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Efeu - Die Kulturrundschau

Diktatorisch eingesetzte Atonalität

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2018. Die FAZ stellt bei der Greizer Karikaturen-Triennale fest: Seit den Anschlägen auf Charlie Hebdo haben die Karikaturisten ihren Biss verloren. Die Filmkritiker loben John David Washingtons "Blackkklansman" als sanfte und aufwühlende Collage über den Rassismus der Gegenwart und Andreas Dresens "Gundermann" als komplexes Sinnbild der DDR.  In der NZZ kann sich Ruhrtriennalen-Intendantin Stefanie Carp die Kritik an BDS nur mit deutscher Schamgeschichte erklären. Außerdem blickt die NZZ wehmütig auf riesige Eiswaffeln und überdimensionale Damenbeine in Kalifornien zurück.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2018 finden Sie hier

Film





An Spike Lees "Blackkklansman" ist in dieser Woche für keinen Kritiker ein Vorbeikommen, bereits gestern gab es einen Schwung Kritiken, heute folgen viele weitere. Der Film über den realen Fall, dass in den 70ern ein von John David Washington gespielter, schwarzer Polizist mithilfe eines weißen Kollegen den Ku-Klux-Klan infiltriert hat, ist beileibe nicht so grell überspitzt, wie man sich das anhand der Prämisse vorstellen könnte, meint Lukas Foerster im Perlentaucher. "Eher hat er einen melancholischen Grundton, der die satirische Intention auf interessante Weise unterläuft. Bemerkenswert ist insbesondere Terence Blanchards Filmmusik. ... Washingtons zurückgenommenes, teils fast schon lethargisches Spiel (besonders toll ist seine dezente Awkwardness, die besonders in den Szenen mit Harrier durchschlägt) und vor allem Lees Bildsprache sind von einer ähnlichen, nicht kalt-abstrahierenden, eher sanften, fast schon resignierten Distanziertheit geprägt." Im Vergleich zum Furor in seinen früheren Filmen ist "Blackkklansman", was den Humor betrifft, eher "harmlos", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: Der Film endet mit einer Collage über den Rassismus der Gegenwart, "einem bewegenden, aufwühlenden Epilog, fast fühlt man sich ein wenig manipuliert. Weil es Spike Lee in über zwei Stunden nicht einmal gelingt, selbst einen ähnlichen Furor zu entwickeln." Weitere Kritiken in taz, NZZ, FR und Berliner Zeitung. Für den New Yorker hat John Colapinto ein episches Porträt über Spike Lee geschrieben.

Der Kinostart von Andreas Dresens Film "Gundermann" über den gleichnamigen Baggerfahrer, DDR-Liedermacher, Stasi-Spitzel und später dann selbst Stasi-Bespitzelten wird seit Tagen von einer Welle ausführlicher Interviews vorbereitet. Auch die Kritiken liefern jetzt vor allem historischen Hintergrund. Dresens in den 70ern und in den 90ern spielender Film "wälzt neben der Biografie eines ungewöhnlichen Künstlers und dem Porträt eines vergangenen Landes vor allem eine komplexe Frage, die sich vielleicht nur subjektiv beantworten lässt: Kann man überhaupt verzeihen", erklärt Jenni Zylka in der taz. Dresen trifft mit seinem Film "auf eine Gegenwart, die Begriffe wie Ostidentität wieder aktualisiert", führt Anke Westphal (die sich für epdFilm auch mit Dresen unterhalten hat) im Freitag aus und lobt Dresens "hochsensiblen und genauen Blick auf individuelle Lebenswege wie historische Zusammenhänge". Und "gewiss erscheint Gundermann in seiner komplexen Widersprüchlichkeit heute geradezu als Sinnbild der DDR, in seiner Poesie ebenso wie in der Verbohrtheit - und im Überlebenstrotz." Weitere Besprechungen in SZ und in der Zeit.

Weitere Artikel: Zwar gehen die Kino-Besucherzahlen auch im laufenden Jahr bemerkenswert stark zurück und ein immer größerer Anteil von Kinobesuchern verteilt sich auf immer weniger Filme, doch gibt es auch einen kleinen gegenläufigen Trend, schreibt Susan Vahabzadeh nach Lektüre des Branchenblatts Variety: "Es sind in den USA in diesem Sommer eine ganze Reihe von Filmen angelaufen, die im Kino beachtlichen Erfolg hatten, obwohl kein großes Studio sie produziert hätte." Andreas Busche erinnert im Tagesspiegel an den kurdisch-türkischen Regisseur Yilmaz Güney, über den beim Kurdischen Filmfestival in Berlin ein Dokumentarfilm gezeigt wird.

Besprochen werden Xavier Legrands Langfilmdebüt "Nach dem Urteil" (taz, FAZ), Jon M. Chus "Crazy Rich Asians" (SZ), Peter Solans auf BluRay veröffentlichtes und im Berliner Brotfabrik-Kino gezeigtes KZ-Drama "Der Boxer und der Tod" aus dem Jahr 1963 (taz, unsere Kritik hier), Burgl Czeitschners Dokumentarfilm "Let's Keep It" über Kunstrestitution (Standard) und RP Kahls auf Heimmedien veröffentlichtes Erotikdrama "A Thought of Ecstasy" (Perlentaucher).

Außerdem hat das Österreichische Filmmuseum zum Start seiner Fassbinder-Retrospektive aus seinen Archiven ein Q&A mit dem Regisseur gefischt und auf Youtube gestellt. Diskutiert wird über "Faustrecht der Freiheit":

Archiv: Film

Literatur

Martina Farmbauer hat für die Berliner Zeitung ein großes Gespräch mit Schriftstellerin Isabel Allende unter anderem über deren Scheidungsblues, ihren neuen Freund und die politische Weltlage geführt. Für die SZ porträtiert Petra Hallmayer den Verleger Peter Kirchheim, der sich zuletzt insbesondere auf iranische Literatur spezialisiert hat. Wolfgang Görl schreibt in der SZ über das Schriftsteller-Phantom B. Traven.

Besprochen werden die Ausstellung "Das Jüdische an Mr. Bloom" in Zürich (NZZ), Helene Hegemanns "Bungalow" (Tagesspiegel), Inger-Maria Mahlkes "Archipel" (online nachgereicht von der FAZ), Alexa Hennig von Langes "Kampfsterne" (Berliner Zeitung), Daniel Wissers "Königin der Berge" (Standard), Christian Detoux' Neuübersetzung von Charlotte Perkins Gilmans Schauererzählung "Die gelbe Tapete" (FR),
der Arztroman "Bevor wir verschwinden" des Onkologen David Fuchs (Standard), Michael Kleebergs "Der Idiot des 21. Jahrhunderts" (SZ) und die neue Gesamtausgabe der Gedichte Paul Celans (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Unter dem Titel "Lauter lupenreine Demokraten" findet derzeit im Greizer Sommerpalais die 9. Triennale der Karikatur statt. In der FAZ kehrt Andreas Platthaus mit niederschmetternden Eindrücken zurück: Die seit den Anschlägen auf Charlie Hebdo lauter gewordene Aufforderung zur Zurückhaltung bei "heiklen" Themen zeige sich inzwischen auch qualitativ, meint er: "Ästhetisch durch den Trend zur Computergraphik, inhaltlich durch immer stärkere Betonung von cartoonesken statt karikaturesken Elementen. Das klassische Zerrbild von politischen Akteuren oder Handlungen wird ersetzt durch humoristische Szenen ohne Anspruch auf individuelle Wiedererkennbarkeit. Ein gutes, weil witziges Beispiel dafür ist Uwe Krumbiegels gezeichnete Männerfigur, die vor ihrem Sprachassistenzgerät sitzt und es fragt: 'Alexa, welche Partei soll ich wählen?' So oft auch Trump, Erdogan und Putin auf den insgesamt mehr als 250 in Greiz ausgestellten Blättern auftreten, die anonyme Durchschnittsfigur - stehe sie nun für 'den' Wähler, 'den' Politiker, 'den' Unternehmer - ist häufiger vertreten."

"Kauzigen Witz", aber vor allem die Verspieltheit von Künstlern und Architekten lernt Harald Eggebrecht in der SZ in der Ausstellung "Playground Project" in der Bonner Kunsthalle kennen, die ihn auch einiges über die Anfänge der Spielplätze lehrt: "Zuerst ging es darum, Kinder von der Straße zu holen und ihnen in umzäunten Arealen anderes zu bieten als die Gefahren von Streunerei, Verwahrlosung oder sogar Absinken in kriminelle Milieus mit Gelegenheitsstraftaten. Der Playground als Schutzraum wurde in den Vierzigerjahren aber abgelöst von der Idee des im Spiel kreativ werdenden Kindes. 1943 entstand in Kopenhagen der erste Gerümpelspielplatz nach den Ideen von Carl Theodor Sørensen, die Urform des Abenteuerspielplatzes, der bis heute in den verschiedensten Varianten fortlebt.

Weitere Artikel: Im Standard berichtet Roman Gerold von einer Kunstaktion des Wiener Künstlers Milan Mijalkovic, der mit einem riesigen LKW, aus dem eine weibliche Brust herausragt, aus der osteuropäische Schwarzarbeiter Wasser trinken können, auf den Wiener Arbeiterstrich aufmerksam machen will: "Nicht jeder, der daran vorbeikommt, wird sich auf kunstgeschichtliche Bezüge zur milchspendenden Maria lactans versteifen. Das ist aber auch nicht schlimm. Wer den Lkw - und sei's nur wegen des Riesennippels - instagrammt, der wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Auszüge aus den Menschenrechten in der Welt vervielfältigen."In der SZ sucht Julian Hans in den Bildern des depressiven litauischen Juden Isaak Lewitan die "russische Seele".
Besprochen wird die Ausstellung "Wie das Bauhaus nach Weimar kam" beim Kunstfest Weimar (taz) und die Ausstellung "Künstler Komplex. Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol. Sammlung Platen" im Berliner Museum für Fotografie. (taz)
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Archiv: Kunst

Musik

In der Welt führt ein zwischen Amüsement und Verärgerung pendelnder Elmar Krekeler diverse Gründe dafür an, warum man den Plan der Deutschen Bahn, ausgesuchte S-Bahnhöfe mit atonaler Musik zu beschallen, um Drogennutzer zu vertreiben, "für einigermaßen schwachsinnig halten kann." Insbesondere die Kunst an sich muss verteidigt werden: "Die von der Bahn quasi diktatorisch eingesetzte Atonalität verdankt sich nämlich eigentlich einem liberalen, einem befreienden, musikalisch-demokratischen, geradezu anarchischen Akt. Einer Art französischer Revolution der Tonsetzerei. ... Die Pläne der Bahn nutzen die billigsten, antimodernistischen Ressentiments vom musikalischen Spießbürgerstammtisch für ihre Zwecke aus."

Weitere Artikel:  Für die NZZ berichtet Felix Michel vom Menuhin-Festival in Gstaad, wobei er das Kunststück fertig bringt, daneben auch Konzerte des Lucerne Festivals zu besprechen. Katja Schwemmers plaudert für die Berliner Zeitung mit Bono Vox und The Edge von U2.

Besprochen werden das neue Album "Tangerine Reef" von Animal Collective (SZ) und Blood Oranges neues Album "Negro Swan, das laut ZeitOnline-Kritiker Daniel Gerhardt "zwischen Sprachsamples, musikalischen Referenzen und stilistischer Vielfalt ein Panorama der afroamerikanischen Kulturen und Lebenserfahrungen kuratiert."

Archiv: Musik

Bühne

"Ich kann mich nicht mit jeder Social-Media-Äußerung beschäftigen", sagt Ruhrtriennalen-Intendantin Stefanie Carp im NZZ-Interview mit Daniele Muscionico auf die Frage nach ihrem Umgang mit der Kritik der letzten Wochen. (Unser Resümee) Sie glaubt: "Dass deutsche Künstler es in Teilen für ein Schwerverbrechen halten, mit BDS zu sympathisieren, hat natürlich mit unserer deutschen Schuld- und Schamgeschichte zu tun. Es gibt im Bereich der deutschen Theaterschaffenden viele, die wie ich BDS bisher gar nicht kannten. Die meisten versuchen sich im Moment nach meiner Wahrnehmung wegzuducken: Lieber keinen Ärger!"

Weitere Artikel: In der nmz lauscht Regine Müller überrascht der Uraufführung von Franz Liszts seit hundert Jahren im Liszt-Nachlass im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv vergessenen Opernfragment "Sardanapalo" in Weimar: "Es ist eine ungemein farbige und melodisch originelle Musik mit reizvollen lyrischen Momenten, aber auch kraftvollen und effektsicheren dramatischen Passagen."Für die nachtkritik porträtiert Valeria Heintges Benedikt von Peter, der ab 2020 die Nachfolge von Intendant Andreas Beck am Theater Basel antritt.
Besprochen wird Alessandra Premolis Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Gli amori d'Apollo e Dafne" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (FAZ).
Archiv: Bühne

Design

Besprochen wird Ian Bonhôtes Dokumentarfilm über den Modeschöpfer Alexander McQueen (NZZ).
Archiv: Design
Stichwörter: Mcqueen, Alexander

Architektur

Architektonisch scheint Kalifornien irgendwann mal den Verstand verloren zu haben, glaubt Sarah Pines in der NZZ beim Durchblättern des Bandes "California Crazy" zu kalifornischer Roadside-Architektur und blickt ein wenig wehmütig auf riesige Eiswaffeln, in denen Eis verkauft wird oder überdimensionale Damenbeine, mit denen Nylonstrümpfe beworben werden: "Gebäude, die mimetisch an dem ausgerichtet sind, was drinnen verkauft wird, erregen Misstrauen, passen höchstens ins Walt-Disney-Paradies, aber nicht in eine kultivierte Design-City. In Brüssel wurde unlängst sogar ein Architekturwettbewerb ausgerufen, um den heiligen Frittenbuden ein neues Gesicht zu verleihen: Verspiegelte Oberflächen sind gefragt und weniger Kartoffelstäbe in Überlebensgröße. So auch an der amerikanischen Ostküste. Die meisten 'Crazy California'-Gebäude wurden eingestampft, weil sie wahrscheinlich nur noch Kinder ansprechen würden, unmöglich und schwulstig dastanden."
Archiv: Architektur