Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2023. Carlo Chatrians Vertrag bei der Berlinale wird nicht verlängert - ein glatter Rauswurf, staunt die Berliner Zeitung. Der Tagesspiegel wundert sich, dass nach der Doppelspitze plötzlich wieder das Intendantenmodell angesagt ist. Die NZZ schwelgt in Mondschein und Romantik in der großen Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in Winterthur. Die FAZ lauscht einer Predigt von Critical Consumption, während sie von Luxusmarken träumt.
31.08.2023. Die Filmkritiker schauen in Venedig entgeistert auf Edoardo De Angelis' italienisches Weltkriegsdrama "Comandante": "Einen solchen Film kann man sich nur aus einem Land vorstellen, in dem Faschismus für die Menschen, die es regieren, kein Schimpfwort mehr ist", meint die FR. Die NZZ bewundert in Lausanne die japanische Kunst von Edouard Vuillard. "Gesellschaftliche Veränderungen können schmerzhaft sein", geben die geschassten Theatermacher Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann dem Schauspielhaus Zürich in der Zeit mit auf den Weg. Und die FAZ rät Joe Chialo, Grundstück und Gebäude der Galeries Lafayette jetzt auch möglichst schnell zu kaufen.
30.08.2023. Streik in Hollywood? Bei den Filmfestspielen in Venedig ist davon nichts zu merken, notiert der Tagesspiegel angesichts der auf der Leinwand versammelten Hollywood-Power. Die NZZ blickt mit Alberto Giacometti ins alte Ägypten. Die FAZ fragt sich angesichts eines Hochhauses ganz aus Holz im schwedischen Skellefteå, ob dies auch für Berlin die Zukunft sein kann. Und: die Ermittlungen gegen Till Lindemann wurden eingestellt, berichtet der Tages-Anzeiger, der auch kritisch auf die Medienberichterstattung blickt.
29.08.2023. Die Filmkritiker begeistern sich für Ira Sachs' "Passages", in dem Franz Rogowski einen schwulen Regisseur in Paris spielt. Die NZZ sieht die Ära der Patriarchen am Taktstock zwar noch nicht am Ende, aber die Orchester lassen sich auch nicht mehr alles gefallen. Für den naiven Umgang der Berliner Staatsoper mit Anna Netrebko hagelt es Kritik im Internet. Die FAZ bestaunt extravagante Särge in Ghana.
28.08.2023. Im Tagesspiegel erzählt der Filmmanager Gaga Chkheidze, wie die georgische Regierung die Filmszene des Landes drangsaliert. Umberto Eco hätte das Rätselraten um eine Novelle, die ihm zugeschrieben wird, aber kaum von ihm stammen dürfte, ziemlich gut gefallen, glaubt die FAZ. Außerdem genießt sie beim Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker den Wechsel vom Sahnigen zum Metallischen. Die Nachtkritik kniet vor Katharine Mehrlings phänomenaler Brecht-Performance am Berliner Ensemble. Die Feuilletons trauern um den Underground-Dichter Bert Papenfuß.
26.08.2023. Die Berliner Zeitung stellt die Künstlerin Olga Mezenceva und ihre farbstarke "Outsider-Kunst" vor. Monopol fragt sich, wie die Medien schon wieder so auf Trump hereinfallen konnten. Nicola Bardola sichtet für die FAZ den Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Hermann Kesten. Die SZ hört den Tod in Kaija Saariahos letztes Komposition, "Hush". Außerdem fragen sich die Musikkritiker, ob die Karriere Sir John Eliot Gardiners mit einer Ohrfeige endet.
25.08.2023. Das Kunstfest Weimar ist eröffnet. Die SZ warnt vor Klassikerbesoffenheit, von der man sich laut nachtkritik mit Robert Wilsons "Ubu"-Inszenierung heilen lassen kann. Die SZ trauert um die Garde der großen Nachkriegsautoren, die bei allen Fehlern immer die Demokratie verteidigt hätten. In der Welt erklärt die französische Regisseurin Maïwenn die Verführung der Macht. Die FAZ bestaunt die Kunst der Rückenbeuge im Salzburger Museum der Moderne. Die taz taucht in die Berliner Italo-Disco-Szene ein.
24.08.2023. Die Feuilletons feiern Dominik Grafs Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" über Schriftsteller, die in Nazi-Deutschland geblieben sind: Niemand wird mit Gratismut verurteilt, lobt die taz. Die Zeit steht in Düsseldorf vor naiven Tulpenporträts von Anton Hofreiter und möchte diskutieren, was Museen heute noch unter Qualität verstehen. Die SZ plädiert für mehr Öffnung bei den Bayreuther Festspielen. Und Zeit Online verlässt die Kapsel mit wuchtigem Jazz von Jaimie Branch.
23.08.2023. Überraschende Nominierungen findet die erfreute FAZ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Da gibts viel junge deutsche Literatur zu entdecken, ermuntert auch Intellectures. In Interviews mit SZ und FAZ kündigt Joana Mallwitz, die neue Dirigentin des Berliner Konzerthausorchesters, an, künftig auch in den Revieren der Spezialisten zu wildern. Der Tagesspiegel porträtiert den koreanischen Maler Sun Mu. Die NZZ betrachtet in Luzern die Fotografien Zanele Muholis von der verfolgten queeren Community in Südafrika. Die SZ fühlt sich sehr wohl im neuen Archiv der Zukunft in Lichtenfels.
22.08.2023. Dominik Grafs neuer Essayfilm gräbt sich tief ein in die Fragen von Schuld und Verantwortung der Literaten der "inneren Emigration", schreibt der Filmdienst. Vielleicht sollte das Lucerne Festival sich von dem Gedanken verabschieden, dass ein einziger Dirigent das Festival prägt, muss die NZZ seufzend feststellen. Außerdem schwelgt sie in der Londoner "Diva"-Ausstellung in der mythischen Entrücktheit göttlicher Abendkostüme. Die FAZ wird in einer Ausstellung zum "Okkulten in der Thyssen-Bornemisza-Sammlung" von einem unerwarteten Blick getroffen. Und die Welt freut sich, dass Berlin den Brutalismus plötzlich wieder schön findet.