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Efeu - Die Kulturrundschau

In diesem adriatischen Licht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2018. Die Zeit feiert eine Berliner Ausstellung, die nicht-westliche Kunst endlich als Kunst und nicht als exotische Happen zeigt. Intendant Oliver Reese stellt in der Welt klar: Die Million Schulden des Berliner Ensembles stammen noch von Claus Peymann. Die Filmkritiker reagieren verstört auf Oskar Roehlers Film "HERRliche Zeiten". Die SZ feiert die Mischung aus Industrial-Noise und fiedelndem Appalachian-Folk von Mouse on Mars. Franz Hohler reist für die NZZ nach Samarkand, wo die Bücher und Dichter verehrt werden. Und Tom Schulz fängt ein Lächeln auf der Friedhofsinsel von Venedig.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2018 finden Sie hier

Kunst


Biren De, The Moment, 1964. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst / Thomas Bruns

Schwer begeistert und voll des Lobs für die Kuratoren kommt Wolfgang Ullrich (Zeit) aus der Ausstellung "Hello World", die im Hamburger Bahnhof in Berlin Werke aus der Sammlung der Nationalgalerie und den Staatlichen Museen zeigt, die wegen Exotismusverdacht ewig im Keller schmorten: "Wie absurd hierarchisiert wurde, belegt in 'Hello World' etwa ein Raum über die indische Moderne. An den Wänden hängen Gemälde von Malern wie Ram Kumar oder Biren De, die eigene, anspruchsvolle Wege der Abstraktion gefunden haben. In Berlin aber wurden sie allein vom Museum für Asiatische Kunst angekauft, so als müssten sie vom westlichen Kunstbetrieb getrennt gehalten werden."

Braucht Österreich ein Fotomuseum? Absolut, findet Damian Zimmermann im Standard und verweist auf das c/o Berlin, Jeu de Paume, die Foundation Henri Cartier-Bresson, das Maison Européenne de la Photographie und Le Bal in Paris, das Haus der Photographie in Hamburg und das Fotomuseum Winterthur.

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Literatur

Mit zwei literarischen Reiseberichten wartet die NZZ heute auf. Schriftsteller Tom Schulz hat die Friedhofsinsel von Venedig besucht, "ein Refugium: Unter Zypressen, in diesem adriatischen Licht, wird alles Irdische leicht. Die in Plastic gefassten Antlitze der Gestorbenen, fotografiert auf einem Boot in der Lagune, manchmal erfasst sie ein Lächeln. Die heiteren Winde, die sanft über die Insel wehen, erzählen uns, dass alles vorläufig ist. Nichts, das bleiben muss; wie eine Erleichterung scheint es, dass alles, das seine Zeit hatte, verschwinden wird."

Der Schriftsteller Franz Hohler war unterdessen in Usbekistan, in Samarkand: "Bücher und Dichter werden verehrt in Usbekistan. Die erste Metrostation, die ich betrete, ist nach Gafur Gulom benannt, der im 20. Jahrhundert gelebt und geschrieben hat, die Station, an der ich aussteige, nach dem Klassiker Alishem Navoij. Diese gleicht einem Palast, mit Säulen, hohen Gewölben und Mosaiken, auf denen die Helden seiner Epen abgebildet sind, unter anderen Alexander der Große."

Außerdem: Marie-Sophie Adeoso resümiert in der FR das African Book Festival in Berlin. Besprochen werden unter anderem Samanta Schweblins Erzählsammlung "Sieben leere Häuser" (Tagesspiegel), Joyce Carol Oates' "Pik-Bube" (FR) und Andrea Scrimas "Wie viele Tage" (SZ).
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Film



"Eine schwarze Komödie. Eine ätzende Gesellschaftssatire. Ein schwieriger Film." Mit einer lakonischen Auflistung bringt taz-Kritiker Tim Caspar Boehme die Filmkritik und das schwierige Verhältnis auf den Punkt, das sie zu Oskar Roehlers neuem Film "HERRliche Zeiten" pflegt, eine BRD-Sklavensatire (mehr dazu bereits hier) nach einem Roman von Thor Kunkel, der sich im letzten Jahr zunehmend als polternder Rechter geoutet hat. Ein "verstörendes" Filmerlebnis, meint Boehme: "Man fühlt sich ungut unterhalten bei den flott gesetzten Pointen, dem overacting der Hauptfiguren und der dräuenden Stimmung, die Roehler mit misstönenden Streichern und artifiziellem Rotlicht in den Film bringt."

Matthias Dell dröselt im Freitag die Produktionsgeschichte des Films auf: Kunkel, der im Zuge der Produktion sein endgültiges politisches Coming-Out hatte, wurde dem Namen nach nämlich zusehends aus dem Film gedrängt. Ein Offenbarungseid, meint Dell: "Wieso wird Kunkel erst zum Problem für den Film, wenn er als AfD-Werbetexter identifzierbar ist? Wird man das über Nacht oder passt nicht viel mehr der Job kongenial zu Kunkels Karriere?"

"Sind Deutsche in Deutschland nicht mehr sicher", um diese Frage geht es Roehler, hält Tilman Krause in der Welt fest. Doch "Kunkel-Roehler arbeiten eher mit Andeutungen, mit Insinuationen. Mutiger wäre es gewesen, das interkulturelle Miteinander der Figuren nicht mit Genre-Krassheiten zuzudecken, sondern realistisch auszuloten. Aber handwerklich überzeugt 'HERRliche Zeiten' durchaus." Ach, Roehler ist fad geworden, winkt Philipp Bühler in der Berliner Zeitung ab. Sein Film "ist weder wirklich provokant oder entlarvend, übrigens auch nicht besonders witzig, sondern bloß auf eine lähmende Weise unangenehm."

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Barbara Wurm Sergei Loznitsas Spielfilm "Die Sanfte", "eine makellos präzise Gratwanderung zwischen postsowjetischem Reality-Naturalismus und kafkaeskem Gleichnis." Die neuen Filme von Andrei Zwyaginzew und Xavier Legrand rücken familiäre Gewalt in den Vordergrund, schreibt Patrick Straumann in der NZZ. Fabian Tietke empfiehlt in der taz Reihe "The Past and the Present" im Kino Arsenal, die sich dem jungen algerischen Film widmet. Esther Buss hat für den Freitag das "Crossing Europe"-Festival in Linz besucht. In der SZ empfiehlt Martina Knoben Filme aus dem Programm des Münchner Dokumentarfilmfests, darunter  Hans Blocks und Moritz Riesewiecks "The Cleaners". Dirk Peitz hat für ZeitOnline mit Alden Ehrenreich geplaudert, der im kommenden "Star Wars"-Film den jungen Han Solo spielen wird.

Besprochen werden außerdem Wes Andersons "Isle of Dogs" (NZZ, unsere Kritik hier) und Rick Alversons auf DVD veröffentlichte Anti-Komödie "The Comedy" (taz).
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Bühne


Szene aus Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten" in Köln. Foto: © Paul Leclaire

Vollkommen hingerissen kommt Regine Müller (taz) aus Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten", die Carlus Padrissa in Köln inszeniert hat. Die Bühne und der Aufbau sind eine Wucht, schreibt sie. Und "das riesig besetzte Gürzenich-Orchester und seinen GMD François-Xavier Roth, der hier ganz zu sich kommt. Roth ist bekanntlich Spezialist für Neutöner, und nun zieht er triumphal alle Register. Allein wie er den gewaltigen Apparat mit den teilweise ausgelagerten Schlagwerkern, Bühnenmusik, Jazz-Combo, Zuspielbändern und nahezu 20 Solisten mit makelloser Präzision zusammenhält, grenzt an ein Mirakel."

Im Interview mit der Welt erklärt Oliver Reese, neuer Intendendant des Berliner Ensembles, was er alles anders machen will in dieser Spielzeit: eine Brecht-Uraufführung!, eine Brecht-Inszenierung von Castorf, Gender-Krise und Heiner Müller, mehr lebende Autoren. Außerdem, klagt er, hat Claus Peymann die Kasse leergeräumt und seinem Nachfolger eine Million Euro Schulden überlassen, "die damit zusammenhängen, dass im letzten Wirtschaftsplan, den noch er als Intendant zu verantworten hatte, unter anderem vollkommen illusorische Gastspieleinnahmen stehen: 1,3 Millionen. Es konnten aber nur 625.000 eingenommen werden. Und das war vorherzusehen. Es musste ein Wirtschaftsplan mit einer schwarzen Null abgegeben werden. Diese konnte mit derart unrealistischen Planwerten aber nicht erreicht werden. Es war ja klar, wenn das Jahr abgerechnet ist, dann würde mein Vorgänger schon im wohlverdienten Ruhestand sein. Und es stehen 250.000 Euro Einnahmen von der Lotto-Stiftung drin, die aber in diesem Hause schon 2016 verbucht wurden." Im Interview mit der Berliner Zeitung wird er dann noch ein bisschen deutlicher: "Wir haben eine Bruchbude übernommen. ... Herr Peymann hat uns ja unter anderem überlassen, alle abgespielten Bühnenbilder zu entsorgen. Nach mir die Sintflut."

Weitere Artikel: In der nachtkritik ist Sophie Diesselhorst fest überzeugt, dass Mitbestimmung auch am Theater funktionieren kann und nicht alles "von Intendantengottes Gnaden" abhängen muss: Beispiel dafür sind ihr die Berliner Philharmoniker, "die sich am 1. Mai 1882 als "Orchesterrepublik" gründeten und seither sowohl Chefdirigenten als auch neue Kolleg*innen in demokratischer Abstimmung wählen: Sie sind unbestritten eins der besten Orchester der Welt." Eine Dirigentin hatten die aber auch nie. Margarete Affenzeller porträtiert für den Standard den Berliner Regisseur Ersan Mondtag, der in Wien mit der "Orestie" gastiert.

Besprochen werden Nicolas Stemans Inszenierung von Strindbergs "Der Vater" (nachtkritik) an den Münchner Kammerspielen, Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Lorcas "Yerma" am Schauspiel Dresden (nachtkritik), Johan Simons' Adaption von Ayn Rands Roman "Fountainhead" für das Hamburger Thalia Theater (nachtkritik, SZ, Zeit), Verdis "Maskenball" am Staatstheater Wiesbaden (FR), die Choreografie "Rice" der Tanzgruppe von Lin Hwai-min im Festspielhaus St. Pölten (Standard), Nacho Duatos Choreografie "Romeo und Julia" in Berlin (Tagesspiegel), Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Friedrich Hebbels "Die Nibelungen" am Staatstheater Mainz (FR) und die Uraufführung von Sidney Corbetts Pasolini-Oper "San Paolo" in Osnabrück (FAZ).

Archiv: Bühne

Musik

Michael Stallknecht würdigt in der NZZ den Komponisten Beat Furrer, dem heute in München der Ernst-Siemens-Musikpreis verliehen wird: "In Furrers Werken ist der Mensch nicht nur von anderen abgeschnitten, sondern auch von sich selbst. Entfremdung ist die Grunderfahrung, die eine Welt des abwesenden Sinns prägt." FAZ-Kritiker Max Nyffeler fühlt sich von Furrers Kombination aus Musik und Text "in ein Zwischenreich versetzt, wo Sprache und Musik, Wortbedeutung und Instrumentalklang zu einer neuen Kunstwirklichkeit verschmelzen. ... Furrers introvertierte Lyrismen, sotto voce geflüstert und gesungen, sind das lebendige Beispiel für eine Kunst, die durch ihre leisen Zwischentöne weit mehr zu bewirken vermag als jede lautstarke Action." Eine Kostprobe:



Schwer begeistert ist SZ-Kritikerin Annett Scheffel vom neuen, mit zahlreichen Kollaborateuren entstandenes Album "Dimensional People" des seit je her zwischen Post-Rock und Electronica changierenden Duos Mouse on Mars: Die Platte "ist zum Bersten voll mit Ideen und komplexen Strukturen. ... House, Techno, Ambient - all das sind ferne, blasse Muster für diese multidimensionale Musik." Zu hören gibt es "richtig wundersame" Musik: "In 'Parliament of Aliens Part I' trifft das Ächzen von Industrial-Noise auf fiedelnden Appalachian-Folk und verqueren Gesang, der klingt, als hätte man ihn durch einen alten Buchla-Synthesizer gejagt." Wir hören rein:



Viele haben im Skandal um Kollegah, Farid Bang und den Echo nach der Bundesprüfstelle gerufen, die das Album doch auf den Index setzen und damit der allgemein zugänglichen Öffentlichkeit entziehen solle. Ein Irrweg, meint Ueli Bernays in der NZZ: "Dummheit und Geschmacklosigkeit sind per se so wenig justiziabel wie Misogynie oder Homophobie. Und wer nach Polizei und Zensur ruft, ist vielleicht bloß träge oder zu feige, selber Stellung zu beziehen."

Weitere Artikel: In der taz schreibt Jens Uthoff zum Auftakt der Berliner Synthesizer-Messe Superbooth. Besprochen werden das neue Album von Yo La Tengo (taz), ein Poppe-Konzert des Ensembles Modern (FR) und ein Auftritt von Bill Frisell (Standard). Und das Logbuch Suhrkamp bringt die Ausgabe von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte":


Archiv: Musik