Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ein Ergebnis wechselseitiger Selbstentblößung

10.11.2022. Utopie und Sündenfall findet der Tagesspiegel in David Cronenbergs neuem Film "Crimes of the Future", mit Menschen, denen dauernd neue Organe nachwachsen. Die SZ taumelt dabei von Höhepunkt zu Höhepunkt, der Perlentaucher sah gar den Sexfilm der Zukunft. Die Welt hat langsam genug von Autofiktion in der Literatur und fordert: Schreibt und lest nicht so romantisch! Das Van Magazin fragt, warum Tom Buhrow bei Kürzungen in den Öffentlich-Rechtlichen ausgerechnet die Orchester im Sinn hat. Für die Klimaaktivisten sind Museen nur Tempel des Warenfetischismus, glaubt Boris Groys in der SZ.

Das alte Schreckensbild des Herrn Jedermann

09.11.2022. In der NZZ verteidigt Milo Rau das Zürcher Schauspielhaus gegen seine Kritiker: Schiller und Goethe waren ober-woke! Die FAZ blickt bestürzt auf die Abgründe, die sich unter Felix Nussbaums "Trostloser Straße" auftun. Im Standard versichert Robert Harris, dass Charles III. ein Englisch des 21. Jahrhunderts spricht. Die taz lernt von Regisseur Hong Sang-soo, zwischen den Zeilen zu fühlen. Und im ND preist Berthold Seliger die Sinnlichkeit des dialektischen Souls, mit der ihn Asher Gamedze auf dem Berliner Jazzfest betörte.

Im bläulichen Rund der Gedächtniskirche

08.11.2022. Die FAZ lernt von ukrainischen Schriftstellern, dass der Krieg ihnen das belletristische Schreiben unmöglich macht. FR und FAZ streiten mit Wagners "Meistersingern" in Frankfurt, was gute Kunst ist. Mit angehaltenem Atem verfolgt die taz Rahul Jains Doku "Invisible Demons" über die Umweltverschmutzung in Delhi. Im Tagesspiegel erklärt Max Hollein die Open-Access-Politik des Metropolitan Museums. Im Standard beklagt Peter Nachtnebel die Kommerzialisierung der Clubszene

Die Sortier- und Stempelmaschine des Betriebs

07.11.2022. Die Feuilletons feiern die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar, die in Darmstadt den Büchner-Preis erhielt und sich mit einer Rede bei ihrem großen Bruder Georg bedankte. Die FR stürzt sich in Ruth Wolf-Rehfeldts poetische Buchstabenwellen. Die SZ freut sich über die Profanisierung von Peter Paul Rubens im Museum der Schönen Künste in Antwerpen. Die taz porträtiert die belarussische DJane Ludmilla Pogodina, die es aufgegeben hat, in Minsk die Menschen zum Tanzen zu bringen.

Jetzt stehen wir da in unseren Socken

05.11.2022. Die Berliner Zeitung bestaunt revolutionäre ungarische Kunst aus dem Berlin der Weimarer Zeit. Die SZ bereitet sich innerlich schon auf Körperkontrollen in Museen vor. Der nachtkritik schnackeln die Augen bei den Line Dances des Nature Theater of Oklahoma. Die taz lässt sich von dem ugandischen Designer Bobby Kolade erzählen, wie man den Müll des Globalen Nordens als Ressource nutzt. Außerdem würdigt sie Emine Sevgi Özdamar, die heute mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet wird. Barbra Streisand singt laut und das von Anfang an, lernt der Freitag aus den ersten Aufnahmen der Sängerin in einer New Yorker Bar.

Zitronengelb leuchtet der Mond

04.11.2022. Wie politisch eine gelbe Kuh und ein roter Engel sein können, lernt die FAZ in der Chagall-Ausstellung der Frankfurter Schirn. Wie unästhetisch eine politisch höchst korrekte Ausstellung über "Die grüne Moderne" sein kann, lernt die taz im Kölner Museum Ludwig. Die SZ schreibt um den Goncourt-Preis für Brigitte Giraud herum. Tagesspiegel und taz werfen in einer Studie zur Nazi-Vergangenheit des Berlinale-Gründers Alfred Bauer auch einen Blick auf den Mikrokosmos der jungen Bundesrepublik. Zeit online empfiehlt das Werk der britischen Soulband Sault - doch muss man sich mit dem Herunterladen beeilen.

Im Club der jammernden Milliardäre

03.11.2022. Die taz lässt sich beeindrucken von Pamela Meyer-Arndts Filmdoku über die "Rebellinnen" Tina Bara, Cornelia Schleime und Gabriele Stötzer, die in der DDR gegen alle Widerstände ihre Kunst machten. Der Tagesspiegel erinnert sich in einer Bonner Opern-Ausstellung wehmütig an die Zeiten, als Oper noch in erster Linie Uraufführung war. Die FAZ bewundert die präzise choreografierte Unfertigkeit von David O. Russells Filmkomödie "Amsterdam". Die Zeit blickt traurig auf Kanye West.

Langsam kommen Buntfarben hinzu

02.11.2022. In der SZ blickt der ukrainische Filmregisseur Oleg Senzow auf die verdammten neunziger Jahre zurück. Der Standard bewundert in Salzburg die Extravaganz des Fotografen Samuel Fosso. Etwas nüchterner erkundet die taz das Zusammenspiel von Farben und Formen im Josef-Albers-Museum in Bottrop. Die NZZ erörtert Ökologie und Ökonomie des Holzbaus. Außerdem erlebt die taz beim "Handke-Project" in Prishtina eine aufgeheizte Stimmung wie im Fußballstadion. Der Klassikbetrieb bleibt konservativ und frauenfeindlich, schimpft die SZ mit Blick auf die derzeitige Postenvergabe.

Stoffhose, Windjacke und Sneakers

01.11.2022. Die Berliner Zeitung bewundert das großstädtische Bewusstsein, das Charlottenburgs Kulturbürgertum in Anne Schönhartings Fotografie an den Tag legt. In der Zeit erzählt Daniel Barenboim, wie seine schönsten Illusionen über die Musikalität der Welt platzten. Die FAZ spürt auf dem Jazzfest in Frankfurt das Feuer des kulturpolitischen Widerstands. Der Tagesspiegel feiert die Unbekümmertheit und Geduld des "Heimat"-Regisseurs Edgar Reitz, der heute neunzig wird. Schon um ausufernde Genderdiskurse einzubinden, rät die NZZ wieder zur Krawatte.

Der Diskant ist sehr brillant

31.10.2022. Uneins sind sich FR und FAZ, wie ernst man heute noch Sartres "Schmutzigen Hände" nehmen muss. Der Tagesspiegel sorgt sich um das Kiewer Dowschenko-Zentrum, das bedeutendste Filmarchiv der Ukraine. Die taz lernt im Karlsruher ZKM die Kunst der tätigen Muße mit Soun-Gui Kim. Die SZ erzählt, dass alte japanische Handschriften mittlerweile nur noch von KI-Programmen entziffert werden können. In der FAZ entdeckt Robert Levin auf alten Instrumenten Mozarts Humor.