Efeu - Die Kulturrundschau

Spielzeug eines verrückten Gottes?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2021. Die New York Times schlendert über die Kunstmesse Frieze und stellt sich vor, sie wäre nicht der Kopf einer Kuh. Während die staatlichen Bühnen ihren Mikroaggressionen nachspüren, gehen die privaten Theater pleite, meldet die SZ. 54books fragt, warum es in Kinderbüchern fast nie arme Kinder gibt. FAZ Quarterly stellt modernes Design aus China vor. Die Welt schreibt zum Tod von Nick Kamen, dessen Schönheit in den Achtzigern eine aufregende, wüste, exzessive Zukunft versprach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2021 finden Sie hier

Film

Dunja Bialas schwärmt auf Artechock davon, dass die Kurzfilmtage Oberhausen als Onlinefestival in zweiter Ausgabe alles Elitäre abgestreift haben: 15 Euro kostet der Festivalpass, gestreamt werden kann ohne Geoblocking auf der ganzen Welt. Und dann finden sich in diesem Programm auch noch "Filme, die Störung auch als Verstörung inszenieren, und hintersinnige Moritaten, die den platten Moralisierungen unserer Zeit einen wohltuenden Tritt in den Hintern verpassen". Sehr dankbar ist sie für den neuen Film der Cellistin Sonia Wieder-Atherton und "Vivian Ostrovsky, einer in Paris lebenden Experimentalfilmemacherin und Wegbegleiterin von Chantal Ackerman und Sonia Wieder-Atherton. 'Son Chant' ist ein flüchtiges Doppelporträt der Filmemacherin und der Cellistin, die über die Videoaktivistin Delphine Seyrig zusammengefunden hatten. Die rauchige Stimme von Ackerman, das Cellospiel von Wieder-Atherton, dazu viele Filmausschnitte erstellen eine kaleidoskopartige Filmphilosophie." Ein kleiner Ausschnitt:



Ebenfalls auf Artechock widmet sich Rüdiger Suchsland dem Schwerpunkt Libanon des Festivals. Insbesondere die Katastrophe von Beirut im vergangenen Jahr spielt dabei eine große Rolle "Es sind moderne Horrorfilme. Das Bild, das die Filme dieses Landes von ihrem Land zeigen, ist abgrundtief dystopisch. 'Was ist das alles, außer dem Spielzeug eines verrückten Gottes?', fragt der stumme Kommentartext in 'Emergence' fast rhetorisch. Und in Lara Tabets 'Parasomnia' mischen sich panisch durcheinander redende Stimmen mit schwarz-weißen Aufnahmen einer Überwachungskamera, Bildern von wegrennenden Menschen in Wiederholungsschleife und Katzenaugen im Infrarot mit Soundcollagen, die aus einem Horrorfilm stammen könnten. Trost spendet hier allenfalls noch eine Beethoven-Klaviersonate."

Weitere Artikel: Sedat Aslan schreibt auf Artechock zum Auftakt der zweiten, rein digitalen Ausgabe des Dok.Fests in München. Dazu gibt es auf Artechock Kurzreviews und Notizen von den gezeigten Filmen. Silvia Hallensleben empfiehlt in der taz die Werkschau Tatjana Turanskyj des Kino Arsenals. Lydia Evers spricht in der Welt mit Senta Berger, die in einer Woche 80 Jahre alt wird.

Besprochen werden Chaitanya Tamhanes Musikerdrama "The Disciple" (Standard), Lee Daniels' "The United States vs. Billie Holiday" (Tagesspiegel, mehr dazu hier), die auf Netflix gezeigte Animationsserie "Jupiter's Legacy" (Tagesspiegel), die ARD-Serie "All You Need", die laut tazlerin Arabella Wintermayr neue Maßstäbe in der Fernsehdarstellung schwuler Liebe setze, und die Netflix-Fantasyserie "Shadow and Bone" (FR).
Archiv: Film

Architektur

Bernhard Schulz besucht für den Tagesspiegel eine Ausstellung im Aedes Architekturforum mit fünfzehn internationalen Beispielen für nachhaltige Architektur.
Archiv: Architektur

Kunst

Dana Schutz, The Ventriloquist, 2021. Galerie David Zwirner


Es geht aufwärts (zumindest anderswo). In New York hat die Kunstmesse Frieze eröffnet. Will Heinrich und Martha Schwendener haben sie für die New York Times besucht. Sie ist kleiner als sonst, nur 64 Galerien sind vertreten statt fast 200, aber "es gibt über drei Etagen verteilt jede Menge sehenswerte Kunst", versichern die beiden, die nach ihrer Einleitung einige Künstler hervorheben. Dana Schutz zum Beispiel, die 2017 wegen ihres Gemäldes von Emmett Till attackiert worden war. "Seitdem ist ihre Arbeit schwerer und dunkler geworden. Die großformatigen Gemälde dieser Einzelpräsentation - mit Abstand das Highlight der Messe - sind voll von frischen, blutigen Rottönen, giftigen Grüntönen und sichtlich verzweifelter Pinselführung. Figuren stapfen Hügel hinauf und führen Szenen mittelalterlicher Buße auf; in 'The Ventriloquist' (2021) ist eine schreiende weibliche Puppe von Wolken aus Höllenfeuer umgeben, während ihr reptilienartiger Operator ein Glas Wasser trinkt." Oder Otis Houston Jr., "ein Autodidakt, der sich auch Black Cherokee nennt. Er ist Ende 60, lebt in East Harlem und verbringt jede Woche Stunden mit Kunstausstellungen und Performances unter der Robert-F.-Kennedy-Brücke, die im Volksmund immer noch als Triborough bekannt ist. Ein paar einfache Assemblagen und sparsame, eigentümliche Zeichnungen haben eine lebendige Unmittelbarkeit, aber es ist Houstons Textkunst, die wirklich fesselt. 'Wenn du nicht der Kopf der Kuh sein kannst', rät er mit Sprühfarbe auf einem Handtuch, 'sei nicht ihr Schwanz. Sei die Glocke, die um ihren Hals läutet.'"

Ein anderes Werk von Otis Houston Jr., dem die New York Times auch schon ein längeres Porträt widmete.


Erst mit NFTs, also Kunst, die man als Datei herunterladen kann, ist er wirklich erfolgreich geworden, erklärt der amerikanische Künstler Kenny Schachter, der gerade zusammen mit Eva Beresin in der Wiener Galerie Charim ausstellt, im Interview mit dem Standard. Das liegt auch daran, dass mit den NFTs die Gatekeeper im Kunstbetrieb - wenigstens vorübergehend - ausgeschaltet wurden. Die NFTs "haben mein Leben verändert. Auch für viele Künstler und Künstlerinnen, die lange etwas anderes arbeiten mussten. Anders als in der hierarchischen Kunstwelt können sie jetzt ihre Kunst verkaufen. Wie Instagram demokratisieren NFTs die Kunstwelt. Instagram war hier die erste Abrissbirne, neue Plattformen sind jetzt quasi die Fortsetzung." Und nein, Angst sollten Galerien und Museen nicht davor haben: "Man sollte diese Chance an den Eiern packen und sich freuen. Hier bildet sich gerade eine neue, junge Käuferschaft ab."

Anina Pommerenke begleitet für die taz nord den Architekturfotografen Stefan Dendorfer, der in einer Eckernförder Kunstgalerie einen 3-D-Rundgang filmt.
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Julia Bousboua kommt in einem Essay für 54books über Armut in Kinderbüchern auf einen blinden Fleck vieler Identitätspolitikdiskurse zu sprechen: Nicht nur Diversität zählt, sondern wünschenswert wäre auch "eine größere Bandbreite der dargestellten ökonomischen Realitäten. Schaut man sich die erzählerisch vermittelten Lebensumstände der Protagonist*innen in aktueller Kinderliteratur einmal genauer an, erkennt man: Abenteuer werden in deutschen Kinderbüchern in der Regel vom Einfamilienhaus aus erlebt. Dort werden Baumhäuser gebaut, dort wird Klavierspielen geübt, dort ziehen Wichtel ein, dort kann man plötzlich mit Tieren sprechen. Im Einfamilienhaus hat jedes Kind sein eigenes Zimmer, Papa und Mama verwirklichen sich in überwiegend akademischen Berufen, abends gibt es Biogemüse und Tofu-Bratlinge, die zwar nicht den Geschmack von allen treffen, aber na gut. Mittelstandsidylle eben. Gleichzeitig lebt in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut."

Früher begegnete man Frauen im Literaturbetrieb noch mit deutlich mehr Herablassung als heute, erinnert sich die amerikanische Krimiautorin Sara Paretsky in der FR, aber andererseits war es auch leichter, veröffentlicht zu werden - zumindest dann, wenn man denn - seufz - keine Frau als ermittelnde Hauptfigur hatte: "Als ich zu veröffentlichen begann, gab es noch viele unabhängige Verlage. Das ist heute nicht mehr so. Aber ich brauchte mehr als ein Jahr, um für mein erstes Buch einen Verleger zu finden", denn "in den USA mochte man Privatdetektiv-Romane eigentlich nie so richtig, man mochte auch den Schauplatz Chicago nicht. ... Aber da war natürlich auch die Tatsache, dass meine Hauptfigur eine Frau war. Es gab damals keine Frauen in der regulären Polizei. In den USA wurde mein erster Roman 1982 veröffentlicht, das war auch das Jahr, in dem die Chicagoer Polizei Frauen erstmals erlaubte, reguläre Polizeibeamte zu werden."

Und nebenbei: Peter Handke lässt sich von der der Republika Srpska ehren, meldet unter anderem der Independent (aber laut google News kein deutsches Medium). Und er ist zur Einweihung des überlebensgroßen Denkmals eigens angereist!



Weitere Artikel: Terezia Mora "war schon mal mehr Zen", seufzt die Schriftstellerin enerviert über all den Stress der letzten Monate in der ersten Lieferung der neuen SZ-Kolumne "Was folgt". Dlf Kultur kürt die besten Krimis des Monats. Thomas David unterhält sich in der NZZ mit der schottischen Autorin Ali Smith über ihr "Seasonal Quartet", einen Romanzyklus, dessen Romane nach den Jahreszeiten benannt sind.

Besprochen werden unter anderem David Peace' "Tokio, neue Stadt" (Dlf Kultur), Mary Gaitskills Erzählung "Das ist Lust" (Berliner Zeitung), Julia Korbiks Biografie über Françoise Sagan (NZZ), Constantin Schreibers "Die Kandidatin" (Tagesspiegel), Shida Bazyars "Drei Kameradinnen" (Zeit), Jan Wagners "Der glückliche Augenblick" (Dlf Kultur), Gaito Gasdanows "Schwarze Schwäne" (FR), neue Orwell-Comicadaptionen (Intellectures), Jaroslav Rudišs und Nicolas Mahlers Comic "Nachtgestalten" (SZ) und neue Biografien über Sophie Scholl (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Tisch von Mario Tsai (Webseite)


Im FAZ Quarterly führt Florian Siebeck in das Kunsthandwerk Chinas ein, das im modernen Design führend werden will. Zu den neuen Designern gehört auch "Mario Tsai, der mit Anfang 30 schon zu den gefragtesten Gestaltern des Landes zählt: Mit seinem 'Soft Minimalism' entledigt er sich in seinen Entwürfen allen Überflusses. In der Praxis wird daraus etwa der vier Meter lange, nur wenige Millimeter dicke Tisch 'Gongzheng' aus Aluminiumprofilen, der die Grenzen der Statik zu überwinden scheint; oder die Bank 'Grid' aus einem halben Zentimeter dünnen Sperrholzplatten, die massiv und federleicht zugleich wirkt - und irgendwie auch surreal."
Archiv: Design
Stichwörter: Chinesisches Design

Bühne

In der taz ist Katrin Bettina Müller unzufrieden, dass die Leiterin des Gorki-Theaters Shermin Langhoff auch nach einem gerichtlichen Vergleich zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen des unsozialen Verhaltens schweigt: "Bisher gibt es keine Stellungnahme zu dem konkreten Fall der Dramaturgin wie auch zu den weiteren Vorwürfen. Teil des vereinbarten Vergleichs am Bühnenschiedsgericht ist eine Stillschweigeklausel. Zu den Kritiker:innen des Arbeitsklimas am Maxim Gorki Theater und generell an den Strukturen des Theatersystems gehört die Schauspielerin und Autorin Mateja Meded, die in mehreren Produktionen des Gorki Theaters gespielt hat. Sie hat es, so beschreibt sie in einem Gespräch mit dem WDR 5, zu ihrem Lebensprojekt gemacht, in die Systeme reinzugehen und Druck aufzubauen, um Veränderung zu erreichen. Auch ihre Kritik zielt auf die Intransparenz vieler Entscheidungsprozesse an den Theatern. Das Schweigen des Gorki Theaters hilft nicht, Skepsis abzubauen." Ob Meded auch schon mal als Schauspielerin aufgefallen ist, erfahren wir nicht.

Die privaten Bühnen haben derweil andere Sorgen. Christiane Lutz und Alexander Menden recherchieren für die SZ bei den Produktionsfirmen von Musicals, die inzwischen am Boden liegen: "Ein Jahr geschlossener Musicalbetrieb, das bedeutet für Stage Entertainment einen Umsatzverlust von etwa 300 Millionen Euro. Die Mitarbeiter sind momentan vor allem damit beschäftigt, Tickets rückabzuwickeln, Termine zu verschieben und weiter zu verschieben, mit Vermietern zu verhandeln, mit Hotels und Reiseveranstaltern, denn die hängen auch mit drin. Musicals werden gern im Rundum-Sorglos-Paket gebucht, mit Anreise und Übernachtung. Die wirtschaftliche Lage ist verheerend. Zumal die Unternehmen ohne staatliche Zuschüsse wirtschaften müssen." In Berlin haben derweil die Komische Oper und das Theater an der Parkaue die Saison endgültig verloren gegeben, meldet Fredrik Hansen im Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Die nachtkritik veröffentlicht einen Beitrag aus dem Buch "Theater und Macht - Beobachtungen am Übergang". Annonciert ist außerdem ein weiteres Gespräch in der Reihe "Neue Dramatik in zwölf Positionen" mit dem Autor und Regisseur Bonn Park, den Julia Hubernagel in der taz porträtiert.

Besprochen werden Johan Simons Shakespeares "Richard II." am Wiener Burgtheater (taz), Sofia Coppolas "Spring Gala Film" über das New York City Ballet (FAZ) sowie William Forsythes Choreografie "The Barre Project", das in Kalifornien aufgezeichnet wurde und bis 16. Mai vom Londoner Tanzhaus Sadler's Wells gestreamt wird (SZ).
Archiv: Bühne

Musik

In der Welt schreibt Ulf Poschardt zum Tod des Popstars und der Werbeikone Nick Kamen, der in den 80ern beim Jeansausziehen berühmt wurde und mit "I Promised Myself" ein Instant-Ohrwurm-Onehitwonder sang. Mit Kamen sterben auch die 80er ein Stück weiter ab, seufzt Poschardt: Er "war die schönste Fassade einer radikal hedonistischen Epoche." Sein "Gesicht und Körper schufen ein Ideal in einer Welt ohne Ideale. Ohne Transzendenz: In der Schönheit Kamens lag ein Versprechen auf eine aufregende, wüste, exzessive Zukunft. Genuss ohne Reue. Kamens Hit 'I Promised Myself' war wie ein Stück Zuckerguss auf einem Leben, das nach dem Erblühen in den Zauberjahren des Pop eher leise und bescheiden weiterging. ... Er blieb im Hype unschuldig."



Weitere Artikel: Für die Zeit spricht Martin Eimermacher mit Danger Dan. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ der Pianistin Janina Fialkowska zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Luca Guglielmis Aufnahme von Bachs "Wohltemperirtem Clavier" - SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck wird beim Hören "demütig klein" -, sowie neue Alben von Ja, Panik (tazlerin Stephanie Grimm bezeugt "somnambule Moodiness") und Sophia Kennedy: "Diese Frau kann Blut sehen", schwärmt Stefan Hochgesand in der taz. Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Kamen, Nick, 80er