Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Sie haben alle unrecht

20.08.2022. Auf ZeitOnline begrüßt Wolfgang Ullrich, dass die Kunst dem Ende ihrer Autonomie durch die Documenta 15 ein Stück näher kommt und der Pluralisierung Platz macht. Die Welt widerspricht vehement. Der Homo Sovieticus hat nie Widerstand gelernt, seufzt die Fotografin Nanna Heitmann in der taz. Die russische Literaturgeschichte ist auch eine Geschichte der Opposition, meint dagegen der Freitag. Die FAZ sichtet Reaktionen in arabischen Ländern auf den Anschlag auf Salman Rushdie. Die FAS eröffnet die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Werner Herzogs mit einem großen Interview. Und alle trauern um die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen.

An der Grenze des Hörbaren

19.08.2022. Die SZ lässt sich von Teodor Currentzis mit Schostakowitsch und Purcell ins düstere Todesreich geleiten. Und sie bewundert hinreißende Göttinnen in einer Ausstellung mit naiver Malerei. In der NZZ erinnert Bora Ćosić an den serbischen Architekten des Todes, Bogdan Bogdanović. Die FAZ feiert die Imitationskunst der Schauspieltruppe von Thorsten Lensing. In der Welt erklärt der ukrainische Autor Andrej Kurkow, warum er weiter auf Russisch schreiben wird. Jean-Pierre Thibaudat erzählt in seinem Blog bei Mediapart, wie er in den Besitz verschollener Céline-Manuskripte gekommen ist.

Kuba? Da war ich noch nie

18.08.2022. Charlie Hebdo reagiert mit maximaler Frechheit auf das Attentat gegen Salman Rushdie. Wer zu Terrorakten schweigt, ist mitverantwortlich, erinnert die taz Muslime, Linke und Liberale. Die Zeit sammelt Stellungnahmen und Genesungswünsche von Schriftstellern -  von Can Dündar, Abdulrazak Gurnah, Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann und Orhan Pamuk. Warum nur zeigen so wenig deutsche Schriftsteller Solidarität mit Rushdie? Die FAZ tanzt mit dem Videokünstler John Sanborn in den Sonnenuntergang. Das Van Magazin trauert: Das Ensemble Cantus Cölln löst sich auf. Wo gibt es jetzt noch ein abenteuerliches Leben mit Musik?

Vom Erdschatten aufgezehrt

17.08.2022. In der SZ überlegt A.L. Kennedy, ob die Medien Salman Rushdie Macht und Einfluss so lange verübelten, weil er sie nicht ihnen verdankte. Die FAZ erkennt in "beleidigten religiösen Gefühle" ein Zeichen mangelnder Reife. Die taz blickt auf der Manifesta 14 in den Himmel über Pristina. Zum siebzigsten Geburtstag von Heiner Goebbels bedanken sich FR und Tagesspiegel für den herrlichen Krach, den er den Bühnen zuverlässig beschert. NZZ und Welt schreiben zum Tod des Blockbuster-Regisseurs Wolfgang Petersen.

Diese Liberalität in ihrer edelsten Form

16.08.2022. Die SZ erinnert daran, wie gekränkt sich der Westen von der Fatwa gegen Salman Rushdie fühlte. Die NZZ blickt einer Flut von Biopics entgegen, die die Streamingdienste den Ikonen der Vergangenheit widmen. Das Van Magazin enthüllt, auf welchem Humus die besten Opernideen gedeihen. ZeitOnline erinnert an das desaströse Woodstock-Revival von 1999. Monopol schleckt ein letztes Eis mit Natalia LL.

Das mörderische Rudel gibt nicht auf

15.08.2022. Der Schock über den Angriff auf Salman Rushdie hält an. Den einzelnen Täter könnte er vergessen, schreibt Bernard-Henri Lévy in der SZ, doch nicht die Feiglinge, die stets bereits sind, vor der iranischen Fatwa einzuknicken. Im Observer sieht Kenan Malik in der Fatwa die Keimzelle des Identitätsdenkes. In der NZZ gibt Hamed Abdel-Samad wenig auf arabische Beileidsbekundungen. Das Filmfestival von Locarno geht mit einem Goldenen Leoparden für Júlia Murats "Regra 34" zu Ende. taz und DlfKultur freuen sich, die NZZ beklagt einen Hang zum Grellen unter dem neuen Festivalleiter. Der Guardian geißelt den Zynismus, den das Architekturbüro MVRDV in Tiranas Zentrum einbetoniert.

Die tausend Hände, die einen solchen Dolch halten

13.08.2022. In New York wurde ein Anschlag auf Salman Rushdie verübt, der dabei möglicher Weise ein Auge verloren hat. Kamel Daoud bekennt bei Twitter seine ohnmächtige Wut: "Auf Salman Rushdie wird mit dem Messer eingestochen. Und auf jeden von uns mit ihm." Wir verlinken auf weitere erste Reaktionen. Die Welt sucht nach über tausend Büchern, die aus den Stundenplänen britischer Universitäten verschwunden sind. Standard und critic.de berichten vom Filmfest Locarno. Die FAZ genießt einen Tränenregen im Barocktheater von Schloss Drottningholm. Die Literaturkritiker erinnern sich mit Liebe an Sempé.

Denk dran, mich nicht zu vergessen

12.08.2022. Die SZ betritt die Pforten der Unlogik in der Ugo-Rondinone-Ausstellung der Schirn. Die FAZ hört das Meer rauschen in den neuen Romanen von Theresia Enzensberger, Dörte Hansen und Mariette Navarro. Die NZZ setzt sich einen Hut auf. Die Welt schwärmt von der schlichten Schönheit des neuen Maigret-Films - mit Gerard Depardieu - von Patrice Leconte, der unbegreiflicherweise hierzulande nicht in die Kinos kommt. Das Berliner Theatertreffen schafft sich gerade selbst ab, konstatiert die Welt. Die taz erzählt, wie ein Reissue-Label die Staples Jr. Singers wiederentdeckte. Und: Frankreich trauert um den großen Sempé, dessen federleichter Tuschestrich den "Kleinen Nick" ins Leben gerufen hatte.

Dreimal Midas, dreifach unfehlbar

11.08.2022. Europäisches Kino in bester Form - nicht fürs Tablet geeignet, aber die Ambivalenzen des Fortschritts aufspießend, sehen die Filmkritiker mit Carla Simóns Drama "Alcarràs" über spanische Pfirsichbauern. Die FAZ feiert den Perlmuttschimmer von Elisabeth Teiges Sopran. Die NZZ begutachtet das Learn Center von Sou Fujimoto an der Hochschule St. Gallen. Die Musikkritiker trauern um den begnadeten Songschreiber Lamont Dozier. The Nation besucht eine ängstliche Philip-Guston-Ausstellung in Boston.

Frei und voller Pirouetten

10.08.2022. Die Feuilletons jubeln: Der Büchner-Preis geht an Emine Sevgi Özdamar, "eine der magischsten, poetischsten und üppigst schreibenden Frauen der deutschen Literaturgegenwart", wie der Freitag schreibt. Die SZ prüft genau, wer zur Kontextualisierung der antisemtischen Werke auf der Documenta berufen wurde, die Welt schaut indes schon, was bereits kontexualisiert wurde. Die NZZ gönnt sich ein wenig "erlesene Weltflucht" auf britischen Landsitzen. Die FAZ findet das Haus der Zukunft ausgerechnet auf der Berliner Kurfürstenstraße. Und alle trauern um Olivia Newton-John und Issey Miyake.