Efeu - Die Kulturrundschau
Gefangene unserer eigenen Egos
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30.08.2024. In Venedig spaltet Andres Veiels Doku-Film über Leni Riefenstahl die Gemüter: Warum heute noch Riefenstahl, fragt der Tagesspiegel, viel Gegenwart entdeckt der Filmdienst. Indes feiern die Kritiker Angelina Jolie, die so athletisch den Geist von Maria Callas beschwört. Ein bisschen platt kommt der FAZ eine Kant-Installation in Potsdam vor. Die taz staunt, wie gut die Tanzszene in Dresden vernetzt ist. Das Van-Magazin spricht mit dem Komponisten Walter Zimmermann über dessen Musikphilosophie.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
30.08.2024
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Film

Die Filmfestspiele in Venedig nehmen Fahrt auf. Mit "Maria" schließt der chilenische Autorenfilmer Pablo Larraín seine Diven-Trilogie (nach "Jackie" über Jackie Kennedy und "Spencer" über Lady Di) nun mit einem Biopic über Maria Callas ab. Die Titelrolle spielt Angelina Jolie, die sich dafür, wie allen Kritiken zu entnehmen ist, mit geradezu athletischer Disziplin ans Werk gemacht hat. Das glückt gut, staunt Tobias Kniebe in der SZ spätestens beim Abspann, "als die Callas dokumentarisch wieder ganz real erscheint. Ihr doch so bekanntes Gesicht ist den Zuschauern da plötzlich eine Spur fremder geworden - so sehr hat man sich auf Angelina Jolies Züge und ihre Performance eingelassen. Und damit hat der Film natürlich gewonnen. ... Man begreift, dass dieser Regisseur der beste Geisterbeschwörer einer Zeit voll großer Persönlichkeiten ist, die es im digitalen Neid-Kleinklein der Gegenwart wohl nie wieder geben kann. Selbst Angelina Jolie ist bereits die Art von Filmstar, die heute wohl nicht mehr nachwachsen wird. Und wenn da plötzlich, ganz von Ferne, Marilyn Monroe erscheint und 'Happy Birthday, Mr. President' haucht, versteht man, dass Larraín auch diesen Film noch drehen muss - und man wünscht es sich. Von wegen Trilogie!"
Maria Wiesner feiert in der FAZ Angelina Jolie: "Ihre Maria Callas gibt den Ton an, behält die Kontrolle über jede Situation, aber ihre Augen verraten, dass die Person hinter diesem Lächeln so zerbrechlich ist wie Eis an einem Frühlingstag. Für die amerikanische Schauspielerin ist es eine Rückkehr zu ihren Wurzeln, denn fast hatte man in den vergangenen Jahrzehnten über ihren erfolgreichen Auftritten in Actionfilmen vergessen, wie tiefgründig sie eine Figur ausloten kann, wenn Drehbuch und Regie ihr die Chance dazu geben." Was die "Liebe zur Musik" betrifft, "wirkt der Film erstaunlich leer" auf FR-Kritiker Daniel Kothenschulte.

Früh, wenngleich "außer Konkurrenz", wurde Andres Veiels Dokumentarfilm "Riefenstahl" gezeigt, der im deutschen Feuilleton bereits vorab reges Interesse weckte (hier und dort unsere Resümees), da für diesen Film erstmals Riefenstahls umfangreicher Nachlass ausgewertet werden konnte. SZ-Kritiker Tobias Kniebe kriegt bei dem Film allerdings Bauchschmerzen: Entlarvende Dokumente werden oft bloß gezeigt, statt eingeordnet - wohl auch, damit der Film nicht journalistisch, sondern künstlerisch wirkt. Wer kein Kontextwissen mitbringt, verliere schnell die Orientierung. "Der an sich ja lobenswerte Impuls, Bilder für sich sprechen zu lassen, hat sich unter Dokumentarfilmern zu einer Art Fetisch entwickelt, der inzwischen oft genug den Blick vernebelt. ... Was in diesem Fall zu einer eher bitteren Erkenntnis führt: Versucht man, Leni Riefenstahl dingfest zu machen und dabei vor allem auf die Sprache der Bilder zu vertrauen - eine Sprache, die sie selbst nun einmal perfekt zu sprechen wusste - gewinnt am Ende doch wieder Leni Riefenstahl."
Andreas Busche ist sich im Tagesspiegel nicht sicher, was diese zwar "bewundernswerte Fleißarbeit" im Archiv mit ihrem allerdings "überschaubarem Erkenntniswert" heute bringt, wenn doch heute ganz akut Rechtsextreme nach der politischen Macht greifen: "Warum heute noch Leni Riefenstahl? Wie aufschlussreich ist die Auseinandersetzung mit dem politischen Weltbild und der gefährlichen Ästhetik von Hitlers Lieblingsregisseurin noch in einer Zeit, in der die AfD längst die manipulativen Werkzeuge der sozialen Medien für sich nutzt?"
Gerade deshalb tut dieser Film Not, entgegnet Jens Hinrichsen im Filmdienst: "Bei genauer Betrachtung steckt ohnehin viel Gegenwart in 'Riefenstahl'. Die Rede von Rudolf Hess aus 'Triumph des Willens', dass Hitler 'der Garant des Friedens' sei, wäre ohne den russischen Krieg womöglich nicht im Film. Riefenstahls Expeditionen zu den Nuba im Sudan ab 1962 werden im Kontext des Postkolonialismus behandelt. In den ausgewählten Szenen sieht man eine Fotografin mit Herrenmenschen-Attitüde. Sie schlägt Nuba-Männer mit einem Stock und wirft Kindern Bonbons zu; alles musste nach ihrer Pfeife tanzen, damit Riefenstahl die Bilder eines von der Zivilisation unberührten 'Naturvolks' in den Kasten bekam." In der taz führt Tim Caspar Boehme durch die teils bizarren Auftritte, die Riefenstahl in den im Film versammelten Archivbeiträgen hinlegt: "Hinterher fühlt man sich beschmutzt, ohne dass Seife helfen könnte."

NZZ-Kritiker Andreas Scheiner spricht mit Errol Morris, der in Venedig seinen neuen Dokumentarfilm "Separated" (basierend auf dem gleichnamigen Sachbuch von Jacob Soboroff) zeigt. Darin rechnet der US-Filmemacher mit Donald Trumps Einwanderungspolitik ab - und insbesondere mit den auf Trumps Geheiß durchgeführten Familientrennungen, derentwegen noch bis heute 2.000 Kinder von ihren Eltern getrennt sind. "Wenn ich mich aus den Fenster lehnen wollte, würde ich sagen: Es ist nazihaft. Es enthält Elemente einer nationalsozialistischen Politik. Bemerkenswert ist, wie die Trump-Regierung glaubte, alles leugnen zu müssen. Als hätten sie selber gewusst, dass es schlecht ist, schlecht aussieht und verwerflich ist. Zuerst haben sie es geleugnet, dann versuchten sie sich herauszureden. Es sei ein kleines Problem. Faschismus ist niemals klein. Er ist hässlich, verabscheuungswürdig.
Abseits vom Lido: Valerie Dirk empfiehlt im Standard dem Wiener Kinopublikum eine Tilda-Swinton-Filmreihe. Besprochen werden Torsten Körners Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen 2" über Frauen in der DDR (Welt), Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" (Standard, online nachgereicht von der FAZ, critic.de, unsere Kritik), die Netflix-Serie "Kaos" mit Jeff Goldblum (Presse, FAZ), die Arte-Serie "Blood River" (FAZ), neue Fantasyserien (Zeit), die japanische Netflix-Serie "Ōoku: The Inner Chambers" (54books) und die im ZDF gezeigte Serie "A Good Girl's Guide to Murder" (FAZ).
Literatur
Nora Zukker plaudert für den Tagesanzeiger mit dem Literaturkritiker Denis Scheck. Besprochen werden unter anderem Eric Bergkrauts "Hundert Tage im Frühling" (NZZ), Zora del Buonos "Seinetwegen" (NZZ), Matthias Wittekindts Krimi "Hinterm Deich" (FR) und Ines Geipels "Fabelland" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Eigentlich sollte diese von Susan Neiman, der Direktorin des Einstein-Forums beauftragte Installationsarbeit "Die Macht der Aufklärung - Walking with Kant" schon zu dessen 300. Geburtstag im April fertig sein, aber die Fördermittel ließen auf sich warten: Jetzt aber kann FAZ-Kritiker Andreas Kilb sich in der Potsdamer Orangerie auf die Arbeit von Regisseur und Experimentalkünstler Peter Greenaway und dessen Partnerin Saskia Boddeke einlassen. Ganz so spektakulär sind die verschiedenen Videos allerdings nicht: "Im zweiten Video geht es dagegen kantisch zur Sache. Pip Greenaway und Hendrik Aerts tragen jetzt Rokoko-Kostüme, er gibt den Philosophen, sie das Menschenkind, und anstelle der Boxerin tanzen die Bilder. Das ist beinahe schön, wenn Kristallgläser in Zeitlupe auf nassen Spiegelflächen zerplatzen oder die Kant-Figur das Gleichgewicht verliert und wie ein fuchtelnder Dirigent durch das schwarze Universum der Breitwandprojektion schwebt. Und es ist platt und volkshochschulhaft, wenn Kants vertrackte Wahrheiten zu krachenden Parolen aufgeputscht werden und sein Darsteller die Menschen als 'komplexe Affen', die Vernunft als Zerstörerin von 'Kronen und Kreuzen' und sich selbst als 'antisemitisch' bezeichnet."
Ziemlich schockierend findet Ingeborg Ruthe in der FR die Ausstellung "RAFNSU", bei der der Fotograf Andreas Mühe im Foyer des Technischen Entwicklungszentrums Techne Sphere Leipzig die Totenmasken deutscher Terroristen von RAF bis NSU fotografisch ins Szene setzt. Für die Bilder von Beate Zschäpe sowie ihren beiden toten Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ließ Mühe in einer Bildhauerwerkstatt nahe London die Masken der Terroristen formen, um sie dann zu fotografieren, informiert Ruthe: "Der Anblick ist krass. Diese Protagonisten zweier Mörder-Banden haben die Augen geschlossen. Einige sehen aus, als würden sie nur schlafen; Ensslins und Raspes Gesichter hat der Tod entstellt. Zschäpe scheint zu grinsen; sie sitzt für eine Ewigkeit ein." In ihrer Radikalität findet Ruthe die Ausstellung aber auch wichtig und beeindruckend: "Andreas Mühe sagt zu seiner - unangenehme Gefühle und Gedanken zur jüngeren deutschen Geschichte auslösenden - Serie 'RAFNSU': 'Ich bewege mich auf meinem Zeitstrahl der Geschichte, schiebe Ereignisse übereinander und vertausche sie. Nachdem Gerhard Richter mit seinem Zyklus '18. Oktober 1977' die Mitglieder der RAF zu Grabe getragen hat, hole ich die Verstorbenen wieder aus dem Grab.'"
Weiteres: Die NZZ schaut sich den Teppich von Bayeux einmal genauer an. Chemnitz ist 2025 europäische Kulturhauptstadt, die Welt schaut sich schonmal um. Die taz besucht die Ostfluencerin und Künstlerin Olivia Schneider. Auf den Spuren von Edvard Munch streift monopol durch Chemnitz.
Besprochen wird: "Landscapes of an Ongoing Past" im Salzlager der Zeche Zollverein (monopol).
Bühne
Maxie Liebschner schaut sich für die taz die gut vernetzte Tanzszene in Dresden an und spricht mit Choreografin Cindy Hammer darüber, was gerade diese Stadt auszeichnet: Sie "beschreibt die zeitgenössische Tanzszene ihrer Stadt als vital und produktiv. Charakteristisch seien zudem die verschiedenen künstlerischen Handschriften und Organisationsstrukturen. Ihre eigene Truppe, die go plastic company, ist gut mit anderen Tanzstilen, Gruppen und Vereinen vernetzt. Das Besondere an Dresden ist eben die gute Vernetzung in der freischaffenden Szene. Hammer spricht über das 'Tanznetz Dresden'. Es biete Training für Profitänzer:innen, Austauschformate und verschaffe Raum für verschiedene Präsentationsformate an Dresdner Spielorten und in Kunsträumen. Dieses Netzwerk ist in dieser Form deutschlandweit wohl einmalig." Dieser Zusammenhalt sei gerade in Zeiten, in denen die AfD die Finanzierung bedroht, wichtig, betont Liebschner noch.
Weiteres: Der Standard blickt auf die anstehende österreichische Theatersaison.
Besprochen wird: "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) auf dem Zürcher Theaterspektakel.
Weiteres: Der Standard blickt auf die anstehende österreichische Theatersaison.
Besprochen wird: "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) auf dem Zürcher Theaterspektakel.
Musik
Jeffrey Arlo Brown hat für VAN den Komponisten Walter Zimmermann auf ein Gespräch besucht, dem zu Ehren heute in Berlin eine Ausstellung mit Konzert eröffnet wird. Unter anderem geht es um dessen Philosophie der Melodie und deren Komposition: "Das konstruktivistische Arbeiten ist im Grunde genommen nichts anderes, als man in der Renaissance- oder Barockmusik machte, wo das Ich-Konzept noch nicht existierte im Sinn von 'Ich drücke mich aus'. Man komponierte mehr für eine Gemeinschaft: für alle und niemanden. ... Das wurde alles weggeschmissen, Ende des 19. Jahrhunderts. Wir sind jetzt frei. Aber wir sind auch Gefangene unserer eigenen Egos, nicht? ... In der Barockzeit gab es ein großes gemeinsames Verstehen von den Formen; sie waren Allgemeingut. Dass man diese Formen versteht, kann man heute nicht mehr sagen. Heute baut sich jeder Komponist sein eigenes Universum auf. Aber die Kunst ist, dass dieses eigene Universum noch irgendwie eine Allgemeinheit trifft, die nicht wie ein Diktat ist, - I dictate how you have to understand me, - sondern dass sich für den Hörer ein Verstehen von selbst einstellt. Es ist mehr ein offener Garten mit mehreren Eingängen und Ausgängen, nicht ein roter Faden, an dem du pädagogisch oder diktatorisch entlang gehen musst, um zu verstehen. Nicht von A nach B, sondern eine räumliche Struktur des Hörens oder Verstehens."
Außerdem: Kerstin Holm hat für die FAZ das "House of Rock" im russischen Samara, wo der Oligarch Wladimir Awetisjan seine Devotionalien aus der Rockgeschichte ausstellt: "ein Ort des ultimativen Eskapismus". Wolfgang Schreiber berichtet in der SZ vom Auftakt des Musikfests Berlin. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Jazz-Saxophonisten John Surman zum 80. Geburtstag. Die gerade sensationell aufsteigende Popmusikerin Chappell Roan macht ihren Job "unnormal gut", staunt Jakob Thaller im Standard.
Besprochen werden Laurie Andersons Experimental-Album "Amelia" über die Pilotin Amelia Earhart, die 1937 beim Versuch, als Erste mit einem Flugzeug den Globus am Äquator zu umrunden, ums Leben kam (taz), der von Andre Jegodka herausgegebene Gesprächsband "Kommst du mit in den Alltag? Lebenswelten von Musiker*innen" (taz), eine Bob-Dylan-Hommage in Halle von Cat Power (FAZ), Nick Caves neues Album "Wild God" (SZ, mehr dazu hier), das neue Album von Sabrina Carpenter (Standard), und ein Konzert der Capella Antiqua Bambergensis unter der Leitung von Wolfgang Spindler mit Jule Bauer in Mainz (FAZ).
Außerdem: Kerstin Holm hat für die FAZ das "House of Rock" im russischen Samara, wo der Oligarch Wladimir Awetisjan seine Devotionalien aus der Rockgeschichte ausstellt: "ein Ort des ultimativen Eskapismus". Wolfgang Schreiber berichtet in der SZ vom Auftakt des Musikfests Berlin. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Jazz-Saxophonisten John Surman zum 80. Geburtstag. Die gerade sensationell aufsteigende Popmusikerin Chappell Roan macht ihren Job "unnormal gut", staunt Jakob Thaller im Standard.
Besprochen werden Laurie Andersons Experimental-Album "Amelia" über die Pilotin Amelia Earhart, die 1937 beim Versuch, als Erste mit einem Flugzeug den Globus am Äquator zu umrunden, ums Leben kam (taz), der von Andre Jegodka herausgegebene Gesprächsband "Kommst du mit in den Alltag? Lebenswelten von Musiker*innen" (taz), eine Bob-Dylan-Hommage in Halle von Cat Power (FAZ), Nick Caves neues Album "Wild God" (SZ, mehr dazu hier), das neue Album von Sabrina Carpenter (Standard), und ein Konzert der Capella Antiqua Bambergensis unter der Leitung von Wolfgang Spindler mit Jule Bauer in Mainz (FAZ).
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