Efeu - Die Kulturrundschau

Zu poetisch, zu französisch?

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20.02.2026. Was für ein Berlinale-Jahrgang, schwärmt die FR, die besonders die drei deutschen Beiträge lobt - allen voran Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes", der von der Treuhand-Zeit in den Neunzigern erzählt. In der NZZ und bei Artechock fällt der Jahrgang indes komplett durch. Kulturstaatsminister Weimer sollte am fast kinolosen Potsdamer Platz im großen Stil Gebäude einkaufen, rät die FAZ. Wenig Gefallen findet sie außerdem am "Mood-Management" des Bayerischen Rundfunks. Die Welt fragt angesichts der vielen Wiederentdeckungen von Künstlerinnen, ob die "Frauenfrage" überhaupt noch gestellt werden muss.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2026 finden Sie hier

Film

Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes" im Berlinale-Wettbewerb

Ein erstaunlicher Berlinale-Jahrgang geht zu Ende, meldet Daniel Kothenschulte in der FR: Zu erleben war "eine außerordentliche Konkurrenz internationaler Filmpremieren" - und die drei deutschen Beiträge gehören "in all dieser Pracht ... zum Besten". Dazu zählt auch Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes", der von der Treuhand-Zeit in den Neunzigern erzählt: "Mit einem grandiosen Ensemble lässt Trobisch glänzend ausgeführte Figuren aufeinander los und macht plausibel, was diese sich selbst nicht zu sagen vermögen. Wenn man dem ruhelosen Zweistundenfilm etwas vorwerfen könnte, dann seine so kunstvolle Verdichtung. Ein paar Pausen täten ihm gut, etwas Zeit für die Landschaft und die Gesichter. Vermutlich ist noch genug Material da, der Film verträgt auch eine weitere halbe Stunde."

Tobias Sedlmaier blickt in der NZZ eher ratlos auf den Berlinale-Wettbewerb: "Die gute Nachricht: Es gibt viele ordentliche Filme, kaum Totalausfälle. Die schlechte: Es gibt viele ordentliche Filme, aber wenig wirklich Herausragendes." Immerhin Markus Schleinzers "Rose" mit Sandra Hüller rechnet er einige Chancen aus, sein persönlicher Favorit ist "Queen at Sea" mit Juliette Binoche: "Ein kluger, verstörender Film, der grundsätzlich hinterfragt, wo die Autonomie des Einzelnen endet - und die anderer Akteure wie des Staates beginnt. Ein Film, der das einlöst, was die Aktivisten so vehement einfordern: politische Kunst." Der Film bietet allerdings nicht viel mehr als "solide Handwerkskunst mit sozialem Impetus", widerspricht Pavao Vlajcic auf critic.de.

Für Rüdiger Suchsland von Artechock war es eine der schlimmsten Berlinalen seit vielen, vielen Jahren, ohne dass er das näher erläutern würde. Er stellt die Grundsatzfrage: "Warum muss das deutsche A-Filmfestival eigentlich in Berlin sein? Wie toll könnte zum Beispiel das Filmfest München sein, wenn man den Filmfest-Etat der Stadt München und den des Freistaats Bayern durch den Berlinale-Etat des Bundes aufstocken würde?"

Andreas Kilb (FAZ) hätte die Berlinale gerne weiterhin in Berlin, aber für die Kulturpolitik ist endgültig allerhöchste Eisenbahn, um das seit Jahren beobachtbare Absinken des Festivals aufzuhalten. Wie Senkblei lastet der auch nach Renovierung und verzweifeltem Re-Branding als Fress- und Games-Meile weiterhin untote und mittlerweile nahezu kinolose Potsdamer Platz auf dem Festival. Kulturstaatsminister Weimer sollte hier entweder im großen Stil Gebäude einkaufen und von Grund auf für ein Filmzentrum umgestalten lassen oder, "besser noch, ein völlig neues Gebäude in Auftrag geben, das als Archiv, Kinomuseum und Festivalpalast das ganze Jahr über in Betrieb wäre. ... Die Berlinale würde damit nur nachholen, was ihre Konkurrenten lange erreicht haben, denn Cannes und Venedig haben vom Staat schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren neue Spielstätten bekommen." Da in Berlin solche Vorhaben allerdings mindestens ein Jahrzehnt oder länger in Anspruch nehmen, dürfte das dem Festival allenfalls langfristig helfen.

Weiteres vom Festival: Das CrimeMag liefert das zweite Resümee von Katrin Doerksen, für deren Geschmack es im Wettbewerb zu viele "mit erhobenem Zeigefinger predigenden Männer" zu sehen gibt. Thomas Groh beobachtet für critic.de "von der Wendezeit bis zur Zeitenwende" unbeholfene, überforderte Staatsbeamte und zwar im kollektiv inszenierten Retrospektivenfilm "Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990" und im Forum in Marie Wilkes "Szenario". Nadine Lange gratuliert im Tagesspiegel dem Teddy Award, der an einen herausragenden queeren Film verliehen wird, zum vierzigjährigen Bestehen. Und das Team von critic.de beugt sich für einen zweiten Podcast vom Festival übers Mikro.

Aus dem Festival besprochen werden Fernando Eimbckes mexikanisches Wettbewerbsdrama "Moscas" (taz), Faraz Shariats "Staatsschutz" (taz, Tagesspiegel), Sarmad Sultan Khoosats "Lali" (Tsp), No Salgas' "Don't Come Out" (critic.de), Kilian Armando Friedrichs "Ich verstehe Ihren Unmut" (taz), Tudor Cristians "On Our Own" (taz), und Ted Fendts "Auslandsreise" (FAZ).

Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradioin den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.

Abseits der Berlinale besprochen werden Bastienne Voss' Buch über den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (Welt), Stephan Komandarevs "Made in EU" (Artechock), Boris Lojkines "Souleymans Geschichte" (Artechock, unsere Kritik), Nicolas Steiners "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?" (SZ), die HBO-Serie "The Pitt" (Presse) und die HBO-Serie "Banksters" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Markus Seibel, Früchte des Zorns, 2016-ongoing © Markus Seibel

Gleich zwei lohnenswerte Ausstellungen bekommt Lisa Berins (FR) im The Cube in Eschborn zu sehen: Die Deutsche Börse Photography Foundation zeigt dort zum einen zeitgenössische Fotografen, darunter die Mahlers oder Vivian Maier. Aber auch der Nachwuchs, der sich in der Schau "Worlds within Worlds" präsentiert, ist vielversprechend, findet Berins: "In der Serie 'Fulda Gap' kehrt Len David Oswald in die Gegend seiner Kindheit zurück, die in den 70er und 80er Jahren als mögliche Einfallsroute des Warschauer Paktes nach Westdeutschland galt. Um das Gebiet unpassierbar zu machen, bereitete die Nato den Einsatz von atomaren Sprengsätzen in der Region vor. In den Arbeiten Oswalds tut sich eine abseitige Welt auf: eine verbogene Leitplanke, ein mit Deutschlandfahnen behängter Grundstückszaun, ein frisch mit Ästen getarnter Hochstuhl im Wald, eine Holzscheune mit Plakat, auf dem ein verschwörerischer Spruch eine alternative Wahrheit kundtut. Das alles scheinen Anzeichen für etwas Unbeschreibliches zu sein, Puzzlestücke einer Geschichte, die noch nicht auserzählt ist."

Von Wien bis Washington, von Berlin bis Bilbao, überall werden Künstlerinnen wiederentdeckt und gewürdigt. Stellt sich da überhaupt noch die "Frauen-Frage", fragt sich Dorothea Zwirner in der Welt. Unbedingt, denn Künstlerinnen bleiben "sowohl in den Museen als auch im Kunstmarkt deutlich unterrepräsentiert. Nicht nur in den historischen Sammlungen liegt der Anteil von Künstlerinnen meist im einstelligen Bereich. In einer aktuellen, wenn auch vorläufigen Analyse zur Sammlung des MoMA zeigt sich ein signifikanter Gender-Gap: Rund 18 Prozent - nicht einmal ein Fünftel - der untersuchten Werke stammen von Frauen. Im Auktionshandel konnten sich zwar laut 'Sotheby's Insight Report 2025' die weltweiten Umsätze für Künstlerinnen in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppeln, liegen aber mit knapp 14 Prozent immer noch deutlich niedriger als bei ihren männlichen Kollegen." Aber: "Ohne eine entsprechende Ankaufs- und Personalpolitik, die zu einer dauerhaften Veränderung in der Kanon-Bildung führt, bleibt der Verdacht eines bloßen 'Women-Washings' bestehen", warnt Zwirner.

Besprochen werden außerdem die große Paul-Cezanne-Ausstellung in der Fondation Beyerle (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Admission" mit Arbeiten der Malerin Julija Zaharijević im Medium P in Berlin (taz) und die bereits zweite Zusammenarbeit zwischen dem Pariser Louvre und der App Snapchat, die Objekte im Louvre als Augmented Reality erlebbar macht (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Nein, in "The Battle" geht es mal nicht um militärische Kriege, freut sich Martin Wittmann in der SZ. Vielmehr kann er in dem Stück von John Niven, das Matthew Dunster nun auf die Bühne des Birmingham Repertory Theatres gebracht hat, die Fehde zwischen Oasis und Blur erleben - und das ist auch mit dreißig Jahren Abstand ziemlich lustig: "Die reine Schilderung der Geschehnisse reicht Niven zunächst, und seine dreckigen Texte reichen dem Publikum. Die Protagonisten machten es ihm leicht. So ist nicht ganz klar, ob Liam den Witz über Blurs Single - sie heißt 'Country House', er nennt sie natürlich 'Cuntry House' - womöglich tatsächlich gemacht hat; oder ob Noel sich bei seiner Klage, er würde ständig nur noch nach seiner Fehde mit dem Blur-Sänger gefragt, wirklich das Bild wählte, dieser stecke mittlerweile so tief in seinem, Noels, Hintern, dass er ihm, Albarn, beim Zähneputzen mit der Bürste die Haare kämmen könnte."

Szene aus "Last Call". Foto: © Angela Marie Orellana

Und auch dieses Zusammentreffen großer Rivalen auf der Bühne macht Spaß, wie uns Jürgen Kesting in der FAZ versichert: Der amerikanische Autor Peter Danish hat aus einer Begegnung zwischen Herbert Karajan und Leonard Bernstein im Wiener Hotel Sacher ein Theaterstück gemacht, in Hamburg bringt wird es Gil Mehmet unter dem Titel "Last Call" auf die Bühne der Kammerspiele: "Es ist, wie das ständige Ostinato-Lachen der Zuschauer zeigt, ein Vergnügen für Genießer boulevardesker Anzüglichkeiten: Etwa wenn Lenny eingesteht, dass er nach einer Prostata-OP 'fast jede halbe Stunde zum Klo rennen muss', und von Herbert den Rat erhält, kürzere Werke als die von Bruckner zu dirigieren - einen Katheter könne er ja deshalb nicht tragen, weil er beim Dirigieren zu viel herumhüpft; oder wenn Herbert sich bedankt, von Lenny erst nach zwanzig Minuten auf seine zwei Eintritte in die NSDAP angesprochen zu werden - dies ein Dauervorwurf, den Michael Wolffsohn soeben in seiner Karajan-Studie unter dem Titel 'Genie und Gewissen' entkräftet hat."

Besprochen wird außerdem Karin Henkels Doppel-Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod" und "Glaube Liebe Hoffnung" am Theater Basel (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Leonie C. Wagner erzählt in der NZZ von ihrem Telefonat mit der zwar schon 72-jährigen, doch im deutschsprachigen Raum trotz ihres umfangreichen Werks "bis anhin kaum bekannten" franco-schweizerischen Schriftstellerin Corinne Desarzens, die in diesem Jahr mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet wird. "Halten die Verlage ihre Texte für zu unkontrolliert für das deutschsprachige Publikum? Zu poetisch, zu französisch? ... Schon ihre Buchtitel klingen nach Neugier und Sehnsucht: 'Je voudrais être l'herbe de cette prairie' (2002): Ich möchte das Gras dieser Wiese sein. Oder: 'Dévorer les pages' (2013): Die Seiten verschlingen. Desarzens' Bücher sind eigensinnige Mischformen aus Autobiografie, Reisebericht und Roman, voller Gedankensprünge und winziger Details. Zuletzt erschien 2025 'Le petit cheval tatar', eine Mischung aus Erzählung und Abhandlung über Augenheilkunde, in der Desarzens über das Sehen nachdenkt: 'Mettre des lunettes veut dire choisir de voir à un moment précis' (sich eine Brille aufzusetzen, bedeutet, sich zu entscheiden, klar zu sehen)."

Außerdem: Hannes Hintermeier verabschiedet sich in der FAZ vom Schriftsteller Christoph Poschenrieder, der sich enttäuscht vom Literaturbetrieb dazu entschlossen hat, die Schriftstellerei an den Nagel zu hängen und sich lieber als Tramfahrer zu verdingen. Besprochen werden unter anderem Norbert Gstreins "Im ersten Licht" (NZZ), Dita Zipfels "Es ist hell und draußen dreht sich die Welt" (FR), Ulrike Almut Sandigs "Im Orkan" (FAZ) und Navid Kermanis "Sommer 24" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Architektur

Bildquelle: thomaskroeger.net

In diese Schule wäre man gern gegangen: Nach zehn Jahren ist die Stadtteilschule Kirchwerder in Hamburg, entworfen von dem Berliner Architekten Thomas Kröger, fertig geworden und in der FAZ ist Falk Jaeger ganz angetan von der Mischung aus "subtilem Regionalismus" und früher Moderne: "Zwei lang gestreckte Riegel stehen mit ihren Giebeln an einem gemeinsamen Vorplatz. Der etwas kürzere und breitere Nordriegel und der schlankere Südriegel stehen im spitzen Winkel zueinander und bilden den rückwärtigen Schulhof, der sich nach Osten zum weiten Marschland öffnet. Mit ihren dunklen, geschuppten Ziegelfassaden, die sich zu den Giebeln hin bugförmig krümmen und die Riegel wie eine schützende Haut umhüllen, entsprechen sie so gar nicht dem Bild, das zeitgenössische Schulneubauten gemeinhin bieten. Man denkt an Reetdachhäuser mit tief herabgezogenen Traufen und Walmgiebeln, wie man sie in der Küstenregion allenthalben antrifft."

Die Zukunft des Pritzker-Preises ist ungewiss, nachdem Thomas J. Pritzkers Nähe zu Epstein festgestellt wurde. Warum aber suchte Epstein auch den Kontakt zu Architekten, fragt sich Nikolaus Bernau im Tagesspiegel: "Weil sie ... bereits eine Legende sind wie der Städtebauer Richard Rogers. Weil Werke wie Zaha Hadids rasante Linien- oder Frank Gehrys herrliche Knitterarchitekturen für eine alle Statik überwindende 'geniale' Kreativität stehen. Weil sie wie Richard Meyers und Tojo Itos weiße Neo-Moderne jene karge Ästhetik zeigen, die als Folie bestens mit der neoliberalen Ideologie eines 'freien Markts' vereinbar ist. Weil sie wie die Arbeiten von Shigeru Ban, der mit Papierhäusern für Erdbebenopfern Furore machte, soziale Verantwortung signalisieren. Weil selbst scharfe Kritiker des internationalen Star-Architekten-Zirkus wie David Chipperfield genau dazu gehören."
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Musik

Jürgen Kaube hat für die FAZ eine Handreichung des Bayerischen Rundfunks gelesen, die erzählt, wie sich der Sender die Hörer von BR-Klassik vorstellt, nämlich als eine "Stefanie", 52 und Grafikdesignerin, die BR-Klassik nebenbei dudeln lässt, um damit "Mood-Management" zu betreiben: "Für Orlando di Lasso, den späten Beethoven, Brahms' 'Vier ernste Gesänge' und Schönbergs 'Überlebenden aus Warschau' könnten unter dem Aspekt des Stimmungsmanagements von Stefanie und ihres Bedarfs an 'positiven Emotionen' schwere Zeiten anbrechen." Die Handreichnung des Senders wendet sich an die freien Kritiker: "Den Begriff der Kritik löscht es aus dem Berufsbild. Es behandelt sie als Animateure."

Dazu passt Axel Brüggemanns Kommentar in backstageclassical.com zum süßlichen Kitsch von "Hochglanz"-Klassik-Shows im ZDF. Hier herrschen für ihn "Einfallslosigkeit und die Hörigkeit eines kriselnden Senders gegenüber einer noch kriselnderen Phonoindustrie... Statt endlich umzudenken, baut der verantwortliche Redakteur, Tobias Feilen, diesen Quatsch noch weiter aus und versenkt seine Gelder in irgendwelche Neuschwanstein-Konzerte, die nach dem gleichen Phono-Industrie-Bankrott-Mechanismus funktionieren: Vermeintlich große Stars im abgehalfterten Märchenambiente."

Weiteres: Lili Braun stellt in der taz das österreichische Indie-Trio Lovehead vor. Besprochen werden ein Konzert von Machine Gun Kelly in Wien (Standard), ein Auftritt der isländisch-chinesischen Popsängerin Laufey in Zürich (NZZ), ein Jazzabend mit Shake Stew in Wien (Standard), eine neue EP von U2, mit der die Band unter anderem auf die Erschießung von Renée Good reagiert, (SZ) und Jill Scotts Album "To Whom This May Concern" (taz).

Hier ihr Auftritt vor kurzem bei der tollen "Tiny Desk Concert"-Reihe des NPR

Archiv: Musik