Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2022. Es geht um mehr als um den Hijab, sagt Shirin Neshat, die im FAS-Gespräch alle Hoffnung auf die Frauen im Iran setzt. Im Standard erklärt die ukrainische Schriftstellerin Natalka Sniadanko, wie Gleichberechtigung auf sowjetische Art funktionierte: Arbeiten ja, aber dabei nicht den Haushalt vernachlässigen. Die Wiener Philharmoniker geben Konzerte in Hongkong und Taiwan - aber zuhause soll es lieber keiner wissen, weiß das VAN Magazin. Frank Castorf inszeniert aktuell in Belgrad, wo er wie eine Gottheit verehrt wird, erfährt die SZ. Und alle trauern um Jerry Lee Lewis, den "Jünger und gottverdammten Teufel", wie die SZ schreibt.
28.10.2022. In der Welt fürchtet Hermann Parzinger, dass Museen künftig zu Hochsicherheitstrakten werden. Die Jungle World warnt: Kim de l'Horizons "Blutbuch" kann Spuren von Homophobie enthalten. Die SZ blickt mit dem skeptischen Staunen des Magnum-Fotografen Thomas Hoepker auf die USA der Sechziger. Die FAZ wirft einen Blick auf das korrumpierte griechische Theater, die nachtkritik erlebt in Tiflis georgisches Theater auf Identitätssuche. Im Perlentaucher stürzt sich Patrick Holzapfel in den Magmafluss der Bildwelten von Sara Dosas "First Love". Und die SZ experimentiert mit dem von Giles Martin gesäuberten "Revolver" der Beatles.
27.10.2022. Hollywood hat mit Nicholas Stollers "Bros" seine erste schwule romantische Komödie, die Kritiker sind vergnügt, nur die taz fürchtet: Werden queere Liebesgeschichten jetzt nicht auch trivialisiert? Freitag und taz springen nach der Kritik von Franz Alt und anderen Serhij Zhadan zur Seite: Der Krieg ist keine Modelleisenbahn, erinnert der Freitag. Die SZ rät, unbedingt die Malerin Etel Adnan zu entdecken. Die Angriffe der Klimaaktivisten auf Kunst sind gefährlich für die Demokratie, ruft der Politologe Wolfgang Kraushaar im Tagesspiegel. Die FAZ probiert guten Stoff in Lübeck.
26.10.2022. Die taz erlebt mit Mona Hatoum, wie ein Gigant in die Knie geht. Die Zeit porträtiert den Leipziger Künstler Lutz R.Ketscher, der für seine Wandbilder 1.200 Ostmark pro Quadratmeter verdiente. Die SZ entdeckt mit der Regisseurin Saralisa Volms eine neue Märchenerzählerin im Land. Der Standard beobachtet Jarvis Cocker fasziniert beim Ausmisten seiner Dachkammer.
25.10.2022. Wenn Russen Ukrainer töten, hat das nichts mit russischer Kultur zu tun, sondern höchstens mit Mentalität, erklärt Vladimir Sorokin im Standard. Der Tagesspiegel rät dringend zum Besuch des ukrainischen Filmfestivals in Berlin, das unter anderem Maksym Nakonechnyis Film "Butterfly Vision über eine traumatisierte Drohnenspezialistin zeigt. Nach der Kartoffelbreiatacke auf Monets "Heuschober"in Potsdam warnt die SZ vor einer ästhetischen Überbietungsdynamik. Die Nachtkritik verteidigt die ausgeklügelte Inszenierung gegen den Vorwurf der Kunstfeindlichkeit.
24.10.2022. Die Feuilletons feiern den Friedenspreis für den ukrainischen Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan. In ihrer in der taz abgedruckten Laudatio stellt Sasha Marianna Salzmann klar: Der Dichter sei nicht einfach nur ein Seismograf. Er ist ein Freund. In El País berichtet der Literaturagent Andrew Wylie, dass Salman Rushdie nach dem Attentat auf einem Auge blind bleiben wird. Die FAS bewundert, wie dunkel die Komponistin Hildur Gudnadóttir ein AKW dröhnen lassen kann. Und das Zeitmagazin annonciert die Rückkehr des Grunge in der Mode.
22.10.2022. Anrüchig findet die SZ den Auftritt von Kim de l'Horizon, der die Aufmerksamkeit für die Frauen im Iran einfach absorbierte. Putin arbeitete zwanzig Jahre lang auf den totalen Faschismus hin, nun hat er ihn, sagt der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow in der NZZ. Die Kritiker liegen "Theatermacher" Stefanie Reinsperger zu Füßen, die so herrlich dampft und dröhnt. Die FAZ schaut in Oberhausen ein wenig wehmütig auf Otfried Preußlers alte kleine Hexe. SZ und Standard hätten Taylor Swifts verschmiertes neues Album offenbar lieber verschlafen.
21.10.2022. FAZ und Tagesspiegel blicken skeptisch auf Cédric Jimenez' Versuch, mit "November" die Pariser Anschläge von 2015 als Action-Thriller zu inszenieren. Die Nachtkritik erlebt mit Stefanie Reinsperger als Thomas Bernhards "Theatermacher" zwei Stunden Volldampf-Virtuosität. Die Berliner Zeitung wünschte sich, der Kunstkompass würde nicht immer nach Norden zeigen. In der SZ erzählt die Übersetzerin Gabriele Leupold, wie sie Platonow Wort für Wort ins Deutsche bürstete. Und die taz porträtiert Joseph Ousmane Togbe, der den einzigen Plattenladen in Benin betreibt.
20.10.2022. In der Zeit erkundet Serhij Zhadan, wie ein Mensch auf die Welt blickt, der eine Waffe in der Hand hält. In der Zeit stellt Stefanie Reinsperger auch die Grundsatzfrage. Die SZ erlebt am Schauspiel Hannover Identitätspolitik als intriganten Statuskampf. Die FAZ wirft der Stiftung Bauakadamie vor, im ökologischen Gewand nur reinen Lobbyismus für die Architektenszene zu betreiben. Im Van Magazin erklärt der Hornist Ulrich Haider, warum es sich ein Orchester nicht leisten kann, mit der Bahn zu fahren.
19.10.2022. Der Buchpreis für Kim de l'Horizon erregt die Gemüter. taz und ZeitOnline verteidigen ihn literarisch gegen den Vorwurf, hier werde vor allem Queerness ausgezeichnet. Die FAZ widerspricht allerdings, wenn l'Horizon seine Erfahrungen mit denen der Frauen im Iran gleichsetzt. Außerdem: Die Berliner Zeitung bangt vor Christian Thielemann als möglichem Nachfolger von Daniel Barenboim. Der Guardian sieht über dem Turner Prize einen Pfirsich auf- und eine flambierte Tomate untergehen.