Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2022. Die FR beugt sich entzückt über prächtig weiße Elfenbeinkunst. Die Filmkritiker finden die Grundbedingungen des Menschseins widergespiegelt in Joachim Triers Film "Der schlimmste Mensch der Welt". Die taz fragt: Könnte Theater nicht auch mal unbequemes Überdenken eigener Haltungen anregen? Die FAZ berichtet von der Verhaftung der simbabwischen Autorin Tsitsi Dangarembga, die für Reformen in ihrem Land eingetreten ist. Das Van Magazin protestiert gegen die geplante Erhöhung der Portokosten für Warensendungen ins Ausland: Das treffe vor allem kleinere Schallplattenhändler und -labels.
01.06.2022. Friedrich Christian Delius ist tot. Die Feuilletons trauern um den Intellektuellen, Mentalitätshistoriker und sensiblen Stilisten. Die SZ widmet sich auf zwei Seiten dem eskalierenden Streit um die Documenta. Die Nachtkritik lernt bei den Wiener Festwochen, wie Glockenläuten einen Sturm beenden kann. Die Jungle World erzählt die Geschichte des kollektiv organisierten Avantgarde-Labels Free Music Production.
31.05.2022. Die Welt bewundert in Stuttgart die nachdenkliche Eleganz der Carrie Mae Weems. Die FAZ entdeckt in Oskar Zwintscher den sächsischen Klimt. Die NZZ würdigt den verstorbenen slowenischen Dichter Boris Pahor als Verteidiger einer nicht geduldeten Wahrheit. Auf ZeitOnline erklärt Regisseur und Cannes-Gewinner Ruben Östlund, wie Marx ihn davor feit, die Welt in Gut und Böse einzuteilen, selbst wenn es um Superreiche geht. Die SZ feiert die explosive Kraft im Blues von Albert Ayler und Mary Parks.
30.05.2022. In Cannes sind die Filmfestspiele mit einer Goldenen Palme für Ruben Östlunds Reichensatire "The Triangle of Sadness" zu Ende gegangen. FR, NZZ und Standard hätten feinsinnigere Filme bevorzugt, nur Artechock freut sich über diese Provokation des Publikums. In den Augen von FAZ und ZeitOnline ist Cannes alt geworden. In der Berliner Zeitung zieht Claus Peymann gegen Theaterintendanten zu Felde, die ihre Häuser führen wie Bankfilialleiter. Die taz lässt sich in die kosmischen Tiefen des Loop-Sounds fallen.
28.05.2022. Die Welt gibt sich in Potsdam den utopischen Autonomievorstellungen der deutschen Abstrakten hin. Die taz reist zur Art Dakar und findet gestretchte Kuhhaut aus China. Die SZ blickt im zerstörten Charkiw bang in eine Stadt der Zukunft mit Bunkern und Radwegen. Das Beste kam in Cannes zum Schluss, nämlich Kelly Reichardts Künstlerinnenkomödie "Showing Up" und die Familiengeschichte "Mother and Son" von Léonor Serraille, notiert der Tagesspiegel. Den "Odeur der Notlösung" vernimmt indes die FAZ. Die SZ feiert mit Abba in London den Sieg des Nichtseins über das Sein.
27.05.2022. Endspurt in Cannes: FAZ und FR küren Hirokazu Kore-Edas Tragikomödie "Broker" zum Palmen-Favoriten. Eine Frau wird das Rennen vermutlich nicht machen, denn nur drei der 18 Filme stammen von Frauen, ärgert sich die Zeit und wirft dem Festival "geistige Günstlingswirtschaft" vor. Der Osten bekommt momentan den "vierten Nackenschlag", klagt der Schriftsteller Lukas Rietzschel in der FAZ. Der Tagesspiegel blickt mit dem Fotografen Ruslan Hrushchak auf eine Ukraine, die es so nicht mehr gibt. Von Beifallsstürmen für Anna Netrebko in Paris berichtet die SZ: Aber vorher schickte man einen Rundbrief.
25.05.2022. In Cannes pilgern die Kritiker in David Cronenbergs Body-Horrorfilm "Crimes of the Future", einem Schönheitswettbewerb der Organe. Kontrovers nehmen FAZ und Tagesspiegel Sergei Loznitsas "Natural History of Destruction" auf, einen Essay über den Luftkrieg. Die Nachtkritik verfällt mit Thom Luz dem traurigen Zauber der Klavierstimmer. In Suhrkamps Logbuch bekennt Herausgeber Thomas Wörtche, dass er das Wort Krimi kaum noch in den Mund nehmen mag. Und in der Zeit prophezeit Wolfgang Ullrich ein neues Zeitalter des Maskenspiels.
24.05.2022. Wenn man schon weiß, wie die Welt zu sehen ist, braucht niemand mehr Filme zu machen, schimpft Lars Henrik Gass im Filmdienst nach dem Kongress "Zukunft Deutscher Film". Der Freitag hätte gern Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage" im Wettbewerb in Cannes gesehen. 54books erinnert an die erschossene Renaissance der ukrainischen Literatur. In der taz führt der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez durch die Gewaltgeschichte Bogotás. Die NZZ feiert das amoralische Werk der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas. Und Crescendo blickt traurig auf das große Grau im Klassikbetrieb.
23.05.2022. In Cannes schlürfen FR und Tagesspiegel genüsslich Ruben Östlunds Sozialsatire "The Triangle Of Sadness", die ihnen runtergeht wie ein schlecht gemixter Martini. Der Tagesspiegel bewundert auch kapriziöse Kaktus-Architekturen in den Fotografien Graciela Itubides. FAZ und FR schwirrt der Kopf nach einem Elfriede-Jelinek-Abend am Schauspiel Frankfurt. taz und SZ sehen nach dem Theatertreffen das postdramatische Theater wohlauf. Die NZZ ruft mit Anne Kaestle die Architektur zum zivilen Ungehorsam gegen die Bauvorschriften auf.
21.05.2022. Bilder ohne Trost sehen die Filmkritiker im letzten Werk des in Mariupol erschossenen Dokumentarfilmers Mantas Kvedaravičius: Für den Tagesspiegel ist es ein Dokument menschlicher Widerstandskraft, für die FAZ ein Wunder, einfach weil es ihn gibt. Die Berliner Zeitung wirft den Kritikern der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa Rassismus vor. Die FAZ fragt, warum Ruangrupa auf der Documenta kein Wort über die rassistische Behandlung der indigenen Völker im eigenen Land verliert. In der taz spricht Schriftstellerin Katja Petrowskaja über ihr Verhältnis zur russischen Sprache. In der NZZ denkt die angolanisch-portugiesische Autorin Djaimilia Pereira de Almeida über ihre Privilegien nach.