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09.08.2025. Wie hielt es Dimitri Schostakowitsch mit Stalin, fragen sich die Feuilletons zum heutigen 50. Todestag des russischen Komponisten. In Russland jedenfalls werden die subversiven Botschaften seiner Musik einfach geleugnet, weiß die FAZ. Die taz lernt in Julian Vogels und Johannes Büttners Film "Soldaten des Lichts" die gefährlichen Heilmethoden von Verschwörungstheoretikern kennen. In der NZZ glaubt die in Russland geborene Schriftstellerin Anna Prizkau nicht an die Kraft politischer Literatur. Und der Guardian blickt in Paris zurück auf 5000 Jahre Geschichte Gazas.
Schostakowitsch-Festspiele in den Feuilletons zum heutigen 50. Todestag des russischen Komponisten. Insbesondere sein Verhältnis zur sowjetischenFührung steht anhaltend im Mittelpunkt des Interesses: Mit Stalin habe er viele Jahre "ein lebensgefährliches Katz-und-Maus-Spiel" getrieben, erinnert Jakob Knaus in der NZZ - und immer wieder werden in seiner Musik gut versteckte "subversive Botschaften" aufgedeckt. Angesichts des politischen Klimas in Russland heute aber stellt sich die Frage, ob "die Diskussion um den geheimen Hintersinn vieler Werke Schostakowitschs schon wieder systemfeindlich" ist. "Die Kulturbürokratie ist sich offenbar noch uneins, wie man mit dem nicht mehr zu leugnenden subversiven Gehalt von Schostakowitschs Musik umgehen soll." Kerstin Holm (FAZ) ist da schon besser informiert: In einem neuen Buch hat der äußerst linientreue Historiker LeonidMaximenkow unlängst den Versuch unternommen, den Komponisten wieder eindeutig auf sowjetischen Hurra-Patriotismus festzulegen. Der Autor "exerziert die feindliche Übernahme der Hochkultur durch den Staat vor, der auf deren Prestigewert Anspruch erhebt, während er auf deren menschlich-künstlerische Substanz pfeift."
Jan Brachmann (FAZ) stellt sich viele Fragen: "Gelingt es Schostakowitsch nie mehr, aus dem SchattenStalins herauszutreten? Oder zynischer: Ist Stalin ein Werbe- und Gruselmaskottchen für eine Kunst, der man sonst nichts zutraut? Und Schostakowitsch ein zielgruppenoptimierterDissident für ein westliches Publikum, das Helden liebt, aber selbst nichts riskieren will? Wer sich heute ehrlich mit Schostakowitsch auseinandersetzt, muss sich fragen: War der Komponist wirklich der 'Dissident', als den ihn die westliche Rezeption seit vier Jahrzehnten zu zeichnen versucht?" Nun, "politisch hat Schostakowitsch laviert wie zweihundert Millionen andere Sowjetbürger auch, hat manchem aus der Patsche geholfen und viele peinliche Unterschriften geleistet. ... Er war - spätestens nach 1936 - kein Stalinist mehr, aber nie ein offener Dissident. Was er als Künstler eigentlich war, muss erst noch entdeckt werden."
Der russische Exil-SchriftstellerMichailSchischkin (NZZ) sieht Schostakowitsch im Lichte seiner letzten Sinfonie - es gibt bei ihm "keine nichtautobiografische Musik" - als innerlich schwer zerrissenen, an seinen Widersprüchen leidenden Künstler: "Er wusste genau, was um ihn herum vorging, und schrieb doch Musik, die der verlogenen Propaganda diente. Er hasste die Partei und war in sie eingetreten. Er verachtete die Lakaien der Sowjetmacht und hielt untertänige Reden. Als man ihn anwies, einen Stein auf einen Gerechten zu werfen, tat er es: Er unterschrieb zornige Erklärungen der 'sowjetischen Intelligenz' gegen das Akademiemitglied Andrei Sacharow. Er wusste, er wurde als menschliches Antlitz eines Sklavenimperiums benutzt. Aber er wusste auch: Seine Musik hilft den Sklaven, zu überleben. Nicht allen, aber doch einigen."
Hier eine Aufnahme der Fünfzehnten durch das hr-Sinfonieorchester unter AndrésOrozco-Estrada:
Für Manuel Brug (Welt) ist Schostakowitsch gerade wegen dieser Ambivalenzen "der Klangchronist des 20. Jahrhunderts." Marco Frei spricht in der NZZ mit seit den Neunzigern in Deutschland lebenden Komponisten SergeiNewski darüber, was Schostakowitsch heutigen Komponisten noch zu sagen hat. Und das ND bringt einen epischen, dreigeteilten Longread von Berthold Seliger: Hier der erste Teil, die beiden weiteren sind unter dem Text verlinkt.
Themenwechsel: Mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" liegt die US-Forscherin CarlaShapreau richtig, die zu dem Schluss gekommen ist, dass sich die seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollene Stradivari der Familie Mendelssohn seit 2005 im Besitz des japanischen Geigers EijinNimura befindet, schreibt Helmut Mauró in der SZ. "Das ist nicht nur überraschend. Wenn sich all das bewahrheitet, ist es schlichtweg eine Sensation. Das Verblüffende an Shapreaus Fund: Jeder konnte dieses Instrument sehen, es war nicht verschwunden. Es hieß offenbar nur anders." Auf ihrer Website gibt Shapreau einen detaillierten Einblick in ihre Aufdeckung.
Weiteres: Ronald Pohl arbeitet sich im Standard an den politischen Fehlgriffen von RogerWaters ab, der gerade ein neues Livealbum veröffentlicht hat. Ruth Lang Fuentes versucht in der taz herauszufinden, warum Italopop in all seinen Schattierungen und Qualitätsniveaus in Deutschland von einem Revival ins nächste stolpert. Besprochen werden HerbertBlomstedts Gesprächsband "Mission Musik" (Standard), ein Konzert von Leftfield in Zürich (NZZ), KaeTempests Album "Self Titled" (FR) und ein Konzert der Jazzmusikerin NoraKamm in Frankfurt (FR).
Bestellen Sie bei eichendorff21!AnnaPrizkau kam im Alter von sieben Jahren aus Russland nach Deutschland, landete in den Feuilletons von FAZ und FAS, 2021 las sie beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, jetzt liegt ihr Debütroman "Frauen im Sanatorium" vor, der in einer psychiatrischen Klinik spielt. "Vielleicht sieht man in meinem Buch etwas von unserer schönen, todunglücklichenWohlstandsgesellschaft", sagt sie im NZZ-Gespräch mit Michael A. Gotthelf. "Und vielleicht hört man auch das heranziehende Grollen einer neuen dunklen Zukunft, die uns leider bevorsteht." PolitischeLiteratur lehnt sie allerdings ab: "Wer eine Agenda hat, will etwas verändern. Aber Literatur, selbst die größte, selbst die allergrößte, kann die Welt nicht verändern. Sie kann im besten Fall Erfahrungen, die wir alle kennen, in Worte und Sätze fassen, die uns vorher fehlten, sie kann uns Vertrautes neu zeigen. Und sie kann überleben - Zensur, Diktaturen und Unterdrückung!" Und außerdem "kenne ich keinen einzigen gelungenen Roman, der einer politischen Agenda folgt. Denn wenn man ein Aktivist ist, dann glaubt man zu wissen, wer gut ist und wer böse." Bernhard Heckler berichtet in der SZ von einem Mittagessen mit der Schriftstellerin, die ihr mit ihrer Leidenschaft für den Boxsport und Zigaretten merklich imponiert. Weitere Artikel: Der Historiker Jochen Gmehling plädiert im Literarischen Leben der FAZ dafür, die zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten entstandenen Tagebücher der Berliner Reporterin BellaFromm wiederzuentdecken - nicht nur, aber auch wegen ihrer "in dieser Form nur selten anzutreffenden politischenUrteilsfähigkeit, die den Vergleich mit heute viel bekannteren jüdischen Intellektuellen und Totalitarismusforschern wie HannahArendt oder RaymondAron nicht zu scheuen braucht". Mara Delius blickt für die WamS in Debatten in den USA (hier und dort), die beklagen, dass kaum noch junge, weißeMänner Bücher schreiben und, ja schlimmer noch, die Öffentlichkeit jegliches Interesse an großenRomanwürfen verloren habe. Roman Bucheli wägt in der NZZ das Für und Wider von KI in der Literatur ab. Derweil liefert der Berliner Schriftsteller MosheSakal in "Bilder und Zeiten" der FAZ den nächsten Teil seiner Gesprächsreihe mit einer KI. Heike Holdinghausen spricht für die taz mit der BestsellerautorinKatharinaHagena. Die Juristin und SchrifstellerinElisaHovenerklärt Marc Reichwein in der LiterarischenWelt (online nachgereicht), was das Strafrecht aus der Literatur lernen kann. Malte Osterloh erinnert sich in der FR an eine Begegnung mit dem Thomas-Mann-Herausgeber und SchriftstellerPeterdeMendelssohn. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erzählt Jan Röhnert, wie MarleneDietrich einmal im Kalten Krieg nach Moskau gereist ist, weil sie nach der Lektüre der Erzählung "Das Telegramm" unbedingt deren AutorKonstantinPaustowski kennenlernen wollte. In der FAS liest sich Bettina Hartz durch neue Kinderbücher über den Tod. Und die tazdokumentiert den Aufruf einer Handvoll Autorinnen und Autoren, das Tucholsky-Museumin Rheinsberg zu retten.
Besprochen werden unter anderem ChristianBarons "Drei Schwestern" (taz), der Briefwechsel zwischen IngeborgBachmann und HeinrichBöll (online nachgereicht von der FAZ), SimonSchwartz' Comicadaption von AlfonsKaisersBiografie über KarlLagerfeld (taz), GaeaSchoeters' "Das Geschenk" (FR) und SayakaMuratas "Schwindende Welt" (FAS). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologieschreibt Frieder von Ammon über Goethes "Veni creator spiritus!":
"Komm heilger Geist du Schaffender Komm Deine Seelen suche heim; Mit Gnaden-Fülle segne sie ..."
Für die Welt trifft sich Jakob Hayner mit dem Dramatiker Roland Schimmelpfennig, dessen neuestes Stück "See aus Asche - Das Lied der Nibelungen" derzeit bei den Nibelungenfestspielen in Worms zu sehen ist. In der Berliner Zeitungspricht Ulrich Seidler mit dem Schauspieler Jens Harzer, der ab der kommenden Saison am Berliner Ensemble spielt. Besprochen wird "Sweat. Ein Musclical" von Daniel Wetzel und Rimini Protokoll im Berliner Radialsystem (nachtkritik).
"Soldaten des Lichts". Julian Vogel und Johannes Büttner Sehenswertes politisches Kino annonciert Jens Balkenborg in der taz mit dem Dokumentarfilm "Soldaten des Lichts" von Julian Vogel und Johannes Büttner, die nüchterne, aber doch erschreckende Einblicke in die Schwurbler- und Verschwörungstheoretiker-Szene gewähren. Unter anderem begleiten sie den der Reichsbürgerszene nahestehenden "roh-veganen" Influencer David, der sich einbildet mit "kruden" Methoden Krebs oder psychische Krankheiten heilen zu können: "Es macht schwindelig, wie sich in diesen Kreisen ... die verrücktesten Ideen ganz selbstverständlich aufeinanderstapeln. Da sagt ein gefeierter Geistheiler im Interview mit David so etwas wie 'In der Endzeit ist alles möglich', er hält die Putzfrau für einen 'Repto' - Verschwörungsdeutsch für Reptiloid, ein menschenähnliches Wesen mit reptilienartigen oder außerirdischen Eigenschaften - und erzählt dem Influencer in der Interviewpause, dass er mit seinen Pseudotherapien soviel Geld gemacht habe, dass er nicht wisse, wohin damit."
Außerdem: Hannah Segers berichtet im Standard, dass der auf Arthaus, Independent- und Autorenfilme spezialisierte Streamer und Produzent Mubi erheblichen Gegenwind von Künstlern und Publikum bekommt, weil er Investmentmittel der Risikokapitalgesellschaft SequoiaCapital angenommen hat, die auch Rüstungs-Startups fördert. Besprochen werden die große Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (FD), ÓliverLaxes "Sirāt" (WamS, unsere Kritik), ÁlvaroLongorias Dokumentarfilm "Ecce Homo" über die Entdeckung eines echten Caravaggio in einem Hausflur in Madrid (FAZ) und CarineTardieus "Was uns verbindet" (SZ).
In der Welt rät Jan Grossarth dringend zu einem Besuch im spanischen Cáceres, dem die deutsche Industriellentochter Helga de Alvear vor vier Jahren ein neues Museum gestiftet hat. Picasso, Klee oder Goya sind hier ebenso zu finden wie Ai Weiwei, aber auch die Architektur betört: "Die Architektur des Museumsbaus, verantwortet vom Madrider Büro Mansilla + Tuñón, schafft kein Spektakel, aber eine angenehme Atmosphäre. Das elegante, von schlanken Vertikalen geprägte Bauwerk ist wie ein Alter Ego des gegenüberliegenden Gründerzeitbaus. Die Ausstellung wechselt, der Fundus ist groß. Das Museum beherbergt eine der umfangreichsten privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst Europas, erklärt uns eine Mitarbeiterin - mehr als 3000 Werke."
Weitere Artikel: Seit drei Jahren steht das in den 1980er Jahren von dem Architekten Rudolf Weißer entworfene, längst sanierungsbedürftige Chemnitzer Schauspielhaus leer, inzwischen wird die Sanierung sogar in Frage gestellt, stattdessen wird ein Neubau angedacht, meldet Annette Menting in der FAZ. Sowohl der Bund deutscher Architekten und Architektinnen als auch das Chemnitzer Aktionsbündnis "C the Closed" protestieren dagegen.
Der Berliner Architekt Hinrich Baller ist gestorben, meldet der Tagesspiegel.
Peter Truschner betrachtet für sein Perlentaucher-Fotolot die Annegret-Soltau-Ausstellung im Städel - endlich wird sie groß gewürdigt! Ihre Selbstreflexion ist klassisch feministisch: "Soltau nimmt ihren nackten, weiblichen Körper ins Visier, diesen Ort des patriarchalischen Kulturkampfes, den eine Generation von feministisch motivierten Künstlerinnen als fremdbestimmt und politisch instrumentalisiert erkennt, und sich vornimmt, mit den Mitteln der Kunst Selbstbestimmung über ihn und ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft zu erlangen." So zeigt sie ihren nackten Körper etwa als den Körper einer Schwangeren und einer Mutter: "Die seriellen Schwarzweiß-Arbeiten, die zu dieser Thematik entstehen, gehören ästhetisch zu den besten Arbeiten zu diesem Thema überhaupt (soll heißen: nicht nur in Deutschland, und nicht nur in der Fotografie). Die Negative der auf Bögen zusammengefassten Einzelbilder - mal zwanzig, mal eintausenddreihundertzweiundfünfzig - sind mit einer Nadel zerkratzt (weshalb Soltau sie 'Foto-Radierungen' nennt) und so lange bearbeitet worden, bis Soltaus Körper ausgelöscht ist, und nichts als Schwärze übrig bleibt."
Detail eines byzantinischen Mosaiks. Jabalia. Foto: J.-B. Humbert Die Ausstellung "Saved Treasures of Gaza" im Institut du Monde Arabe, die 5000 Jahre kulturelle und archäologische Geschichte in Gaza nachzeichnet, ist zu einem Sommerhit in Paris geworden, weiß Angelique Chrisafis im Guardian. Der Ausstellung gehe es darum, Gaza, einst Handelszentrum und intellektuelles Zentrum, seine Geschichte und Menschlichkeit zurückzugeben, sagt Élodie Bouffard, die leitende Kuratorin. "Eines der wichtigsten Stücke der Ausstellung ist eine kleine Marmorstatue einer Göttin, vermutlich Aphrodite oder Hekate, aus der römischen oder hellenischen Zeit, die einst in einem Tempel saß. Bouffard sagte, das Schicksal der Statue sei ein Symbol für die Geschichte und die archäologischen Herausforderungen in Gaza. 'Sie ist ein Meisterwerk. Sie muss während der Zwangschristianisierung Gazas zwischen 402 und 405 n. Chr. verschwunden sein, aus ihrer Nische in einem Tempel entwendet. Möglicherweise wurde sie ins Meer geworfen, wo sie 1.500 Jahre lang verschwand, bis ein Fischer sie vor Blakhiya fand, einem heute zerstörten Viertel. Er beschloss, sie einem palästinensischen Sammler zu überlassen - so wurde sie gerettet.'"
Weitere Artikel: Der Kunstmarkt hat sich erholt, so scheint es, schreibt Ursula Scheer im Aufmacher des FAZ-Feuilleton. Das liegt allerdings vor allem daran, weil bei Auktionen die Luxusgüterbranche boomt. Ebenfalls in der FAZgratuliert Andreas Platthaus der britischen MeisterbilderzählerinPosy Simmonds zum Achtzigsten.
Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ betrachtet der Volkswirt Bertram Schefold die Gruppe um Diogenes in Raffaels Fresko "Die Schule von Athen" nochmal genauer. Ebenfalls auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Felix Philipp Ingold daran, wieviele ukrainische Künstler und Schriftsteller der Moderne russifiziert wurden.
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