Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2023. Eine Welt ohne falsche Sehnsuchtsfarben: Die Filmkritik freut sich über den neuen Kaurismäki. Kunst und Politik? Das geht, meint die FAZ nach der Brüsseler Uraufführung von Bernard Foccroulles' Klimaoper "Cassandra". Die Fauvisten feierten lieber das lebbare Leben - auch das ein Akt des Widerstands, denkt sich die Welt in einer Basler Ausstellung. Ai Weiwei erinnert im Tagesspiegel daran, dass man Geld für Kunst auch an die Armen verteilen könnte. Die Art Week Berlin beginnt mit Poledance und Bodybuilding. Die FAZ mag keine baukulturellen Verschwörungstheorien.
12.09.2023. Kann man einen früheren, zum Kriegsdienst gezwungenen, ugandischen Kindersoldaten wirklich in Den Haag verurteilen, fragt sich der Filmdienst nach der Doku "Theatre of Violence." Die Literaturkritiker hörten gerne zu, wie Salman Rushdie in Berlin via Schalte über seinen Roman "Victory City" sprach. Die taz trauert in Rom mit dem Schmelz von Bruno Martino um den Sommer. Die FAZ taucht mit Claude Débussys "Palléas et Mélisande" in Budapest ab in einen schummerigen Zauberwald des Unbewussten.
11.09.2023. Die Filmkritiker feiern Yorgos Lanthimos' weibliche Frankensteiniade "Poor Things", die bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten hat: Der Film pustet die Synapsen frei, schwärmt die FAZ, der Filmdienst sieht darin die Welt wie zum ersten Mal. Die FAZ amüsiert sich mit der Adaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Noch wach?" am Thalia-Theater über einen Medienchef als Dracula - taz und SZ vermissen die Frauenstimmen in diesem MeToo-Stück. Die NZZ staunt über die Souveränität von Valdimir Jurowski, der Klimaklebern bei seinem Konzert das Wort erteilt hat.
09.09.2023. Die Filmfestspiele Venedig gehen zu Ende: Zwei Grenzdramen konkurrieren wohl um den Goldenen Löwen, schreiben die Kritiker. Uneinig sind sie sich, ob Matteo Garrones "Il Capitano" der rechten Regierung Italiens gefallen wird. Wir wollen lieber Bücher schreiben, statt immer nur Anträge auf Stipendien, rufen junge Schriftsteller in der FAZ. Die Nachtkritik hofft mit Philipp Quesnes "Der Garten der Lüste" auf die Erlösung der Menschheit. Berliner Zeitung und taz bewundern, wie Nadia Kaabi-Linke die "Haken der Geschichte" visualisiert.
08.09.2023. In Berlin wurde das Literaturfestival unter der neuen Leitung von Lavinia Frey eröffnet. Viele Politiker waren dabei, notiert die taz, der unwohl dabei wird, wie eng sich dort Politiker und Kulturschaffende verbandeln. Die Filmkritiker sind immer noch fassungslos, wie Claudia Roth den Berlinale-Leiter Carlo Chatrian abgesägt hat: Roth beschädigt die Berlinale auch perspektivisch, ärgert sich der Tagesspiegel. Der FR ist völlig unklar, wie Roth sich die Zukunft der Berlinale vorstellt. Auch die FAZ fragt, wer den Job jetzt noch machen soll. Und die NZZ wüsste gern, warum sich kein Politiker für Herta Müllers Vorschlag eines Exilmuseums interessiert.
07.09.2023. Fast 400 internationale Filmemacher protestieren gegen Claudia Roths Rausschmiss des Berlinale-Leiters Carlo Chatrian. Der Tagesspiegel bewundert in Venedig den furchtlosen Widerstand der Frauen im Iran, die der Regisseur Ayat Najafi in seinem Dokumentarfilm "The Sun Will Rise" porträtiert. In der FAZ preist Francesca Melandri das Schweigen, das für unser Überleben so wichtig ist wie Hunger und Sex. Monopol spürt im gesteppten Satin von Anna Virnich in Köln das kribbelige Unbehagen an der Gegenwart. Und die Zeit lauscht dem Klang der Wangen von Meredith Monk.
06.09.2023. Sensibler Triumph oder Kostümorgie? Die Filmkritiker in Venedig sind zwiegespalten in Sofia Coppolas "Priscilla"-Biopic. Die FAZ blickt mitfühlend auf drei tote Heringe, denen Chaim Soutine ein Denkmal gesetzt hat. Die SZ feiert das Berliner Musikfest für seine Verspieltheit. Die NZZ erlebt in Lucerne mit Herbert Blomstedt das Geheimnis ganz großer Dirigierkunst. In der FAZ verabschiedet Fiat die Farbe Grau.
05.09.2023. Beim Filmfestival Venedig zeigt sich Woody Allen gelassen, dass er seine Filme nur noch in Europa drehen kann. Auch ohne Gardiner, aber vor allem wegen des Monteverdi Choirs war die Berliner Aufführung von Berlioz' "Die Trojaner" ein Ereignis, schwärmt VAN. Und im ZeitMagazin erklärt die Modejournalistin Lynn Yaeger, warum sie ohne Tüll in ihrer Kleidung gar nicht erst aus dem Haus geht.
04.09.2023. Die Nachtkritik sieht mit Bahram Beyzaies Stück "Yazgerds Tod" in Düsseldorf eine tiefgründige Parabel auf die aktuelle Situation im Iran. Das stalinistische Kino erhebt sich wie ein Zombie aus dem Grabe, erzählt Igor Saweljew in der FAZ. Carlo Chatrian verlässt die Berlinale nun endgültig - zwei bittere Statements sprechen Bände. Der Tagesspiegel zeigt sich darüber fassungslos: Mit dieser brüskierenden Demontage habe Claudia Roth das Festival massiv beschädigt. Ilija Trojanow will mit seinem neuen Roman die Künstliche Intelligenz umarmen, verrät er dem Standard.
02.09.2023. Das Publikum feiert Joana Mallwitz, die ihren Einstand als neue Chefdirigentin des Berliner Konzerthauses gegeben hat, berichtet der Tagesspiegel. Giorgos Lanthimos' feministischer Frankenstein-Variante "Poor Things" fliegen beim Filmfestival in Venedig alle Kritikerherzen zu. SZ und FAZ werden bei Dmitri Tcherniakovs düster-wuchtiger Oper "Aus einem Totenhaus" bei der Ruhrtriennale zu Gefängnisinsassen. Und der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch bezeugt in der NZZ die Blutlachen von Dnipro.