Efeu - Die Kulturrundschau

Köstliche Gemeinheiten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2021. Kunst von gleich fünf Giacomettis sieht die NZZ in der Fondation Maeght. In Aix en Provence lernt sie mit Samir Odeh-Tamimis "L'Apocalypse Arabe", dass Singen ein einziger Ausdruck des Humanen in höchster Not ist. In der Zeit geben sich Barbara Vinken und Jochen Schmidt dem Lustschmerz der Proustlektüre hin. Und Diedrich Diederichsen überlegt, warum Misogynie und sexuelle Übergriffe zu Popmusik und Hiphop zu gehören scheinen. Die Filmkritiker bejubeln Leos Carax' Eröffnungsmusical "Annette" in Cannes.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2021 finden Sie hier

Film

Irrsinnige Gefühle: "Annette" von Leos Carax eröffnet das Filmfestival in Cannes

Cannes! Leos Carax! Marion Cotillard! Adam Driver! Die Filmkritiker sind schier aus dem Häuschen, dass es mit dem Kino im Allgemeinen und mit Cannes im Besonderen weitergeht und dass es dann auch noch im Speziellen mit Carax' abgründig-absurdem Musical "Annette" losgeht. Zu sehen gibt es männliche Abscheulichkeit, weibliche Opferbereitschaft und daraus hervorgehend ein Kind, das als Name den Filmtitel trägt und als Holzpuppe eher dem Gruselfilm entsprungen ist. "Was für ein durchgeknallter Auftakt", jubelt da Anke Leweke auf ZeitOnline und fragt sich im weiteren, "was man da eigentlich sieht, staunt, lässt sich mitziehen, taucht ein in den Irrsinn der Gefühle." Zu sehen gibt es "das Werk eines Filmemachers, der ganz in seiner eigenen Vorstellungswelt lebt", berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel, denn "ein Musical mit einer gesungenen Montage aus Geburtsszene und Oralsex ist selbst für das verwöhnte Cannes-Galapublikum ein Novum." Mit einer französisch-skurillen Antwort auf den Hollywood-Erfolg "La La Land" war zwar zu rechnen, aber so ist es gottlob nicht gekommen, schreibt Andrey Arnold in der Presse: "An diesem zweieinhalbstündigen Wunderding ist alles - passend zur Kunstkinomarke Cannes - düsterer, exzentrischer, überfordernder als im populären Hollywood-Singspiel." Daniel Kothenschulte bescheinigt dem Festival in der FR gar, den "perfekten Eröffnungsfilm" ausgewählt zu haben: "Großes Kino in jedem Augenblick, trunken vom Erbe des alten Hollywood und seinem schwelgerischen Leinwandzauber. Aber zugleich doch allergisch gegen Zuckersoße." Und Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek bezeugt eine einzigartige "Synthese" ganz unterschiedlicher Motivlagen und Stimmungen - "ein in höchstem Maße kunstvolles Werk, der Ausdruck einer einzigartigen Kreativität."

Nur FAZ-Kritiker Andreas Kilb winkt eher ab: Die Gründe dafür, dass es Carax in vierzig Jahren nur auf sechs Filme gebracht hat, liegen für ihn mit diesem Film auf der Hand. "Diese Geschichte ist derart mit Bezügen, Hommagen, Verweisen und Zitaten überladen, dass sie regelmäßig über ihre eigene Klugheit stolpert." Bei der titelgebenden Holzpuppe könnte man "an E. T. A. Hoffmanns Puppe Olimpia denken, an die Nachtgestalten des deutschen Stummfilmkinos oder die untoten Püppchen amerikanischer Horrorfilme", doch "Carax setzt Annette nur als Schauwert ein. ... Die Magie dieser wundersamen Beseelung überträgt sich nicht auf die Filmbilder, hier regiert die hohle Rhetorik der Spezialeffekte."

Weitere Artikel: Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ vom Filmfest München. Fritz Göttler (SZ) und Claudius Seidl (FAZ) gratulieren Anjelica Huston zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Silvan und Ramon Zürchers "Das Mädchen und die Spinne" (Perlentaucher), Radu Judes "Bad Luck Banging or Loony Porn" (taz, Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Hong Sang-Soos "Die Frau, die rannte" (Standard, unsere Kritik hier), François Ozons "Sommer 85" (taz), die DVD von Joseph Loseys "Die romantische Engländerin" von 1975 mit Helmut Berger und Michael Caine (taz) und der neue Marvel-Blockbuster "Black Widow" mit Scarlett Johansson (FAZ, Zeit, Tagesspiegel, außerdem erzählt Leonard Hillmann im Tagesspiegel die Geschichte der zugrunde liegenden Comicfigur).
Archiv: Film

Kunst

Nur im Bild dabei: der weibliche Teil der Familie Giacometti. Gemälde: Soto il Sambuco von Giovanni Giacometti, 1910


Wer in diesem Jahr an der Cote d'Azur Urlaub macht, sollte die Fondation Maeght bei Saint-Paul-de-Vence besuchen, empfiehlt Philipp Meier in der NZZ. Am Eingangstor begrüßen ihn zwei Wächterinnen von Alberto Giacometti, denen abends durch die Schatten schwarze Strümpfe wachsen. Vorgestellt wird die ganze männliche Giacometti-Familie, das sind die Maler Giovanni und Augusto Giacometti sowie "Giovannis drei Söhne: Alberto, Diego, bekannt für seine Möbel aus Bronze, und Bruno, der Architekt der berühmten Künstlerfamilie, der den Schweizer Pavillon in Venedig entworfen hatte. ... Jedem der Giacomettis ist ein Saal gewidmet, was deren je eigenem, um nicht zu sagen eigenbrötlerischem künstlerischem Werdegang Rechnung trägt - ein Eigensinn übrigens, der neben der Malerei eben auch zu Erstklassigem in Plastik, Design und Architektur führte. So gilt ein Kabinett allein den Architekturmodellen von Bruno Giacometti, darunter auch jenem für den Ausstellungspavillon in den Venezianer Giardini oder für das Gebäude der Stadtverwaltung Uster."

Besprochen werden außerdem die Kara-Walker-Ausstellung im Kunstmuseum Basel (SZ), die Ausstellung "Painter's Portrait" der Malerin Chunqing Huang im Kunsthaus Wiesbaden (FR) und die Ausstellung "Spuk! Die Fotografien von Leif Geiges" im Augustinermuseum in Freiburg (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Proust zu lesen, "ist ein Lustschmerz", sagt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken im gemeinsamen Zeit-Gespräch mit dem Schriftsteller Jochen Schmidt: "Dieses obsessive Begehren des Erzählers, der sich nach der mondänen Gesellschaft von tout Paris, nach deren unnachahmlicher Eleganz, deren geistreichen Pointen verzehrt - in diesem unbedingten Dazugehören-Wollen hat Proust den Mythos der Pariser Gesellschaft vielleicht allererst erfunden. Nie hat jemand schonungsloser die Mechanismen der Ausgrenzung, die Petitessen, die Hässlichkeiten, die Vergeblichkeit, die bodenlose Eitelkeit der Welt zu Papier gebracht. Es sind alles Szenen eines durchkreuzten Lebensglücks." Auch Schmidt, der sich seinen Proust in bekömmliche Häppchen à 20 Seiten pro Tag aufgeteilt hat, ist manchmal genervt, fühlt sich aber von Prousts "köstlichen Gemeinheiten" und der sich beim Lesen offenbarenden "tiefen Wahrheit über uns Menschen" hinreichend entschädigt.

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Christina Viragh philosophiert in der NZZ dialektisch über die Herausforderung, sich anhand der eigenen Familiengeschichte irgendwo heimisch oder zugehörig zu fühlen. Annegret Erhard berichtet in der taz von ihrem Ausflug zum neuen Hans-Christian-Andersen-Haus im dänischen Odense. Arno Widmann schreibt in der FR über den vor 400 Jahren geborenen Fabeldichter Jean de la Fontaine.

Besprochen werden unter anderem Quentin Tarantinos Romanversion seines Films "Once Upon a Time in Hollywood" (taz), Salman Rushdies Essayband "Sprachen der Wahrheit" (Dlf Kultur), Patrice Nganangs "Spur der Krabbe" (NZZ), Oswald Eggers "Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt" (FR), eine Uderzo-Ausstellung im Musée Maillol (online nachgereicht von der FAZ), Hans-Ulrich Treichels "Schöner denn je" (SZ) und Gabriela Adameşteanus "Das Provisorium der Liebe" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus Samir Odeh-Tamimis "L'Apocalypse Arabe" beim Festival von Aix-en-Provence. Foto: Festival d'Aix


Mit Kaija Saariahos Oper "Innocence" konnte Michael Stallknecht beim Festival von Aix-en-Provence nicht viel anfangen - "ein brauchbarer Vorabendkrimi mit ordentlich gemachter, aber bedeutungsloser Begleitmusik", ätzt er in der NZZ. Aber Samir Odeh-Tamimis "L'Apocalypse Arabe" hat ihm sehr gefallen. Als Vorlage für das Libretto diente Etel Adnans Gedichtzyklus über den libanesischen Bürgerkrieg in den achtziger Jahren: "In seinem szenischen Oratorium lässt der seit langem in Deutschland lebende Odeh-Tamimi die französische Sprache des Originals vor allem mittels eines solistisch besetzten Chores zu Klang werden. 'Mit rauem und archaischem Ausdruck', wie es in der Partitur heißt, loten die fünf Sängerinnen die vielfältigen Möglichkeiten rhythmischen Sprechens und Singens aus, während das fünfzehnköpfige Ensemble Modern unter Leitung von Ilan Volkov mit wiederkehrenden Erregungszuständen die großdramaturgischen Einschnitte setzt. ... Indem Sprechen hier immer wieder ins Singen umschlägt, indem der 'Zeuge' auf dem Höhepunkt zum großen Klagegesang anhebt, erscheint Gesang im Musiktheater nicht als bloße Gattungskonvention, sondern als einziger möglicher Ausdruck des Humanen in höchster Not."

In der nachtkritik berichtet Joseph Hanimann über misslungene Eröffnungsinszenierungen von Christiane Jatahy und Tiago Rodrigues beim Festival d'Avignon.

Besprochen werden außerdem Mischa Spolianskys Musiktheaterstück "Das Haus dazwischen", das drei Investoren bei der Hausräumung beobachtet, im Berliner Acker Stadt Palast (nmz), Spolianskys Kabarettrevue "Wie werde ich reich und glücklich" an der Semperoper in Dresden (nmz) und Manuela Infantes Text- und Soundperformance "Noise. Das Rauschen der Menge" am Schauspiel Bochum (SZ)
Archiv: Bühne
Stichwörter: Festival D'avignon

Architektur

In der taz berichtet Annegret Erhard von der Eröffnung des neuen Hans-Christian-Andersen-Hauses im dänischen Odense.
Archiv: Architektur

Musik

Ausgehend von den aktuellen MeToo-Skandalen im Deutschrap denkt Diedrich Diederichsen in der Zeit über MeToo und die Popmusik nach. Wer des Englischen mächtig war, hätte in Pop, Rock und Hiphop immer schon den angekündigten Übergriff und die Misogynie hören können, lautet sein Befund. "Popmusik ist in all ihren Formen, die überhaupt der Rede wert sind, ein Ereignis des Zu-Wort-Kommens" der zuvor Ausgeschlossenen. "Dieses Ereignis ist immer ein Gewinn, doch was zu Wort kommt, oft hochproblematisch, selbst wenn es sich um Befreiungen handelt. Die jungen Männer der Sechziger steckten ohne Frage in libidinösen Gefängnissen. Ihre Befreiung dekontaminierte ihre toxische Männlichkeit kaum. Gab man ihnen frei, machten sie Jagd auf Girls. ... Das spricht nicht gegen Befreiung an sich, aber gegen die Befreiung der eh schon besser Gestellten (Männer), und es spricht für die Einhegung jeder Befreiung in intersektionale Strukturen. Wird ein Pfeiler eines Herrschaftsgebäudes aus Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus angesägt und geschwächt, rutscht ein anderes strukturwichtiges Element in das Machtvakuum, oft gesetzloser und ungebremster als das ältere - eine Alternative zum Angriff auf die Architektur der Macht gibt es dennoch nicht. Aber - und das ist MeToo - allen Beteiligten muss eine Direktverbindung an die Öffentlichkeit zur Verfügung stehen."

Außerdem: Arno Lücker begibt sich für VAN auf der Suche nach Plagiaten ins tiefe Gestrüpp der Geschichte der klassischen Musik. Im VAN-Gespräch plädiert der Musikwissenschaftler Frank Harders-Wuthenow energisch für die Wiederentdeckung des Komponisten Simon Laks. Christina Rietz besucht für VAN die Masterclass des Geigers Itzhak Perlman. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Mary Dickenson-Auner. Wolfgang Fuhrmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf Richard Klein, der einst die Zeitschrift Musik & Ästhetik mitbegründet hat.

Besprochen wird Jeb Loy Nichols' neues, schlicht nach ihm selbst benanntes Album, laut Standard-Kritiker Karl Fluch "ein prächtiger Bastard aus ... Country ohne Rednecks oder den Ku-Klux-Klan, Südstaaten-Soul und Funk mit Polsterfrisur". Wir hören rein:

Archiv: Musik