Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2022. In der SZ erklärt Hans Eichel, dass die Documenta keine deutsche Veranstaltung sei, sondern eine Weltkunstausstellung. Die Jüdische Gemeinde fürchtet zurecht eine Desolidarisierung der deutschen Kunstinsitutionen, sagt Natan Sznaider im Interview mit der Berliner Zeitung. Danke Barrie, singt und tanzt die taz nach Barrie Koskies Abschiedstournee an der Komischen Oper. In der FAZ misstraut Petra Morsbach dem neuen PEN Berlin, in der Zeit wünschte Jana Hensel Deniz Yücel etwas weniger Charisma. Die FAS meldet, dass Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga, der in Simbabwe Haft droht, in Berlin Zuflucht gesucht hat.
11.06.2022. Eva Menasse und Deniz Yücel stehen dem neuen PEN Berlin nun offiziell vor. Das ist vor allem PEN Yücel, raunt die FAZ, auf den Geist der praktischen Solidarität hofft indes die taz. In der SZ schildert der russische, gestern vom PEN Berlin im Exil empfangene Schriftsteller Dmitry Glukhovsky die Angst der Russen. Im Spiegel verteidigt Claudia Roth Ruangrupa: Israel werde in anderen Teilen der Welt anders gesehen als in Deutschland. Die taz streift über die 12. Berlin Biennale und landet in einem Parcours der Abgründe. Im VAN-Magazin erzählen Musiker aus Charkiw von Konzerten zwischen Explosionen.
10.06.2022. Die taz begibt sich mit dem Konzeptalbum "A Musical Walk Through a Legendary City" des Pianisten Vadim Neselovskyi auf eine musikalische Reise durch Odessa. Die NZZ bestaunt die vielen freien Stellen an britischen Museumswänden, nachdem die Danksagungen an die Pharmafamilie Sackler abmontiert wurden. Vor 100 Jahren herrschte einhellige Kriegsbegeisterung, heute beharken einander "Sofa-Pazifisten" und "Balkon-Bellizisten", diagnostiziert in der SZ der Literaturhistoriker Peter Walther. Und: Vor vierzig Jahren starb Rainer Werner Fassbinder - nur Artechock erinnert sich.
09.06.2022. Der Schriftsteller Dmitry Glukhovsky ist von Russland zur Fahndung ausgeschrieben worden, meldet die taz, wegen "Beleidigung der russischen Armee". Nichts könnte derzeit aktueller sein, als Nikolai Evreinovs Stück "Die Schritte der Nemesis" von 1941 über die Moskauer Schauprozesse, das Yuri Birte Anderson jetzt in Braunschweig inszeniert hat, meint die FAZ. Der Guardian berichtet über Proteste muslimischer Aktivisten gegen den Film "The Lady of Heaven", weil er Mohammeds Gesicht zeigt. Einige Kinos haben ihn bereits aus dem Programm genommen. Die Zeit blickt in zwei großen Artikeln auf die Geschichte der weiblichen Literatur in Deutschland.
08.06.2022. In der FAZ erklärt der Theatermacher Sulayman al-Basam, wie Zensur in Kuweit funktioniert. FR und FAZ bestaunen in Basel den Willen zur Abstraktion schon in den frühen Werken Mondrians. Der Standard ermuntert die Gen Z, ihren Nonkonformismus mit Kate Bush zu stärken. In der Welt erklärt Verleger Herbert Wiesner, warum er zusammen mit Deniz Yücel und 200 weiteren Autoren am Wochenende den PEN Berlin gegründet hat. Zeit online bewundert jetzt schon die weltanschauliche Dynamik des neuen PEN.
07.06.2022. Andrea Stift-Laube denkt im Standard darüber nach, wie man in Österreich vom Schreiben leben kann. Die FAZ versteht nach Sierra Pettengills Doku "Riotsville, USA", wie die Bürgerrechtsbewegung zum Anlass genommen wurde, die Polizei militärisch aufzurüsten. Die SZ steht überrascht beim Rock am Ring: Fast nur Männer hier! FAZ und Welt bestaunen Kirill Serebrennikows Umschreibung von Webers "Der Freischütz": Nicht um den treffenden Schuss geht es, sondern um den treffenden Ton.
04.06.2022. Auf Zeit online fragt Hito Steyerl: Warum so abstrakt postkolonial, Documenta? Angst vor der eigenen Geschichte? Wenn Künstler politisch argumentieren, müssen sie sich auch an der politischen Weltlage messen lassen, meint die taz. Der Tagesspiegel winkt dem von Fahrrädern angetriebenen Documenta-Schiff "Citizenship" hinterher. Die Schriftstellerin Marina Skalova denkt in der NZZ über die Aufgabe des Künstlers in Zeiten des Krieges nach. In der FAZ beschreibt Kurt Drawert die systemsprengende Kraft der Melancholie. In der taz fragt Maria Aljochina von Pussy Riot, ob das EU-Land Kroatien wirklich ihre Bandkollegin Aysoltan Niyazova nach Turkmenistan ausliefern will.
03.06.2022. Intellectures schwelgt in der Kunsthalle St. Annen in den dezidiert weiblichen Perspektiven von Modefotografinnen. John Waters erklärt in der LA Times, was ihm die größten Sorgen bei seinem Debütroman bereitet. "Fünfzig Prozent sind das neue Ausverkauft", spottet der Standard und erwartet neue Strategien von den Bühnen. Im Interview mit monopol erklären die Künstlerinnen Sung Tieu, Marianna Simnett und Verena Issel ihre Vorstellungen von fairen Strukturen in der Kunstwelt. Zeit online freut sich über die neuen Folgen von "Borgen".
02.06.2022. Die FR beugt sich entzückt über prächtig weiße Elfenbeinkunst. Die Filmkritiker finden die Grundbedingungen des Menschseins widergespiegelt in Joachim Triers Film "Der schlimmste Mensch der Welt". Die taz fragt: Könnte Theater nicht auch mal unbequemes Überdenken eigener Haltungen anregen? Die FAZ berichtet von der Verhaftung der simbabwischen Autorin Tsitsi Dangarembga, die für Reformen in ihrem Land eingetreten ist. Das Van Magazin protestiert gegen die geplante Erhöhung der Portokosten für Warensendungen ins Ausland: Das treffe vor allem kleinere Schallplattenhändler und -labels.
01.06.2022. Friedrich Christian Delius ist tot. Die Feuilletons trauern um den Intellektuellen, Mentalitätshistoriker und sensiblen Stilisten. Die SZ widmet sich auf zwei Seiten dem eskalierenden Streit um die Documenta. Die Nachtkritik lernt bei den Wiener Festwochen, wie Glockenläuten einen Sturm beenden kann. Die Jungle World erzählt die Geschichte des kollektiv organisierten Avantgarde-Labels Free Music Production.