Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Irgendwo in den Welten Albions

05.07.2023. FAZ und Berliner Zeitung vermissen in der Ausstellung "Schlösser. Preußen. Kolonial" eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Zeit online wird vom sphärischen Indie-Pop auf PJ Harveys neuem Album "I Inside the Old Year Dying"  wie von Meerjungfrauenhänden in eine ursprüngliche und gefährliche Tiefe gezogen. Die Feuilletons trauern um den Schriftsteller Peter Bieri alias Pascal Mercier. Die FAZ lässt sich von Trajal Harrells Tanzsolo-Performance beim Festival Theater der Welt hypnotisieren.

Göttin des Wassers

04.07.2023. FAZ, SZ und FR können angesichts des Klangsturmes bei der Wiederaufführung von Rudi Stephans selten gespielter Oper "Die letzten Menschen" ihren Ohren kaum trauen. Der Filmdienst dringt auf dem Filmfest München unter anderem mit Maximilian Erlenweins Tauchthriller "The Dive" in die dunkleren Bereiche von Mensch und Welt vor. Die FAZ freut sich in Dresden über die Widerspenstigkeit in den Werken der aus der DDR geflohenen Künstlerin Cornelia Schleime. Die SZ wünscht sich zarteres Design.

Angesprochen, berücksichtigt, geschont

03.07.2023. Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina ist bei einem Raketenangriff auf Kramatorsk ums Leben gekommen. Die NZZ vermutet, dass das Restaurant, in dem sie gerade den kolumbianischen Autor Hector Abad traf, gezielt beschossen wurde. In Klagenfurt gewann die Berliner Autorin Valeria Gordeev den Bachmannpreis in einem starken Jahrgang, wie FR und Standard mit Freude bemerken. Die SZ stellt allerdings fest, dass es keine Trennung mehr gibt zwischen Autor und Erzähler. Die Nachtkritik lauscht derweil beim Theater der Welt dem Chor der Milchkühe. Die taz bewundert in Dresden die kreidige-cremige Pudrigkeit in den Porträts der Venezianerin Rosalba Carriera.

Ein sanftes Wegpusten der Wolke

01.07.2023. Die taz hat am zweiten Tag in Klagenfurt bereits erste Favoriten, darunter Jayrome Robinet, der aus Sicht eines Transmannes über Gewalt in einem migrantischen Arbeiterhaushalt schreibt. Die Welt wünscht sich indes auch mal einen Text, der über das eigene Ich hinausschaut. Die FAZ erinnert daran, dass der Rowohlt-Verlag bei der Einführung von Philip Roth in Deutschland antisemitische Reaktionen fürchtete. Die Berliner Zeitung tanzt in Berlin durch die ruppigen Farbgebirge von Judit Reigl. Die SZ hat große Zweifel an der Seriosiät der ARD-Umfrage zu Machtmissbrauch am Theater. Und die taz hofft, dass KI Musikern ein paar entscheidende Fußtritte verpasst.

Rüschenmonster

30.06.2023. Die Literaturkritiker sind beeindruckt von Tanja Maljartschuks Eröffnungsrede zum Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt: Eine Autorin, die bekennt, das Vertrauen in die Sprache verloren zu haben, haben sie noch nicht gehört. Die taz schwelgt mit Dave Lombardos Album "Rites of Percussion" in Double-Bass-Geboller und filigranem Hochgeschwindigkeitsgetrommel. Die FAZ findet in der russischen Provinz kleine Widerstandsnester gegen die Gleichschaltung der Bühnen. Der Tagesspiegel sieht am BE ein Requiem auf einen jüdischen Kaufmann. Die FAZ kritisiert den fehlenden Kollektivgeist am Gorki-Theater, wo angeblich ein "Klima der Angst" herrscht, das aber niemand offen beschreiben will.

Salve Maria

29.06.2023. Das Van Magazin erinnert westliche Künstler, die sich in Russland derzeit nicht sehen lassen wollten, dass sie auch in China immer nur Öl im Getriebe der Macht sind. Die FAZ empfiehlt die Netflix-Doku "Eldorado - alles, was die Nazis hassen" über schwules Leben im Berlin der 1920er. Im Interview mit der Berliner Zeitung erinnert Buchautor Jens Balzer daran, dass die Technokultur der 90er sich in bankrottgegangenen Fabriken feierte. Stark beeindruckt ist die FAZ von Barrie Koskys ganz unironischer Inszenierung der Hinrichtung von 16 Karmeliterinnen beim Festival von Glyndebourne.

Damit die Sieger zu siegen aufhören

28.06.2023. Die Filmkritiker sind beeindruckt, wie elegant Establiz Urresola Solagurens Film "20.000 Bienen" das Thema Transsexualität verhandelt. Kein Mensch wie du und ich: Der Komponist Carl Nielsen wird völlig zu Recht ohne aktuellen Anlass in Dänemark gefeiert, freut sich die FAZ. Hyperallergic betrachtet Kunst von Strafgefangenen. Die SZ guckt Kriegspropagandafilme und tanzt nach vorn mit Brett Deans Oper "Hamlet".

Pathologische Evergreens

27.06.2023. Die Welt hört in Dresden die Lebenskurve der Gefühle bei der Urauffühung von Detlev Glanerts "Prager Sinfonie". Die FAZ  hört liebenswert freche Petitessen in 22 Takten bei den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch. Die Jungle World bestaunt die Obsessionen der Reichen mit Schönheit, Ruhm, Prominenz, Sex, Konsum und Social Media in der HBO-Serie "The Idol". Die NZZ stellt die nigrische Architektin Mariam Issoufou Kamara vor. Die taz besucht eine Ausstellung über die Kultur der Samen.

Der Autor trug Dunkelbrille

26.06.2023. Die taz rekonstruiert mit dem Center for Spatial Technologies das Theater von Mariupol, das ein Ort der Solidarität und Kreativiät war, bevor es zu einer Chiffre des Kriegsverbrechens wurde.  Die FAZ ist überwältigt von der Berliner Fassadensinfonie, die der Hamburger Bahnhof in seiner neuen Dauerausstellung zeigt. Die SZ erlebt mit Pavel Girouds Dokumentarfilm "The Padilla Affair" beim Filmfest München, wie die kubanische Revolution einen vorlauten Schriftsteller kujonierte. Im Standard denkt Elias Hirschl über Nestbeschmutzung und Literatur nach.  

Fantasie. Unkorrektheit. Provokation

24.06.2023. "Das andere Russland ist Putin", insistiert in der FAZ die seit Jahrzehnten auf Deutsch schreibende Schriftstellerin Olga Martynova, die im Literaturbetrieb neuerdings unter den "guten Russen" geführt wird. Monopol lauscht den vielstimmigen Klagen Künstlicher Intelligenzen im griechischen Ioannina. Die Welt lässt sich im vom digital gebotoxten Harrison Ford im neuen Indiana Jones nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns selbst historisch geworden sind. Die SZ blickt in Mannheim irritiert auf Christian Weises "Wilhelm Tell" im Karpfenkostüm. Und alle trauern um Jazz-Urgewalt und Ekstaseveteran Peter Brötzmann, der so radikal "brötzte".