Efeu - Die Kulturrundschau

Der kostbarste Balkon der Stadt

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14.12.2018. Das ernste Spiel mit Identitäten und Versprechen der Metamorphosen prägen für die taz die zwei tollsten Alben des Jahres: von Planningtorock und Swamp Dogg. 2018 ist ein annus horribilis fürs deutsche Kino, klagt Rüdiger Suchsland auf Artechock. In der SZ beklagt Leander Haußmann die miserable Rente von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern. Der Standard betrachtet lustvolle Variationen über Märtyrertode.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2018 finden Sie hier

Musik



Auf den ersten Blick haben das gender-dekonstruierende Elektro-Projekt Planningtorock (siehe Video oben) und der alte Soul-Crooner Swamp Dogg (siehe Video unten) wenig miteinander gemein. Doch beide experimentieren auf ihren neuen Alben exzessiv und auf äußerst interessante Weise mit Autotune, schreibt Klaus Walter in der taz: Bei Planningtorock verschiebt sich die Stimme dergestalt in einen diffusen Raum zwischen den eindeutig codierten Geschlechtern, Swamp Dogg hingegen camoufliert auf dem Album "Love, Loss, and Auto-Tune"  seine Trauer um seine verstorbene Ex-Frau hinter einer digitalen Maske und beklagt die eigene schwindende Männlichkeit. "Selten war die Rede von der Dekonstruktion so angebracht wie bei 'Love, Loss, and Auto-Tune'. Selten war Musik gleichzeitig derart deprimierend wie euphorisierend. So kommt es, dass zwei der tollsten Alben des Jahres mit digitalen Pop-Technologien das ernste Spiel mit Identitäten treiben, mit den Versprechen der Metamorphosen. Und das von zwei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein könnten."



Das neue Wunderland der klassischen Musik ist keineswegs mehr China, sondern Südkorea, erklärt Corina Kolbe in der NZZ. Nicht nur Kinder und Jugendliche aus besser gestellten Familien werden dort mit einigem Drill in den Musikunterricht geschickt. Dort geht es noch immer vor allem um "die Entwicklung technischen Könnens. Selten wird dabei die Autorität der Lehrer infrage gestellt, und Nachwuchsmusiker üben in erster Linie dafür, sich in prestigeträchtigen Wettbewerben zu platzieren. Oft lernen sie erst bei Studienaufenthalten und Meisterkursen im Ausland, kraft ihrer eigenen Fantasie einen individuellen Zugang zum Repertoire zu suchen. Umso erstaunlicher ist der internationale Siegeszug vieler südkoreanischer Künstler. Bei vielen scheint gerade die Mischung aus antrainierter Disziplin und von der Musik entfesselter Kreativität zum Erfolg zu führen", wie etwa im Fall der Sopranistin Hong Haeran.

"Singende Nemesis" oder "die deutsche Version von Andy Warhol" - beide Lesarten von Heino sind gültig, meint Jens Balzer in einem ZeitOnline-Essay zum gestrigen 80. Geburtstag des Sängers. Denn: "Zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen gibt es keinen Unterschied. Heino ist der Prototyp einer non-binären Kunstexistenz. ... In ihm verbinden sich Traditionalismus und Postmoderne in nicht unbedingt immer behaglicher Weise."

Weitere Artikel: Taylor Swift lässt ihr US-Livepublikum per Kameras und Gesichtserkennung und im blitzschnellen Abgleich mit Stalker-Datenbanken überwachen, berichtet Simon Hurtz in der SZ. Für "harmlos und albern" hält NZZ-Kritiker Paul Jandl die satirische Kunstfigur Hyäne Fischer, die womöglich für Österreich nach Tel Aviv zum European Song Contest reisen wird. Für den Tagesspiegel hat Reinhold Jaretzky ein Gespräch mit dem Pianisten Menahem Pressler geführt, der am kommenden Sonntag seinen 95. Geburtstag feiert. Egbert Tholl stellt in der SZ das Klavier-Duo Grauschumacher vor. Im Tagesspiegel plaudert Torsten Groß mit Udo Lindenberg.

Besprochen werden ein Buch über die Beastie Boys, das Standard-Kritiker Karl Fluch mit größter Freude in die Hand nimmt, der Auftakt eines Brahms-Zyklus der Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim (Tagesspiegel), Bruce Springsteens Live-Album "On Broadway" (Pitchfork), Josephine Fosters Album "Faithful Fairy Harmony" (Jungle World), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Lahav Shani (Standard) und zahlreiche neue Notenausgaben (NMZ).
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Literatur

In der neuen Jungle-World-Kolumne "Lahme Literaten" arbeitet sich Magnus Klaue an Martin Mosebach ab, dem er zwar manche geistige Anregungen abgewinnen kann, "die behördliche Stehkragenprosa aber, mit der Mosebach seine Ansichten literarisch zu umhegen pflegt, überführt alles geistig Abweichende ins ästhetische Mitläufertum."

Weiteres: Die Tell-Redaktion gibt literarische Weihnachtstipps. Besprochen wird unter anderem Kamila Shamsies "Hausbrand" (NZZ). Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

2018 ist ein annus horribilis nicht nur fürs Kino allgemein, sondern auch fürs deutsche Kino im Besonderen, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Netflix bläst zum Totalangriff, die Zahl verkaufter Tickets ist um dramatische 15 Prozent eingebrochen, das Publikum vergreist und wenn es Tickets für Filme hiesiger Produktion kauft, dann in der Regel für keine guten: "Die deutschen Filme unter den Top 25 heißen 'Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer', 'Die kleine Hexe', 'Dieses bescheuerte Herz' und 'Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft' - fürwahr ein Triumph deutschen Kinoschaffens! Der angebliche Kinderfilm 'Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer' ist übrigens auch der 'drittälteste' Film der Top 25: 34% seiner Besucher waren über 50! Die werden sich gewundert haben..."

Weitere Artikel: Für Artechock hat Michael Hack das tscheschiche Dokumentarfilmfestival Ji.hlava besucht, wo es unter anderem "eine Reihe zum libanesischen Essayfilm  oder eine sorgfältig kuratierte Retrospektive zum Direct Cinema", aber auch viel Programm-Bläh zu sehen gab. Simon Hauck plaudert im Filmdienst mit Werner Herzog. In der Zeit trauert um Sigrid Neudecker um die NRD-Serie "Der Tatortreiniger", die Ende des Jahres eingestellt wird. Thomas Brandlmeier schreibt im Filmdienst über die Filme des österreichischen Stumm- und frühen Tonfilmregisseurs Joe May, die bei einem filmhistorischen Kongress in Hamburg aufgeführt und demnächst in Berlin zu sehen sein werden.

Besprochen werden Xavier Giannolis "Die Erscheinung" (critic.de, Tagesspiegel, mehr dazu hier), Rosa von Praunheims Goethefilm "Männerfreundschaften" (FR), Benedikt Erlingssons "Gegen den Strom" (Standard, Tagesspiegel), der von Frank Hentschel und Peter Moormann herausgegebene Band "Filmmusik - Ein alternatives Kompendium" (NMZ), der Animationsfilm "Spider-Man: A New Universe", an dem tazler Tilman Baumgärtel viel Freude hat, Lena Dunhams neue Serie "Camping" (für FAZ-Kritikerin Nina Rehfeld eine blanke Enttäuschung), die türkische Superhelden-Netflix-Serie "The Protector" (FAZ), die Netflix-Serie "Dogs of Berlin" (FR) und eine Ausstellung über Sergio Leone in der Cinémathèque in Paris (Welt). Dazu passend hat Arte derzeit einen Porträtfilm über den italienischen Western-Auteur online:

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Design

In seiner Stilkolumne im ZeitMagazin erinnert Tillmann Prüfer an den Industriedesigner Dieter Rams, der von Braun aus bis zu Apple reichende Strahlkraft entwickelt hat.
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Architektur

Auch Andreas Kilb zeigt sich heute in der FAZ begeistert von David Chipperfields Galerie für die Museumsinsel: "Der Volksmund, der das Gebäude als teuerste Garderobe der Welt verspottet, hat ... unrecht. Aus der Nähe betrachtet ist es eher der kostbarste Balkon der Stadt. Von hier oben aus werden wir an Sommerabenden auf die langsam dahintreibenden Wasser der Spree blicken und uns fragen, wann die Museumsinsel endlich zu Ende saniert sein wird."

Die Treppe des neuen Eingangsbaus wird ein Hit, prophezeit in der Berliner Zeitung Nikolaus Bernau. Auch die Materialien sind sehr schön. Trotzdem versteht er den unwahrscheinlich teuren Bau (135 Millionen Euro) nicht, dessen Funktionsfähigkeit er bezweifelt, "weil alle Innenräume auf den von der Bauverwaltung und Denkmalpflege viel zu schmal bestimmten Bauplatz gezwängt werden mussten. Mindestens 800 Besucher pro Stunde gedenken die Museen hier abzufertigen. Ein Alptraum angesichts der relativ engen Räume, der vielen Treppen, der schmalen Korridore hin zum Neuen Museum, des hoch gelegenen Übergangs zum Pergamonmuseum, den man erst einmal finden muss, der viel zu wenigen Aufzüge. Jede Schulklasse wird hier für Chaos sorgen."

Das neue Amos Rex Museum in Helsinki. Mehr Bilder bei Domus


In Helsinki haben sie ein schönes altes Kino aus den 30ern zu einem Museum umgebaut. Roman Hollenstein hat es sich für die NZZ angesehen. Architekt "Jaaksi erkannte schnell, dass eine Erweiterung auf dem hofartigen, damals noch als Busbahnhof genutzten Platz neben dem bauhistorisch anspruchsvollen Lasipalatsi nicht infrage kam. Stattdessen schlug er vor, den Altbau denkmalgerecht zu renovieren und unter dem Außenraum ein vollkommen unterirdisches Gebäude zu errichten. Um Tageslicht in diesen 'Kunstbunker' zu bringen und ihm in der Stadtlandschaft ein Gesicht zu geben, entwarf er fünf kuppelartige, durch bullaugenförmige Oberlichter akzentuierte Erhebungen, die expressiv die Platzoberfläche durchdringen." Bei den Finnen kommt das neue Amos Rex Museum gut an.
Archiv: Architektur

Bühne

Regisseur Leander Haußmann plaudert im Interview mit der SZ über seine Komödie "Haußmanns Staatssicherheitstheater", die er für die Volksbühne inszeniert, und findet es immer noch total ungerecht, dass Angehörige der Staatssicherheit im Westen mit so wenig Rente abgespeist werden: "So. Jetzt sage man doch bitte nicht, wir haben blühende Landschaften im Osten und meint damit die angestrichenen Fassaden. Dahinter sitzen Leute, die sind sehr verärgert. Und geben ihren Frust weiter an ihre Kinder und Enkel. Weil man sich erdreistet, über Einzelschicksale pauschal zu urteilen. Das geht nicht."

Adolphe Binder, ehemalige Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters, hat gegen ihre fristlose Kündigung geklagt und vor dem Arbeitsgericht Wuppertal Recht bekommen, meldet der Tagesspiegel: "Richter Carsten Gironda sagte, die angeführten Gründe und das Vorgehen rechtfertigten den Schritt nicht. Die Kosten des Verfahrens in Höhe von 69 000 Euro muss das Wuppertaler Tanztheater tragen. Dessen Vertreter kündigten an, wahrscheinlich in Berufung zu gehen." Mehr dazu in der nmz.

Besprochen werden Carl Maria von Webers Oper "Euryanthe" im Theater an der Wien (Standard) und Rabih Mroués Stück "Kill the Audience" nach dem "Vietnam-Diskurs" von Peter Weiss an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Kunst

Günter Brus, Selbstbemalung I, 1964, Dommuseum Wien, Otto Mauer Contemporary. Foto: Ludwig Hoffenreich
Um Künstler als Märtyrer und die Darstellbarkeit von Wunden am Beispiel alter und neuer Werke geht es in der Ausstellung "Zeig mir deine Wunde" im Dommuseum in Wien. Standard-Kritikerin Almuth Spiegler sah nicht nur Wunden, sondern Wunder: "Künstler sind in der Darstellung von Zerstörung und Verwundung Virtuosen, denkt man nur an die lustvollen Variationen über die Märtyrertode, hier mit einer besonders drastischen Holzfigur der hl. Agatha von 1490, die ihre beiden abgeschnittenen Brüste vor sich her trägt, auf einer Bibel noch dazu. Vor ihr auf dem Boden liegt der von innen gesprengte Anzug eines Bombenentschärfers, der Künstler Anders Krisar tat das 2006/07, Antiterroreinheiten stellen schließlich die abendländischen Märtyrer von heute. Mit Bildern, soll hier bewusst werden, ist immer auch Bildpolitik gemeint."

Weitere Artikel: Freddy Langer freut sich in der FAZ, dass die Fotosammlung Kicken an das Museum Kunstpalast in Düsseldorf verkauft wird.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Baukultur der Gotik im Dommuseum in Paderborn (FAZ), die Ausstellung "Videokunst aus dem Perlflussdelta" im vom Guangdong Times Museum eröffneten Times Art Center Berlin (taz) und eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen von KZ-Häftlingen im Museum Burg Zug (NZZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Videokunst