Efeu - Die Kulturrundschau

Ähnlich wie die dicke Zigarre

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28.06.2021. Im Standard erklärt die Filmemacherin Jasmila Žbanić, warum sie nach Srebrenica und im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nichts Attraktives am Krieg finden kann. Die FAZ bewundert die verpixelte Rauchsäule, die Frank Gehry in Arles gen Himmel steigen lässt. Das Theater wird immer schweinischer, seufzt die SZ. Und die NZZ lernt im Textilmuseum von St. Gallen, warum Politiker mit ihrer Kleidung Gleichheit signalisieren, Politikerinnen aber nicht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2021 finden Sie hier

Film

Die weibliche Perspektive auf den Krieg: "Quo Vadis Aida"

Im Interview mit dem Standard spricht Jasmila Žbanić über ihren Srebrenica-Film "Quo Vadis Aida". Das Thema war der Filmemacherin, die den Krieg selbst miterlebt hat, aus biografischen Gründen ein Herzensanliegen, aber auch als filmpolitische Geste: "Die meisten Kriegsfilme zeigen den Krieg so, wie Männer ihn verstehen. Selbst wenn Frauen wie Kathryn Bigelow Kriegsfilme machten, wird das oft sehr männlich. Ich habe die Belagerung von Sarajevo erlebt und kann nichts Attraktives am Krieg finden. Für mich verkörpert er die Banalität des Bösen. Er ist eine männliche Sache, die mit einer enormen Bürokratie einhergeht - Helden und Patrioten, wie sie Filme oft zeigen, finde ich darin nicht. Meine Kamerafrau Christine A. Maier und ich haben lange diskutiert, wie wir Aidas Perspektive vermitteln wollen. Wir wollten aus ihrer Sicht das Innere des Krieges betrachten: wie die UN-Autoritäten selbst Angst hatten, wie sie betrogen und gelogen haben, auch sich selbst gegenüber."

Weitere Artikel: In der FR gratuliert Daniel Kothenschulte Mel Brooks zum 95. Geburtstag.

Besprochen werden der Agententhriller "Der Spion" mit Benedict Cumberbatch (SZ), Chloé Zhaos nun auch im Kino gezeigter Oscargewinner "Nomadland" (Tagesspiegel) und Lisa Eders Dokumentarfilm "Der wilde Wald" über den bayerischen Nationalpark (FAZ).
Archiv: Film

Architektur

Provence im Abendschein: Frank Gehrys Turm in Arles. Foto:
Adrian Deweerdt / Luma

Schlimmstes wurde befürchtet von Frank Gehrys Bau für das Kunstzentrum Luma der Pharma-Erbin Maja Hoffmann im südfranzösischen Arles, aber in der FAZ kann Niklas Maak Entwarnung geben: Nicht nur weil man den Bau von der Altstadt aus nicht sehe, sondern auch weil sein Amphitheater nicht so verkrampft geraten sei wie Gehrys Fondation Louis Vuitton: Aus einer "Glastrommel steigt, wie eine verpixelte Rauchsäule, der eigentliche Hochbau auf - eine aus 11000 monumentalen Aluminiumquadern aufgestapelte Skulptur ... Die Oberflächen dieser Aluminiumquader sind unregelmäßig und fangen und brechen das provenzalische Licht auf immer neue Weise, wie eine Land-Art-Lichtstele: Mal wirkt der Turm golden, mal silbern, mal wie geknüllte Alufolie, mal wie ein Felsen, dem man ein flimmerndes Paillettenkleid übergezogen hat, mal wie ein verpixelter, gerade erst sichtbar werdender Leuchtturm - so, als sei das, was man da sieht, nicht die Realität, sondern ein digitales Bild, das sich gerade erst aufbaut."
Archiv: Architektur

Design

Warum ist die Kleidung von Politikern eigentlich so konventionell, während Politikerinnen mit jedem Auftritt Statements setzen können, fragt sich Claudia Mäder in der NZZ. Früher kleideten sich die Mächtigen beiderlei Geschlechts prunkvoll, erfährt sie in einer Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen. "Solche Zurschaustellungen aber verschwanden bei den Männern im bürgerlichen Zeitalter. Nicht mehr der Körper des Herrschers stand jetzt für die Stärke des Staats, die Souveränität lag nunmehr im Volk, das heißt: Sie war verteilt auf die Gesamtheit der rechtlich gleichen Männer. ... Aus dem neuen Raum der Gleichheit blieben die Frauen bekanntlich ausgeschlossen, und folglich haben sie auch die Abkehr von der adligen Tradition der Körperinszenierung nicht gleich wie die Männer vollzogen. Eher wurden sie in der geschlechtergetrennten Ordnung des 19. Jahrhunderts verbreitet darauf festgeschrieben: Sich schön zu präsentieren, die Reize zu betonen, Sorgfalt auf den Auftritt zu verwenden."
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Archiv: Design

Literatur

Das Literaturhaus Berlin wird auch nach der Pandemie auf hybride, also ins Netz übertragene Veranstaltungsformate setzen, erklärt Sonja Longolius, eine der Leiterinnen des Hauses, im Tagesspiegel: "Warum sollten wir die großen digitalen Fortschritte verleugnen, nur weil (vielleicht) bald alles wieder 'normal' ist? Denn diese Fortschritte waren nicht zuletzt auch kreative Herausforderungen. ... Spannend wird es, wenn wir die digitalen Möglichkeiten nicht nur als Surrogat behandeln. So können wir nun Autor:innen aus weit entfernten Regionen, wie letztens Yvonne Owuor aus Kenia, zuschalten." Eine weitere "Besonderheit des Digitalen: Es ermöglicht größere Diversität, ermutigt Menschen aus unterschiedlichen sozialen Strukturen und Bildungsmilieus teilzuhaben an der kulturellen Vielfalt dieses Landes." Der Perlentaucher sagt: Willkommen im Internet.

Außerdem: In der FAZ spricht Thomas David mit Salman Rushdie zum heutigen Erscheinen seines (in der FR besprochenen) Essaybands "Sprachen der Wahrheit" zur Lage der USA. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Wolfgang Stock an die beiden Flugzeugabstürze, die Hemingway überlebte. Manfred Rebhandl spricht im Standard mit Georg Biron über dessen Buch über das Wiener Original Udo Proksch. In der Dante-Reihe der FAZ schreibt Mathias Mayer über Vergils Auftritt in der "Commedia". Der Schriftsteller John von Düffel spricht im Sommergespräch der FR über Schwimmbäder und die Vorzüge des kühlen Nass.

Besprochen werden Bruno Jasieńskis Gogol-Variation "Die Nase" (Jungle World), Hinrich Schmidt-Henkels Neuübersetzung von Louis-Ferdinand Célines "Tod auf Raten" (Dlf Kultur, Zeit), Taiyo Matsumotos Manga-Klassiker "Tekkon Kinkreet" (Intellectures), Karl Immermanns "Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken" (Freitag), Anna Baars "Nil" (Standard),Georges-Arthur Goldschmidts "Der versperrte Weg" (NZZ), Brandon Taylors "Real Life" (Freitag), Michal Hvoreckys "Tahiti Utopia" (Freitag), Josef Einwangers Autobiografie (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Kirsten Fuchs' und Cindy Schmids "Der Miesepups auf dem Mond" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt die Schriftstellerin Olga Martynova über Alexander Blocks "Sie kam mit von der Kälte roten Wangen":

"Sie kam mit von der Kälte Roten Wangen,
Ins Zimmer brachte sie Luft und Parfum,
Eine glockenhelle Stimme...."
Archiv: Literatur

Bühne

Von Jelinek bis Castorf, allenthalben sind derzeit Schweine auf der Bühne zu sehen, bemerkt Christine Dössel in der SZ, und zwar nicht nur in ihrer männlich-menschlichen Variante! Dabei sei die Schweinehälfte seit Brechts "Schlachthöfen" eine echt abgehangene Metapher für den Kapitalismus, meint sie: "Ein Insigne für den westlichen Kapitalismus, ähnlich wie die dicke Zigarre. Nur lassen sich mit Säuen viel drastischere, plastischere, sexuell aufgeladene Bilder produzieren. Was hingen seither nicht blutige Schweinskadaver auf Bühnen herum."

Besprochen werden Philippe Quesnes Inszenierung von Gustav Mahlers sinfonisch-dsytopischen Liederzyklus "Das Lied von der Erde" bei den Wiener Festwochen, die Nachtkritikerin Andrea Heinz trotz des klimakritischen Szenarios "prätentiös und gleichzeitig recht dünn" findet), Franz Schmidts Oper "Notre Dame" bei den St. Galler Festspielen (NZZ), Vanessa Sterns Inszenierung "Knochenarbeit oder Der Tod und die Mädchen" am Nationaltheater Mannheim (Nachtkritik), die Uraufführung von Jaroslav Rudiš' neuem Stück "Anschluss", das am Staatsschauspiel Dresden (DlfKultur, FAZ) und Christoph Marthalers neues Stück "Aucune idée" über seinen Freund Valentine Graham ("Volltreffer", ruft Jörn Fuchs im DlfKultur).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Schweine, Mahler, Gustav

Musik

Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel Christoph Franke, den Tonmeister der Berliner Philharmoniker. Wolfgang Schreiber (SZ) und Max Nyffeler (FAZ) schreiben Nachrufe auf den avantgardistischen Komponisten Frederic Rzewski. Claudius Seidl schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Popjournalisten Andreas Banaski.

Besprochen werden ein Buch von Ann Allen Savoy über die Cajun-Musikkultur (NZZ), ein Konzert des Deutschen Symphonieorchesters Berlin unter Kent Nagano (Tagesspiegel, hier zum Nachhören), das traditionelle Berliner Jahres-Open-Air-Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel, hier in der ARD-Mediathek) ein neues Album von Noel Gallagher (Standard), das Debütalbum des Geigers Randall Goosby (Tagesspiegel), das neue Album von Black Midi (Jungle World) und das neue Jazzalbum des Pianisten Vijay Iyer (ZeitOnline). Wir hören rein:

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Kunst

Im taz-Interview mit Sabine Weier erklärt Bonaventure Ndikung, wie er sich seine Arbeit als künftiger Intendant des Haus der Kulturen der Welt vorstellt: "Vor über zehn Jahren habe ich im Berliner Bezirk Neukölln den Kunstraum SAVVY Contemporary gegründet, der sich heute im Wedding befindet. Es ist einer von vielen in Berlin, die von Menschen gemacht werden, die zum Beispiel aus Asien, Afrika oder Lateinamerika kommen. Sie haben das Gefühl, wenn sie warten, bis etwas für sie gemacht wird, passiert nie etwas. Also werden sie selbst aktiv. Auch Initiativen, wie Berlin Postkolonial und EOTO, sind enorm wichtig - vielleicht würden wir ohne ihre Vorarbeit heute noch gar nicht über Restitution sprechen und Straßennamen ändern. Ich komme aus diesem Graswurzelumfeld und möchte auch künftig mit kleinen Gruppen in Berlin zusammenarbeiten."

Weiteres: Sarah Alberti berichtet in der taz vom Leipziger Fotografiefestival f/stop. In der FR unterzieht Christian Thomas Stefan Lochners Kölner "Altar der Stadtpatrone" einer ausführlichen Deutung, wobei er in dem Meisterwerk auch antijüdische Sentiments gespiegelt sieht. Besprochen wird eine Retrospektive des Fotografen Erwin Olaf in der Kunsthalle München (FAZ).
Archiv: Kunst