Efeu - Die Kulturrundschau

Auf geistigen Zehenspitzen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2019. Heute Abend eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Einhellig erfreut zeigen sich die Kritiker über den Deutschen Buchpreis für Saša Stanišić, der in seiner Dankesrede scharfe Kritik am Nobelpreis für Peter Handke übte. Die SZ saust mit Bjarke Ingels die Kopenhagener Müllverbrennungsanlage hinab. Die NZZ feiert die Blutschnägg, die Shigeru Ban durch den Uhrencampus von Biel ziehen lässt. Welt und Tagesspiegel deklinieren mit Bong Joon-hos Hochstaplerkomödie "Parasite" die Klassenfrage durch.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2019 finden Sie hier

Literatur

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Saša Stanišić für sein Buch "Herkunft". In der Kritik stößt das das ringsum auf Begeisterung. "Eine der besten Entscheidungen, die in der letzten Zeit im Literaturbetrieb getroffen wurde", freut sich Mara Delius in der Welt. "Einerseits, weil die Auszeichnung für das beste Buch des Jahres an einen Autor geht, der einen klugen, sprachgenauen, vielschichtigen Roman geschrieben hat. Andererseits, weil der Autor zeigt, wie unangepasst die jüngere deutsche Literatur ist, wenn sie, wie in diesem Fall, von jemandem geschrieben ist, der Deutsch erst als zweite Sprache gelernt hat".

Unangepasst zeigte sich der Schriftsteller vor allem in den letzten Tagen, in denen er sich auf Twitter massiv gegen den Literaturnobelpreis für Peter Handke ausgesprochen hatte. So nutzte er auch seine Dankesrede für klare Statements. "Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt", sagt er. Und: "Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat." Hier in Text und Video die Rede in voller Länge:



"Es dürfte die einerseits politischste, andererseits bewegendste Rede gewesen sein", die je im Rahmen dieses Preises gehalten wurde, hält Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest. Ausgezeichnet wird hier "ein Verfolgter jener, die Handke verteidigt, ein Vertriebener und Entwurzelter, ein Objekt der Geschichte und nun der Ehren", kommentiert Johannes Schneider auf ZeitOnline. "Dieser Preis geht auch an das Subjekt einer aktuellen Debatte, einem Aufklärer im besten Sinn." Bettina Steiner von der Presse sieht in der Auszeichnung alles in allem allerdings kein politisches Statement: "Vermutlich stand sie schon lange vorher fest. 'Herkunft' ist schlicht das poetischste, eindringlichste, zugleich intimste wie politischste deutschsprachige Buch dieses Jahres."

Für FAZ-Kritiker Andreas Platthaus stellen sich nach dieser Rede einige Fragen nach der Bewertung von Literatur nach Maßgabe der Wirklichkeit. "Für Stanišić ist die Wahrhaftigkeit eines schriftstellerischen Werks nicht von der der Person eines Autors zu trennen. Die Nobelpreisjury hat anders argumentiert; für sie zählte nur das belletristische Werk. Mit den Rechtfertigungsaufsätzen Handkes für die serbische Seite in den Jugoslawienkriegen sieht Stanišić aber auch die fiktionale Literatur des neuen Literaturnobelpreisträgers vergiftet. Aus dieser Feststellung könnte sich eine grundlegende Debatte entwickeln. Schon damit hat Stanišić dem Deutschen Buchpreis einen großen Dienst erwiesen - und wohl auch der Literatur als solcher." Dlf Kultur hat den frisch gekürten Preisträger im Gespräch.

Auf Politico kritisiert Edi Rama, der Premierminister Albaniens, die Entscheidung der Stockholmer Akademie, Handke mit dem Nobelpreis auszuzeichnen: "Indem er die harten Fakten ignoriert, liefert Handke eine implizite Amnestie und Entschuldigung für Miloševićs genozidale Versuche. Auch versucht er sich daran, die Geschichte umzuschreiben. Serbiens hegemonialen Bestrebungen und staatlich durchgeführten Völkermord zu ignorieren, gestattet ihm, Slowenien und Kroatien als die Initiatoren des Zusammenbruchs Jugoslawiens zu zeichnen und die Verdienste des Friedens in Jugoslawien nach Dayton Milošević zuzuschreiben."

Der berühmte Kritiker und Literaturwissenschaftler Harold Bloom ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Sein Buch "The Western Canon" sorgte in den frühen Neunzigern auch in Deutschland für erregte Debatten, die heute, im Licht der obsiegenden Identitätsdiskurse, interessant nachzulesen wären. Dinitia Smith würdigt Bloom ausführlich in der New York Times: "Professor Bloom selbst sagte, dass 'die kanonische Qualität aus Befremdlichkeit kommt, aus dem Idiosynkratischen, der Originalität'. Der Schriftsteller Adam Begley bemerkte: 'Der Kanon, glaubt Bloom, beantwortet eine unvermeidliche Frage: Was sollen wir in der kurzen Zeit, die wir haben, lesen? ''Sie müssen wählen', schreibt Bloom selbst in 'The Western Canon'. 'Entweder gibt es ästhetische Werte oder nur die Fremdbestimmung durch Rasse, Klasse und Geschlecht.'"

Die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis eröffnet traditionell die Frankfurter Buchmesse, bei der in diesem Jahr Norwegen das Gastland ist. In Norwegen spricht man seit einiger Zeit von einem "goldenen Zeitalter" der Literatur, erzählt Matthias Hannemann in der FAZ nach einer Literaturreise. Mit über 200 Übersetzungen in diesem und dem kommenden Jahr kann sich davon auch das deutsche Publikum einen Begriff machen (hier unser Schwerpunkt in den Buchnotizen). "Erleichtert wurde der Wagemut der deutschen Verlage durch die Existenz der staatlichen norwegischen Literaturagentur Norla. Sie übernimmt bis zur Hälfte der Übersetzungskosten und ist für Norwegens Literaten ebenso ein Segen wie die staatlichen Stipendien oder die 'Einkaufsregelung für Literatur', durch die in jedem Jahr eine beachtliche Zahl von neuen Büchern eingekauft wird (bei der Belletristik für Erwachsene sind es aktuell 703 Exemplare aus Papier sowie siebzig 'E-bøker'), um sie in den Bibliotheken des Landes zu verteilen." Gloria Reményi führt in der taz durch das norwegische Programm der Buchmesse. Außerdem haben sich die Feuilletons mit norwegischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern getroffen: Mit Dag Solstad (Freitag), Tomas Espedal (taz) und Maja Lunde (taz).

Weiteres: Für die Zeit hat sich Carolin Würfel mit der Schriftstellerin Cemile Sahin getroffen. Leon Holly berichtet im Tagesspiegel von seiner Begegnung mit dem irakischen, in Berlin lebenden Schriftsteller Feryad Fazil Omar. In der FAZ gratuliert Sandra Kegel dem Schriftsteller Michael Köhlmeier zum 70. Geburtstag, aus welchem Anlass sich sich auch der Standard ihm getroffen hat. Außerdem melden die Agenturen, dass der Booker-Literaturpreis in diesem Jahr an Margaret Atwood und Bernardine Evaristo geht.

Besprochen werden die drei Übersetzungen von Walt Whitmans erst 2017 entdecktem Roman "Jack Eagle" (NZZ), Salman Rushdies "Quichotte" (FR), Martin Ernstsens Comicadaption von Knut Hamsuns Roman "Hunger (Standard), Jackie Thomaes "Brüder" (NZZ) und Heinrich Deterings Gedichtband "Untertauchen" (FAZ). Außerdem bringen die SZ und die taz heute ihre Beilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten werden. Besprochen werden darin unter anderem  Eugen Ruges "Metropol" (taz), Amitav Ghoshs "Die Inseln" (taz) und Olga Tokarczuks "Die Jakobsbücher" (SZ).

Und ein Hinweis in eigener Sache: Mit Eichendorff21 geht der Perlentaucher nun auch unter die Buchhändler - was Sie dort erwartet und warum wir glauben, zum Perlentaucher unter den Buchläden zu werden, erklärt ihnen Thierry Chervel hier.
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Architektur

Bluttschnägg oder Swatch-Uhr? Der Campus in Biel. Foto: Shigeru Ban Architects

Sabine von Fischer feiert in der NZZ das neue Hauptquartier des Schweizer Uhrenhersteller Swatch, der für seinen Campus in Biel den Architekten Shigeru Ban zur Spielfreude verpflichtete: "Der Japaner hat ihnen ein Haus gezeichnet, wie es die Schweiz noch nicht gesehen hat und das die Architektur dreifach ans Extrem führt: mit einer endlos wirkenden Wabenhülle, die das Bürohaus wie ein Fußballstadion einkleidet; mit einer Tragstruktur, die fast 2000 Kubikmeter einheimisches Holz verbaut; und mit einer offenen Bürolandschaft für 400 Leute. Wie eine Schlange, eine Nacktschnecke ('Bluttschnägg') oder sogar ein Drache sehe die lange, organische Figur der Swatch-Headquarters aus, meinen die Ortsansässigen. Doch der Architekt Shigeru Ban will von diesen Metaphern nichts wissen. Vielmehr folge der Bau nur den Parzellengrenzen, und die Swatch-Uhren (von denen es bis heute 9154 verschiedene Modelle gibt) hätten ihn inspiriert: 'Der Bogen ist von den Spielereien von Swatch hergeleitet. Zwar ist der Mechanismus im Innern immer der Gleiche, aber das Äußere kann sich verändern.'"

Bjarke Ingels' Copenhill. Foto: BIG

In der vorigen Woche wurde der Copenhill eröffnet, Bjarke Ingels schon jetzt berühmte Skianlage auf einer Müllverbrennungsanlage am Rand von Kopenhagen, die zugleich auch als Kletterwand und Schulungszentrum dient. SZ-Kritikerin Laura Weißmüller sieht in dem Projekt ein herausragendes Beispiel für Ingels "hedonistische Nachhaltigkeit", die besonders gut funktioniere, wenn er für die öffentliche Hand baut: "Kopenhagen hat wie keine andere Stadt in den letzten 20 Jahren konsequent am eigenen Umbau zu einer lebenswerten und gleichzeitig nachhaltigen Metropole gearbeitet.Copenhill ist Teil der Strategie, bis 2025 CO₂-neutral zu werden. Die Gestaltung des öffentlichen Raumes spielt dabei eine entscheidende Rolle. Und genau das ist der Grund, warum BIG-Projekte in Kopenhagen so sympathisch sind: Weil sich ihre Aufforderung, das Leben in der Stadt zu genießen, hier an alle richtet."

Weiteres: Im Guardian stellt Frances Perraudin neue Sozialbauten in Norwich vor, die nicht nur günstig und geräumig, sondern auch ökologisch sind.
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Kunst

Besprochen werden die Schau des österreichischen Surrealisten Wolfgang Paalen im Unteren Belvedere in Wien (Standard), die Ausstellung "Inspiration Matisse" in der Kunsthalle Mannheim (SZ), die Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit", mit der die Alte Nationalgalerie in Berlin die vielen Arbeiten ihrer verkannten Künstlerinnen aus dem Keller holt (FAZ) sowie eine Ausstellung mit Fotografie aus dem globalen Süden im Berliner Willy-Brandt-Haus (Tsp).
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Bühne

Uwe Mattheis unterhält sich für die taz mit dem neuen Intendanten Martin Kušej über seine Arbeit am Burgtheater, das er gleich zu Beginn seiner Amtszeit aus dem Rang des Nationaltheaters befreit hat.

Besprochen werden Herbert Fritschs perückenpudrige Inszenierung "Amphitryon" in der Berliner Schaubühne (deren Supervirtuosität Nachtkritiker Janis El-Bira als ein "Freidrehen in den Grenzen der Werktreue" genoss, SZ), Helmut Lachenmanns Tanzoratorium "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Zürich (SZ, FAZ), Hans Werner Henzes "The Bassarids" an der Komischen Oper (taz, NMZ), der Revolutionsabend "Die Unvollendete" des  Freien Schauspiel Ensemble (FR), Jan Bosses Adaption von Cervantes' "Don Quijote" mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch am Deutschen Theater Berlin (FAZ).

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Stichwörter: Burgtheater

Musik

Besprochen werden Ariana Grandes Auftritt in Zürich (NZZ), das neue Album der North Mississippi Allstars (Standard) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter Mari Kodamas und Kent Naganos Aufnahme von Beethovens "nulltem" Klavierkonzert (SZ).
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Film

Erst kommt die Tiefkühlpizza, dann die Moral: Bong Joon-hos brechtiger Film "Parasite"

Beim Filmfestival in Cannes wurde Bong Joon-hos "Parasite" - ein Film über eine sozial abgestiegene Familie, die sich bei Reichen einnisten - von Kritik und Jury einhellig gefeiert. Jetzt kommt der koreanische Preisträger der Goldenen Palme auch bei uns in die Kinos. Zu sehen gibt es einen "Film der Räume und topografischen Anordnungen", erklärt Dunja Bialas im Tagesspiegel. Doch "was sozialrealistisch als Familiendrama beginnt, wandelt sich bald zu einer Hochstaplerkomödie, die Bong mit schwarzem Humor durchsetzt. ... Seine Filme vermeiden Eindeutigkeiten, auch 'Parasite' bleibt moralisch ambivalent. Die arme Familie ist durchtrieben, die reiche Familie bemüht, das Richtige zu tun. 'Niemand ist nur gut oder nur böse', sagt Bong. Er lässt auch offen, wer mit dem titelgebenden Parasiten gemeint ist, die Eindringlinge oder die Ausbeuter: 'Aus Sicht der Arbeiterklasse können auch die Reichen als Parasit gelten, da sie auf Kosten der Armen leben.'" Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek steht bei diesem Film "ständig auf geistigen Zehenspitzen", was soviel heißt, dass der Film ständig seine Register wechselt. Bongs Filme "mutieren wie ein Parasit von der Komödie zum Horror, vom Mordrätsel zum Familiendrama, von der Gesellschaftssatire zum Monsterfilm. ...  Das 'Parasite'-Drehbuch könnte von Brecht stammen, so gnadenlos dekliniert es die Klassenfrage durch, die heute wieder so lebendig ist wie das Börsenparkett bei einer Hausse; aber Bong betreibt weniger Klassenkampf als Klassenpsychologie." Gespräche mit dem Regisseur führen der Standard und Dlf Kultur.

Weiteres: In der SZ spricht Joaquin Phoenix über seine Rolle in "Joker" (mehr zur Kontroverse über den Film hier). Besprochen wird die penis-zeigefreudige HBO-Serie "Euphoria" (taz).
Archiv: Film