Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2022. Die SZ schaut in Hannover erschüttert auf die blutverschmierten Frauen, die Paula Rego in den Neunzigern malte, um die Legalisierung der Abtreibung in Portugal voranzutreiben. artechock fragt ungehalten, wann der deutsche Film eigentlich zuletzt echte Debatten und ästhetische Fantasien entfesselt hat. Die taz lauscht in Berlin der iranischen Komponistin Aida Shirazi, die ein Gedicht Walt Whitmans wie kriechende Termiten klingen lässt. Und alle trauern um den Lyrikkritiker Michael Braun, der sich mit Neugier und Offenheit auch unbekannten Dichtern widmete.
23.12.2022. Die FAZ erlebt einen historischen Wendepunkt beim Konzert des Israel Philharmonic Orchestra in Abu Dhabi. Zugleich kritisiert sie den Whataboutism von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, ab dem neuen Jahr Leiter des Hauses der Kulturen der Welt. Warum wird die Filmkunst in Deutschland so wenig ernst genommen, fragt im Filmdienst der Regisseur Daniel Sponsel. Die SZ feiert Nduduzo Makhathinis "In the Spirit of Ntu" als Jazzalbum des Jahres.
22.12.2022. Die FAZ betrachtet den neuen Geschwisterfrieden in der Kunsthalle Tübingen. Die Welt würdigt Sivan Ben Yishais "Bühnenbeschimpfung" am Gorki Theater als Angriff auf die eigene Blase aus der Blase heraus - hätte ihm nur Regisseur Sebastian Nübling nicht den Stachel gezogen. Die SZ fragt entgeistert, was an der "Harry & Meghan"-Netflix-Serie bitte schön dokumentarisch sein soll? Das VAN-Magazin unterhält sich mit dem Youth Symphony Orchestra of Ukraine. Die taz erinnert an die deutsch-litauische Malerpoetin Aldona Gustas.
21.12.2022. Die SZ fragt angesichts des Streits um Wajdi Mouawads "Vögel", ob künftig Wahrheitskommissionen darüber entscheiden, welche Stücke gespielt werden dürfen. Der Standard meldet, dass Stefan Bachmann neuer Direktor des Burgtheaters wird. Die Welt bewundert in Mailand die Kunst der Römer, Schönheit zu recyclen. Die FAS versucht Jerzy Skolimowskis geheimnisvollen Filmhelden EO zu ergründen. Außerdem trauern die Feuilletons um Terry Hall, bei dessen Specials Weiß und Schwarz noch zusammen gegen die Deindustrialisierung anspielten.
20.12.2022. Die SZ opponiert gegen den Kuschelfeminismus, mit dem Leonie Böhm in Hamburg Schillers Jungfrau von Orleans dezidiert nicht in die Schlacht ziehen lässt. Außerdem schwärmt sie von lässigen Licks und schlurfenden Grooves bei Little Simz. Die NZZ geht den Ursachen der Kinokrise nach und verirrt sich im Dickicht der Vertriebsförderung. Die FAZ berichtet vom Tauziehen um Joshua Reynolds Porträt eines jungen Polynesiers, für das die National Portrait Gallery bis März 50 Millionen Pfund aufbringen muss, um das Bild im Land zu halten.
19.12.2022. SZ und FAZ beobachten hingerissen, wie sich Elfriede Jelinek in ihrem neuen Stück "Angabe der Person"" die Wunden aufreißt, die ihr das deutsche Finanzamt schlug. Die FR erklärt, warum dagegen Tyrannen auf der Bühne so wenig hergeben. Die SZ berichtet von der Verhaftung der iranischen Schauspielerin Taraneh Alidoosti. Und die NZZ beleuchtet den skurrilen Kosmos klassischer Orchestermusiker.
17.12.2022. Die FAZ notiert betrübt die Gemeinsamkeiten Michel Houellebecqs mit dem rechtspopulistischen Philosophen Michel Onfray. Außerdem feiert sie die die Modernetauglichkeit katholischer Intelligenz in Charles Tournemires Oper "La Légende de Tristan", deren Uraufführung nach knapp hundert Jahren jetzt das Theater Ulm besorgt hat. Die NZZ berichtet vom Filmfestival in Havanna. Und: "Der Esel ist der ultimative Laienspieler", erklärt Filmregisseur Jerzy Skolimowksi in der taz. Der Standard hört Free Jazz zweier heiliger Narren aus dem Jahr 1977.
16.12.2022. Die FAZ erkennt in Paris das politische Anliegen hinter Frida Kahlos Mix aus präkolumbianischem Schmuck und europäischem Gouvernantenstil. Im Jüdischen Museum in Frankfurt begegnet sie dem Who's who der Nachkriegszeit im Nachlass von Gisèle Freund. artechock wünscht sich weniger Geschlecht und mehr Geschmack im Kino. Die SZ tanzt mit John Neumeier und Johann Sebastian Bach in Hamburg durch Kampfzonen der Hoffnung entgegen. Und die nachtkritik feiert in Zürich mit Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann eine Strandparty im Angesicht der Klimakrise.
15.12.2022. Die NZZ bewundert in einer Basler Ausstellung ukrainische Künstler, die oft als Russen galten. Die FAZ unterhält sich mit Autor Kai Sina über Enzensbergers Zeitschrift Transatlantik. Zelda Biller staunt über den antiisraelischen Kitsch des Netflixfilms "Farha". Die taz erliegt den extrem assoziativen Klangsprache Fritz Brückners. Die designierte neue Schauspielchefin in Salzburg Marina Davydova erzählt im Interview mit der SZ von ihrer Flucht - erst aus Baku, dann aus Moskau.
14.12.2022. James Camerons Blockbuster "Avatar 2" soll Geld in die Kinokassen spülen, die Filmkritik ist berauscht von dem Meeres-Fantasy-Spektakel in 3D, auch wenn sich manche ein Drehbuch gewünscht hätten. Im Filmdienst beobachtet Lars Henrik Gass derweil, wie im deutschen Kino wirtschaftliches Unvermögen zu kultureller Relevanz umgedeutet wird. Die FAZ spürt in der Hamburger Kunsthalle dem Hauch der Inspration nach. Und in der SZ erzählt Stuart Murphy, wie der English National Opera von einem Tag auf den anderen die Subventionen gestrichen wurden.