liebesbeziehungen, die die Ordnung herausfordern, durch die quälende Suche nach Wahrheit oder die Weigerung, sich einzurichten in dem, was ist." Wie viele Gratulanten zuvor versucht sich Paul Jandl in der NZZ der Bachmann vor allem über ihr Verhältnis zu Männern zu nähern: "Die alten Recken von früher wussten es noch genau: 'Geniales Frauenzimmer (25 Jahre!). Gehört in eine Anstalt', notierte der österreichische Autor Heimito von Doderer, als ihm der Nachwuchs vor das altadelige Auge tritt. Hans Weigel, Förderer und Geliebter Ingeborg Bachmanns in ihren frühen Wiener Jahren, hat sie in seinem Schlüsselroman 'Unvollendete Symphonie' nach Herrenart gezeichnet, das heißt: von oben herab."
Weitere Artikel: Stephan Lebert spricht für die Zeit mit dem ehemaligen S.Fischer-Verleger Jörg Bong, der als Jean-Luc Bannalec nun erfolgreich Bretagne-Krimis schreibt. Besprochen werden unter anderem Ulf Stolterfohts neuer Gedichtband "rückkehr von krähe. abenteuergedicht" (taz), Neige Sinnos Roman "La Realidad" (SZ), Friederike Schilbachs Anthologie "Die Damentoilette" (Zeit) und Florian Freistetters "Die Farben des Universums" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Ausstellungsansicht "Civilisations". Foto: Museum für Gestaltung Zürich Man "sieht, was man sonst kaum je zu sehen bekommt", staunt NZZ-Kritikerin Maria Becker in der Ausstellung "Civilization. Unser Leben im Fokus" im Museum für Gestaltung Zürich. Die Existenz in einer komplexen hochentwickelten Zivilisation zeigt die Ausstellung vor allem anhand ihrer "Bebauungsstrukturen", erklärt sie. "Das Leben im urbanen Bienenstock vereint Chaos und Kontrolle. Kontrolliert geht es auch in der Luftaufnahme des Flughafenterminals von Newark, New Jersey, zu. In der ringförmigen Anlage bilden die Flugzeuge eine Art Sternenkonstellation auf der Erde. Faszination geht von dem bewegten Muster aus, das durch komplexe Vernetzung gesteuert wird. Eine ähnliche Aufnahme, ebenfalls von dem Amerikaner Jeffrey Milstein, bildet ein Kreuzfahrtschiff von oben ab: Die 'Caribbean Princess' wirkt mit ihren blaugrünen Pools und silbrigen Relings wie ein aus dem Nichts aufgetauchter Tiefseefisch."
Er versuche stets, Modernität und lokale Bautradition zu verbinden, erzählt der Architekt Francis Kéré aus Burkina Faso im Interview mit der taz. 2022 erhielt er den Pritzker-Preis und bekam große Aufträge, wie das Parlamentsgebäude in Porto-Novo in Benin. Wie lassen sich hier lokale Bauweisen anwenden? "Ein Parlament ist eben auch repräsentatives Gebäude, und in der Diskussion über die Spannweiten war klar, dass wir strukturell etwas anderes Dauerhaftes brauchen. Wenn man ihn intelligent, also sparsam einsetzt, bin ich nicht gegen Beton. Deshalb habe ich mich nicht geniert, hier damit zu arbeiten. Zentral aber war die Idee des Palaverbaums. Das ist ein großer, schattenspendender Baum, der Wahrzeichen des Dorfes ist, das sich bei ihm versammelt. Mit ihm war der sinnstiftende Gedanke gefunden, das Parlamentsgebäude baulich zu einem Symbol der Demokratie zu machen. Im Palaverbaum fand sich die Formsprache, die dann lokal durchbuchstabiert werden konnte."
Besprochen werden Curry Barkers Film "Obsession" (unsere Resümees) (Zeit, FAZ, FR, Welt), Charlie McDowells Film "Das Sommerbuch" nach dem Roman von Tove Jansson (taz) und die HBO-Serie "House of the Dragon" (NZZ).
Szene aus "El Gato Montés" am Zarzuela-Theater Madrid. Foto: "Es geht noch viel spanischer als 'Carmen'", jubelt FAZ-Kritiker Hans-Christian Rössler, nachdem er Christof Loys Inszenierung von Manuel Penellas Stück "Die Wildkatze" ("El Gato Montés") am Madrider Zarzuela-Theater gesehen hat. Es geht um den Torero Rafael und die "'Wildkatze' Juanillo, einen flüchtigen Banditen", die sich in die selbe Frau verliebt haben. Zarzuela, lernt der Kritiker, ist die spanische Form der Operette. In Europa ist sie noch weitgehend unentdeckt, das möchte Loy ändern. Das Publikum, das am Ende in "Begeisterungsstürme" ausbricht, hat er schonmal überzeugt. Und den Kritiker auch: Der zweite Akt "ist großes Theater, obwohl nur zu sehen ist, was in einem Nebenraum der Arena von Sevilla geschieht. Aus der Ferne sind die Olé-Rufe, Applaus und der Paso doble zu hören. Dort findet Rafael den von einer Zigeunerin prophezeiten Tod. Doch für den Kampf selbst sucht Loy im Unterschied zu anderen Regisseuren keine Bilder. Blutüberströmt tragen seine Männer den sterbenden Torero an der kleinen Kapelle vorbei, in der er kurz zuvor noch gebetet hat, in die Krankenstation."
Das Grausen befällt Axel Brüggemann in backstage classical, wenn er durch die Instagram-Feeds großer Opern- und Theaterhäuser scrollt. Die scheinen der jungen Generation nicht mehr besonders viel Kulturverständnis zuzutrauen und machen vor allem Werbung mit Aperol Spritz und erklären Dinge, die kleine Kinder eigentlich schon wissen müssten. Aber "das Erschreckende an diesen Videos ist nicht, dass die Oper für die jungen Content-Creator ein gigantischer Spielplatz zu sein scheint, sondern die unglaubliche Biederkeit, mit der die beiden ein ganzes Genre vorstellen. Oper ist für sie nicht mehr Ort der Sammlung, der Auseinandersetzung oder der gesellschaftlichen Debatte, sondern ein Wohlfühlort mit genügend Getränken für die Pausen-Zerstreuung. Walter Benjamin, steh uns bei!"
Besprochen wird außerdem Daniel Kramers Inszenierung von Frank Zappas "200 Motels" Grand Théâtre Genève (FAZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Elisa Hoven: Feine Risse Eva Herbergen, engagierte Strafverteidigerin, will sich langsam aus ihrer Arbeit zurückziehen und mit Ehemann Peter das Alter genießen. Doch die düsteren Schatten ihrer Fälle…
Glenn Dixon: Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte Aus dem Englischen von Bernhard Robben. In einem Smarthome in nicht allzu weit entfernter Zukunft geht ein kleines Gerät seiner liebsten Tätigkeit nach: Scout, ein Staubsaugerroboter,…
Philipp Schönthaler: Mysteria Hysteria Wie hoch sind die Chancen, die Individualität einer Person anhand ihrer Syntax zu identifizieren? Wie hoch diejenigen, die Person selbst aus dem Text herauszulesen? Als der…
Sigrid Damm: Künstler meines Lebens 16 Porträts von Sigrid Damm versammelt dieser Band. Es sind Reflexionen und Erinnerungen an Künstler und Wegbegleiter, die für Sigrid Damm wichtig waren. Mit einigen war…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier