Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Im Wahnsinn verlöschendes Ich

17.07.2023. Die FAZ staunt über die Selbstberauschung russischer Z-Dichter, die im Fernsehen und in Konzertsälen von einem Großrussland delirieren. In der FAS will Ronya Othmann raus aus dem Knast von Zuschreibungen im Rahmen der Diversität. Hyperallergic überlegt, wie eine wirklich kritische Picasso-Ausstellung aussehen könnte. SZ und nmz sind hingerissen von Händels Oper "Semele", die Claus Guth in München als "Girlie-Macho-Story" inszenierte. Die Filmkritiker trauern um den Freigeist Jane Birkin.

Ein pinkfarbener Atompilz

15.07.2023. Beim Streik der Hollywood-Schauspieler gehen nicht etwa Multimillionäre auf die Straße, sondern prekäre Tagelöhner, erkennt die SZ. Im VAN-Magazin erklärt die Festival-Doppelspitze Julia Nikolaevskaya und Vitali Alekseenok, warum sie ihr Musikfestival in Charkiw jetzt erst recht durchgezogen haben: Sie spenden damit Kraft zum Weiterleben. Für Artechock kann es gar nicht genug Blockbuster-Hype im Kino geben. Die FAZ freut sich über revolutionäre Frauenpower im polnischen Musical "1989" über die "Solidarność"-Bewegung.

Das Color der ganzen Welt

14.07.2023. Hollywood Reporter, ZeitOnline und Welt berichten von den Folgen des Schauspielerstreiks. Die FAZ lernt in einer Ausstellung im Dresdner Kupferstichkabinett, wie gefährlich Künstlerreisen sein können. Die SZ zweifelt, ob sie künftig mit zehntausend Begüterten auf einer veganen Pizza im Wasser leben möchte. Die taz sitzt beim Frankfurter Festival Theater der Welt in einer Inkubationskapsel und fragt sich, ob sie ein Ei oder eine Krankheit ausbrütet.  Und auf ZeitOnline vermisst Simon Reynolds strahlende Zukunftsutopien im Pop.

Puppenstuben aus Beton

13.07.2023. Die Feuilletons trauern um Milan Kundera, dessen befreiendes Schreiben seinen Lesern die Augen nicht nur für Mitteleuropa öffnete und der doch für die Tschechen immer ein Mann der Geheimnisse blieb. Die FAZ blickt dank einer Basler Ausstellung gar nicht mehr so pessimistisch in eine Zukunft mit KI. Halb so wild, winken die Filmkritiker angesichts des Sparzwangs bei der Berlinale ab: Mehr Rampenlicht für einzelne Filme, meint die SZ. Die FAZ ravt in Kiew gegen den Tod an.

Dann schrumpft halt mal

12.07.2023. Das Programm der Berlinale wird weiter gedeckelt, ließ die Festivalleitung gestern verlauten. Wieso lässt die Kulturpolitik das Festival so im Regen stehen, fragt sich der Tagesspiegel. Die FR wird von der weltlichen Inbrunst der Musik in Calixto Bieitos Inszenierung von Händels "La Resurezzione" mitgerissen. Die FAZ lässt sich von der subtilen Unheimlichkeit in Ralph Gibsons Fotografien in surreale Welten entführen.

Wie eine Selbstparodie

11.07.2023. Die FAZ streift in Wolfgang Laibs Installationen durch duftende Reisfelder und Blütenstaub. Die NZZ sieht Beiruts Kunstszene nach der Explosion vor drei Jahren wie einen Phönix aus der Asche steigen. Tom Cruise springt mit dem Motorrad von den Klippen - die taz gähnt. Dafür staunt sie beim "Heroins of Sound"-Festival, was man mit Klavieren und E-Gitarren so alles machen kann.

Die Schreie und das Geheul

10.07.2023. Die Berlinale wird sich auf empfindliche Kürzungen einstellen müssen, berichtet der Tagesspiegel: Wegfallen könnten Sektionen wie die Perspektive Deutsches Kino oder Berlinale Series. In der SZ wirft die Literatursoziologin Carolin Amlinger die Frage auf, ob die Literatur überhaupt noch die Distanz zum Zeitgeist sucht. Auf Twitter dokumentiert der britische Schriftsteller Hanif Kureishi seine Depression. Gewaltige Schädelberge türmt Ron Mueck vor der FAZ auf. Trost findet die SZ beim Opernfestival in Aix-en-Provence.

Rache ist rosa

08.07.2023. Wer Angst vor Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" hat, kann in Baden-Württemberger Schulen jetzt statt dessen Anna Seghers' "Transit" lesen: Das nennt man Streit-Vermeidungskultur, kritisieren SZ und FR. Die Berliner Zeitung lässt sich von den verschlingenden Liebhabern der spanischen Künstlerin Eva Fàbregas überwältigen. Die NZZ sucht das Paradies auf dem Lucerne Festival. Die SZ annonciert einen epischen Blockbuster-Battle ab 20. Juli zwischen Greta Gerwigs "Barbie" und Christopher Nolans "Oppenheimer".

Mit ungewisser Aura

07.07.2023. In der NZZ erklärt die Literaturwissenschaftlerin Annette Werberger, warum viele Ukrainer keinen Dostojewski mehr lesen wollen. Die taz lernt im Museum Ludwig, dass nicht alles russische Kunst ist, wo russisch draufsteht. Einen sehr lebendigen Wolf Biermann erleben FAZ und FR in einer Ausstellung des DHM. Im Interview mit der Zeit erklärt die amerikanische Filmemacherin Greta Gerwig die spirituelle Geschichte hinter ihrem Barbie-Film. Die FAZ versinkt in Aix en Provence im Schmerz von George Benjamins neuer Oper "Picture a Day Like This". Der Tagesspiegel badet im Barberini Museum im Glanz impressionistischer Kunst aus den Niederlanden.

Das Raubtierhafte ist Allgemeingut geworden

06.07.2023. Tagesspiegel und Welt begutachten Thomas Ostermeiers leichtfüßige, verführerisch gleißende, doch vom Klassenkampf sehr weit entfernte "Dreigroschenoper" im französischen Aix. Die Zeit schmilzt dahin mit dem Kammerpop von Anohni. Die FR bewundert in der Schirn die aktivistische Kunst der Martha Rosler. Die FAZ schwelgt im Prado mit J.M. Coetzee in der noblen Unergründlichkeit von Weltklassemalerei.