Efeu - Die Kulturrundschau

Das Schneckenhaus des Menschen

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25.10.2024. Die FR lässt sich von Neo Rauch und Rosa Loy im Museum der schönen Künste in Liberec die Kunst als "Hoffnungsmaschine" zeigen. Dass man vor Francis Bacon keine Angst haben muss, erkennt die FAZ in der Londoner National Portrait Gallery. Der Standard macht sich anlässlich des Deutschen Buchpreises Gedanken zur Ökonomie des Schreibens. Auch die Filmkritik ist in ökonomischen Schwierigkeiten, hält Artechock fest. Häuser können ihre Bewohner zurücklieben, lernt die Welt in Eileen Grays Villa E.1027. Valentina Magaletti zeigt der taz, was feministisches Schlagzeugspiel bedeutet.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2024 finden Sie hier

Kunst

Rosa Loy: Die andere Seite, 2009. Bild: Museum der schönen Künste.


Ingeborg Ruthe ist für die FR nach Tschechien gereist, um im Museum der schönen Künste in Liberec die Ausstellung "Verwobene Sphären" des Leipziger Künstlerpaars Neo Rauch und Rosa Loy zu sehen. In einem ehemaligen Schwimmbad, das nun das Museum beheimatet, fangen die Bilder an, miteinander zu kommunizieren: "Mit ihren märchenartigen Motiven flankiert die Malerin Rauchs verstörende 'Krönungs'-Zeremonie. Als wolle sie sagen, dass die Kunst eine Hoffnungsmaschine bilden kann. Als schaffe sie mit ihren farbleuchtenden weiblichen Figuren, die sich in keinem der Motive unterkriegen lassen, eine lebensfrohe, trotzige Unterströmung zu Neo Rauchs tiefsinniger Melancholie. Diese in den Tür-an-Tür-Ateliers der alten Leipziger Baumwollspinnerei entstandenen Werke, all diese frei fließenden mythologischen und märchenhaften Elemente, sind sehr intim. Doch sie lassen jeden Betrachter freundlich ein in diese Zeit-Raum-Ebenen zwischen Realem und Traum, auch Albtraum, zwischen Emotion und Flucht in die Distanz. Darauf angesprochen, wird Neo Rauch auf einmal witzig: 'Unsere Ausstellung ist total uncool; es entsteht Hitze durch emotionale Reibung.'"

"Keine Angst vor Francis Bacon", ermutigt Eva Ladipo in der FAZ, angesichts der Ausstellung "Francis Bacon: Human Presence" in der National Portrait Gallery in London. Bacon, vor allem als Chronist des Verstörenden bekannt, zeigt sich hier von einer anderen Seite, etwa in den Porträts, die er von Nahestehenden angefertigt hat: "Kein Modell sieht sich in Bacons Werken ähnlich, alle werden hässlich verzerrt. ... Ihn interessierten die körperlichen Ausströmungen und das 'Pulsieren'. Doch gerade deshalb zeugen die Bilder auch von Vertrauen, Loyalität und Kameradschaft innerhalb von Bacons berüchtigtem Freundeskreis." Manchen Bilder erscheinen Ladipo fast zärtlich, andere humorvoll: "Ein großes, farbenfrohes Gemälde zeigt seinen Liebhaber George Dyer mit dem untypischen Detail einer goldenen Armbanduhr. Der Legende nach soll Dyer dem Maler die gestohlene Rolex an ihrem ersten gemeinsamen Abend geschenkt haben. Fast zwangsläufig kulminiert die Ausstellung in dem berühmten Triptychon, auf dem der Selbstmord von Dyer dargestellt ist. Der animalisch verformte, bereits aufs Fleischliche reduzierte Geliebte übergibt sich, sitzt auf der Toilette und bricht zusammen. Doch selbst dieses rohe Abbild des Leids vermittelt mehr als Entsetzen, denn das dreiteilige Bildnis ist auch eine überwältigende Liebeserklärung an Dyer."

Weiteres: Eine Online-Petition fordert die Rückgabe der Nofretete nach Ägypten, berichtet der Tagesspiegel, bislang gibt es mehr als 21 000 Unterschriften. Monopol ist auf der Kunstmesse Contemporary Istanbul unterwegs.
Archiv: Kunst

Literatur

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Zwar "ist es nicht Kernaufgabe eines Buchpreises, die Kontoauszüge der Nominierten in Rechnung zu ziehen", schreibt Michael Wurmitzer im Standard zur Kontroverse um Clemens Meyer. Doch "weist Meyers Ausbruch auf etwas Wahres hin: Es geht doch immer ums Geld! So symbolisch und aufmerksamkeitsökonomisch wertvoll Auszeichnungen sind, sie werden auch in barer Münze gewogen", insbesondere im deutschsprachigen Raum, wo nach Ansicht der Kultursoziologin Carolin Amlinger sogar zu viele Preise und Stipendien vergeben werden. Denn "während Autoren früher Brotberufen nachgingen und daneben schrieben, ist die Zahl hauptberuflich Schreibender in den letzten Jahrzehnten parallel zur Anzahl von Literaturpreisen geradezu explodiert. Das führt neben sehr vielen neuen Büchern jedes Jahr à la longue zum Problem eines Prekariats alternder Autoren, die im Preisreigen von jüngeren abgelöst werden, zugleich aber kaum Pension zu erwarten haben."

Weiteres: Max Florian Kühlem spricht für die SZ mit der Comicautorin Liv Strömquist über die Ratgeberkultur auf Social Media, von der auch ihr neuer Comic handelt. Jens-Christian Rabe hat in der SZ viel Freude mit einem Tweet von Bob Dylan, dessen Frankfurter Auftritt mit der Buchmesse zusammenfiel und der, davon überrascht und irritiert, nun offenbar im Hotel Frankfurter Hof nachts nach dem auf Self-Publishing und Horrorschund spezialisieten Verlag Crystal Lake Publishing Ausschau hielt, um diesem zur Veröffentlichung einer Horrorgeschichte aus dem 19. Jahrhundert zu gratulieren.

Besprochen werden unter anderem Thomas Meineckes "Odenwald" (online nachgereicht von der Welt), Clemens Böckmanns "Was du kriegen kannst" (NZZ), Sebastian Molls "Das Würfelhaus. Mein Vater und die Architektur der Verdrängung" (taz), Sara Lundbergs Kinderbuch "Der Vogel in mir ..." (FR), Léonie d'Aunets "Reise einer Frau in die Arktis" (FAZ) und  Cemile Sahins "Kommando Ajax" (SZ).

Außerdem bringt die FAZ ein Gedicht von Arno Rautenberg:

"dichter und betrüger sind die kristallisationspunkte der gesellschaft
betrüger und dichter sind gute schauspieler ..."
Archiv: Literatur

Film

Die Filmkritik ist ökonomisch im Niedergang, stellt Rüdiger Suchsland in seiner Artechock-Glosse fest, nachdem er die Nominierten für den Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik des Jahres durchgesehen hat: "Vier der Nominierungen gingen an Kollegen, die im Online-Bereich arbeiten, nur eine an eine Print-Redakteurin, und die kommt aus der Schweiz. Nun wird aber online leider fast nichts verdient. Erkennbar ist hier zunächst mal aber die Abdankung der traditionellen Print-Medien vom traditionellen Journalismus, erst recht von der Kulturkritik. Zudem ist es auch sehr traurig, dass offenbar niemandem bislang aufgefallen ist, dass es zwar einen neugeschaffenen Preis für die 'Beste Innovative Form der Filmkritik' gibt, aber kein Jahresstipendium mehr. Und gekürzte Preisgelder." Ausgerufen wird der Preis vom Verband der deutschen Filmkritik, finanziert von der Filmförderung in Baden-Württemberg. Der Preis für die "beste innovative Form der Filmkritik" geht an dieses Diskursvideo (mehr dazu hier):



Welt-Kritiker Jakob Hayner gewinnt bei Mati Diops auf der Berlinale preisgekröntem, nun in Deutschland anlaufenden Restitutionsessay "Dahomey" (unser erstes Resümee) den Eindruck, "dass sich Diop selbst im Weg steht, dass ihre Parteinahme das Dokumentarische beschränkt." So lässt sie etwa "die Chance liegen, den Charakter des titelgebenden Königreichs - nämlich: Eroberungspolitik und Versklavung - stärker einzubeziehen. Oder allgemeiner etwas über Kunst und Ausbeutung zu erzählen."

Weitere Artikel: Susanne Lenz spricht für die Berliner Zeitung mit der Filmemacherin Helke Sander über ihr Lebenswerk als Pionierin des feministischen Films in Deutschland und warum sie zuletzt gegen Waffenlieferungen an die Ukraine protestierte. Valerie Dirk spricht im Standard mit der österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub. Peter Kremski erinnert sich auf Artechock an den bereits im August verstorbenen, französischen Filmhistoriker Jean Charles Tacchella. Caroline O. Jebens befasst sich in der Welt mit den Lieblinsfilmen der durchgeknallten Incel-Bewegung, als da wären "American Psycho" von Mary Harron, "Drive" von Nicolas Windig Refn und "Joker" von Todd Philipps. Robert Wagner empfiehlt auf critic.de die Retrospektive Edward Yang im Berliner Zeughauskino.

Besprochen werden Thomas Imbachs Selbstporträt "Say God Bye" über eine Pilgerwanderung zu Jean-Luc Godard (NZZ), zwei neue, auf der Viennale gezeigte Filme von Radu Jude (Standard), Pedro Almodóvars "The Room Next Door" (Artechock, unsere Kritik), Ernst De Geers "Hypnose" (critic.de), Chris Nashs Slasherfilm-Meditation "In a Violent Nature" (critic.de, Artechock), Marcus O. Rosenmüllers "Münter & Kandinsky" (Artechock), Simon Verhoevens "Alter weißer Mann" mit Jan Josef Liefers in der Titelrolle (FAZ), Claire Burgers "Tandem - In welcher Sprache träumst Du" (Artechock), die zweite Staffel der wegen teils kruder Thesen sehr kritisierten Netflix-Archäologieserie "Untergegangenen Zivilisationen auf der Spur" (FAZ) und Kelly Marcels Marvel-Verfilmung "Venom: The Last Dance" mit Tom Hardy (Standard, Artechock).
Archiv: Film

Architektur

Villa E.1027. Bild: Manuel Bougot.


Die Möbeldesignerin Eileen Gray hat 1929 mit der Villa E.1027 ein aufsehenerregendes Haus an der Côte d'Azur gebaut, das später von Le Corbusier verschandelt worden ist, wie Peter Praschl in der Welt zu berichten weiß: "Für Gray waren Häuser Organismen. Die Menschen, die in ihnen wohnten, hatten sich nicht den rigiden utopischen Vorstellungen ihrer Erbauer anzupassen, sondern das unverbrüchliche Recht, ihre Bedürfnisse nach Privatsphäre und Komfort erfüllt zu bekommen: 'Ein Haus ist keine Wohnmaschine. Es ist das Schneckenhaus des Menschen, seine Erweiterung, seine Entlastung, seine spirituelle Ausstrahlung." Lange hat es gedauert, doch jetzt ist das Haus wieder annäherungweise in seinen Ausgangszustand versetzt worden und man kommt "beim Besuch aus dem Staunen über die sinnigen Einfälle Grays nicht mehr heraus (...) die menschenfreundlichen Ideen hören gar nicht mehr auf. Es ist, als hätte Eileen Gray zeigen wollen, dass man von Häusern auch geliebt werden kann." Die Geschichte des Hauses zeigt jetzt auch der Film "E.1027 - Eileen Gray und das Haus am Meer", der gestern in den Kinos angelaufen ist.

Weiteres: Claudia Roth ärgert sich über die Attacken der AfD auf das Bauhaus (unser Resümee), die FR berichtet. Die SZ stellt das neue Warschauer Museum für Moderne Kunst vor.
Archiv: Architektur

Bühne

Ljubiša Tošić unterhält sich für den Standard mit der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff über deren Oper "Alma", die an diesem Samstag an der Volksoper in Wien uraufgeführt wird. Es geht um Alma Mahler-Werfel: "Abseits bekannter Klischees über die als Alma Schindler geborene Berühmtheit, die auf die Rolle als Muse und Femme fatale des Fin de Siècle reduziert wurde, ist eine Frau kennenzulernen, die sich als Künstlerin selbst erstickt hat und drei Kinder verlor. In der Oper tritt Alma mit Tochter Anna in den Dialog, die als einziges ihrer Kinder das Erwachsenenalter erreichte (1904-1988)." Die Ehe mit Gustav Mahler ließ sie künstlerisch verstummen: "Von diesem Gedanken ausgehend, will Milch-Sheriff die Geschichte einer Frau erzählen, die zudem meinte, 'es nicht verdient zu haben, Mutter zu sein. Ihre Kinder - Maria, Manon und Martin - starben ja. Nur Anna überlebt. Alma erwartete auch ein Kind von Kokoschka, beendet aber die Schwangerschaft vorzeitig. Ich glaube, die ersten drei Akte lang wird man Alma hassen, später aber ein bisschen verstehen. Man sieht in ihr eine Art Monster, das sie nicht war.' Mit im Operncharakter integriert ist natürlich auch Almas Antisemitismus, belegt durch zahlreiche Äußerungen. Milch-Sheriff hat diesbezügliche Ausfälle in der Oper nicht ausgelassen."

Besprochen wird Tschechows "Der Apfelgarten" in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Thalia Theater (Zeit).

Archiv: Bühne

Design

Diese Kaschmir-Tücher des Berliner Labels Lala Berlin sind sehr en vogue, hört man. Das KaDeWe soll den Tisch allerdings inzwischen abgeräumt haben.

Archiv: Design
Stichwörter: Kaschmir, Vogue

Musik

Lars Fleischmann porträtiert in der taz die Freejazz-Drummerin Valentina Magaletti, die gegen allzu männliche Auffassungen des Schlagzeugspiels anspielt: "Es gibt ein feministisches Schlagzeugspiel", sagt Magaletti. Und "sie hat es selbst bereits vorgemacht: 2020 erschien ihr Debüt-Soloalbum mit dem Titel 'A Queer Anthology of Drums'." Darauf "begibt sie sich auf eine acht Stücke umfassende Improvisationsreise, die versucht, die Geschichte des Free Jazz und der experimentellen Musik neu zu erzählen. Schwirrende Glocken, krachende Becken, ein Tröpfeln, der Einfluss von (männlichen) Ikonen wie Sven-Åke Johansson, Han Bennink und Milford Graves sind deutlich zu hören, obwohl Magaletti gerade ihre eigene Geschichte avantgardistischer Solokünstler*innen erzählt."



Weitere Artikel: Manuela Enggist porträtiert für den Tagesanzeiger die Schweizer Musikforscherin Mirjam Wirz. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über "Mmm Mmm Mmm Mmm" von den Crash Test Dummies.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Road Diary" über eine Tour von Bruce Springsteen (NZZ), ein Konzert von Víkingur Ólafsson und Yuja Wang in Wien (Standard) und die neuen Popveröffentlichungen der Woche, darunter "Cartoon Darkness" der australischen Punkband Amyl & The Sniffers (Tsp).

Archiv: Musik