Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Peng!, knallt die Guillotine

06.01.2023. Die taz staunt, wie Iggy Pop sich auch heute noch im amorphen Bereich zwischen Aggression und Komik durchschlägt. Eher zwischen Aggression und Zärtlichkeit verortet Monopol das Werk des finnischen Künstlers Markus Copper. Die NZZ verzweifelt beim Blick auf die Jahresbestsellerlisten: populärer Realismus und moralische Erpressungsversuche, wohin das Auge blickt. Der Tagesspiegel würdigt die iranische Schauspielerin Taraneh Alidoosti, die im Gefängnis saß, weil sie sich ohne Kopftuch zeigte.

Verschwörung der Sanftmut

05.01.2023. Die Zeit porträtiert den russischen Dichter Artyom Kamardin, der bei einer Lesung "Ehre der Kiewer Rus! Neurussland - fick dich" gerufen hat und deshalb vergewaltigt und inhaftiert wurde. Die Filmkritiker bewundern Mikhaël Hers' positive Emanzipationsgeschichte "Passagiere der Nacht". Monopol feiert iranische Rebellinnen, deren Porträts und Geschichten Soheila Sokhanvari im Londoner Barbican Centre zeigt. Die FAZ quält sich in Münster durch eine "Elektra" in SS-Uniform.

Ein von oben kommendes Pochen

04.01.2023. Der Tagesspiegel erkennt im inzwischen berüchtigten Gespräch zwischen Michel Onfray und Michel Houellebecq auch ein Ringen mit der eigenen Lüsternheit. Dass gegen Houellebecq jetzt Strafanzeige gestellt wurde, findet die FAZ nicht abwegig. Im Filmdienst erklärt Daniel Kothenschulte, warum die Filmförderung nicht nur künstlerisch dem deutschen Kino schadet, sondern auch kommerziell. Die FR genießt in der Bonner Bundeskunsthalle die Oper als aristokratisches, glamouröses und bizarres Spektakel. Die taz bietet im Kunstmuseum Krefeld poetischen Klangmonstern die Stirn.

Diese trockene Fußarbeit

03.01.2023. Die NZZ fragt sich, ob das Kino dem Journalismus nicht einen Bärendienst erweist, wenn es ihn weiterhin zur Supermacht der Aufklärung stilisiert. Die taz fürchtet, dass die Theater besser durch die Pandemie gekommen sind, als die Theaterkritik. Der Tagesspiegel lauscht dem humanistischen Patriotismus in Händels "Judas Maccabaeus". Der Standard empfiehlt auch aus ästhetischen Gründen, weniger zu bauen. Und das ZeitMagazin huldigt dem Rebellentum der Motorradjacke.

Aus einem surreal flirrenden Pianissimo-Nebel

02.01.2023. Die Musikkritiker starteten in Berlin mit Daniel Barenboim und einem ungeschützt hoffenden Beethoven ins Neue Jahr. Im Standard erklärt der Schweizer Filmemacher Cyril Schäublin, wie sich Heute und Morgen ins Tick und Tack von Uhren übersetzte. In der FAZ warnt Jaroslav Rudiš davor, den tiefgründigen Humor Jaroslav Hašeks zu leicht zu nehmen. Und Hyperallergic kürt die machtlosesten Menschen des Kunstbetriebs.

Schinkel-Grün und Barcelona-Orange

31.12.2022. Die SZ bewundert das Zusammenspiel von Action und Intellekt in Noah Baumbachs Verfilmung des DeLillo-Romans "Weißes Rauschen". In der taz möchte Kim de l'Horizon mit allen Männern die Schönheit männlicher Körper erdreamen. Der Guardian badet in den Farben der Annie Sloane. Die NZZ erinnert an eine Zeit, als Architektur auf Sperrholz, Dachpappe oder Eternit setzte statt auf Marmor und Edelhölzer. Und: Dirigent Franz Welser-Möst verspricht in der FR unbekannte Strauss-Musik beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel purple rain to you!

Unterfutter eines gewaltigen Weltwissens

30.12.2022. Die Welt erfreut sich im Leipziger Museum für Völkerkunde an Enotie Paul Ogbedors farbsatten Gemälden von Benin-Bronzen und erfährt nebenbei auch noch etwas über die Rolle der Frauen in Benin. In der Berliner Zeitung kämpft der polnische Theaterregisseur Jakub Skrzywanek für Meinungsfreiheit in Polen. Die FR ertastet die Oberflächenstruktur in der Musik von Barre Phillips und György Kurtág jr. NZZ und FAZ bringen erste Nachrufe auf Vivienne Westwood, die so wunderbar jedem Bild entsprach, das man sich von britischen Exzentrikern macht.

So real wie ein Bombenkrater

29.12.2022. Die NZZ fröstelt in einer Ausstellung über "Kunst und Krieg", wo die Greuel in den Grafiken von Goya und Callot sich in den Bildern aus der Ukraine spiegeln. Der Tagesspiegel freut sich über die Unmittelbarkeit der Prosa Stephen Cranes, wenn der von Slums oder dem amerikanischen Bürgerkrieg erzählt. Die FAZ hört sich begeistert durch den Klassik-Streamingdienst Symphony.Live. Die Jungle World begutachtet die Diversitätsstrategien bei Disney.

Gequält lächelnd, verkrampft blinzelnd

28.12.2022. Die New York Times huldigt dem kubanischen Bildhauer Juan Francisco Elso. Der New Yorker diagnostiziert bei der Filmkritik eine Art Stockholm-Syndrom. Die Welt erlebt Annie Ernaux in dem Essayfilm "Die Super-8-Jahre" genauso unfroh wie in ihren Büchern. Der Standard erschauert vor der gigantomanischen Nationalkathedrale, die Bukarest direkt neben Ceausescus Palast errichten lässt. Auf Telepolis beschreibt Berthold Seliger, wie sich der Fonds-Kapitalismus durch die Musikbranche gräbt.  

Das Archiv ist die Rache am Autor

27.12.2022. Die NZZ lernt von japanischer Architektur das Jetzt zu flicken und zu stopfen. FAZ und SZ sehen in München eine Supersonne über dem Bayerischen Staatsballett aufgehen. Die SZ seufzt: Björn Andrésen, ist nicht mehr Viscontis Ikone der Schönheit, sondern eine des Leidens. Die Welt porträtiert Orkun Ertener, früher Autor, jetzt Creative Producer von "Neuland".  Die taz schließt sich den Freunden von Reibegeräuschen an.