Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Was der KI jetzt vorgehalten wird

21.08.2023. Ersetzt KI Drehbücher von echten Menschen? Die FAZ hat beim Blick ins deutsche Vorabendprogramm jetzt schon Probleme, hier überhaupt noch Unterschiede zu erkennen. Mit seinem Roman "Unser Deutschlandmärchen" will Dinçer Güçyeter auch den Frauen der Gastarbeiterjahre ein Denkmal setzen, erzählt er im Standard. Taz und Tagesspiegel schlagen angesichts des Skandals um die "Oh Boy"-Anthologie die Hände über dem Kopf zusammen. Die FAZ sieht El Lissitzky im Spiegel seiner Nachfahren. Und die SZ wird von Anne Teresa de Keersmaekers Performance "Exit Above" bei Tanz im August hinweggefegt.

Ein Rest von Aura

19.08.2023. Die taz spricht mit dem Regisseur Sudhir Mishra über ethnoreligiöse Gewaltexzesse in Indien. Die SZ gibt sich dem Klangrausch von Fabián Panisellos Oper "Die Judith von Shimoda" bei den Bregenzer Festspielen hin, die das Schicksal der Geisha Okichi besingt. Ein Herausgeber der Anthologie "Oh Boy" hat mit einem Text über sein übergriffiges Verhalten die Grenze der betroffenen Frau ein zweites Mal übertreten, schreibt die FAZ. Zum 500-jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsorchesters versenkt sich das ND tief in die Geschichte des Klangkörpers. Die NZZ bezieht in Zürich Stellung zwischen Käthe Kollwitz und Mona Hartoum.  

Der Charme eines Schlachtfelds

18.08.2023. Die FAZ begeistert sich für die nagelspitze Mehrdeutigkeit des Malers Michael Armitage, dessen Bilder gerade im Kunsthaus Bregenz zu sehen sind. Die taz reist mit Markus CM Schmidts Kino-Dokumentarfilm "Le Mali 70" zu den Jazzmusikern in Mali. Die SZ besucht die Pornoproduzentin Paulita Pappel, die sich auf queerfeministische Pornos spezialisiert hat. Die Welt begutachtet Versuche, alte Schwarzweißfilm historisch akkurat zu kolorieren.

Es schneite zerrissene Taschentücher

17.08.2023. Die Zeitungen gratulieren Herta Müller zum Siebzigsten: Die SZ bewundert, wie sich die Literaturnobelpreisträgerin eine sprachmagische Rüstung gegen die Zumutungen der rumänischen Diktatur bastelte. Die Filmkritiker verneigen sich zum Achtzigsten vor Robert de Niro, dem Getriebenen, dem man auch die schwachen Filme der letzten Jahre verzeiht. Die Zeit wünscht sich mehr Parität bei Klassikwettbewerben. Und Hyperallergic erkennt in New York die Morbidität in den Zypressen von Vincent van Gogh.

Ich fühle einfach zu viel

16.08.2023. Die FAZ ist ergriffen, verstört: Paavo Järvis radikale Luzerner Interpretation der Vierten von Brahms war eine Sensation. Die SZ schmilzt eher dahin: Der wieder edierte Pianist Alfred Cortot bewies auch im Exzess vornehme Leidenschaft. Der Perlentaucher mag den arg ostentativen Gefühlsregungen der jungen Schauspieler schauspielernden Schauspieler in Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young" nicht folgen. Die FAZ staunt außerdem über Menzel als Shakespearianer.

Willst du mit mir ein Anarchist sein?

15.08.2023. Die FAZ staunt über den Wagemut der libanesischen Film-Satire "Hardabasht", die ihren Finger auf so ziemlich alle Wunden des Landes legt - nur ein rauchender Polizist ging den Zensurbehörden zu weit. Die Kritiker sind schwer beeindruckt: Simon Stones "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen ist die Oper der Stunde. Die taz legt sich mit der Subkultur der Sad Girls im Auto schlafen und träumt von der Anarchie. Die NZZ lässt sich von Chiharu Shiotas blutroten Spinnfäden umgarnen.

Hoffnung für die Kunst in finstersten Zeiten

14.08.2023. So nihilistisch hat man Iran im Kino noch nicht gesehen wie in Ali Ahmadzadehs "Critical Zone", der in Locarno den Goldenen Leoparden gewonnen hat, staunen die Kritiker. Christoph Marthaler hat mit seinem Zigarre qualmenden "Falstaff" bei den Salzburger Festspielen das Publikum erzürnt - so schlimm war es gar nicht, finden die Kritiker. Die SZ ruft modernen Architekten zu, sich von der Bauhaus-Utopie inspirieren zu lassen. Außerdem gratulieren die Feuilletons Wolf Wondratschek zum Achtzigsten.

Dieser Einbruch des Profanen

12.08.2023. Die SZ verfällt der zauberischen Realität der ersten vier Akte von Barbara Freys Inszenierung des "Sommernachtstraums", der die Ruhrtriennale eröffnete. Die FAZ lässt sich von Ulla von Brandenburg Goethes Farbenlehre vortanzen. Außerdem berichtet sie über Versuche der italienischen Regierung, die Filmpolitik nach rechts zu rücken. Die taz feiert fünfzig Jahre HipHop.

Mit Freund-Feind-Ufftata kommt man nicht weiter

11.08.2023. Dem hingerissenen Tagesspiegel läuft die Farbe aus den Ohren beim chinesischen Animationsblockbuster "Deep Sea". Außerdem unterhält er sich mit dem kurdischen schriftsteller Yavuz Ekinci, der seiner Wut über die Gewalt in der Türkei Luft macht. Die SZ porträtiert Sylvia Robinson von Sugar Hill Records, die HipHop seinen Namen gab. Die NZZ empfiehlt ganz generell Betonkopf-Linken und Rechtspopulisten: "Hört mehr Hip-Hop". Die Berliner Zeitung ermuntert zu einem Besuch der Berliner Gemäldegalerie: Dort sind nur heute die Gemälde Sarah Haffners ausgestellt.

Kränkelnde Utopie

10.08.2023. Wie man Tradition nach vorne bringt, lernt der Standard aus der Essaysammlung "Futuromania" des Popjournalisten Simon Reynolds. Die Filmkritiker gruseln sich in einem Essayfilm von Regina Schilling vor einem pausbäckigen Eduard Zimmermann, der Frauen in "Aktenzeichen XY ungelöst" das Zuhausebleiben empfahl. Die NZZ besucht eine Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien im chinesischen Shenzhen und findet fast nur "schöne" Werke. In der Welt plädiert der Übersetzer Juri Durkot dafür, Denkmäler russischer Künstler aus ukrainischen Stadtbildern zu verbannen.