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Efeu - Die Kulturrundschau

Das Jetzt ist roh

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2018. Die Berliner Zeitung bewundert Klarheit, Eleganz und Perfektion in den Fotografien Irving Penns. Die Nachtkritik bedauert, dass die Dresdner in Scharen aus Sebastian Hartmanns freiem und wildem Theater gelaufen sind. In Libération bekundet Dominique Manotti ihre Sympathie für die Polizei. In der FAZ wünscht sich Wolfgang Hegewald mehr Schriftsteller an die Hochschulen. Die SZ bemerkt, dass sich das Konzept von H&M so verschlissen hat wie einT-Shirt aus Bangladesch. Ebenfalls in der SZ erklärt Jazzmusiker Michael Wollny, wie Improvisation funktioniert: Wenn man gut sortiert hat, kann man sich auch verlieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2018 finden Sie hier

Kunst


Alfred Hitchcock, New York, 1947 © The Irving Penn Foundation

Ziemlich lustig findet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung, wie unerbittlich Irving Penn die Menschen auf seinen Porträts in die kahle Zimmerecke drängte. In der großen, viel gefeierten Retrospektive im C/O Berlin erlebt sie ihn dennoch vor allem als Jahrhundert-Ästheten: "Er war kein Reporter sozialer politischer Zustände, auch nicht mit seiner anfänglichen Straßenfotografie. Und auch nicht mit den inszenierten Serien zum Thema Ethnologie. Mit seinem tragbaren Zeltstudio bereiste er Afrika, Neuguinea, zuletzt Peru, wo er indianische Kinder porträtierte und sich in jeder Aufnahme seine ethnologische Entdeckungslust mit der eleganten Raffinesse des gebildeten Kosmopoliten vermischte, schnörkellos sachlich bis in die letzte Pore des Fotopapiers. Ob Menschen oder Dinge - Penn wusste sie alle anders, neu zu sehen und zu etwas Außergewöhnlichem zu machen. Klarheit, Eleganz, Perfektion beherrschen die Aufnahmen."

Weiteres: Annegret Erhard berichtet in der taz von der Art Basel Hongong. In der NZZ hat Philipp Meier Zahlen über den Markt parat: "Ostasien ist in Sachen Kunst rasant am Aufholen. Heute sind allein an den prestigeträchtigsten Auktionen in New York und London für rund 30 Prozent der Gesamterlöse Bieter aus Asien verantwortlich. Wobei Chinesen die größte Nachfrage stellen." Andreas Kilb schwärmt in der FAZ vom Glanz in Veroneses in Dresden restauriertem "Cuccina-Zyklus". Simone Reber gratuliert im Tagesspiegel dem Maler Ulrich Baehr zum Achtzigsten.
Archiv: Kunst

Bühne


"Erniedrigte und Beleidigte" am Staatsschauspiel Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Geradezu berauscht kommt Nachtkritiker Matthias Schmidt aus Sebastian Hartmanns dreistündiger Dostojewski-Inszenierung "Erniedrigte und Beleidigte" am Staatsschauspiel Dresden und ruft allen zu, die das Theater vorzeitig oder buhend verlassen haben: So muss doch Theater sein, "frei und wild, respektlos und verrückt und, ja, auch anstrengend". Denn: "Hier soll keine Geschichte erzählt werden, hier werden Konventionen gebrochen. Die Metaebenen jagen einander. Exkurse über Exkurse, die - folgt man ihnen - ein Manifest des Hartmannschen Theaters ergeben. Surrealismus, Psychoanalyse, Dramaturgie, die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, die 'Sozialfunktion des Asozialen'. Alles hat mit allem zu tun, Dostojewski wird 'denaturalisiert' und einem 'Wirklichkeitsbombardement' unterzogen. Auch selbstironisch geht es zu: immer mal wieder fallen Sätze, die das Ganze auf die Schippe nehmen. 'Wollen wir dieser Szene nicht ein Ende machen?' (zustimmender Szenenapplaus)."

Besprochen werden außerdem Sonja Streifingers Inszenierung von Gerhard Meisters Flüchtlingsgeschichte "Das große Herz des Wolodja Friedmann" am Schauspielhaus Zürich (NZZ), das Duett "Something for the Heart / Algo para el corazón" der beiden Choreografinnen Deborah Hazler und Macarena Campbell im Tanzquartier in Wien (Standard), Inszenierungen des Opera Forward Festival in Amsterdam (FAZ) und Hans van Manens "Déjà Vu" bei der Premiere von "Dutch Doubles" am Amsterdamer Muziektheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Vor allem um "Herzensbildung" ging es dem Schriftsteller Wolfgang Hegewald bei seiner Tätigkeit als Dozent und Professor an diversen Instituten, die man heute als Vorläufer der Schreibschulen betrachten könnte (auch wenn sie nie explizit als Ausbildungsstätte für Schriftsteller konzipiert waren): "Gern apostrophierte ich meine Lehre als eine kleine poetisch-poetologische Alphabetisierungskampagne", schreibt er in der FAZ und fordert mit Nachdruck: "Schriftsteller an die Hochschulen!" Denn "es gibt, genau besehen, keinen Studiengang und kein akademisches Fach, der oder das nicht ins Weltmedium Sprache gebettet ist und seine Studierenden auf Schriftlichkeit verpflichtet. ... An den meisten Hochschulen und Universitäten schaut man sich vergebens nach einem Ort um, an dem die Fragen von Sprachlichkeit und Schriftlichkeit reflektiert werden."

In Libération spricht die Krimi-Autorin Dominique Manotti über ihren neuen Roman "Kesseltreiben", der die Affäre Alstom rekonstruiert, und ihre erstaunliche Sympathie für die Polizei: "Man braucht doch Empathie, um über jemanden zu schreiben. Wen ich nicht verstehe, das sind die Richter. Ich habe bei einer Reihe von Prozessen als Schöffin gearbeitet, aber ich hatte nichts von einer Richterin in mir. In der Polizei arbeiten ganz normale Leute und sie haben mit der ganzen Scheiße zu tun, von morgens bis abends. Empathie heißt ja nicht die Abwesenheit von kritischem Verstand. Ich versuche zu verstehen. Was mich interessiert, ist die Durchlässigkeit von Legal und Illegal. Beid er Polizeiarbeit ist sie sehr groß. Man bewegt sich permanent im Grenzbereich."

Für die Welt hat Richard Kämmerlings Sätze und Passagen aus den neuen Romanen von Martin Walser ("Gar alles") und Botho Strauß ("Der Fortführer") zu einem fiktiven Gespräch collagiert - es geht, natürlich, um Liebe und Erotik. "Liebe ist zweckfrei", gibt Walser zur Protokoll. Und "nach Jahrzehnten hatte" sich Strauß  "einzugestehen, dass ich nie Frauen liebte, sondern immer nur Schauspielerinnen, keine Körper, sondern ausnahmslos Verkörperungen. ... Das Jetzt ist roh. Erst den gut abgehangenen Tag möchte man kosten."

Weitere Artikel: SZ-Autor Christian Zaschke besucht am Lake Michigan den amerikanischen Dichter Jack Ridl, der auf seinem Blog jede Woche ein Gedicht gegen Donald Trump postet. Dennis Scheck fügt seinem Welt-Literaturkanon Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" hinzu. In der Literarischen Welt erklärt Schauspieler Henning Baum, welche Bücher ihm am Herzen liegen. Schriftsteller Martin R. Dean schildert in der NZZ, wie er in Trinidad Teile seiner Verwandtschaft ausfindig macht. In der SZ erzählt Felix Stephan die Geschichte, wie Jonas Bonnier sich eigentlich als Schriftsteller versteht, dabei dennoch versehentlich zum Vorstandsvorsitzenden der schwedischen Bonnier Group wurde, nebenbei eher schlecht als recht Romane veröffentlichte und jetzt schlussendlich mit einem kalkuliert geschriebenen Thriller über einen aufsehenerregenden Einbruch doch noch zum internationalen Bestseller-Autor avancierte.

Besprochen werden Friederike Mayröckers "Pathos und Schwalbe" (taz), Robert McFarlanes und Jackie Morris' Bildband "The Lost Words", in dem der mit Naturbüchern bekannt gewordene Autor im Zuge schwindenden Naturlebens verloren zu gehen drohende Wörter rettet (Welt), Michael Chabons "Moonglow" (FR), Hermann Kestens wiederveröffentlichter Roman "Die fremden Götter" (Welt), Mathieu Sapins Comic "Gérard - Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu" (Filmdienst), Eva Müllers Comic "Sterben ist echt das Letzte!" (Tagesspiegel), Norbert Gstreins "Die kommenden Jahre" (ZeitOnline), Markus Feldenkirchens Reportage "Die Schulz-Story" (Welt), Martin Walsers "Gar alles" (FAZ) und neue Hörbücher, darunter Andreas Ammers und FM Einheits Collage "Sie sprechen mit der Stasi" (taz).
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Archiv: Literatur

Design

Im Wirtschaftsteil der SZ meditiert Thomas Steinfeld über die Frage, warum sich H&M mit seiner fast Fashion im wirtschaftlichen Sinkflug befindet. Die Probleme sind hausgemacht, erfahren wir - nicht nur, weil H&M lange Zeit viel Geld investierte, um die Innenstädte mit teuren Ladengeschäften zu erobern, während die Konkurrenz aufs Internet setzt. "In diesem Fall kann Globalisierung, entgegen allen Erwartungen, auch den kleineren Konkurrenten begünstigen - und den Einstieg neuer Konkurrenten wie des irischen Discounters Primark, der seine Produkte noch billiger anbietet. In der Folge schlägt sich H&M gegenwärtig mit einem Problem herum, das auf beinahe rührende Weise an die Zeiten vor der Digitalisierung erinnert: Die Lagerbestände sind einfach zu groß."
Archiv: Design

Film

Anders als Christiane Peitz vor wenigen Tagen im Tagesspiegel (unser Resümee) kann Rüdiger Suchsland die Ankündigungen von Thierry Frémaux, bei den Filmfestspielen in Cannes Netflix vom Wettbewerb auszuschließen, Selfies auf dem Roten Teppich zu verbieten und Vorab-Pressevorführungen künftig zu streichen (sie finden dann parallel zur Galapremiere statt) einiges abgewinnen: "Schluss mit der elenden Premierenhysterie", schreibt er auf Artechock: "Die neue Cannes-Regelung ist gut, weil sie die Filme wieder ins Zentrum rückt, weil sie den ganzen boulevardesken, im Prinzip unjournalistischen Interviewer- und Red-Carpet-Tross, der keine Filme sieht, aber zu Filmen Interviews führt, in die zweite Reihe verbannt. Weil es die schwachköpfige Hysterie und das Mäuserennen um die 'Pinkies' reduziert. Wer könnte ernsthaft etwas dagegen haben? Pressevorführungen werden hier ja nicht abgeschafft. Sondern verlegt. Dann berichten wir von den gleichen Filmen halt einen Tag später. Und haben ein Argument für die Redaktionen daheim: 'Der Film wird nicht vorher gezeigt!'"

Weitere Artikel: Silvia Bahl befasst sich im Filmdienst ausführlich mit den Filmen des georgischen Filmemachers George Ovashvili, dessen neuer Film "Vor dem Frühling" in Tagesspiegel, Filmgazette und epdFilm besprochen wird. Claus Löser berichtet im Filmdienst vom Filmfestival im bulgarischen Sofia. Torsten Gaitzsch ärgert sich auf ZeitOnline über den ewigen Aufreger "dümmliche deutsche Verleihtitel".

Besprochen werden Christian Petzolds kommende Woche startende Anna-Seghers-Verfilmung "Transit" (taz, unsere Kritik hier), Steven Stoderberghs iPhone-Thriller "Unsane" (Tagesspiegel, Freitag, Zeit), Armando Iannuccis Satire "The Death of Stalin" (Jungle World, unsere Kritik hier), die Ausstellung zu Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" im Filmmuseum in Frankfurt (Filmdienst), Lav Diaz' "The Woman Who Left" (Standard, unsere Kritik hier), Isa Prahls Langfilmdebüt "1000 Arten, Regen zu beschreiben" (Tagesspiegel), James Marshs "Vor uns das Meer" über den Segler Donald Crowhurst (Tagesspiegel), Dennis Gansels Neuverfilmung von Michael Endes "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" (FR) und das "Roseanne"-Comeback, das Daniel Gehardt von ZeitOnline allerdings nicht sonderlich von den Socken riss.
Archiv: Film

Musik

Wie funktioniert Improvisation, hat die SZ Michael Wollny gefragt und zur Antwort ein schönes - wie er schreibt: ebenfalls improvisierters - Stück bekommen, in dem der deutsche Jazzpianist allerlei kulturelle Referenzen und Bezugsgrößen von Björk über Thomas Bernhard und Abbas Kiarostami bis zu Herman Melville einflicht, um seine Arbeitsweise zu verdeutlichen: Der Freiheit des glückendes Moments liegt die Disziplin in der Vorbereitung zugrunde. "Ich stelle mir vor: In meinem Innern gibt es einen Raum, in dem ich meine akustischen Erinnerungen und Erfahrungen wie in einer sich immer neu strukturierenden Klang-Bibliothek sammle. Wenn ich höre, übe und analysiere, entdecke ich neue Bücher; ich studiere bewusst einzelne Bände, baue um oder an, sortiere um oder aus. Aber wenn ich spiele, dann gehe ich spazieren. Je sortierter ich bin, desto länger kann ich mich verlieren. Je besser ich die Räume ausgeleuchtet haben, desto freier kann ich mich in ihnen bewegen. Und, ja, hin und wieder finde ich dabei sogar Türen, die ich zuvor noch nicht geöffnet hatte." Hier Wollny Konzert bei Jazz Baltica von 2017:



Weitere Artikel: Ljubisa Tosic rät im Standard dazu, das Osterwochenende mit Bach zu verbringen. In der taz porträtiert Daniel Zylbersztajn den Rapper Nissim Black, der bis vor seinem Übertritt zum orthodoxoen Judentum vor wenigen Jahren noch als D. Black bekannt war. In der British Library hat Brian Eno über seine von Ambientklängen begleiteten Installationen gesprochen, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Von einer Skurrilität berichtet Manuel Brug in der Welt: In London habe ein Bratschist das Royal Opera House wegen Gehörschädigung durch Wagner verklagt - und sich tatsächlich durchgesetzt. In der taz erinnert sich Noemi Schneider an musikalische Erweckungserlebnisse und Konzerte dank und von Joan Baez. Unter anderem der Tagesspiegel meldet, dass Andrés Orozco-Estrada der neue Chefdirigent der Wiener Symphoniker wird.

Besprochen werden das Album "Live in Zurich" des Aruán Ortiz Trios (Zeit), das neue Album "How to Socialise & Make Friends" von Camp Cone (Jungle World), das neue Album des Contrast Trios (FR), ein Auftritt der 90s-Retro-Rapperin Ace Tee (Freitag), ein Auftritt von Faber (NZZ), eine Aufführung von Bachs "Johannes-Passion" durch das Tonhalle-Orchester Zürich (NZZ), ein Konzert der Tuareg-Band Imarhan (Tagesspiegel), ein Konzert von Jonathan Wilson (Tagesspiegel) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Haley Heynderickx (ZeitOnline). Hier ein Video:

Archiv: Musik