Efeu - Die Kulturrundschau

Gymnastik und Atemübungen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2020. In Guardian und Spiegel schreibt Francesca Melandri einen Brief aus der italienischen Zukunft. Die Jury des Bachmann-Preises protestiert gegen die Absage des Wettbewerbs. Die taz lernt mit Johannes Itten, den Atem Rembrandts von Giottos Odem zu unterscheiden. Der Tagesspiegel lauscht Wajdi Mouawads Audio-Tagebuch aus dem Pariser Confinement. Die Musikkritiker trauern um den großen polnischen Komponisten und spirituellen Avantgardisten Krzysztof Penderecki.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 finden Sie hier

Literatur

Im Spiegel und im Guardian auch online bereitet die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri die Europäer darauf vor, was sie noch alles erwarten wird: Welche Ängste, welche Trauer, welche emotionalen Achterbahnfahrten: "Ihr werdet euch verletzlich fühlen, wenn ihr zum Einkaufen ausgeht, vor allem, wenn ihr eine Frau seid. Ihr werdet euch fragen, ob es sich so anfühlt, wenn Gesellschaften zusammenbrechen, und ob das wirklich so schnell gehen kann. Ihr werdet euch diese Gedanken verbieten, nach Hause gehen und essen. Ihr werdet zunehmen. Ihr werdet Fitnesskurse im Netz suchen. Ihr werdet lachen, unbändig viel lachen. Einen Galgenhumor entwickeln, schwarz und sarkastisch. Auch jene, die immer alles ernst nehmen, werden sich der Absurdität des Lebens voll bewusst werden.

Die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises protestiert in einem offenen Brief gegen die corona-bedingte Absage der diesjährigen Tage der deutschsprachigen Literatur: Der Lesewettbewerb "wäre ein Zeichen der Solidarität mit den Kulturschaffenden, aber auch mit den Kulturkonsumierenden gewesen, die alle gleichermaßen von dieser Krise betroffen sind. ... Keine vergleichbare Institution verfügt über eine so vielversprechende Ausgangslage, ein solches Experiment auch zum Erfolg zu machen."

Online aus der Wochenendausgabe der NZZ nachgereicht, spricht Hilary Mantel im Interview über den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie. Dass die Reihe abgeschlossen war, sagte ihr spätestens das Porträts Heinrichs VIII., das eines Morgens aus freien Stücken seinen Weg von ihrer Wand auf den Fußboden fand, erzählt sie. Auch für Großbritannien sieht sie nach dem Brexit den Vektor des Schicksals eher nach unten weisen. Aber auch um ihren Roman geht es: "Wir haben es mit einer strengen Struktur zu tun, die die gesamte Trilogie zusammenhält. Erst den jungen Cromwell auf den Kopfsteinen des väterlichen Hofs, später den erwachsenen Mann, der den Tod erwartet. Dazwischen eine große erzählerische Fluidität."

Außerdem: In der "Freitext"-Reihe auf ZeitOnline schreibt die schweizerisch-rumänische Schriftstellerin Dana Grigorcea über die unterschiedlichen Sterbekulturen in Rumänien und in der Schweiz. Stefan Hochgesand spricht in der taz mit dem Autor Donat Blum über sein binnen weniger Tage aus dem Boden gestampftes, digitales Literaturfestival Viral. Im Standard porträtiert Mia Eidlhuber die Schriftstellerin Helena Adler. Marie Schmidt (SZ) und Tobias Wenzel (Dlf Kultur) gratulieren dem Schriftsteller Uwe Timm zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Daniela Emmingers "Der Bauernroman beginnt in New York" (Standard), Paolo Giordanos Coronakrisenbuch "In Zeiten der Ansteckung" (Tagesspiegel), Alan Moores und Jacen Burrows' Comic "Providence" (54books), Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" (Zeit), Jürgen Links "Hölderlins Fluchtlinie Griechenland" (Freitag), Markus Orths' "Picknick im Dunkeln" (NZZ), Joshua Groß' "Flexen in Miami" (SZ) und eine Arte-Doku über Hölderlin (FR).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ulrich Greiner über Durs Grünbeins "Monatsblut":

"Was für flüchtige Existenzen wir sind. Nach uns
Sind die Stätten unseres Auftritts sofort wieder leer,
..."

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Kunst

Johannes Itten: Komposition in Blau, 1918, Kunstforum Bielefeld

Erst hat sich das Bauhausjahr um eine umfassende Auseinandersetzung mit Johannes Ittens Esoterik gedrückt, jetzt musste das Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld seine kritische Schau schließen, seufzt Bettina Maria Brosowsky bedauernd in der taz. Dabei hätte sie sehr schön gezeigt, wie Itten einem Ideal höchster Subjektivität anhing, das ihm zum Verhängnis wurde: "Er dynamisiert das Zeichnen, lässt seine Studierenden etwa Skizzen eines sich bewegenden Aktes als reine Hand-Arm-Bewegungen oder mit geschlossenen Augen ausführen: Wirkungsformen, Gefühlsstenogramme. Er erkennt unterschiedliche Künstlertypen in der Atmung - 'rembrandtisch, giottonisch' -, erweitert die Lehreinheiten um Gymnastik und Atemübungen. Itten will den Menschen aus der anerzogenen Form befreien, die erschreckend armselig sei, und sucht den Reichtum höchster Subjektivität. In Wien konfrontiert er seine Studierenden wie später am Bauhaus mit Spinnen oder der Distel: von ihr mussten sie sich stechen lassen, um das Schmerzhafte, Aggressive zu erspüren, ihre Form zu 'erleben' - die Synästhesie im Dienste künstlerischen Schaffens."

Weitere Artikel: Harvey Weinstein hätte sich die Tizian-Ausstellung "Love, Desire, Death" in der National Gallery in London nicht schöner wünschen können, spottet Michael Glover auf Hyperallergic. Sie versammelt alle sechs Gemälde des "Poesie"-Zyklus, der "Vergewaltigung, Gewalt und die Wildheit des Mannes" feiere. In der SZ betrachtet Thomas Steineld, wie die Florentiner Uffizien online über ihre wahrscheinlich noch Monate anhaltende Schließung hinwegtrösten, etwa mit dem Hashtag #UffiziDecameron. Ingeborg Ruthe resümiert in der FR, wie sich der Kunstmarkt ins Netz verlegt. Der Guardian bringt eine schöne Bilderstrecke mit den Fotos der Woche.

Besprochen werden die Steve-McQueen-Schau in der Tate Modern (taz) und eine Schau zu Lucian Freuds Selbstporträts im Museum of Fine Arts in Boston (FAZ).
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