Efeu - Die Kulturrundschau

Helle Schlangenlinien über dunklem Grund

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21.09.2022. Die Shortlist für den Buchpreis kann mit ihrem gesellschaftspolitischen Blick nur die taz erfreuen, FAZ und Tagesspiegel gähnen: zu viel Etabliertes, zu wenig Ästhetik. Der Guardian horcht auf, wenn William Kentridge in der Royal Academy Südafrikaner zu chinesischen Revolutionsopern tanzen lässt. Die FAZ folgt Rosa Loy in ihre allein von Frauen bevölkerten Traumwelten. Die NZZ erlebt in Basel, wie Christoph Marthaler Webers "Freischütz" entstaubt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2022 finden Sie hier

Literatur

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da. Hoffnungen auf die am 17. Oktober bekannt gegebene Auszeichnung können sich Fatma Aydemir ("Dschinns"), Kristine Bilkaue ("Nebenan"), Daniela Dröscher ("Lügen über meine Mutter"), Jan Faktor ("Trottel"), Kim de l'Horizon ("Blutbuch") und Eckhart Nickel ("Spitzweg") machen. Diese und alle weiteren Bücher aus der Longlist finden Sie natürlich auch auf dem Büchertisch zum Deutschen Buchpreis bei unserem Online-Buchhandel Eichendorff21.

Diese Shortlist "hat etwas den aktuellen gesellschaftlichen Raum zu ertasten Suchendes", stellt Dirk Knipphals in der taz fest. Also Themenliteratur statt Kunst? Darum geht es nicht, findet er, "sondern darum, wie zu schreiben ist. Und es ist eben kein außerliterarischer Aktivismus, wenn man feststellt, dass man bei literarischen Urteilen besser auch den Raum wahrnimmt, in dem man sie fällt." In der FAZ muss Andreas Platthaus eher gähnen: Die Jury stellt "ihre Liebe zum Etablierten" unter Beweis. Alle Bücher stammen aus großen Verlagen, während sich auf der Longlist noch Preisverdächtiges aus kleineren Verlagen fand.

Geradezu "egal" findet Gerrit Bartels im Tagesspiegel die Shortlist. Dass in der Begründung von "überzeugenden ästhetischen Eigenheiten" die Rede ist, nimmt er der Jury nicht ab: "Warum steht das literaturästhetisch überzeugendste Buch, nämlich Esther Kinskys 'Rombo' nicht auf der Shortlist? Weil womöglich doch primär auf Inhalt und Stoffe geachtet wurde?" Er vermisst Anna Kim ("Geschichte eines Kindes") auf der Shortlist wie Norbert Gstrein und Robert Menasse auf der Longlist. Wirklich überzeugen kann ihn nur "Nickels 'Spitzweg', der allein schon durch das Künstliche seiner Atmosphäre, seines Settings und der Spitzweg-Referenzen wegen Spaß macht. Die Kunst, sie ist in diesem Roman Lebensform und Objekt zugleich, ein Spiegel auf den Gründen der Seele und des Ichs. Ob die Jury den Mut hat, diesen tatsächlich besten Roman dieser Liste mit dem Deutschen Buchpreis auszuzeichnen?"

Außerdem: Im Standard gratuliert Ronald Pohl dem Horrormeister Stephen King zum 75. Geburtstag. In der Welt erinnert Tilman Krause an den französischen Schriftsteller Henry de Montherlant, der sich vor fünfzig Jahren umgebracht hat. 54books dokumentiert Nicole Seiferts Nachwort zu ihrer Übersetzung von Shirley Jacksons "Krawall und Kekse". Und fällt Amanda Gormans Ansprache bei der UN eigentlich wirklich unter Lyrik? Unser Resümee dazu in der Debattenrundschau.

Besprochen werden unter anderem Jan Faktors Ost-Berlin-Roman "Trottel" (Tsp, NZZ), Flix' Comic "Das Humboldt-Tier - Ein Marsupilami-Abenteuer" (taz), Miku Sophie Kühmels "Triskele" (Intellectures), Peter Kurzecks Romanfragment "Und wo mein Haus?" (FR), Martin Kordićs "Jahre mit Martha" (SZ) und Rachel Cusks Aufsatzsammlung "Coventry" (FAZ).
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Kunst

William Kentridge: Notes Towards a Model Opera. 

Wie stets bei William Kentridge gibt es auch in seiner Ausstellung in der Royal Academy viele Megafone, Kameras, Schreibmaschinen und Bäume zu sehen, gibt Adrian Searle im Guardian zu, aber immer wieder packen ihn die Arbeiten des südafrikanischen Künstlers zu Kolonialismus und Apartheid: "Hinzu kommen Wandteppiche, die von alten Landkarten abgeleitet sind und die Aufteilung eines Kontinents durch die europäischen Großmächte des 19. Jahrhunderts darstellen, sowie ein Film mit drei Leinwänden, der auf den Opern basiert, die Mao Zedongs Frau Jiang Qing während der chinesischen Kulturrevolution schuf. Kentridge hat die Handlung nach Südafrika verlegt, wo eine schwarze Ballerina mit Fahne und Gewehr tanzt, in einem Werk, das auf den chinesischen Wirtschaftskolonialismus im heutigen Afrika anspielt. An anderer Stelle der Ausstellung treffen wir Kentridge in seinem Atelier. Er steht neben sich, ein durch einen einfachen filmischen Trick geteiltes Ich; beide identisch gekleidet, beide mit Glatze, beide mit dem Zwicker am schwarzen Band. Kentridge, der Künstler, sitzt an seinem Schreibtisch, umgeben von Zeichenmaterial und den Werkzeugen seines Handwerks. Neben ihm steht sein übermächtiges Über-Ich, das wie ein Schulmeister über sein träges, lethargisches Double schimpft und spottet. Momente des Humors sind hier willkommen."

Rosa Loy, aus der Ausstellung "Flaneurin" im Frauenmuseum Wiesbaden.


FAZ-Kritikerin Katinka Fischer lässt sich im Frauenmuseum Wiesbaden von Rosa Loy hinab in die figurativen Traumwelten der Leipziger Malerin führen: "Loys Bildideen erscheinen so rätselhaft, weil eine mögliche Erzählung eingefroren ist wie ein Filmstill. Man kann sie kaum entschlüsseln, obwohl sie doch aus einem realistischen Formenvorrat schöpfen und nicht selten die Kunstgeschichte heraufbeschwören. So greift die Künstlerin bei ihren Gemälden bevorzugt zu Kasein, dessen kreidig matte Oberfläche an Renaissancefresken erinnert. Komponiert wie eine traditionelle Pietà ist auch das 2004 entstandene Gemälde 'Mondlicht' - mit dem Unterschied, dass das Kind, das die Mutter in ihren Armen hält, den Körper einer jungen Frau hat, während sich seine Gliedmaßen verflüssigen und in hellen Schlangenlinien über dunklen Grund mäandern."

Weitere Artikel: In der FR erklärt Lisa Berins, wie sich die Macher der Documenta einen fairen Kunstmarkt vorstellen: In der Lumbung Gallery setzt sich der Preis eines Kunstwerks aus den eingesetzten Mitteln, der Arbeitsszeit und dem weltweit höchsten, in Australien gezahlten Mindestlohn zusammen. Seltsam dünn scheint, was das Kunstmuseum Bern in seiner Bilanz des Falles Gurlitts präsentiert: Von den 1600 Arbeiten, die sich im Besitz des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und später seines Sohnes befanden, wurden bisher lediglich elf Werke als Raubkunst identifiziert, berichtet Kito Nedo in der SZ.
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Film

Auf der Suche nach dem Popcorn: Die "Star Wars"-Serie "Andor" (Disney)

Schon wieder eine neue "Star Wars"-Fernsehserie? Wer aus nichts als nur den besten Gründen der Überproduktion des Disney-Konzerns längst überdrüssig geworden ist, sollte es vielleicht nochmal mit der von Tony Gilroy betreuten Serie "Andor" versuchen, rät ein ziemlich schwärmender Peter Huth in der Welt. Zu erleben gebe es "intensives, erwachsenes Fernsehen, das mit fast krimineller Energie und Tatkraft die Vorzüge des seriellen Erzählens anwendet und nutzt. ... Mit dickenshafter Akribie schaut Gilroy auf seine Figuren, auf die, die im Schlamm stehen und auf die in den luxuriösen Lofts der Hauptstadt." Fazit? "No more popcorn sozusagen."

Außerdem: Die alte Garde von Filmemachern, die in den Siebzigern das US-Kino erneuert haben, verschwindet langsam in den endgültigen Altersruhestand, seufzt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Andreas Scheiner wirft für die NZZ einen Blick ins Programm des Zurich Film Festivals.

Besprochen werden Ruben Östlunds Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness", den das Zurich Film Festival zeigt ("Was hat die Jury geritten", fragt sich ein völlig fassungsloser Andreas Scheiner in der NZZ), Annika Pinskes Bildungsaufstiegsdrama "Alle reden übers Wetter" (Presse, Jungle World, der Filmdienst hat mit der Regisseurin gesprochen), Olivia Wildes "Don't Worry Darling" mit Florence Pugh und Harry Styles (Tsp) und Johan von Mirbachs von Arte online gestellte Knast-Doku "Weggesperrt - Bürger hinter Gittern" (taz).
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Stichwörter: Star Wars, Gilroy, Tony

Bühne

Christoph Marthalers "Freischütz"-Inszenierung an der Oper Basel. Foto: Ingo Höhn

In der NZZ kann Christian Wildhagen nicht glauben, wie viel Witz und Abgründigkeit Christoph Marthaler in Basel aus Webers verstaubter Schaueroper "Der Freischütz" holt, auch wenn er, zugegeben, am Ende kapitulieren müsse: "Mit den Absurditäten hat der Regisseur in dieser Oper leichtes Spiel: Das gesamte Brauchtum der Jägerwelt inklusive Vereinswesen, Leistungsdruck und Versagensängsten wird deftig aufs Korn genommen. Den berühmten Jägerchor mit seinem 'Joho! Trallala!' verstreut er in verschiedenen Adaptionen über das gesamte Stück - einmal darf ihn sogar das Orchester in Bierhumpen brummeln. Dass das Ganze nicht vollends in die Persiflage kippt, dafür sorgt das zweite Thema: Rolf Romei als Jägerbursche Max und die großartige Nicole Chevalier als dessen unerreichbare Geliebte Agathe zeigen uns zwei Menschen, die in sich selbst gefangen sind - weil sie keine Sprache für ihre Befindlichkeiten und für den anderen besitzen."

Weiteres: Im Tagesspiegel-Interview geben Susanne Moser und Philip Bröking, die Berlins Komische Oper jetzt als Doppelspitze leiten, einen Ausblick auf ihre erste Saison, die mit Luigi Nonos "Intolleranza" starten wird. In der taz freut sich Dorothea Marcus über die Verleihung des Ibsen-Preises, der weltweit höchsten Theater-Auszeichnung, an das inklusive Back to Back Theatre aus Australien. Besprochen wird Bizets "Carmen" an der Hamburger Staatsoper (wie neu hörte Julia Spinola in der SZ die Musik unter Dirigent Yoel Gamzou, während sie über Herbert Fritschs "Blödelregie" keine weiteren Worte verlieren möchte).
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Musik

Die FAZ lässt sich von Margriet Lautenbach und Martijn Vercammen vom Akustikbüro Peutz erzählen, wie sie das Casals Forum in Kronberg im Taunus zum Klingen brachten. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Keyboarder Don Preston zum 90. Geburtstag. Außerdem hat die Zeit Wolfram Goertz' Porträt des jungen finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä (unser Resümee) online nachgereicht.

Besprochen werden eine Aufführung von Charles Mingus' "Epitaph" durch die Berliner Philharmoniker ("so klingt Liebe zu Möglichkeiten", schreibt Kristof Schreuf in der taz), das neue Album von Roland Kaiser (Standard), das neue Album des Jazzprojekts Ragawerk (FR) und "LongGone", das neue Album des Jazzquartetts Redman Mehldau McBride Blade, das SZ-Kritiker Andrian Kreye zum Verdruss seiner Familie kaum von seiner Hifi-Anlage nehmen kann.

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