Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2022. Die Documenta ist nun endlich zu Ende. Man hätte mehr mit Ruangrupa, statt über sie reden sollen, meinen die einen. Das hätte auch nichts genützt, erwidern die anderen. Die FR rät, sich zunächst mal bei "Onkel Wanja" in Frankfurt zu entspannen. Die taz lernt in Cem Kayas Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod" eine Menge über die türkische Diaspora in Deutschland und ihre Musik. Und die große Hilary Mantel ist gestorben: Sie war "die glänzendste historische Autorin nicht nur ihrer Zeit", da sind sich die Kritiker einig.
23.09.2022. Am Wochenende geht die Documenta zu Ende. Was bleibt? Vordemokratische Haltungen, die sich als links gerieren und das Autonomiekonzept von Kunst nur noch gelten lassen, um sich Immunität für politische Aussagen zu sichern, resümieren SZ, Welt und Berliner Zeitung. Die FAZ beglückwünscht die Potsdamer zu Hasso Plattners neuem Museum Minsk. Die taz lässt sich im Kino in Michael Krügers geistige Welten einführen. Im Interview mit der NZZ erklärt der Filmregisseur Luca Guadagnino, worum es im Kino nicht geht: Um Bilder. Die taz porträtiert die Londoner Rapperin Enny.
22.09.2022. Schockiert, gebannt und musikalisch überwältigt verfolgt die NZZ am Grand Théâtre de Genève das Schicksal von Jacques Halévys "La Juive". Der FR missfällt die falsche Glätte von Francois Ozons Fassbinder-Hommage "Peter von Kant", für die taz beschreibt er hingegen akkurat die hässlichen Auswüchse des Showbusiness. Die SZ kann mit einem Gestus des heimlichen Größenwahns gut leben, wenn er sich so virtuos äußert wie beim Jazzgitarristen Julian Lage. Die Zeit fragt, warum an allen großen deutschen Bahnhöfen weiße Kästen mit Schießschartenfenstern stehen.
21.09.2022. Die Shortlist für den Buchpreis kann mit ihrem gesellschaftspolitischen Blick nur die taz erfreuen, FAZ und Tagesspiegel gähnen: zu viel Etabliertes, zu wenig Ästhetik. Der Guardian horcht auf, wenn William Kentridge in der Royal Academy Südafrikaner zu chinesischen Revolutionsopern tanzen lässt. Die FAZ folgt Rosa Loy in ihre allein von Frauen bevölkerten Traumwelten. Die NZZ erlebt in Basel, wie Christoph Marthaler Webers "Freischütz" entstaubt.
20.09.2022. Die taz erkennt im Frankfurter Architekturmuseum, wie einfallsreich das Bauen mit Bestand macht. Die Zürcher "Walküre" weckt bei der NZZ Mitgefühl für gescheiterte Machtmenschen. Der Tagesspiegel erlebt das ungemilderte Draufzu in der Ost-Berliner Kunst der Wendejahre. Die SZ findet auch die schwulen Baubrigaden von Jürgen Wittdorf ziemlich klasse. Und im ND ruft Berthold Seliger dem Musikfest "Mehr Xenakis wagen" zu.
19.09.2022. Der Standard stellt vom Filmfestival San Sebastian klar, das Ulrich Seidls übel beleumundeter Film "Sparta" tatsächlich ein zutiefst humanistisches Werk und über jeden Zweifel erhaben sei. Ebenfalls im Standard spricht Juri Andruchowytsch von Helden, Verführern und Verrätern der postsowjetischen Revolutionen. Auf ZeitOnline wirft die Historikerin Marion Detjen dem Expertengremium zur Documenta vor, mit vorgefertigten Meinungen gearbeitet zu haben. Akustikingenieur Renzo Vitale erklärt ihr, warum Geigen erklingen, wenn ein E-Auto beschleunigt.
17.09.2022. Die Zeitungen feiern mit Florentina Holzingers nackten Nixen an der Volksbühne eine extrem infektiöse, schamlose Party und beerdigen faulige Männerfantasien. Der Tagesspiegel fragt im Gropius Bau: Kann Kunst heilen? Die Documenta heilte jedenfalls nicht, sondern begünstigte Wut und Hass, hält Nicole Deitelhoff in der Welt fest. Artechock wünscht sich mehr Filmbesprechungen und weniger Skandalinflation. Die taz tastet sich in Triest an die Mode der Zukunft heran. Und der Tagesanzeiger fragt: Wurde Virginie Despentes' neuer Roman "Cher Connard" nicht für den Prix Goncourt nominiert, weil er Sexismus im Literaturbetrieb thematisiert?
16.09.2022. FR und Welt bescheinigen der Documenta einen ästhetischen und politischen Bankrott. taz und HNA verteidigen die dort gezeigten palästinensischen Propagandafilme. Bei Monopol ärgert sich die kubanische Künstlerin Tania Bruguera, dass die Diskussion um Antisemitismus alles andere auf der Documenta überlagert hat: auch die Diktatur in Kuba. Warum machen sich Schweizer Autoren in den öffentlichen Debatten so unsichtbar, fragt die NZZ. Die FR hört sich durch eine koreanische Ahnengedenkzeremonie mit fünfzig Schlag-, Streich- und Blasinstrumenten.
15.09.2022. Documenta und kein Ende: Die Zeit erklärt, weshalb gerade die Ablehnung des westlichen Kunstbegriffs zu neo-essenzialistischem Denken führt. Ruangrupa hat deutlich gemacht, dass sie kein Interesse an Beratung haben, sagt Nicole Deitelhoff im Tagesspiegel. In der DDR war Karl May übrigens verboten, erinnert Hubertus Knabe in seinem Blog. Die NZZ misst den Druck, den die türkische Regierung auf die Unterhaltungsbranche ausübt. Und die Berliner Zeitung sieht den Bowie vor lauter Bowies nicht mehr in Brett Morgens Dokumentarfilm.
14.09.2022. Jean-Luc Godard ist tot. Die Feuilletons trauern um den Erneuerer des Kinos, die Zentralgestalt der Nouvelle Vague, der in seinen Filmen Leidenschaft, Intellektualität und Schönheit zusammenbrachte. Auf der Mailand-Biennale schöpft die SZ zumindest aus dem Eskapismus etwas Optimismus. FAZ und Tagesspiegel neigen beim Musikfest Berlin huldvoll ihr Haupt vor dem koreanischem Jongmyo-Schrein. Und wie die FR berichtet, spitzt sich der Streit um den propalästinensischen Agitpropfilm "Tokyo Reels Film Festival" auf der Documenta zu.