Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Mit glazialer Geschwindigkeit

30.01.2023. Die taz fragt in der Debatte um Florian Teichtmeister, was in der Kunst über Glaubwürdigkeit entscheidet: Die Hierarchie oder das Marketing? Die FAZ berichtet vom Comicfestival in Angoulême, bei dem der Skandal um den Comic-Autor Bastien Vivès tobt, dem die Verharmlosung von Kinderpornografie vorgeworfen wird. Der Tagesspiegel freut sich, dass mit Max Gleschinskis "Alaska" der eigenwilligste Film den Max-Ophüls-Preis gewinnt. Als fahrendes Kunstwerk bewundert die NZZ den Bugatti 57 Atalante. Und alle trauern um Tom Verlaine, den Gitarristen und Sänger von Television.

Rettende Popmusik

28.01.2023. Die FAZ verneigt sich vor der Kunst des Fotografen Erwin Blumenfeld. Die taz weint beim Hören von Robert Forsters neuem Album "The Candle and the Flame". Filmfilter untersucht am Beispiel der Amazon-Serie "German Crime Story: Gefesselt", was das True-Crime-Genre im Guten wie im Schlechten zu leisten vermag. Die Kulturwissenschaftlerin Anne-Sophie Balzer erzählt in einem literarischen taz-Essay von ihrer Reise zu den norwegischen Gletschern.

Phrasensalat mit Politfloskelsoße

27.01.2023. Beim Berliner Theatertreffen soll - außer Theater - viel los sein: Es geht um Green, Diversity, Solidarity, Network, Exchange, Herstory, Transfeminist. Die SZ wüsste gern, was die neue kollektive Leitung für diese Themen qualifiziert. Und die Welt versteht nicht, warum noch das Essen gehen von Theaterleuten zum Prozess für transnationale Solidarität aufgepumpt werden muss. Ist doch innovativ, freut sich der Tagesspiegel. Die FAZ erlebt eine furiose Zweieinhalbstundenirrfahrt durch postsowjetische Bewusstseinslabyrinthe mit Kirill Serebrennikows Film "Petrow hat Fieber". Das Zeit-Magazin schwärmt von den Vorzügen des Kaktusleders. Die SZ hört roten Voodoo von Bob Dylan.

Instabile Übergangszonen

26.01.2023. Die FR empfiehlt Lukas Dhonts Filmdrama "Close" als Meisterwerk des Coming-of-Age-Films. In der Zeit verabschieden der Philosoph Markus Gabriel und der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ohne großes Bedauern die Autonomie der Kunst - jedenfalls wenn sie "unhöflich" oder "moralisch verwerflich" ist. Auf Zeit online ermuntert uns der Autor Jan Brandt, den Schriftsteller Paul La Farge zu entdecken, der leider gerade gestorben ist. Der Tagesspiegel sieht keinen Grund, den Dirigenten Teodor Currentzis nicht zu feiern, nur weil er sich nicht von Putin distanziert. Anna Netrebko hat in Wiesbaden weniger Glück, berichtet die NZZ.

Das Gelb und Gold ihres Mieders

25.01.2023. Die SZ begleitet Niklas Frank nach Turin zur Abrechnung mit seinem verbrecherischen Vater Hans Frank und dem opportunistischen Richard Strauss. Der Observer geht vor der Herzogin von Alba auf die Knie. Die Feuilletons nehmen erstaunt die Oscar-Nominierungen von Edward Bergers Kriegsfilm "Im Westen nichts Neues" zur Kenntnis. Die FAZ gibt Marie Creutzers Film "Corsage" nach den Enthüllungen um Florian Teichtmeister verloren - so leid es ihr tut. Der Standard hört Speed Songs.

Notorische Posaunenglissandi

24.01.2023. Carlo Chatrian hat sein Programm für den Berlinale-Wettbewerb vorgestellt, darunter auch rekordverdächtige fünf deutsche Filme. Das von ihm versprochene Kino der Poesie könnte die Berlinale zu einem Liebhaber-Festival machen, hofft Intellectures. Die FR lauscht berührt Vito Žurajs in Frankfurt uraufgeführter Oper "Blühen" mit einem Libretto von Händl Klaus. Feuer weitergeben, nicht Asche anbeten, lernt die FAZ von Boris Charmatz' Tanztheater in Wuppertal. Die SZ erinnert Bauministerin Klara Geywitz an die leider nicht wegweisenden Baukastensysteme von Walter Gropius und Richard Buckminster Fuller.

Der letzte Skandal

23.01.2023. Die taz fragt, was aus dem einstigen Dschihadisten und zu unrecht inhaftierten Guantanamo-Häftling Mohamedou Ould Slahi Houbeini einen guten Leiter für das African Book Festival machen könnte. In der SZ erklärt Marie Creutzer, warum sie nicht bereit ist, sich von Florian Teichtmeister ihren Film ruinieren zu lassen. SZ und FAZ setzt sich auf dem Berliner UltraSchall-Festival stürmischen Klangexperimenten aus. Und die FAZ tröstet sich mit dem letzten Skandal, der einer politischen Kunst noch bleibt.

Es wird big

21.01.2023. Die Leerräumung der Museen in Cherson durch die russischen Besatzer ist auch der Versuch, russische Imperialgeschichte wiederzubeleben, vermutet der Standard. Die FAZ blickt derweil fassungslos auf Hochglanz-Kitsch im russischen Wagner-Zentrum. Auf den Plätzen von Kirchen, Kinos und Bankfilialen in Großstädten könnten bald Handwerkerhöfe und vertikale Farmen stehen, glaubt die SZ. Die FAS hat die Nase voll von den Seilschaften im Branchenverband Deutsche Filmakademie. Und alle trauern um David Crosby, den unausstehlichen Waffennarr mit der engelhaften Stimme, wie die SZ schreibt.

Der Skandal einer liberalen Ordnung

20.01.2023. In der SZ erklärt der Verfassungsrechtler Christoph Möllers: Die Kunst - auch die staatlich finanzierte - ist frei, selbst wenn sie rassistisch oder antisemitisch ist. Die Kritik daran muss sie dann aber auch aushalten. Die taz hört eine Compilation mit Gospels und lernt, dass diese Musik nicht nur vom Leiden, sondern auch vom Kämpfen handelt. Die Welt fragt, warum Amazon mit der "German Crime Story: Gefesselt" die Opfer des Frauenmörders Lutz Reinstrom erneut erniedrigen muss. Die SZ porträtiert den Mangaka Juko Matsudo, der mit einem Duell zwischen ukrainischen und russischen Fliegern plötzlich zu Ruhm gelangte.

Rendezvous von Arbeitsproben

19.01.2023. SZ, FAZ und taz beobachten in der Doku "Das Hamlet-Syndrom" beeindruckt, wie es fünf ukrainische Schauspieler fast zerreißt, die im letzten Sommer vor dem russischen Einmarsch "Hamlet" proben. Die FAZ badet in Kopenhagen im Venezianischrot von Matisses "L'Atelier rouge". Die taz freut sich über Blumen auf dem Tarnmuster des ukrainischen Designers Jean Gritsfeld. Im Dlf Kultur spricht die ukrainische Autorin Victoria Belim über die Sowjetnostalgie in ihrer Familie.