Efeu - Die Kulturrundschau

Das Wirkliche ins Unwirkliche

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12.12.2019. Die Literaturkritiker berichten von den Reaktionen auf die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke oder über das Wetter in Stockholm. Die Kunstmesse art berlin wird eingestellt, meldet der Tagesspiegel, der Senat hat kein Interesse. In der SZ fordert das anonyme Berliner Kollektiv "Soup du Jour": Schluss mit der Überrepräsentation von privilegierten, weißen Männern bei der Gallery Weekend Berlin. Die taz feiert den Witz und das Timing des Filmemachers Quentin Dupieux. Die Zeit fragt sich, ob Maschinen mit ihren losgelassenen Algorithmen nicht inzwischen die interessanteren Künstler sind.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2019 finden Sie hier

Film

Irrwitz in beige-braun: Szene aus Quentin Dupieuxs "Die Wache"

Quentin Dupieux steht im europäischen Kino für "metafilmisch entgrenzte Genrekino-Fingerübungen zwischen Hommage und Groteske", erklärt Nikolaus Perneczky im Perlentaucher. In seinem neuesten Streich, dem kafkaesken Verhör-Kammerspiel "Die Wache", ist er wieder ganz in seinem Element: "Dupieux greift ursprünglich funktionale Kriminalfilmelemente auf und reduziert sie zu reinen Oberflächeneffekten. Suspense, aller Wirkmacht beraubt, kehrt wieder als Formzitat; Milieurealismus als beige-braunes Farbschema." Für Perneczky ist diese Idee allerdings bald ausgereizt. Begeistert ist dagegen Ekkehard Knörer in der taz, der den Filmstart zum Anlass einer großen Laudatio auf das absurde Erzählen bei Dupieux nimmt: Dieser bewege sich nämlich "auf den Spuren von Borges oder Escher oder César Aira oder auch Philip K. Dick, aber es ist komischer als bei allen zusammen und wundersamerweise folgt man den Irrwegen gerne. Die Filme von Dupieux sind Slapstick und intellektuelles Vergnügen zugleich. Sie kitzeln im Kopf. ... Dupieux hat einen eminenten Sinn für immer nur auf Zeit in Geltung gesetzte Binnenlogiken, aber auch für Timing: Die Frage, wie sich das Unverbundene diesmal verbindet, wie und wann genau das Wirkliche ins Unwirkliche, das Unwirkliche ins Wirkliche kippt, erzeugt immer wieder ihre eigene Spannung."

Dominik Kamalzadeh ist für den Standard zum Filmfestival nach Marrakesch gereist. Der Nachwuchs im marokkanischen Kino hat ihm dabei imponiert: "Gleich zwei Filme landeten 2019 in Cannes, 'Adam', der von einem Akt der Solidarität zwischen Frauen erzählt, und 'Le miracle du saint inconnu', der in Marrakesch im Wettbewerb lief. Alaa Eddine Aljem verwebt in seiner Burleske die Geschichte eines mürrischen Diebs mit jener einer rückständigen Dorfgemeinschaft, die sich an das Glücksversprechen eines Schutzheiligen klammert. Der Tonfall des in der Steinwüste gedrehten Films ist lakonisch, die Handlung dreht hübsche Pirouetten um schwermütige Figuren, die meist nicht weit genug denken und deshalb auch auf der Stelle treten. Jim Jarmusch könnte ein Vorbild sein."

Außerdem: Denis Gießler erklärt in der taz, warum es äußerst verzwickt ist, die tatsächliche Ökobilanz von Film-Streaming zu errechnen. In der NZZ geht Lory Roebuck vor Cate Blanchett auf die Knie. Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Kenji-Mizoguchi-Retrospektive im Berliner Kino Arsenal (mehr dazu bereits hier).

Besprochen werden Neele Vollmars Verfilmung von Bov Bjergs Roman "Auerhaus" (Perlentaucher), Victor Kossakovskys bildgewaltiger Essayfilm "Aquarela" (taz, FR, SZ), Edward Nortons als Film-Noir-Hommage angelegte Verfilmung von Jonatham Lethems Roman "Motherless Brookyln" (FR, Tagesspiegel, Welt, Presse), Tom Harpers "Wild Rose" (Tagesspiegel), Jake Kasdans neuer Film aus der "Jumanji"-Reihe (taz, Standard), eine Ausstellung über Sergei Eisenstein im Centre Pompidou in Metz (Tagesspiegel) und ein Bildband über das Kino von Jacques Tati (SZ).
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Kunst

Die Kunstmesse art berlin wird eingestellt, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Ausschlaggebend für diese Entscheidung seien die aktuellen Rahmenbedingungen in Berlin, die insbesondere Planungssicherheit vermissen ließen, lautet die Begründung." Das richtet sich laut Kuhn direkt an den Berliner Senat. "Mit dem Ende der art berlin, dem dritten Anlauf, scheint das Schicksal besiegelt, dass Berlin als internationale Messestadt keine Chance hat. Vielleicht hätte es Aussichten gegeben, wenn sich das Land wie etwa Paris, Wien, Madrid oder Turin finanziell engagiert hätte. Dort werden die Sammler aus dem Ausland eingeflogen, die Kojen großzügig von der öffentlichen Hand gefördert. In Paris werden die Straßen rund ums Grand Palais gesperrt, der Präsident persönlich gibt sich zur Eröffnung die Ehre zur Eröffnung. In Berlin hingegen lässt sich nicht einmal der Regierende Bürgermeister blicken." In monopol legt Silke Hohmann nach: "In Madrid gehört es zum guten Ton, dass ein Mitglied der Königsfamilie die Kunstmesse Arco eröffnet, in Frankreich wurde die Fiac von einer nicht besonders bedeutenden lokalen Veranstaltung zu einem wichtigen Großereignis in der Kunstwelt - mit gezielten Investitionen und einer fantastischen Location, dem Grand Palais. Alles Maßnahmen, die der Berliner Senat in Bezug auf die Messe oder das Gallery Weekend nie ergriffen hat."

Berlin als Zentrum der internationalen Kunstwelt - das ist vorbei, meint auch Daniel Völzke in monopol. Günstige Künstlerateliers gibt es nicht mehr, die von sieben auf 19 Prozent erhöhte Mehrwertsteuer macht den Galeristen zu schaffen, "außerdem sorgen die Kosten für Geschäfts- und Ausstellungsflächen und die fehlenden Ankaufetats der Berliner Museen für Druck. Jetzt kommt noch das Scheitern der  Kunstmesse Art Berlin dazu."

Im Aufmacher der Zeit möchte Hanno Rauterberg "die ganze Idee, Computern etwas Künstlerisches andichten zu wollen", eigentlich verwerfen. Aber er versteht, warum die Vorstellung so attraktiv ist: "Sobald der Computer als Künstler auftritt, muss er sich nicht länger legitimieren. Er wird unhinterfragbar und scheint einer eigenen, nicht programmierten Gesetzmäßigkeit zu folgen, ganz so, als erfülle sich in ihm ein höherer Ratschluss der Geschichte. Neben solchen Fantasien nehmen sich die realen Künstler ein wenig blass aus. Schon vor Jahren haben sie das geniehafte Schwärmen eingestellt, jetzt verlegen sie sich auf soziale und politische Aktionen oder gleich auf 'künstlerische Forschung'. Sie sehnen sich offenbar nach dem Objektiven, nach einer Kunst mit nachweislicher Nützlichkeit - und das in einem Moment, in dem just die nützlichen Maschinen ins Reich der Genies aufbrechen, in dem es auf Nachweisbares bekanntlich nicht ankommt. Offenbar ist dies eine Zeit, in der sich die vertrauten Muster verkehren. Manche nennen es Epochenwandel."

Im Interview mit der SZ erklärt das anonyme Berliner Kollektiv "Soup du Jour", warum sie mit einem Plakat gegen die "Überrepräsentation von privilegierten, weißen Männern" beim Gallery Weekend Berlin protestiert: "Wir möchten erreichen, dass sich die Kulturszene ihres endemischen Sexismus und Rassismus bewusst wird, dass Schluss ist mit jeder Diskriminierung, ganz gleich, ob die sich in Ausstellungen offenbart, hinter geschlossenen Bürotüren oder bei sozialen Gelegenheiten. ... Genauso wenig leuchtet uns ein, warum einflussreiche Männer in der Welt der Kunst immer noch mit sexuellem Missbrauch davonkommen, ohne dass dies Auswirkungen auf ihre Reputation hat. Warum die, die von dieser Gewalt betroffen und traumatisiert sind, auch noch den Mund halten sollen. Warum löst das nicht mehr Wut und öffentlichen Protest aus - vor allem, wenn man doch weiß, wie viele Zeugen es gibt?" Weiß man das? Warum bleibt dann alles anonym in diesem Interview?

Weiteres: Beate Scheder unterhält sich für die taz mit dem argentinischen Künstler Tomaś Saraceno über seine Ausstellung "Algo-r(h)i(y)thms" in der Berliner Galerie Esther Schipper, sein Spinnenorakel und das Transportieren von Kunstwerken mittels Wind. Besprochen werden die Ausstellung "Lachen" im Taxispalais Innsbruck (Standard) und die Ausstellung "The Hoodie" im Het Nieuwe Instituut in Rotterdam (monopol).
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Architektur

Das Verwaltungsgebäude B 21 von Otto R. Salvisberg für Roche in Basel (1935). Foto: Roche


In der NZZ ist der Architekturhistoriker Bernd Nicolai entsetzt, dass die Industriebauten berühmter Schweizer Architekten wie Roland Rohn und Rudolf Salvisberg für den Pharmakonzern La Roche abgerissen werden sollen, um Platz für die neuen Bürotürme von Herzog und de Meuron zu schaffen. Das geht auch anders, meint er: "Warum soll es nicht möglich sein, in einer Zeit der drängenden Nachhaltigkeitsdebatten auch Konversionskonzepte mit einzubeziehen? Roche könnte sich damit an die Spitze einer Bewegung für nachhaltiges Bauen stellen. Dass dies mit großem Gewinn in einem Dialog aus alt und neu entstehen kann, zeigen bereits Herzog und de Meuron selbst mit der Mühle Küppersbusch an der neuen Duisburger Waterfront oder deren Basler Kollegen Diener & Diener am Warteckhof in Basel."
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Bühne

In der FAZ berichtet Florian Amort vom Festival Wien Modern.

Besprochen werden Olga Neuwirths Oper "Orlando" in Wien (nmz, Zeit), Nicola Raabs Inszenierung der "Traviata" an der Komischen Oper Berlin (die Peter P. Prachl in der nmz "radikal altbacken" findet), Alexander Eisenachs "Stunde der Hochstapler - Das Krull-Prinzip" am Berliner Ensemble (taz) und eine Ausstellung mit der filmischen Aufzeichnung, Kostümen und Objekten rund um Tadeusz Kantors Bühnenwerk "Où sont les neiges d'antan" im Baseler Museum Tinguely (NZZ).
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Stichwörter: Berliner Ensemble

Musik

Computer machen Kunst (siehe oben) und sie arbeiten daran, Beethovens Zehnte zu vollenden. Bernd Graff stellt ein solches Projekt im Aufmacher des SZ-Feuilletons vor: "Eine KI-Komposition ist ein proof of concept, eine errechnete Hypothese auf Basis von Big Data. Sollte sie sich als tragfähig erweisen, dann erstellen die Rechner Sets von Regeln, nach denen wahrscheinlich in einem bestimmten, epochalen oder individuellen Stil komponiert wurde. In der Klassik ermittelt dieses Verfahren dann also etwas wie die Beethoven-, Bruckner,- oder Mahler-Formel." Wir schlagen vor, dass ein digitalisierter Mariss Jansons die Uraufführung dirigiert!

Jakob Bauer porträtiert im Tagesspiegel das Trio Catch. Jan Kedves (SZ) und Christian Schröder (Tagesspiegel) schreiben Nachrufe auf den Popsänger Bodo Staiger von Rheingold.

Besprochen werden das postume Leonard-Cohen-Album "Thanks for the Dance" (was die Musik betrifft, "halten sich nekrophiler Edelkitsch und souveräne Todesverachtung die Waage", meint Klaus Walter in der taz) und Marcel Derek Ramsays Dokumentarfilm "My Life is a Gunshot" über den Klangkünstler Joke Lanz (NZZ).
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Stichwörter: Jansons, Mariss, Ki

Literatur

"Es war grau und nass gewesen in Stockholm", lässt Thomas Steinfeld seinen Bericht auf der Seite Drei der SZ von seiner Reise zur Literaturnobelpreisvergabe an Peter Handke und Olga Tokarczuk beginnen. "Es ist kalt geworden übers Wochenende in Stockholm", tut es ihm Andreas Platthaus gleich, der im Auftrag der FAZ in den Norden gereist ist. Platthaus hat sich auch beim Protest auf den Straßen umgesehen: "'Mr. Handke, apologize to the victims of Srebrenica today' steht auf dem Banner, und weitere Plakate liegen auf dem Bürgersteig parat: 'No Nobel for fake news' und 'Mr. Handke, talk to us'. Höflichkeit kann man den Parolen nicht absprechen, aber sie sind schlecht gewählt angesichts des Ereignisses im Konzerthaus. Denn bei der Verleihung der Preise dürfen die Gewinner kein Wort sagen." Allerdings wäre es vielleicht doch möglich gewesen, abseits der Verleihung ein paar Worte zu verlieren.

Die Schriftstellerin Anne Weber zeigt sich in der Welt überwältigt vom Brimborium der Nobelpreisverleihung und hält den Handke-Kritikern entgegen: "Ich denke, wisst ihr was, ihr da draußen, die ihr unterscheiden wollt zwischen Mensch und Werk oder die ihr das Werk beiseite nehmt und auch ohne seinen Autor zum Kotzen findet, ihr, die ihr Leser sein wollt und mit nichts als Herablassung oder gar Hass auf diesen Dichtermenschen blickt, der so viele zum Lesen und zu neuem Atmen gebracht hat, der viel umhergeirrt ist und sich mit Lust ver- und geirrt hat, der, bei allem Düsteren, das in der Welt und in ihm selbst zu Hause ist, immer eine Bewegung zum Helleren hin suchte; ihr also, die ihr euch empört und Bescheid wisst und von früh bis spät auf der richtigen Seite seid und anklagt, nur euch selber nie - glaubt ihr ernsthaft, ihr wärt die besseren Menschen? Ich fürchte, ja." Und auch der Literaturblogger und Handke-Fan Bersarin ist happy: "Handke hat ihn nun! Findet Euch damit ab!" Der Kosovo hat Handke derweil zur Persona Non Grata erklärt, melden die Agenturen. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić erklärt Handke währenddessen zum Quasi-Bürger seines Landes.

Auf Grundsätzlicheres kommt Thomas Assheuer in der Zeit zu sprechen: Literatur steht über Moral und Politik, sonst sei sie nicht Literatur, sondern "Gesinnungskitsch". Von Kritik erlöst sei sie deshalb aber noch lange nicht, widerspricht er Handke, denn das sei dann doch bloß "muffige Kunstreligion. Sie sperrt die Literatur in den Tabernakel einer fingierten Weltlosigkeit, macht ihre Lektüre steril und zieht der Kritik den Zahn. Doch ausgerechnet die beiden Literaturnobelpreisträger, nicht nur Olga Tokarczuk, sondern, verblüffend genug, auch Peter Handke, haben in ihren Stockholmer Reden vorgeführt: Gerade dann, wenn sich Schriftsteller ihrer reinen literarischen Fantasie überlassen, verbinden sie das Ästhetische mit dem Politischen. Das Thema der Kunst ist nicht die Kunst. Es ist die reale Welt. Die Aktualität."

Bei der Berichterstattung über Handkes Nobelpreisrede ist den Kollegen manches Mal Anstand und Contenance entglitten, tadelt Mladen Gladic im Freitag. Den Befund, Handke habe sich der Kontroverse entzogen und sich nicht erklärt, kann er nicht teilen: In seiner Verweigerung habe Handke sich schlussendlich doch nicht verweigert. Handke kompilierte darin sein eigenes Werk und "das alles recht unverbunden, und es hätte lange so weitergehen können. Als hätte Handke Walter Benjamins düstere Einsicht, dass 'keine Begebenheit uns mehr erreicht, die nicht schon mit Erklärungen durchsetzt ist', Lügen strafen wollen. Zeigen, dass Erzählen noch möglich ist."

Für Tell-Review wirft sich Sieglinde Geisel nochmal in dielange Geschichte der Literaturdebatten um Handke, schlägt bei unter anderem bei Marcel Reich-Ranicki und Peter von Matt, bei Wolfram Schütte, Jürgen Brokoff und Dževad Karahasan nach, dessen Befund sie teilt: "Genau das ist es, was auch mich an Handke politisch abstößt: ein ausbeuterischer Narzissmus, der die monströse Realität des Leids der anderen benutzt für seine poetisch verbrämte Versenkung ins Hier und Jetzt. Der Poet feiert sich und seine Wahrnehmung, unbekümmert um die Toten. ... Es geht nicht um die politisch-gesellschaftliche Welt, in der wir alle leben, sondern allein um den Dichter und seine Poesie. Das scheint mir, sowohl ethisch als auch ästhetisch, nun ja, sagen wir mal: fragwürdig."

Weitere Artikel: Alexandra Gittermann erzählt in der NZZ die Geschichte von Sylvia Beach und ihrem "Shakespeare & Company"-Buchladen in Paris. Jens Bisky (SZ) und Etienne Roeder (Dlf Kultur) besuchen den Literatur-PopUp-Store im Berliner Brecht-Haus, wo man zugunsten von Pro Asyl Texte bestellen kann. Besprochen werden unter anderem George Saunders' "Fuchs 8" (Dlf Kultur), Patricio Prons "Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt" (SZ) und Enno Stahls "Sanierungsgebiete" (FAZ).

Mehr dazu ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Alle besprochenen Bücher und viele weitere finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Bücherladen Eichendorff21.
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