Efeu - Die Kulturrundschau

Kontrollierte Verwilderung

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22.09.2021. Die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist da und die KritikerInnen schließen zufrieden ihre Wetten ab. In der Welt lässt sich Antje Rávik Strubel aber erstmal verzückt vom Gendersternchen in einen leichten Schwindel versetzen. Der Guardian bewundert die Subversivität islamischer Kunst, etwa wenn Bushra Waqas Khan ein viktorianisches Ballkleid aus pakistanischen Dokumenten schneidert. Die SZ balanciert in  Hamburg mit Ewelina Marciniaks Adaption von Olga Tokarczuks Roman "Die Jakobsbücher" auf der feinen Linie zwischen Fremdheit und Nähe. Und die Zeitungen trauern um die feministische Filmemacherin und "ProQuote Film"-Mitbegründerin Tatjana Turanskyj.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Untitled, by Bushra Waqas Khan, 2019. © Photograph by Rafay Anwer Creative Studio

Im Guardian bewundert David Shariatmadari die Subversivität der islamischen Künstler, die derzeit in der Ausstellung "Poetry to Politics" im Londoner Victoria&Albert Museum um den Jameel Prize wetteifern. Etwa die in Lahore lebende Künstlerin Bushra Waqas Khan: "Ihr Ausgangsmaterial ist Affidavit-Papier, bedruckte Blätter, die in Pakistan für offizielle Dokumente verwendet werden und mit der Art von Verzierungen versehen sind, die man auf Passseiten oder Banknoten findet. Sie schneidet die verschiedenen Überschriften und Motive aus und setzt sie zu steif wirkenden viktorianischen Ballkleidern von etwa einem Meter Höhe zusammen. Das Wort Pakistan, das immer und immer wieder wiederholt wird, wird zu einem kunstvollen Saum. Kolonialismus, Nationalismus und Beamtentum werden hier auf subtile Weise ins Lächerliche gezogen, ebenso wie die Vorstellung von Frauen als Eigentum: Eidesstattliche Papiere werden oft als Eigentumsnachweis verwendet."

Die Gruppe Teamlab aus Tokio wird in der Hamburger Hafencity 2024 ein Digital Art Museum eröffnen - und Andrian Kreye ist in der SZ ganz gleich, ob es sich dabei um Kunst oder nur ein "Spektakel" handeln wird: "Lars Hinrichs steht dahinter, der Gründer des sozialen Netzwerkes Xing. Mehr als 7000 Quadratmeter wird das Hamburger Museum haben, fast so viel wie die 10000 im ersten Museum auf einer künstlichen Insel in der Bucht von Tokio. Es wird damit das größte Museum für digitale Kunst in Europa. Das Berliner Architekturbüro Heide & von Beckerath soll das Gebäude entwerfen."

Außerdem: Für die taz-Reihe zu deutschen Kunstvereinen schaut sich Bettina Maria Brosowsky den Oldenburger Kunstverein an. Katja Blomberg verlässt nach sechzehn Jahren - und acht Monate vor offiziellem Vertragsende - nach Differenzen mit dem Trägerverein das Haus am Waldsee, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen wird die Ausstellung "Studio Bosporus" mit Arbeiten der StipendiatInnen der Villa Tarabya in Istanbul im Kunstraum Kreuzberg (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Digital Art, Kolonialismus

Literatur

Die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist da. Hoffnungen machen können sich Norbert Gstrein ("Der zweite Jakob"), Monika Helfer ("Vati"), Christian Kracht ("Eurotrash"), Thomas Kunst ("Zandschower Klinken"), Mithu Sanyal ("Identitti") und Antje Rávik Strubel ("Blaue Frau") - und damit in erster Linie Bücher aus der Frühlingssaison und zu 50 Prozent aus dem Hanser Verlag, fällt Marie Schmidt von der SZ auf. Zu beobachten ist außerdem eine "Ausgeglichenheit zwischen Frauen und Männern", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. Eine "Überraschung ist Thomas Kunsts bisweilen hochkomische Schilderung des Lebensentwurfs eines ostdeutschen Aussteigers; die Resonanz auf sein Buch bei der Kritik war bereits eindrucksvoll, nun wird es sein verdientes Publikum finden." Während Platthaus' Favoritin allerdings Strubels Roman ist: "Derart kompromisslos erzählt kein anderes der sechs Bücher. Nicht einmal Christian Kracht. Seine wunderbare Selbstironie hält im Vergleich mit der elementaren Wucht von Antje Rávik Strubels Roman dann doch nicht stand." Judith von Sternburg in der FR rät derweil dazu, beim Wettbüro auf Mithu Sanyals Roman zu setzen, denn "hier kommt viel zusammen, Identitätsthemen der Stunde und ihre möglicherweise auch bizarren Folgen, mit Witz, Klugheit und Blick für das satirische Potenzial in allen Dingen verhandelt und in eine schnittige Literatur gebracht."

In der Welt verteidigt die buchpreisnominierte Schriftstellerin Antje Rávik Strubel zudem das Gendersternchen, auch aus der Perspektive, dass sie für ihren Roman "Die Blaue Frau" ein geschlechtsneutrales Personalpronomen gut hätte brauchen können. Dass ihr das Gendersternchen gefällt, liege vielleicht auch daran, dass es "kein Wort ist, keine Benennung im herkömmlichen Sinne, kein weiteres Label, das ein Leben aufspießt wie einen toten Schmetterling, sondern einfach zwischen den Buchstaben hervorstrahlt. Er sorgt für einen leichten Schwindel, eine Ver*rückung innerhalb eines Wortes. Der gewohnheitsmäßige Trott unserer Wahrnehmung kommt kurz ins Stolpern. Als Schriftstellerin neige ich zur kleinen Irritation, zum ästhetischen Spiel. Erfindungen wie diese kurbeln meine Fantasie an."

Magnus Klaue rettet in der Jungle World die Schriftstellerin Johanna Spyri vor dem ewigen Abgrund des Kitschverdachts, in den sie die Verfilmungen ihrer "Heidi"-Romane gerissen haben. In ihrer Biografie "verschränkten sich Erfahrungen provinzieller Enge mit Tendenzen der anbrechenden Moderne. .. Dass Spyris 'Heidi'-Geschichten ein ländliches Idyll zeichnen würden, das gegen die zersetzenden Einflüsse modernen Lebens als Fluchtphantasie fungiert, lässt sich auch mit bösestem Willen nicht behaupten. In Spyris 'Heidi'-Welt gibt es keine einzige heile Klein- oder Großfamilie, sondern nur fehlende Mütter, abwesende Väter sowie Großeltern und Tanten, die die Elternfunktion übernehmen, während Heidi das, was ihr von Eltern und Großeltern als Tradierung angesammelter Erfahrung hätte beigebracht werden sollen, in Wahrheit gerade dadurch lernt, dass sie die Blutsbande überschreitet."

Weiteres: Der von GQ als "Schriftsteller des Jahres" ausgezeichnete Science-Fiction-Autor und Putin-Kritiker Dmitry Glukhovsky würde diese Auszeichnung viel lieber an George Orwell und den italienischen Kinderbuchautor und Kommunisten Gianni Rodari weiterreichen, berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Tell dokumentiert Jochen Schimmangs Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Italo-Svevo-Preis.

Besprochen werden unter anderem Guy Delisles Comic "Lehrjahre" (taz), Anne Boyers Essay "Die Unsterblichen" (FR), Alfred Galls Biografie über Stanislaw Lem (NZZ), Colson Whiteheads "Harlem Shuffle" (SZ), Antonio Scuratis "M. Der Mann der Vorsehung" (Zeit), Walter Boehlichs "Ich habe meine Skepsis, meine Kenntnisse und mein Gewissen" mit Briefen von 1944 bis 2000 (NZZ) und Antje Rávik Strubels "Blaue Frau" (FAZ).
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Film

Kleines Budget, große Wirkung: Tatjana Turanskys "Eine flexible Frau" (Filmgalerie 451)

Die feministische Filmemacherin und "ProQuote Film"-Mitbegründerin Tatjana Turanskyj ist gestorben. Mit ihr geht eine Wegbereiterin, eine Kämpferin und ein Vorbild, schreibt die Schauspielerin Mateja Meded auf ZeitOnline und erinnert an Turanskyjs Debütlangfilm "Die flexible Frau" von 2010: "Sie hat bewusst das Wort 'flexibel' in den Titel dieses Films gesteckt, weil es ein Synonym für Weiblichkeit ist, für sie hieß dieses 'flexibel' 'in schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs zu arbeiten, wo es wenig Aufstiegsmöglichkeiten gibt, und vor allem Teilzeit'. ... Als ich den Film sah, war ich geschockt, aber auch zugleich wütend, weil die damaligen Themen immer noch aktuell sind und weil Regisseurinnen, die solche Filme machen, ein Budget bekommen, das so lausig ist, dass andere dafür nicht einmal aufstehen würden. Regisseurinnen, die solche Filme machen, müssen weiterhin für jeden neuen Film wie Löwinnen kämpfen. Und auch darum, ihre Miete zahlen zu können. Der Film 'Eine flexible Frau' beschreibt auf sehr Tatjana-typische Weise, wie Antifeminismus und neoliberaler Kapitalismus zusammenhängen." Die Filmemacherin "hatte eine Vision für den deutschen Film, die sich mit den Anforderungen einer Industrie nur schwer vereinbaren ließ", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Dass sie trotzdem an das Kino glaubte, macht ihr Schaffen so heroisch."

Außerdem: Die FAZ hat Bert Rebhandls Bericht vom Filmfestival Toronto online nachgereicht.

Besprochen werden Philipp Stölzls Verfilmung der "Schachnovelle" (Tagesspiegel, FAZ), das Demenz-Drama "The Father" mit Anthony Hopkins (Tagesspiegel), die Serie "The Many Saints of Newark", die die Vorgeschichte der Sopranos erzählt (ZeitOnline), eine Berliner Ausstellung über die Drehbuchautorin und Berliner Salonierin Salka Viertel (Welt) und die auf Arte gezeigte Doku "Öl. Macht. Geschichte" (FAZ).
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Archiv: Film

Bühne

Szene aus "Die Jakobsbücher". Bild: Krafft Angerer

"Besser kann man Tokarczuks Werk im Theater wohl nicht gerecht werden", glaubt Christiane Lutz in der SZ nach Ewelina Marciniaks Adaption von Olga Tokarczuks Monumentalwerk "Die Jakobsbücher" am Hamburger Thalia Theater. Marciniak hat die Geschichte um den polnischen Juden Jakob Frank, der zunächst eine mystisch geprägte Befreiungsbewegung gründete, erst zum Islam und dann zum Christentum konvertierte, formstreng "auf den Punkt" inszeniert, staunt Lutz: "Marciniak führt die Religionen und Religiosität nicht vor. Der Diskurs, der Streit, ist immer auch ein Spiel, sich zu entwickeln. (…)  Tausende Juden sind damals in katholischem Übereifer in Polen (zwangs-)getauft worden, eine brutale Aktion vermeintlicher Gleichmachung, nur damit danach alle bedröppelt feststellen, so richtig gleich sei man immer noch nicht. Fremdheit ist für Marciniak nichts, das es grundsätzlich zu überwinden, plattzuwalzen gilt. Mit Eleganz balancieren sie und ihr großartiges Ensemble an diesem einnehmenden Theaterabend auf dieser feinen Linie zwischen Fremdheit und Nähe, die es vielleicht zu erhalten gilt, damit die Menschen respektvoll zusammenleben können."

Außerdem: Im Tagesspiegel gratuliert Frederik Hanssen der Deutschen Oper Berlin in einer "Liebeserklärung" zum sechzigjährigen Bestehen. Der Prozess gegen den belgischen Choreografen Jan Fabre, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, beginnt im kommenden März, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft, meldet der Standard mit APA. In der nachtkritik denkt Janis El-Bira darüber nach, warum es an deutschen Bühnen derzeit gleich drei Inszenierungen gibt, die sich dem Ödipus-Mythos widmen.

Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Brechts "Die Mutter" im Berliner Einsemble (taz), Simone Sterrs "99 Schritte zum Meer" inszeniert von der Bremer Shakespeare Company am Bremer Theater am Leibnizplatz (taz), Matthias Ripperts Inszenierung von Jaroslav Haseks "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" am Landestheater Linz (Standard), Karin Beiers Inszenierung von Ian McEwans Roman "Kindeswohl" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ) und Frank Castorfs Inszenierung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" am Wiener Burgtheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

In der NZZ porträtiert Susanna Koeberle den Genfer Landschaftsarchitekten Georges Descombes, der seit 20 Jahren damit beschäftigt ist, den Fluss Aire bei Genf zu renaturieren, indem er eine "Art Verdopplung des Flusslaufes" vornimmt, um die bestehende Kanalisierung zu erhalten und daneben den natürlichen Flusslauf wieder zu ermöglichen: "Dadurch macht der Landschaftsarchitekt zum einen die Geschichte der Zähmung des ehemals mäandrierenden Wasserlaufs sichtbar, zum anderen lässt er eine kontrollierte Verwilderung zu; er lässt dort eben den Fluss die Arbeit machen. Durch das Schaffen einer Promenade entlang des Kanals und die Gestaltung des Zwischenstücks entsteht zudem ein öffentlicher Raum mit Aufenthaltszonen." Für dezeen schaut sich Tom Ravenscroft die zehn Installationen an, die derzeit bei der Architektur Biennale in Chicago unter dem Motto "The Available City" zu sehen sind.
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Musik

Die FAS hat Thomas Lindemanns Porträt des Pianisten Vikingur Ólafsson online nachgereicht, der wenig davon hält, beim Konzert einfach nur zu spielen, sondern nicht damit aufhört "zu erklären, er spricht mitten beim Spielen und er spielt sprechend, er zieht seine Hörer in den Bann, holt sie zu sich heran, entführt sie in die Welt der Klassik." Ueli Bernays schreibt in der NZZ über Madonnas kurzen Auftritt bei den MTV Music Awards. Max Nyffeler berichtet in der FAZ vom Festival "Klangspuren" in Tirol. Jens Balzer schreibt auf ZeitOnline einen Nachruf auf Richard H. Kirk von Cabaret Voltaire. Außerdem schreibt Andrian Kreye in der SZ zum Tod des Jazz-Bassisten George Mraz.

Besprochen werden ein Hartmann- und Strawinsky-Abend mit den Berliner Philharmonikern (jW) und das Album "Loving in Stereo" von Jungle (FR). Wir hören rein:

Archiv: Musik