Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.05.2023. Die Filmfestspiele in Cannes starten mit Maïwenns Historiendrama "Jeanne du Barry" mit Johnny Depp als müdem König Ludwig XV. Der Tagesspiegel erkennt die Ironie darin, ZeitOnline fordert eine Palastrevolte gegen die Leitung des Festivals. Abseits der Croisette wird den Filmkritiker durchaus mulmig bei Ulrich Seidls Film "Sparta". Die Berliner Zeitung huldigt der Diva und Muse Tilla Durieux. In der NZZ verliert Wolfgang Joop die Lust am Fashion-Irrsinn.
16.05.2023. Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes mit einem Großaufgebot an Regiestars im Wettbewerb. Sogar Frauen sind diesmal vertreten, staunt die taz. Hollywoods Streamingverfechter sehen auf einmal ganz schön alt aus, meint die SZ. Das deutsche Kino allerdings auch, grämt sich der Tagesspiegel. Die FAZ überlegt, was an Milo Raus "Re-enactment "Antigone in the Amazon" fassungslos macht. Die Welt fragt, was die Leitung des Berliner Theatertreffens eigentlich zu sagen hat. In der taz fürchtet Dmitry Glukhovsky, dass sich Repression und Lügen in Russland auch nach Putin halten werden.
15.05.2023. Sibylle Lewitscharoff ist gestorben. Die Literaturkritiker würdigen eine hoch intellektuelle und begnadet exzentrische Schriftstellerin, die den Weg aus der trotzkistischer Kadergruppe zum frommen Pietismus nahm. FAZ und Nachtkritik erleben in Bochum einen komödiantischen "Macbeth". Der Tagesspiegel bewundert die unelitäre Fotografie von Daido Moriyama. Und der ESC erregt Ratlosigkeit und Gähnen im Feuilleton.
13.05.2023. Auch die Schwarmintelligenz ist lernfähig, konstatieren Tagesspiegel und SZ bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises. Die FAS porträtiert die Leiterin der kommenden Architekturbiennale von Venedig, Lesley Lokko, die Afrikas Rolle in der Welt stärken will. Die FR tastet sich im Städel Museum durch Philipp Fürhofers brennende Spiegelwälder. Die entsetzte FAZ lernt bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen von einer tibetischen Schauspieltruppe, wie chinesische Polizisten foltern. Der Tagesspiegel fragt: Brauchen wir beim Theatertreffen wirklich noch zusätzlich zehn Lektionen in Sachen Responsibility, Solidarity, Herstory, Transfeminist, Diversity, Reflection oder Emptiness? Die taz feiert den Global Pop.
12.05.2023. Heute abend wird der Deutsche Filmpreis verliehen: Die FR fordert endlich eine unabhängige Jury, die einen undotierten Ehrenpreis vergibt, statt den jetzt amtierenden Selbstbedienungsladen. Außerdem beginnt heute das Theatertreffen: Der Tagesspiegel nimmt das zum Anlass, über das schlechte Verhältnis von Theater und Kritik nachzudenken. In Paris wurde Miriam Cahns Gemälde "Fuck Abstraction!" von einem Rechtsaußen mit Farbe überschüttet. Wenigstens war sie violett, meint die FAZ. Das Van Magazin feiert Mieczsylaw Weinbergs Oper "Der Idiot" am Musiktheater an der Wien.
11.05.2023. Leicht überfodert wirken die Filmkritiker nach Ari Asters "Beau is Afraid" mit Joaquin Phoenix als angstgestörten, mittelalten Amerikaner mit Mutter-Komplex und sexueller Ladehemmung: Bisschen viel Freud für SZ und FR, zu viele Peniswitze für die taz. Die Welt hört Singeli, eine sehr nervöse Musik aus dem tansanischen Daressalam. Der Freitag macht sich Sorgen um den ESC. Die NZZ amüsiert sich königlich mit Birgit Minichmayr und Stephanie Reinsperger über alte weiße Männer. Die FAZ besucht einen neuen Ausstellungsraum in der Pariser Banlieue: den Hangar Y.
10.05.2023. In der taz erinnert der türkische Künstler Viron Erol Vert an jenen fatalen Moment, als Recep Tayyip Erdogan die Wirkung der Kunst verstand. Die taz empfiehlt auch dringend die Ausstellung zu ukrainischer Kunst im Dresdner Albertinum. Die SZ würde nach Eröffnung des Hamburger Architektursommers am liebsten einen Baustopp verhängen, und zwar für immer. In der NZZ betont Sergej Gerassimow, dass es die russischsprachigen Städte im Osten der Ukraine waren, die die russische Armee aufhielten. Und die taz windet sich bei Roger Waters' Konzert in Hamburg, das auf billigsten Plätzen über hundert Euro kostete.
09.05.2023. Die FAZ begrüßt, dass Simbabwes Oberstes Gericht die Verurteilung der Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga kassiert hat. taz und Nachtkritik erleben die Verbindung von Monteverdi und Joan Didion beim "Ja, Mai"-Festival in München. Der Guardian blickt hingerissen in das offenherzige Gesicht des Franz von Assisi. Die WAZ rechnet vor, wie ein Theater auf 100 Prozent Auslastung kommt. ZeitOnline wippt zu den Klängen von Grimes' KI-Avataren.
08.05.2023. Die taz erkundet mit der Kunstschau "RuhrDing" die männliche Tristesse von Essen-Steele. Nach einer ganz klassischen "Phädra" in Florenz fragt die FAZ, wo Deutschland mit seinem postdramatischen Theater eigentlich international steht. Die FAS recherchiert zur Recherche über Til Schweiger und stößt auf die exklusive Partnerschaft von SZ und Constantin Film. In der FAS geißelt auch der ukrainische Schriftsteller Oleksandr Mykhed den Imperialismus der russischen Kultur.
06.05.2023. Die FAS entdeckt in den KI-Bildern des finnischen Künstlers Roope Rainisto das kollektive Unbewusste unter der trivialen Oberfläche. Bei einem Goldesel wie Til Schweiger schaut die Branche gern mal weg, konstatiert die SZ. Theater wird in Russland zum Verbrechen, meint der Standard nach der Verhaftung der Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch und der Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk. Jetzt machen alle mit Karl Lagerfeld, was sie wollen, graut es der SZ nach einer Ausstellung in New York. Und Berthold Seeliger hört in der Jungen Welt den einzig legitimen Nachfolger von Charles Mingus: William Parker.