Efeu - Die Kulturrundschau

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15.05.2021. In Berlin hat das Theatertreffen begonnen - online, seufzt der Tagesspiegel, der sich mehr digitale Skepsis gewünscht hätte. Schnelleres Internet wäre auch schon ganz gut, meint die FAZ. Die Welt bewundert die gewaltigen Bilder in Barry Jenkins' Verfilmung von Colson Whiteheads Roman "Underground Railroad", der die Fluchtrouten schwarzer Sklaven in den USA nachzeichnet. Zeit online erinnert die Serie eher an die Feel-Good-Rituale mittelalterlicher Passionsspiele. In der FAZ überlegt Anne Weber, warum Schriftsteller zwar häufig von Hindi oder Wolof ins Englische oder Französische wechseln, aber nie umgekehrt. In der NZZ denkt der Schriftsteller Georgi Gospodinov über Gott und Ideologien nach. Die Welt feiert mit Tim Burgess Twitter Listening Parties.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2021 finden Sie hier

Bühne

"Einfach das Ende der Welt", inszeniert von Jean-Luc Lagarce. Foto: Diana Pfammatter 


In Berlin hat das Theatertreffen begonnen, die Stück kann man hier online sehen. Im Tagesspiegel wünscht Rüdiger Schaper nach der Auftaktinszenierung von Jean-Luc Lagarce das ganze digitale Theater in den Orkus: "Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, geht voran. Ein Festival zu eröffnen, das keines ist, keines sein kann, gehört zu den harten Jobs, um die man niemanden beneidet. Oberender findet ein passendes Bild, er spricht nervös von 'Aufbruch und Abgrund', von einem 'positiven Schub' in der Krise, von 'neuen Standards'. Dabei mischt sich Zweckoptimismus mit Bekräftigungen in eigener Sache. Tatsächlich haben sich die Berliner Festspiele in den vergangenen Jahren mit ihren modisch-immersiven Programmen auch ohne Pandemie schon ein ganzes Stück aus dem traditionellen Erlebnisbereich entfernt. Wo geht das Theater hin? Darüber konnte das Theatertreffen immer wieder Auskunft geben, eine gewisse Orientierung. Etwas mehr Skepsis und weniger digitaler Enthusiasmus wäre schon wichtig, sonst wird es ein Aufbruch schnurstracks in den Abgrund hinein. ... Kulturstaatsministerin Monika Grütters stellte in ihrem Grußwort aus heimischer Kulisse die einzig relevante Frage: 'Wann geht es wieder los?'"

Los geht das Theatertreffen auch online nicht überall, stellt FAZ-Kritiker Simon Strauss fest: "Zugangsbedingung: Google Chrome und ein schnelles Internet. Überhaupt ist die Bit-Zahl inzwischen zum neuen Eintrittsgeld geworden, das nicht wenige ausschließt. Die Chatfunktion wurde während der Vorstellung mithin weniger für Qualitätsdebatten als für Berichte über Systemabstürze genutzt. Und so bewahrheitete sich am Ende ein Satz vom Anfang, den Thomas Oberender en passant gesagt hatte: dass nämlich auch die digitale Welt nicht ohne Ressourcenverschwendung zu haben sei. Wenn das Versenden einer E-Mail inzwischen genauso viel Energie verbrauche, wie eine Tasse Tee aufzubrühen, fragte er, wie viel wird dann wohl der Stream einer Theateraufführung kosten?" Wenn's nur darum geht, sollte man abends im Dunkeln zu Hause sitzen und möglichst flach atmen. In der nachtkritik schreibt Christian Rakow zur Eröffnung.

Weitere Artikel: In der taz nord stellt Jens Fischer den deutschlandweiten Verbund "Theater und Netz" vor, an dem sich jetzt auch das Staatstheater Braunschweig beteiligt. Helmut Ploebst schreibt im Standard zur Eröffnung der Wiener Festwochen, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum feiert - unter anderem mit einem Konzert und einem von Florentina Holzinger choreografierten Festzug zur Musik von Soap&Skin, die nachtkritikerin Andrea Heinz wenig inspirierend fand. In der SZ verteidigt Sonja Zekri Gorki-Intendantin Shermin Langhoff, deren Kritikern sie Ressentiments vorwirft. Obwohl: Die Vorwürfe des Machtmissbrauchs waren dann doch zu vielfältig, um sie zu ignorieren. Also lässt sie Verteidiger und Kritiker zu Wort kommen, nur die zwei Hauptbeteiligten äußern sich nicht: Langhoff und Klaus Lederer.

Besprochen werden Constanza Macras' neues Tanzstück "Stages of Crisis" im Livestream des Hau (Tsp, nachtkritik), Stefan Kaegis Mensch-Tier-Performance "Le Temple du Présent. Solo pour Octopus" im Livestream des NT Gent (nachtkritik), Robert Borgmanns Inszenierung des "Hamlet" am Münchner Residenztheater (nachtkritik) und Marius Schötz' "Musicalfilm" "Sisyphos - oder wie man dem FBI einen Deal vorschlägt" im Livestream der Berliner Volksbühne (SZ).
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