Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Nass in nass mit groben Pinselstrichen

13.09.2022. Le Monde und Libération trauern um William Klein, den französischsten aller amerikanischen Fotografen. Die FAZ nimmt freudig die Herausforderung an, die die australische Künstlerin Sally Gabori für ihr Weltverständnis bedeutet. In der Welt berichten Reza Heydari und Mina Kavani von den Dreharbeiten zu Jafar Panahis neuestem Film unter klandestinen Bedingungen an der türkisch-iranischen Grenze. Ausgerechnet im ND schwelgt Berthold Seliger mit Franz Welser-Möst Schubert-Glanz: Die Oboe wie von einem anderen Stern!   

Endzeit und Angstpotenzial allenthalben

12.09.2022. Nicht gerade überzeugt sind die Kritiker vom Goldenen Löwen für Laura Poitras' Dokumentation über Nan Goldins Kampf gegen den Pharmahersteller Purdue. Die FR freut sich dagegen: Poitras verfolge nicht nur eine politische, sondern auch eine künstlerische Ethik. Die SZ bereitet sich mit Robert Wilson in Hamburg auf den Weltuntergang vor, die FAZ lassen dagegen Formwillen und Unvernunft ausnahmsweise kalt. Alle trauern um den spanischen Schriftsteller Javier Marías, mit dem komplexe Romane wieder populär  wurden.

Die Wirklichkeit will sich nicht aussperren lassen

10.09.2022. Die FR bewundert den - inzwischen inhaftierten - Jafar Panahi, dem es trotz Arbeitsverbots gelang, einen Film im Iran zu drehen und nach Venedig zu schmuggeln. Vulture feiert die neue Erhabenheit in den Bilder Wolfgang Tillmans'. Die New York Times schickt anlässlich seiner Moma-Ausstellung ein wunderbar ausführliches Porträt über Tillmans aus Berlin. Die FAZ hangelt sich beim Kunstfest Weimar an einem Seil durch Chris Salters "Animate" und ins Theater der Zukunft. In der nachtkritik zeichnet Lena Myhashko nach, welche Bedeutung Theater seit dem Euromaidan 2014 für die Ukraine Identität hatte. Zeit online stellt die samibische Rapperin Sampa The Great vor.

Intensiv spukhaft

09.09.2022. "Der Krieg ist ein großer Gleichmacher", lernt der Tagesspiegel in Jewgeni Afinejewskis Film "Freedom on Fire", der beim ukrainischen Tag in Venedig gezeigt wurde. Die SZ blickt in Düsseldorf ins Frühwerk von Christo und erkennt Parallelen zu Yves Klein. Beim Internationalen Literaturfestival Berlin klagt die amerikanische Autorin Angeline Boulley über die Ausgrenzung der indigenen Bevölkerung in der Literatur. Ergriffen lauschen SZ und nachtkritik Thomas Köcks wütendem Klagelied über die Klimakrise beim Kunstfest Weimar. ZeitOnline überlegt indes, wie die Klassik klimaschonender werden kann: "Nicht jedes mittelklassige Orchester sollte ständig über den Teich fliegen."

Exzess unter der Sonne

08.09.2022. Der Guardian blickt in London noch einmal auf das provokative Werk von Carolee Schneemann. Die Zeit feiert die türkische Frauenbewegung auf der 17. Istanbul Biennale. Die taz reist mit Yuri Ancaranis "Atlantide" vom Kinosessel aus nach Venedig. Eine Art "Banalität des Guten" erlebt die FAZ in Polen, wenn die Warschauer Künstlerin Natalia Romik Verstecke für verfolgte Juden zu Kunstwerken macht. Welt und taz liefern erste erschlagende Eindrücke vom Kunstfest Weimar.

Die kulturelle Kälte

07.09.2022. Die SZ erlebt auf dem Lyrikfestival "Meridian" im ukrainischen Czernowitz, wie der Krieg etwas kategorial Neues in die Literatur bringt. taz und FR feiern Kōji Fukadas "Love Life" als das erste Meisterwerk auf dem Filmfestival Venedig. Anna Netrebkos Rückkehr an die Wiener Staatsoper war von Tumulten begleitet, Standard und SZ seufzen dennoch selig über so viel Stimmschönheit. Die NZZ erkennt die Abgründe in den poppigen Frauenfiguren der Niki de Saint Phalle.

Ein gebündelter Lichtstrahl

06.09.2022. In der Berliner Zeitung gibt Ulrich Schreiber einen Ausblick auf das morgen startende Literaturfestival. Der Standard geht vor dem Tenor Timothy Fallon auf die Knie, der an der Wiener Volksoper brilliert. Die FAZ klopft sich  in der Düsseldorfer Retrospektive zu Reinhard Mucha den Aktenstaub der alten Bundesrepublik vom Ärmel. Der Tagesspiegel freut sich in Venedig, dass jetzt auch Regisseurinnen wie Olivia Wilde einen Hang zur Selbstüberschätzung pflegen. Und alle gratulieren Dominik Graf, dem aufregendsten Filmemacher am Rand des Mainstreams.

Lektionen in Botanik

05.09.2022. Die FAZ erkennt die Wahrheit über Werner Herzog. In Venedig versucht sich der Tagesspiegel einen Reim auf Paul Schraders Film "Master Gardener" zu machen. Die Nachtkritik feiert Sebastian Hartmanns Elektropop-Oper "Der Einzige und sein Eigentum" nach Max Stirner. Im Standard versichert Julian Schutting, dass auch Realisten dichten können. Die NZZ berauscht sich in Lucerne an den vibrierenden Farbflächen von Dieter Ammanns "Gran Toccata".

Bis zum Ende ein Mensch

03.09.2022. In der Literarischen Welt erzählt Jonathan Littell von seiner Reise durch die Ukraine: Es war auch der Hass aufs bessere Leben, der die russischen Invasoren zur Raserei trieb. Der Tagesspiegel lauscht gebannt, wenn Frederick Wiseman Schauspielerin Nathalie Boutefeu in Venedig aus den Tagebüchern von Sofia Tolstoi vorlesen lässt. Die SZ kriecht mit Thomas Krupa und Marlen Haushofer in Essen in ein Tiny House, die FAZ träumt vom eigenen Mini-Haus mit Garten. Und die taz taucht mit Geisterstimmen von Cuco gleich ganz ab in eine melancholische Traumwelt.

Dem Fragilen kannst du trauen

02.09.2022. Die SZ besucht Wolfgang Tillmans, der demnächst 1.800 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Moma bespielen wird. Der Tagesspiegel taucht ein in das informelle Universum des ukrainischen Künstlers Fedir Tetyanych. Das Zeit-Magazin porträtiert den Designer von Balenciaga, Demna Gvasalia, als unperfekten Messias. Die Welt wird in Venedig Zeuge, wie Lars von Trier die Gesetze der Schwerkraft aushebelt. Die FAZ erliegt beim Musikfest Berlin der Zärtlichkeit der Tenöre in Beethovens "Missa solemnis". Die nmz lässt sich auf der Ruhrtriennale Sarah Nemtsovs Kammermusik um die Ohren fliegen.