Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Was sein könnte

01.09.2022. Die FAZ blickt verärgert auf die unkommentierte Märtyrerpose eines palästinensischen Terroristen in einer Doku über das Olympia-Attentat '72. In der SZ denkt Theresia Enzensberger über Esoterik und Technik nach. Die Zeit verliebt sich in Donatellos Spiritelli. Die NZZ bestaunt die Farbspiele chinesischer Jadekunst. Die taz bewundert installationskunstwürdige Supermarktregale in Noah Baumbachs Eröffnungsfilm für die Filmfestspiele Venedig, "White Noise".

Wie da zwei Lager aufeinandertrafen

31.08.2022. Morgen beginnen die Filmfestspiele in Venedig, mit starker Präsenz von Netflix. Das bedeutet nicht den Untergang des Kinos, versichert der Freitag. Es verweist eher auf eine Krise des Streamers, vermuten FR und Standard. Auf ZeitOnline untersucht Georg Seeßlen  das Genre der manieristischen Fantasy. In der FAZ konstatieren Julia Alfandari und Meron Mendel ein Scheitern der Debatte um die Documenta. Die Welt geht im Musée de Cluny vor der Dame mit dem Einhorn auf die Knie. Die SZ bedauert den nicht ganz freiwilligen Abschied von Virve Sutinen als Leiterin des Festivals Tanz im August.

Ich bin eine alte Aufklärerin

30.08.2022. Im New Yorker fordert jetzt auch David Remnick den Nobelpreis für Salman Rushdie. Die FAZ feiert mit dem Choreografen Trajal Harrell und Joni Mitchell die Introvertiertheit. In der Bremer Kunsthalle blickt sie gebannt auf das nackte männliche Knie. Der Filmdienst erkundet, wie Dieter Kosslick mit der deutschen Filmförderung eine Riesenrad in Bewegung setzte. Tagesspiegel, SZ und RBB feiern den Auftakt des Berliner Musikfests mit Mahlers Sechster und dem Concertgebouw unter Klaus Mäkelä. Die FAZ nicht.

Diese neuen, mächtigen Generatoren

29.08.2022. Warum müssen Schulen eigentlich rechtwinklig gebaut werden, fragt die SZ und empfiehlt die unordentlichen Bauten des Architekten Peter Hübner. Für die FAZ verfolgt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Prozess gegen die Schriftstellerin  Tsitsi Dangarembga in Simbabwe. Die Nachtkritik feiert den Schauspieler Rezo Tschchikwischwili, der in Essen in Kafkas "Bericht für eine Akademie" brilliert. Die Welt freut sich: Der türkische Staat zeigt Gülşen die Krallen, und die Popikone im Gegenzug noch mehr nackte Haut.

Vom Sinn des Abenteuers

27.08.2022. Das Van Magazin fragt sich angesichts des "Diversity"-Mottos des Lucernce-Festivals: Ist ein solchermaßen "exotisierter Extraraum" nicht auch eine Form von Othering? So lange Fatwas und Hassprediger herumgeistern, ist die Meinungsfreiheit in Gefahr, erinnert Najem Wali in der FAZ. Außerdem entdeckt eine hingerissene FAZ in einer Dürener Ausstellung die Künstlerin Vera Molnar als frühe Pionierin der Computerkunst. In der SZ erklärt der Startenor Piotr Beczala, wo man besser nicht singen lernt: bei einem Gesangslehrer. Der Filmdienst erinnert an die Filme, die 1972 zu den Olympischen Spielen in München entstanden sind.

Es swingt zeitversetzt

26.08.2022. Der internationale Museumsrat ICOM hat eine neue Definition von Museum verabschiedet, meldet Hyperallergic: Museen zeigen jetzt nicht mehr nur Kunst, sondern fördern Vielfalt und Nachhaltigkeit und argumentieren ethisch. Sascha Lobo zeigt sich auf Spon megaüberrascht, dass auf der Documenta Filme mit antisemitischer Terrorpropaganda gezeigt werden. In Ingolstadt wurde ein Theaterneubau bei einem Bürgerentscheid als "Elitenkultur" abgelehnt, berichtet die SZ. Dem Kino steht ein harter Herbst bevor, warnt der Tagesspiegel. Die taz hört House der "Sons of".

Auf und unterm Küchentisch

25.08.2022. Die Zeit überlässt ihr Feuilleton diese Woche ukrainischen Künstlern: "Der Krieg verdichtet die Zeit", schreibt Serhij Zhadan, über Sein und Zeit im Krieg meditierend. Der mündige Leser kann selbst entscheiden, ob er Winnetou lesen will oder nicht, meint Dlf Kultur angesichts der Entscheidung des Ravensburger Verlags, die Winnetou-Bücher aus dem Programm zu nehmen. Außerdem: Karl May war kein Kulturaneigner, sondern ein Kultur-Hochstapler, meint Zeit online zärtlich. Die taz betrachtet das Leben dreier jüdischer Generationen in Kornél Mundruczós "Evolution". NMZ erliegt den betörenden Stellen in Carlo Pallavicinos Oper "L'amazzone corsara".

Poetisches und Parteitagsbeschlusslagen

24.08.2022. Beinahe wäre der Tagesspiegel an den Krisen der Zeit verzweifelt, aber dann kam die Longlist des Deutschen Buchpreises! Dem Ravensburgverlag brandet für die zurückgezogenen Winnetou-Bücher die Empörung jetzt von links und rechts entgegen. Die FR fragt allerdings, wie die Filme eigentlich durch die Fördergremien kamen. Monopol erkundet im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Materialgeschichte der Fotografie. Die SZ lauscht hypnotisert Matthew E. Whites Neo-Soul-Suite "Only in America", die mit Bläserblech nur sanft beginnt.

Der Ursprung der Welt ist ein graues Nichts

23.08.2022. Der Guardian feiert die zarte Schönheit von Bill Lynchs Malerei auf geborgenem Holz. Absolut geglückt findet die FAZ die Veranstaltung, auf der sich der PEN Berlin mit Salman Rushdie solidarisierte. Weniger begeistert nehmen die Feuilletons Uwe Tellkamps Sarazzinade auf. Die NZZ entschwebt auf dem Lucerne Festival in theogonische Sphären. Der Standard huldigt mit Thomas Arzt in Tirol der Maultasch. Und: Wird jetzt Winnetou gecancelt?

Mausoleum der Liebe

22.08.2022. Die Feuilletons feiern Barbara Freys Schnitzler-Inszenierung "Das weite Land" bei der Ruhrtriennale. Die Berliner Zeitung fragt, was eigentlich an den Vorwürfen dran war, die gegen den früheren Volksbühnenchef Klaus Dörr erhoben wurden. Die FAZ lernt mit den Bildern der Fotografin Joanna Piotrowska Kampfsport ohne Gegner. Der Standard bemerkt, wie zögerlich der Literaturbetrieb seine Solidarität mit Salman Rushdie bekundet. Das Zeit-Magazin huldigt dem schlichten schwarzen T-Shirt.