Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Blank geputzte Disco

24.06.2022. Willkommen auf der Antisemita 15, ruft Sascha Lobo bei Spon: Sabine Schormann weist die Verantwortung zurück, Ruangrupa will sich in Sachen Antisemitismus weiterbilden, Taring Padi plant, die bösen Geister auszutreiben und Claudia Roth möchte künftig mehr Einfluss. Das Werk erfüllt übrigens den Tatbestand der Volksverhetzung, erinnert die SZ. Und die Berliner Zeitung ist bestürzt, dass sich nun alle so unversöhnlich gegenüberstehen. Außerdem: Die FAZ gönnt sich mit Ugo Rondinone in Frankfurt Phasen des Ruhens. Die taz erklärt uns den hybriden, sehr tanzbaren hamburgisch-ghanaischen "Burger-Highlife". Die Zeit porträtiert den afghanischen Charlie Chaplin Karim Asir.

Dann gehen wir. Leise

23.06.2022. Olaf Scholz bleibt der Documenta fern, Taring Padi steht unter Polizeischutz - und die Zeit fragt: War die Durchführung der Documenta ein Verstoß gegen den BDS-Beschluss des Bundestags? Müssen die Grenzen der Kunstfreiheit neu gezogen werden? Die Welt blickt auf die durchsubventionierte Sorglosblase der Dresdner Staatskapelle, die mit dem von #metoo-Vorwürfen verfolgten Daniele Gatti den Neuanfang wagen will. Die Filmkritiker finden keinen Draht zu Baz Luhrmanns "Elvis".

Schaut her, anderswo ist man nicht so pingelig

22.06.2022. Großes Kehren nach dem Documenta-Eklat: Das antisemitische Werk von Taring Padi wurde inzwischen abgebaut, jetzt werden die Rufe nach Entlassung der Verantwortlichen laut. Haltet den Dieb, ruft die SZ. "Ist man traurig darüber, dass in Deutschland über Judenhass nicht diskutiert werden kann?", fragt Jürgen Kaube in der FAZ nach dem Statement der Verantwortlichen. Die Welt ärgert sich über die große Heuchelei, außerdem zeichnet sie die "gefährliche Nähe" zum BDS auch im Kuratorenteam nach. Für die NZZ streift Jan Koneffke durch ein Bukarest der Gegensätze.

Drama des Nichtgelingens

21.06.2022. Empörung mit Verzögerung nach der Entdeckung eines antisemitischen Wimmelbildes auf der Documenta: "Die Documenta fördert Propaganda im Goebbels-Stil", twittert etwa die israelische Botschaft, die Feuilletons atmen schwer und die Documenta selbst ist traurig über "die Unmöglichkeit des Dialogs". Der Osten wird immer noch aufs Skurrile reduziert, stöhnt die NZZ über Leander Haußmanns "Stasikomödie". ZeitOnline empfiehlt statt Valium die Berieselung mit misogynen Ressentiments von Drake.

Kommunikation: Totalausfall

20.06.2022. Am Wochenende eröffnete die Documenta 15 in Kassel. Bei seiner Eröffnungsrede erinnerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier daran, dass die Freiheit der Kunst endet, wenn das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wird. Macht aber niemand, entgegnen monopol und FAZ. Die Welt schlendert derweil einsam durch die Ausstellungen, sieht aber statt der versprochenen Kommunikation nur einsame Menschen über ihre Handys gebeugt. Außerdem: Das klassische Ballett ist in der Krise, diagnostiziert die FAZ. ZeitOnline dokumentiert die großartige Rede der ukrainischen Lyrikerin Halyna Kruk beim Poesiefestival Berlin.

Die Aktion der anderen

18.06.2022. Die Documenta hat eröffnet. Antisemitisch ist sie nicht, meint die FAS, die dafür der Documenta-Direktion katastrophales Krisenmanagement vorwirft. Sie hätte auch gern gewusst, was VW als Sponsor auf einer westliche Ausbeutung kritisierenden Kunstschau zu suchen hat. Die taz hätte gern mit dem einen oder anderen Künstler über sein Werk diskutiert. Außerdem: Im Tagesspiegel denkt Fiston Mwanza Mujila darüber nach, was es heißt, in Europa über Afrika zu sprechen. Der Jewish Chronicle fragt, warum BDS die Band Big Thief davon abgehalten hat, in Israel ein Benefizkonzert für palästinensische Kinder zu geben. Die Filmkritiker trauern um einen großen Verführer: Jean-Louis Trintignant.

Dimensionen einer gewaltigen Ekstase

17.06.2022. Morgen eröffnet die Documenta 15, die Journalisten durften vorher schon mal gucken: Diese Schau ist welthaltig wie eine Spülküche, freut sich die SZ. Und wunderbare Kunst gibt es auch. Davon hat der Standard noch nicht so viel gesehen. Und die Welt fragt sich, ob die gefeierte Perspektive des globalen Südens nicht nur ein Manöver ist, von unbequemen Fragen hierzulande abzulenken. Außerdem: Maxi Obexer, Teil der Doppelspitze des alten PEN Deutschland, ist zurückgetreten, meldet die SZ: Zu viele reformresistente Männer. Die NZZ feiert das neue Museumsquartier in Lausanne.

Der reale Nicolas Cage

16.06.2022. Die nmz macht einen Klang-Spaziergang im Berliner Westhafen. Van beschreibt, wie Tarkowski mit Bach zusammenarbeitete. Stocknüchtern, aber trotzdem saukomisch findet die Welt Simon Brückners Doku über die AfD, "Eine deutsche Partei". Putin ist nicht Russland, versichert der russische SF-Autor Dmitry Glukhovsky im Interview mit der Zeit. In der NZZ platzt Michael Wolfssohn angesichts der Debatte um die Documenta der Kragen.

Ein flirrender Freiheitsrausch

15.06.2022. In der SZ fordert der Komponist Marc Sinan mindestens fünf Opernhäuser im Land, die ausschließlich Neues aufführen. Auf ZeitOnline wirft Saba-Nur Cheema in der Debatte um die Documenta den Antideutschen eine Überidentifikation mit Israels militärischer Stärke vor. In der Art News gibt Marina Abramovic ihren Widerstand gegen NFTs auf. In der FAZ fragt Bernhard Schlink, welcher PEN nun das Geld bekommt. Die FAZ bewundert die Malerin Rosa Bonheur, die sich eine Sondergenehmigung zum Tragen von Hosen erstritten hatte, um derbes Vieh malen zu dürfen. Die taz porträtiert die ukrainische Harfenistin Veronika Lemishenko.

Glanz und Ruhm, aber kein Geld

14.06.2022. In der Welt erklärt Regisseurin Nicolette Krebitz, warum sie eine Sophie Rois nicht unterm Patriarchat leiden lassen kann: Der fällt viel zu viel für sich selber ein. In der SZ erinnert sich Klaus Lemke an seine aufregenden Tage mit furchterregenden Rockern. Die NZZ lernt im Münchner Museum Fünf Kontinente die Rindenmalerei der Aborigines zu deuten. Die FAZ sieht bei den Ruhrfestspielen marokkanischen Aufbruchsgeist über die Bühne fliegen. Das Zeit-Magazin trägt jetzt keine Mädchenfarben mehr, sondern Shocking Pink.