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Efeu - Die Kulturrundschau

Das Wirken Ihrer Redaktion

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08.09.2018. Die NZZ schnurrt vor Entzücken, wenn ihr Nagasawa Rosetsu mit einem Prankenhieb in den Nacken die Augen für japanische Bildwelten öffnet. Die SZ bewundert, wie György Kurtag aus Becketts "Endspiel" eine lichte und versonnene Oper machen konnte. Die Welt hält die neue dystopischen Romane von Frauen nicht mehr für feministisch, sondern für autoaggressiv. Auf ZeitOnline attackiert der britische Regisseur Peter Kosminsky Knebelverträge und der imperialistischen Streamingdienste.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2018 finden Sie hier

Kunst

Nagasawa Rosetsu: Tiger, 1786. Museum Rietberg

Völlig betört streift NZZ-Kritiker Philipp Meier durch die Bildwelten des japanischen Malers Nagasawa Rosetsu, die das Zürcher Museum Rietberg in einer großen Schau präsentiert, deren Höhepunkt natürlich der Tiger bleibt: "Wie einen Prankenhieb in den Nacken hat uns dieser Mann aus dem fernen japanischen 18. Jahrhundert die Erleuchtung gebracht: Das ist die Kunst Japans! Denn eigentlich sind sie ein ziemlich dunkles Dickicht für westliche Augen, diese japanischen Bildwelten. Da starren uns so viele Wesen aus buddhistisch und shintoistisch geprägten Kulturkreisen an. Die stoischen Kraniche bleiben ebenso stumm wie die Schildkröten, die in trübem Wasser paddeln. Affen glotzen wie gebannt aufs Wasser, wo der Mond sich spiegelt, Gespenster blicken uns scheel an aus fremdartig geschnittenen Augenwinkeln, und kleine, glatzköpfige Kinder in viel zu weiten Gewändern vollführen uns unbekannte Gesten, derweil zerzauste Bettler uns auslachen ob unserer Unkenntnis ihrer vertrackten Sinnsprüche."

Weiteres: SZ-Autor Nicolas Freund besucht das Wohnhaus am Bodensee, in das sich Otto Dix vor den Nazis zurückgezogen hatte. Außerdem bringt die SZ eine Verlagsbeilage zur Ausstellung "Lust der Täuschung" in der Hypovereinsbank.

Besprochen wird die Ausstellung "Robert Delaunay und Paris" im Kunsthaus Zürich (die viel aufregender als ihr Titel sei, versichert Stefan Trinks in der FAZ).
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Film

Ziegenhirtin lernt das Fliegen: Mario Martones "Capri-Revolution"
Endspurt in Venedig. Gezeigt wurde dem Publikum unter anderem Mario Martones "Capri-Revolution", ein Film über eine pazifistisch-nudistisch-vegetarische Künstler- und Aussteigerkommune im Jahr 1914. Sehr diplomatisch bespricht tazler Tim Caspar Boehme den "verwirrend einnehmenden", vor karger Inselkulisse spielenden Film, der "sich Raum nimmt für die hippiesken Tanzrituale der Kommune". Im FAZ-Festivalblog hat Dietmar Dath dafür allerdings bloß noch Spott übrig: "Eine endlose Hippie-Nackthopserei mit historischem Kostümkram, in der ein Malerjesus einer Ziegenhirtin das Fliegen beibringt."

Allgemein singen Kreative ein Loblied auf die Freiheiten, die sie bei Netflix genießen. Der britische Regisseur Peter Kosminsky will sich dem allerdings ganz und gar nicht anschließen: Im ZeitOnline-Gespräch erklärt er, dass die großen Streaming-Platzhirsche auf die Zerstörung bestehender Marktstrukturen zielen und den Kreativen ziemliche Knebelverträge aufhalsen: "Sie geben die Rechte an ihrem geistigen Eigentum an das Unternehmen ab. Wenn Netflix Nein sagt, können sie ihre Stoffe nirgendwo anders anbieten, weil sie exklusiv an das Unternehmen gebunden sind." Der "Crown"-Produzent Andy Harries "weiß bis heute nicht, wie viele Leute seine Serie gesehen haben. Er ist nicht an den Gewinnen dieser Serie beteiligt, die überall auf der Welt abgerufen wird. Er hat lediglich zu Beginn einen sehr großen Betrag bekommen. Dieses Geschäftsgebaren wird unabhängige Produktionsfirmen vom Markt drängen."

Weitere Artikel: Für das Filmdienst-Blog erforscht Kracauer-Stipendiat Lukas Foerster Kinohöhlen. Dlf Kultur wiederholt ein Feature von 1987 über den "Pressekrieg", der 1931 zwischen Links und Rechts tobte, als Charlie Chaplin Berlin besuchte. Fritz Göttler (SZ), Jürg Zbinden (NZZ) und Jan Freitag (ZeitOnline) schreiben Nachrufe auf Burt Reynolds.

Besprochen werden Hans Puttnies' Essayfilm "Palmyra" (Welt), Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm "Die bauliche Maßnahme" (Standard), Frieder Schlaichs Migrationsdrama "Naomis Reise" (taz), Sergei Loznitsas "Donbass" (Freitag, unsere Kritik hier) und die Serie "The Affair" (Freitag).
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Literatur

Dystopische Romane, in denen Frauen Grässliches angetan wird, haben Konjunktur. Eine feministische Welle? Gegenüber naheliegenden Vergleichen mit Margaret Atwoods Klassiker "Der Report der Magd" hat Sarah Pines in der Welt jedoch Einwände: Nicht nur, weil Atwood die Stille literarisierte, wo die Nachfolgerinnen eher über Stimmen schreiben, "die plappern, schimpfen, rufen und schreien", sondern auch, weil in den neueren Romanen auffallend häufig die Fortpflanzung zum Gegenstand patriarchal-drastischer Maßnahmen erklärt wird, die im Westen doch gerade "dereguliert" ist: "Zu viel Freiheit verstöre manchmal mehr als die Restriktion, sagte de Beauvoir einmal. In Szenarien jedenfalls, in denen weibliche Autorinnen düster-verquälte Frauen mit künstlichen Gebärmüttern entwerfen, scheint es mehr um Frauen und ihre ins Patriarchat projizierten Autoaggressionen zu gehen als um die Unabhängigkeit von den Männern. Eine feministische Position sieht anders aus."

Mit einer Ausstellung im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut würdigt Martin Willems den 2016 verstorbenen Popliteraten Wolfgang Welt. Im taz-Gespräch gibt der Kurator Auskunft darüber, was ihn beim Durchforsten des Nachlasses besonders beeindruckte, so etwa Welts "Entwürfe aus dem Frühjahr 1983, als er das erste Mal in der Psychiatrie war. Dort hat er sich hingesetzt, ein Radio auf den Tisch gestellt und assoziativ zu Songs geschrieben, die gerade liefen. ... Interessant ist, dass parallel zu Welts Krise gerade der Debütroman 'Irre' von Rainald Goetz erschien. Goetz, der in einer Nervenklinik gearbeitet hat, nimmt darin die Perspektive eines Arztes ein, während Welt sich tatsächlich in Behandlung befindet. Durch entsprechende Medikation rückte der Wahnsinn später in den Hintergrund, wobei Welt stets Sorge hatte, dass die Verlage seine Bücher als zu ruhig empfinden könnten. Gelegentlich reduzierte er sogar die empfohlene Dosierung, um freier schreiben zu können."

Paul Ingendaay würdigt mit einer ganzen FAZ-Seite den schwer depressiven Schriftsteller und Reporter David Foster Wallace, der sich vor zehn Jahren das Leben nahm: "Der heroische Zug seines Schreibens, trotz allem, ist sein Idealismus. Er besteht darin, dass er seine Leser mit der unverschämten Forderung nach Zeit und Aufmerksamkeit entweder rabiat unterklemmt - oder aber, sollten sie zu trübe oder zu langsam sein, einfach zurücklässt."

Weitere Artikel: Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Chinua Achebes Roman "Alles zerfällt". Manuel Müller erinnert in der NZZ daran, wie der Journalist Matthias Ackeret und der Autor Manfred Klemann 1996 eine dreiwöchige Weltreise unternahmen, dabei kräftig zechten, viel Sex hatten und Martin Walser mit Postkarten versorgten. Schriftsteller Norbert Gstrein erinnert sich in der NZZ unter anderem an seine Jugend in Tirol. Die Literarische Welt bringt eine "Migrationsgeschichte" vom Rande des Oktoberfests von Martin Amis. In ihrer Standard-Kolumbe bekennt sich Schriftstellerin Julya Rabinowich zur Internetsucht.

Besprochen werden unter anderem Juli Zehs "Neujahr" (SZ), der abschließende Teil aus Virginie Despentes' Vernon-Subutex-Trilogie (ZeitOnline), neue Bücher über Bertolt Brecht (taz) und Claire Messuds "Das brennende Mädchen" (Tagesspiegel),
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Bühne

DAU Freiheit. Fotografie aus dem "Institut" (Charkiw). © Glaeser / Berliner Festspiele

In der Berliner Zeitung trägt Ulrich Seidler all die Konfliktpunkte zusammen, die sich mittlerweile mit dem ominösen Dau-Projekt des russischen Künstlers Ilya Khrzhanovsky verbinden, der für sein Immersionspektakel in Berlin die Mauer wieder aufbauen will.  Im Tagesspiegel-Interview mit einem kritisch nachhakenden Rüdiger Schaper bringt der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, nicht wirklich Licht ins Dunkel, es entwickelt sich jedoch ein bemerkenswerter Schlagabtausch: Oberender: "Wir geben uns Mühe, das möglich zu machen. Was das Wirken Ihrer Redaktion betrifft, wirkt es eher, als wollten Sie es unmöglich machen. Nein, das tun wir nicht. Journalisten stellen Fragen. Und hier stellen sich sehr viele Fragen, bei diesem Projekt. Warum haben Sie eigentlich so viel Angst vor Immersion? Selbst ich rede nicht so viel von Immersion wie Sie. Ich habe keine Angst vor Kunst, ich habe Angst vor diesem und jenem in dieser Welt, zum Beispiel undurchsichtigen russischen Strukturen, die Einfluss ausüben, Demokratie zersetzen wollen. Und auf mich wirkt 'Dau' sehr nebulös. Auch mich beängstigen Trollfabriken in Russland und seine Geheimdienstpolitik, Wahlen zu manipulieren und westliche Gesellschaften zu polarisieren. Aber es gibt auch ein anderes Russland. Berlin stand doch immer für den Mut, Außergewöhnliches zu riskieren."

Besprochen werden Antú Romero Nunes' "Orpheus" am Hamburger Thalia Theater (Nachtkritik), Daniel Kehlmanns im Wiener Josefstadt-Theater uraufgeführte Odyssee "Die Reise der Verlorenen" (Standard), die "Carmen" zu Saisonbeginn an der Wiener Staatsoper (Standard) und das Stück "Show" des israelische Choreograph Hofesh Shechter beim Tanzfestival in Hannover (FAZ)
Archiv: Bühne

Musik

SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck hat bei György Kurtágs Pressekonferenz in Erfahrung bringen können, wie der ungarische Komponist aus Samuel Becketts "Endspiel" eine Oper gemacht hat. Zu bewältigen war die Herausforderung, dass Beckett vom Singen nichts hält und ohnehin den Wunsch geäußert hatte, "nicht veropert" zu werden. Kurtág "löste das Dilemma dadurch, dass er mit der Musik das erzählt, was mit den banal klingenden Alltagstexten seiner Ansicht nach gemeint sein könnte. Wenn Beckett in seinen überbordenden Bühnenanweisungen immer wieder eine Pause fordert, dann komponiert Kurtág jedes Mal eine andere Pause. Schweigen ist keineswegs die Stärke dieser lichten und versonnenen Partitur. So liefert Kurtág einen klingenden Kommentar, der seiner Natur nach alles andere als eindeutig ist und damit die unterschiedlichsten Regieansätze ermöglicht."

Simon Rattle genießt sein neues Wirken nach den Berliner Philharmonikern sichtlich, ist dem heutigen NZZ-Gespräch zu entnehmen: Der Blick des London Symphony Orchestra, dem Rattle jetzt vorsteht, sei allein in die Zukunft gerichtet. "Das sei schon eine andere Haltung als in Berlin. In London habe er noch nie einen Satz vernommen wie: 'Wir spielen das immer so!' In Berlin war das anders: 'Bei meinem vorherigen Job konnte ich das täglich hören.'"

Weitere Artikel: Die Dirigenten Dennis Russell Davies und Nikolai Petersen geben Judith von Sternburg im FR-Gespräch unter anderem darüber Auskunft, wie man zu zwei eine Oper dirigiert (im aktuellen Fall: Peter Eötvös' "Tri Sestry" ab kommendem Sonntag in Frankfurt). Die taz hat sich bei Volks- und Schlagermusikern Statements gegen Rechts abgeholt. In der FAZ gratuliert Achim Heidenreich dem Dirigenten Reinbert de Leeuw zum 80. Geburtstag. Die NZZ meldet den Tod des Dirigenten Claudio Scimone.

Besprochen werden Tobias Lehmkuhls Nico-Biografie (Tagesspiegel), Barry Manilows Londoner Konzert (Welt), das neue Eminem-Album "Kamikaze" (FR), ein Auftritt der Krupps und der Front Line Assembly in Frankfurt (FR), Kyoko Miyakes Arte-Doku "Tokyo Idols- die Pop Girls von Japan" (FR) und "Egypt Station", das neue Album von Paul McCartney: "Eine runde Sache", attestiert SZ-Kritiker Jan Kedves, Standard-Kritiker Karl Fluch hört mitunter "Gebrauchsmusik der Marke Coldplay", findet aber immerhin den Opener "hübsch":

Archiv: Musik