Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2022. Der Buchpreis für Kim de L'Horizon bescherte dem Literaturbetrieb einen seltenen glamourösen Moment. Nicht alle sind von seinem aktivistischen Auftritt überzeugt, Tsp und SZ war er etwas überdeutlich, aber die Welt ist hingerissen von so viel Rimbaud-haftem Willen zum absolten Modernsein. FR und taz bereiten auch auf die morgen beginnende Buchmesse vor, die den Krieg in der Literatur wird verhandeln müssen. iIn der FAZ beschreibt Oleksandr Mykhed, wie Russlands Kriegsführung in Terror ausartet. Die SZ lernt mit Anne Lenk und Lessing, lachend ernst zu sein.
17.10.2022. Der ukrainische Dirigent Jurij Kerpatenko ist in Cherson von russischen Soldaten erschossen worden, melden FAZ und Tagesspiegel erschüttert, weil er nicht für sie spielen wollte. Die taz erschauert mit Clemens Setz in Stuttgart unter dem pornoiden Blick. Die NZZ wünschte sich ein deutschsprachiges Theater, dass auch mal nachdenklich und kleinlaut werden könnte. Die SZ besichtigt das revidierte Emil-Nolde-Museum in Seebüll. In der FAZ setzt Verleger Lothar Schirmer seine Hoffnung für die Fotografie auf die Fräuleins aus dem Westen.
15.10.2022. Die FAZ und Dlf Kultur stellen neue Literatur aus Spanien vor, dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Wer lernen will, wie man immer wieder seine Überzeugungen überprüft, lese Camus, empfiehlt die SZ. Die Berliner Zeitung geißelt die westdeutsche Verfilmung von DDR-Geschichte als kulturelle Aneignung. Die taz erinnert an die iranische Musik der Sechziger und Siebziger, die von Frauen geprägt war.
14.10.2022. Die FAZ taucht ein in Iris, Veilchen, Mohn, Chrysanthemen und Rosen und verliert sich schließlich im türkisfarbenen Himmel des Palazzo Massimo. Im Standard schießt Regisseur Ruben Östlund gegen das Arthouse-Kino. Der Filmfilter findet das gut so und freut sich, dass der Regisseur seine Figuren so richtig von Herzen fertigmacht. Grusel entsteht auf der Tonspur, lernt die taz in Lucile Hadžihalilovics Horrorfilm "Earwig". Die SZ besucht einen Pavillon des Kommunisten Oscar Niemeyer auf einem Luxusweingut in der Provence.
13.10.2022. Die NZZ stellt den Schweizer Filmdebütanten Valentin Merz und sein Kino der Improvisation vor. Die FR blickt in der Schirn auf das reale indische Leben in den Fotografien von Gauri Gill. Der Tagesspiegel freundet sich in einer Sempé-Ausstellung mit einer Gruppe Handwerker an. Annie Ernaux versteht ihre Literatur selbst als politisch, erinnert die Zeit. An der Berliner Staatsoper können sich Zeit und NZZ ganz gut Christian Thielemann als Nachfolger Barenboims vorstellen. Die SZ besucht das Kabukiza von Ginza. Die taz hört Mutter.
12.10.2022. Die SZ verfolgt fasziniert, wie Ruben Östlund in seinem palmenprämierten Film "Triangle of Sadness" eine Luxusyacht auf den Schmerzpunkt der Gegenwart zudonnern lässt. Die FAZ fühlt sich dagegen zum Lachen erpresst. Der Guardian lauscht der Melodie der Zerstörung, die Cecilia Vicuña in der Tate Modern anstimmt. Die FAZ lässt sich von Irene Vallejo den epischen Kampf zwischen Wissen und Macht erzählen. ZeitOnline bewundert die paradoxe Ästhetik des Rappers Ka.
11.10.2022. Zum Abschluss der "Ring"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper lassen sich die Kritiker von Christian Thielemann in paradiesische Höhen leiten. Die SZ pocht darauf, dass gutes Stadttheater anders funktionieren muss als ein Rechtsrock-Konzert. Welt und FAZ würden gern mit Annie Ernaux über ihre Kritik am Staats Israel diskutieren, ihr Werk und den Nobelpreis sehen sie aber nicht beeinträchtigt. Für die NZZ geht die Geschichtsklitterung in Gina Prince-Bythewoods Historienspektakel "The Woman King" in Ordnung.
10.10.2022. Der Observer spürt in der Tate Modern dem Zauber Cézannes nach, der Farbe in Frucht verwandelte. Die Filmemacherin Aelrun Goettle erinnert an die schräge Buntheit, die sich vor dem Grauzonen der DDR ebenfalls prächtig abhob. Die Nachtkritik revoltiert in Dortmund mit Sibylle Berg gegen Digitalität und Diktatur. Tagesspiegel und SZ lassen sich die Begeisterung für Annie Ernaux auch durch ihre antiisraelischen Äußerungen nicht nehmen, die FR bekundet alelrdings ihre Enttäuschung.
08.10.2022. Die FAZ blickt an Tag zwei nach dem Literaturnobelpreis doch mal näher auf Annie Ernauxs politisches Engagement für das Kopftuch und den BDS. In der NZZ fürchtet sich Daniel Kehlmann vor der Zukunft. Auch die Welt fürchtet sich: Vor dem konservativen Backlash, der jetzt auch Polens Museen erreicht. Der Guardian feiert mit Soheila Sokhanvari in London die Großmütter der aktuellen Proteste im Iran. In der FAZ erzählt Thomas von Steinaecker von den Herausforderungen, einen Film über Werner Herzog zu drehen. "Popmusik muss kein Bundespräsident sein", lernt die Zeit von den Nerven.
07.10.2022. In den Zeitungen herrscht einhellige Zufriedenheit mit dem Literaturnobelpreis für Annie Ernaux: Ausgezeichnet wird eine feministische Ikone der ersten Stunde, meint die FAZ, der Preis geht dieses Jahr an das "Schäbige, das Eiskalte, das scharf Blutende", freut sich die taz. NZZ und FAZ sind zudem glücklich, dass das Komitee keine politische Entscheidung getroffen hat. Außerdem: Museen werden heute als "Raubritterburgen" betrachtet, in denen Inklusion die Exklusion abgelöst hat, klagt die SZ. Die FAZ erkundet mit Ana Lily Amirpours "Mona Lisa and the Blood Moon" die Wirklichkeit.