Efeu - Die Kulturrundschau

Die Schmerzen, die dieser Prozess bedeutet

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19.04.2021. Mithu Sanyal antwortet in der FAZ dem Dramaturgen Bernd Stegemann in der Rassismus-Debatte ums Düsseldorfer Schauspielhaus: Klar kann man Rassismus cool überspielen, aber dann ändert man nichts an den Strukturen. Zum Thema kann die SZ auch Shalini Kantayyas Doku "Coded Bias" empfehlen. Der Standard bewundert Kirill Serebrennikows von aller religiösen Glorie befreiten "Parsifal" an der Wiener Staatsoper. Den Unterschied zwischen deutscher und österreichischer Kunst erkennt der Tagesspiegel im Schamanismus. In der Zeit sucht Maxim Biller den guten Deutschen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2021 finden Sie hier

Bühne

Am und um das Düsseldorfer Schaupielhaus tobt eine Rassismus-Debatte, seit ein Schauspieler bei einer Probe seinem schwarzen Kollegen Ron Iyamu bei einer Szene ein Teppichmesser an den Schritt gehalten und gefragt hat: "Wann schneiden wir eigentlich dem [N-Wort] die Eier ab?" In der FAZ hatte Dramaturg Bernd Stegemann darin keine Überschreitung sehen wollen, sondern eine Probensituation (Unser Resümee). Heute antwortet ihm die Schriftstellerin Mithu Sanyal: "Gut, dass Iyamu nicht, wie von Stegemann vorgeschlagen, einfach cool pariert hat, so kam nämlich ein Prozess in Gang: "Die Schmerzen, die dieser Prozess bedeutet, zeigen, dass es eben nicht damit getan gewesen wäre, wenn Iyamu seine Vorwürfe nur richtiger, besser: frühzeitiger geäußert oder mit einer schauspielerischen Einlage das Teppichmesser personifiziert hätte. Tatsächlich hat erst sein Schritt an die Öffentlichkeit den Druck erzeugt, der nötig war, damit jetzt grundlegende Schritte unternommen werden. So wird das Düsseldorfer Schauspielhaus einen 'Code of Conduct' einführen."

Und im DlfKultur findet die Schauspielerin Nicola Schubert, dass es gerade in Theaterproben mehr Verletzlichkeit brauche statt weniger: "Gesellschaften werden sensibler. Auch wenn es immer noch heißt: Stellt euch nicht so an. Das Eingeständnis von Verletzbarkeit ist im Übrigen nicht nur Schauspieler*innen vorbehalten. Auch Theaterleitungen können und dürfen sich dem - übrigens patriarchal geprägten - Imperativ der Härte entziehen."

Kirill Serebrennikows"Parsifal" an der Wiener Staatsoper

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow hat Richard Wagners "Parsifal" an der Staatsoper Wien per Videoschaltung inszeniert. Im Standard ist Ljubiša Tošić ebenso von der sensationellen Besetzung begeistert wie von der Inszenierung, die sich von Wagners Konzepten löse und den "Parsifal" als ganz persönliche Geschichte erzähle: "Hier wurde ein Entwicklungsdrama entworfen, in dem sich Leid und Mitleid abseits des Religiösen treffen und menschliche Empathie keinerlei christlicher Motivation bedarf, um wirksam zu werden." In der FAZ verliert Florian Amort ein wenig die Übersicht in den Wirren der Handlung, aber zu Beginn erlebte auch er bei Serebrennikow einen beeindruckenden Bilderbogen des Grauens: "Sein 'Parsifal' spielt hauptsächlich in einem Straflager, an das sich die gealterte Titelfigur auf einer Bank sitzend erinnert. Besser hätte es wohl Jonas Kaufmann mit seinem nachgedunkelten, eindrucksvoll reifen und wenig heroischen Tenor nicht treffen können. Sein früheres Ich verkörpert indes der russische Schauspieler Nikolay Sidorenko. Beklemmend, düster und detailreich erzählt Serebrennikow von dem sich stets unverändert wiederholenden Tagesablauf in der Haftanstalt Monsalvat, von adrenalingesteuerten Männern, von Misshandlungen und Faustkämpfen, von wegschauenden und korrupten Wärtern."

Weiteres: Wiebke Hüster schreibt in der FAZ zum Tod des Choreographen Liam Scarlett, der sich offenbar, wie Hüster rekonstruiert, nach Vorwürfen sexueller Übergriffigkeit das Leben genommen hat. Besprochen werden Lilja Rupprechts "Woyzeck"-Inszenierung am Staatsschauspiel Hannover (Nachtkritik), Gernot Grünewalds "Selbstvergessen" am Jungen DT (Nachtkritik) und Andrey Kaydanovskiys Ballett "Der Schneesturm" nach Puschkins Erzählung im Stream der Bayerischen Staatsoper (FR).
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Film

Erst bedeckt wird das Gesicht zum Gesicht: "Coded Bias" von Shalini Kantayya (Netflix)

Mit regem Interesse hat sich SZ-Kritiker Andrian Kreye Shalini Kantayyas Netflix-Doku "Coded Bias" über in Algorithmen und via Big Data eingespeisten Rassismus in digitalen Prozeduren angesehen - für ihn der beste Film einer losen Netflix-Doku-Reihe über die Folgen der Digitalisierung. Die Filmemacherin beginnt mit einer Beobachtung der afrokanadischen Computerwissenschaftlerin Joy Buolamwini, die daraus gestoßen ist, "dass eine Software, die ihr Gesicht vermessen sollte, um andere Gesichter darüber zu projizieren, nicht so recht funktionierte. Wenn sie allerdings eine weiße Plastikmaske über ihr Gesicht schob, funktionierte die Software hervorragend. Auf der Suche nach der Fehlerquelle kam sie bald darauf, dass das keine Fehlfunktionen der Kamera oder der Software waren, sondern ein Problem in der Tiefe der Daten, mit der das System trainiert wurde. Denn die KI des Programms wurde fast ausschließlich mit Bilddateien weißer Gesichter gefüttert. Bei dunkler Hautfarbe erkannte der Rechner deswegen kein Gesicht."

Außerdem: In einem online nachgereichten FAZ-Artikel denkt Bert Rebhandl darüber nach, wie sich dokumentarische Formen dem Thema Prostitution nähern können, ohne dabei in die "Lovemobil"-Falle zu treten. Jens Hinrichsen erinnert im Filmdienst an den Schauspieler und Regisseur Erich von Stroheim.

Besprochen werden die DVD von Kantemir Balagovs Cannes-Erfolg "Bohnenstange" (Intellectures), John Torturros "Jesus Rolls" (Tagesspiegel) und die Netflix-Serie "Shtisel" (Freitag).
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Kunst

"Ganz anders gleich": Ausstellungsansicht. Foto: Galerie Crone 

Sehr schön bekommt Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Meixner in der Galerie Crone den Unterschied zwischen deutscher und österreichischer Kunst vor Augen geführt, auch wenn die einzelnen Stätten sehr weit verteilt liegen: "Blut und Dreck, Ekel und Selbstverletzung: Der Wiener Aktionismus trägt seinen Namen nicht ohne Grund, eine Entsprechung in der deutschen Kunstgeschichte nach 1945 gibt es nicht. Crone zeigt ein drei Meter breites 'Schüttbild' von Nitsch aus den achtziger Jahren, dazu Günter Brus' fotografisch dokumentierte 'Zerreißprobe', die 1974 als 'ästhetische Selbstverstümmelung' stattfand. Er habe, erklärte Brus später, dabei an einen 'direkten Schamanismus' gedacht und ihn als Gegenpol zum 'symbolisch-illustrativen Schamanismus' eines Jospeh Beuys zelebriert. Wie zum Beweis liegt in der Ausstellung am Tempelhofer Damm dessen Arbeit 'Ja, jetzt brechen wir hier den Scheiß ab'. Ein loses, unsauberes Arrangement aus Putz, Schutt und Staub, das Brus Lügen zu strafen scheint. Doch dann kommt es: Beuys hat den Dreck 1979 säuberlich in ein weißes Kuvert getütet und beschriftet."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Resonanz der Realitäten" im Berliner Haus am Lützowplatz (Tsp).
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Architektur

In der Welt unterhält sich Rainer Haubrich zum Siebzigsten mit dem Architekten Christoph Mäckler. Kritikern, die seinen Lindencorso mit der NS-Reichbank verglichen, bescheidet er recht kühl: "Ich habe mich nie für Ideologien interessiert und halte diese in der Architekturdebatte für schlimm, weil sie unseren Berufsstand schwächen. Übrigens ist die Reichsbank ein gutes Gebäude."
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Literatur

Maxim Biller macht sich in der Zeit nach einem kalten Spaziergang mit Durs Grünbein Gedanken über den Verbleib des guten Deutschen und ob er, Biller, mit Grünbein nicht vielleicht doch eine literarische Bewegung gründen sollte, in der sich alle Guten zusammentun: "'Du meinst, die vernünftigen Deutschen haben zusammen mit den Juden auf all die anderen geschichtslosen, reulosen Deutschen aufgepasst?' 'Ja, genau', sagte er, während wir in die Wielandstraße einbogen und zu seiner Vespa gingen. 'Aber das, fürchte ich, ist für immer vorbei.'"

Im taz-Gespräch mit Tanja Handels, die unter anderem Bernadine Evaristo und Zadie Smith ins Deutsche übertragen hat, geht es unter anderem auch um die Frage, wie man beim Übersetzen rassistische Begriffe handhabt. Eva Muszar liest für 54books "Erzählungen von Queerness". Hans Ulrich Gumbrecht liest sich für die NZZ entzückt durch neue Literatur über Ovid. Fürs Literaturfeature des Dlf Kultur versenkt sich Holger Teschke in Johann Jacob Christoph von Grimmelshausens "Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch".

Besprochen werden unter anderem Helga Schuberts "Vom Aufstehen" (Standard), Alexandre Hmines "Milchstrasse" (NZZ), Audre Lordes Essayband "Sister Outsider" (Zeit), Ljudmila Ulitzkajas "Eine Seuche in der Stadt" (Tagesspiegel), Christoph Haas' "Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember" (taz), Gabriele von Arnims "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" (FR), Dieter Henrichs Autobiografie (online nachgereicht von der FAZ), Rumena Bužarovskas Erzählungsband "Mein Mann" (Standard), Colin Niels Thriller "Nur die Tiere" (Tagesspiegel) und neue Hörbücher, darunter eine Celan-Aufnahme von Jens Harzer (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Michael Krüger über Robert Frosts "Die unverschlossene Tür":

"Es rannen die Jahre,
Doch zuletzt kam ein Pochen,
Und ich dacht: an der Tür,
..."
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Musik

Christian Thielemann hat am Freitag sein Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gegeben, was SZ-Kritiker Helmut Mauró vor seiner teueren Anlage zu Hause einen kleinen Anlass bot, über das Wohl und Wehe von Stereo in Zeiten coronabedingt weit auseinander sitzender Musiker nachzudenken. "Manchmal sind es frei schwebende planetarische Gebilde, und manchmal sehr enge Zangengeburten. Optimal ist anders, auch wenn man beim BR voraussetzen kann, wirklich das technisch Beste auf die Beine zu stellen. Aber das sind dann manchmal doch eher Botschaften aus der Intensivstation als eine gesunde Körperlichkeit. Das Problem wird bleiben, und für einen kurzen Augenblick überlegt man, ob zur Zeit von Richard Strauss nicht ein symphonisches Rauschen in Mono möglicherweise intensiveres Hören ermöglichte, weil man so sehr auf die eigenen Klangvisionen angewiesen war, weil man viel aktiver dabei sein musste als im Wunderland des Surround-Sounds, wo man sehr passiv wird und sehr verwöhnt." Hier und dort kann man das Konzert nachhören, bzw. eine Videoaufnahme davon sehen.

Außerdem: Das neue Infektionsschutzgesetz bietet kaum Aussicht auf Sommer-Freiluftkonzerte, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Für ZeitOnline spricht Dirk Peitz mit Joe Mount von Metronomy, die gerade ein zehn Jahre altes Album neu aufgelegt haben. Andreas Hartmann porträtiert im Tagesspiegel die House-Musikerin Sofia Kourtesis. Johanna Adorján erinnert in der SZ an den Pianisten György Cziffra.

Besprochen werden das Album "Menneskekollektivet" des Duos Lost Girls mit Jenny Hval ("mehr als eine intellektuelle Dehnungsübung", meint Daniel Gerhardt auf ZeitOnline, mehr dazu hier), eine Box mit sämtlichen Liedern von Erwin Schulhoff (NZZ), Jan Schultsz' neue CD mit Brahms-Liedern (NZZ), ein hier nachhörbares Konzert des Pianisten Zhora Sargsyan (Tagesspiegel) und ein neues Album von Haiyti (FAS). Wir hören rein:

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