Efeu - Die Kulturrundschau

Mit lakonischem Blick auf die Todesstrafe

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19.08.2021. Die Taliban haben sich nicht geändert, sie können sich jetzt nur besser verkaufen, erklärt der afghanische Künstler Yama Rahimi im Interview mit monopol. Weshalb Künstler nur raus wollen aus dem Land. Das bestätigt ein afghanischer Musiker im Van Magazin: "Die gesamte musikalische Gemeinschaft Afghanistans lebt in Angst, Panik", sagt er, und ganz besonders die Musikerinnen. In der NZZ überlegt der Architekturtheoretiker Stephan Trüby, ob es so etwas wie ethische Architektur gibt. SZ und FR loben den auf subtile Weise revolutionären Film "Doch das Böse gibt es" von Mohammad Rasoulof. Die Welt empfiehlt Viktor Kossakovskys essayistischen Dokumentarfilm "Gunda" über eine norwegische Sau und ihre Ferkel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2021 finden Sie hier

Kunst

Künstler in Afghanistan wollen nichts als raus aus dem Land, erzählt im Interview mit monopol der afghanische Künstler Yama Rahimi, der seit 2015 in Deutschland lebt. Nur Visa bekommen sie keine: "Wenn man wissen möchte, was die Taliban von Kunst und Kultur halten, muss man sich nur ihre Taten anschauen. ... Sie haben Weltkulturerbe mit Bomben explodieren lassen. Sie kennen einfach keine Kultur, keine Kunst, sie verstehen sie auch nicht. Sie haben nur den Koran gelesen - meiner Meinung nach falsch -, und deshalb auch keinen Begriff von Kunst. ... Gestern Abend hat einer von ihnen im nationalen Fernsehen gesagt, die Taliban damals und dieses Mal seien grundlegend die gleiche Person, aber die heutigen Taliban hätten etwas mehr Erfahrung. Ich finde, sie haben wirklich etwas gelernt - sie können heute besser die Menschen, die Welt verarschen. Die Welt wird wieder helfen, Gelder geben, ohne Konzept. Wer genau hinhört, weiß, dass es keine Veränderung gibt. Sie sagen: 'Frauen sind unsere Schwestern, unsere Mütter…' Und jetzt kommt das aber: 'Aber die Frau muss dies und das anziehen, mit einem Mann draußen sein, darf nur in separierten Frauenschulen studieren …'. Und das ist doch nicht akzeptabel."

Weiteres: Tobias Timm besucht für die Zeit die frisch renovierte Neue Nationalgalerie und wird von einem frischen Wind umweht. Besprochen werden die Schau "Verschwundene Landschaften" der Fotografin Ursula Schulz-Dornburg im Aedes Architekturforum in Berlin (taz).
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Musik

In ihrer fünfjährigen Herrschaft machten die Taliban das musikalische Leben in Afghanistan nahezu zunichte. Jetzt fürchtet man im Land ähnliches für die Zukunft, berichtet ein anonymer afghanischer Musiker im VAN-Gespräch mit Hartmut Welscher. "Es gab viele positive Veränderungen: die Rückkehr der Musik nach jahrelangem Verbot, die Rückkehr von Mädchen und Frauen in die Musik. Afghanische Musiker:innen haben in der Carnegie Hall, im Kennedy Center, im British Museum, in der portugiesischen Gulbenkian Concert Hall, in den Berwaldhallen in Schweden und auf dem Weltwirtschaftsforum gespielt. In diesen 20 Jahren hat Afghanistan professionelle junge Dirigent:innen, Pianist:innen, Geiger:innen und junge afghanische Rubab-Spieler:innen hervorgebracht. Wir haben die musikalischen Traditionen Afghanistans mit Erfolg wiederbelebt. ... Die gesamte musikalische Gemeinschaft Afghanistans lebt in Angst, Panik. All diese Leute haben Angst wegen ihrer Popularität - dass sie bestraft werden, wenn die Taliban sie sehen."

Weitere Artikel: Marco Frei berichtet in der NZZ vom Davos Festival. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit dem Pianisten und Musikwissenschaftler Robert Levin über Mozarts Requiem. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker diesmal Cécile Chaminade. Helmut Mauró schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Komponisten Raymond Murray Schafer. Für die FAZ hat Gerald Felber das neue Musikfestival in Südjütland besucht.

Besprochen werden neue Alben von Lorde (taz) und Nura (Tagesspiegel), Auftritte von Ozan Ata Canani (FR) und Los Bitchos (NZZ), ein Salzburger Kammermusikabend mit Isabelle Faust, Alexander Melnikow, Antoine Tamestit, Jean-Guihen Queyras und Anna Katharina Schreiber (SZ) sowie neue Streamingdokus über Pop (SZ).
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Film

Die Banalität des Alltags in einem Land des Bösen (Grandfilm)

Mohammad Rasoulofs Konsens-Berlinalegewinner "Doch das Böse gibt es" von 2020 (unsere Festivalbesprechung) kommt nun auch in Deutschland ins Kino. Der iranische Dissident blickt dabei in vier Episoden mit lakonischem Blick auf die Todesstrafe in seinem Land, etwa indem er in der ersten Episode den ganz normalen Alltag eines Mannes zeigt, der sich am Ende als ein Henker des Regimes entpuppt. "Warum, will Rasoulof wissen, tun Menschen Dinge, die nicht in ihnen stecken, die sie unglücklich machen, und warum ist es in einer Autokratie noch wahrscheinlicher, dass sie sie tun", erklärt Susan Vahabzadeh in der SZ: "Beispielsweise, weil sie so ihre Familie versorgen, weil sie in ein System hineingeraten sind, das sie dann nicht hinterfragen. ... Die Gefahr eines solchen Themas ist bei einem Film immer, dass am Ende so eine Art verfilmter Leitartikel daraus wird, aber die Klippe hat Rasoulof umschifft."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte kann sich dem nur voll und ganz anschließen: Nicht das Thema überdeckt die Form, sondern die Form ergibt sich aus dem Sujet und das ist "auf subtile Weise revolutionär". Rasoulof lässt weg, vertraut aufs mitdenkende Publikum und das ist "nicht zu trennen von den Repressalien, denen Rasoulof als Filmemacher ausgesetzt ist. Er hat sie in Kunst verwandelt, was für ein Triumph gegen die Peiniger. Was aus dieser Reduktion entsteht, ist eine Feier des Widerstandsgeists, wie man ihn im westlichen Kino fast vergessen hat." Dieser Film "erinnert uns daran, was gerade dieses Medium für die politische Aufklärung erreichen kann. Wie in den Tagen von Pasolini, Godard oder Alain Resnais macht Rasoulof das Kino zu einem diskursiven Raum." Weitere Besprechungen in FAZ und Tagesspiegel.

Kleines Ferkel, große Filmkunst: Gunda (Filmwelt Verleihagentur/Sant & Usant/ V. Kossakovsky/ Egil H. Larsen)

Der zweite große Film, den die Feuilletons in dieser reichen Kinowoche empfehlen, ist Viktor Kossakovskys essayistischer Dokumentarfilm "Gunda" über eine norwegische Sau und ihre Ferkel: Schwarzweiß, keine Menschen, keine Dialoge, keine Musik - aber jede Menge Bauernhof-Drama abseits beschaulicher Idyll-Bedürfnisse. Dieser Film "erzeugt einen Flow des Schauens auf etwas denkbar Unsensationelles: auf Borsten und Flaum, auf Federn und Huf und Vogelkralle, auf Gras und Stroh und Schlamm. Und es ist, als sehe man das alles zum allerersten Mal", staunt Cosima Lutz in der Welt und ist völlig begeistert: "Die Bewegungen der Tiere scheinen unberechenbar, das Aus-dem-Bild-Fallen und wieder Hineingleiten, und zugleich schaffen es Kossakovsky und sein Ko-Kameramann Egil Haskjold Larsen, alles organisch aussehen zu lassen, wie eine absichtsvoll-absichtslose Choreografie." Und "leinwandgroß senkt sich einmal ein Hühnerfuß unendlich langsam ins noch nie gespürte weiche Gras. Dass einen ein Hühnerfuß mal so rühren kann!"

Kossakovsky lehne "seine Philosophie an Andrei Tarkowskis cineastische Metaphysik an", erklärt Claudia Lenssen in der taz: "Anders als das sensationsheischende Infotainment über Tierwelten, das unsere Wahrnehmung manipuliert, geht von 'Gunda' die Magie eines kontemplativen Zeitgefühls aus." Und "große ekstastische Filmkunst" verspricht auch Thomas Groh im Dlf Kultur. Christina Bylow hat für die FR mit dem Filmemacher gesprochen, der seinen Filmstar auch heute noch regelmäßig besucht.

Weitere Artikel: Till Kadritzke wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm der Berliner Filmreihe "Fiktionsbescheinigung" über postmigrantische Perspektiven auf Deutschland. Kathleen Hildebrand erinnert in der SZ an den "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry. Claudius Seidl gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Marianne Koch zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Emerald Fennells Tragikomödie "Promising Young Woman", die von sexualisierter Gewalt handelt (FR, Presse), Julien Temples Porträtfilm "Shane" über Shane MacGowan, den früheren Sänger der Pogues (taz), Piotr J. Lewandowskis "König der Raben" (Tagesspiegel), die Netflix-Serie "Hit & Run" (Tages-Anzeiger) und die von Arte online gestellte Spionageserie "Der Schläfer" aus Tschechien (taz).
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Archiv: Film

Literatur

Gerrit Wustmann freut sich im 54books-Essay übers schlechte Wetter, bei dem man sich ohne schlechtes Gewissen zum Lesen verkriechen kann. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Frank Trende an Sarah Kirschs Reise per Containerschiff nach Island.

Besprochen werden unter anderem Eva Menasses "Dunkelblum" (Standard, FAZ), Marcel Raabes "Die letzten Stunden Walter Benjamins" (Jungle World), Hans Jürgen Balmes' "Der Rhein" (NZZ) und Maxim Billers "Der falsche Gruß" (SZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Stephan Trüby, Professor für Architekturtheorie in Stuttgart, denkt in der NZZ über die Ethik von Architekten nach. Sollen sie überall bauen, auch in China oder Katar? Und sollen sie alles bauen, auch wenn es beispielsweise klimaschädlich ist? Da wird viel theoretisiert, aber am Ende bauen die meisten, was verlangt wird und reden es sich schön: "Die Wiederholung immergleicher rhetorischer Versatzstücke kündet von der Unmöglichkeit, gleichzeitig kritischer Intellektueller zu sein und ein weltweit erfolgreiches Architekturbüro zu führen. Alle Versuche, auf die Möglichkeit einer Verbesserung der politischen Verhältnisse in einem Land zu hoffen, enden in der Schöntrinkerei dessen, was Friedrich Nietzsche einmal die 'Macht-Beredsamkeit' architektonischer Formen nannte. Wer nämlich Kultur- oder Regierungsbauten in autoritären und diktatorischen Regimen errichtet, stabilisiert diese."

In Potsdam haben die "Architects for Future" im Streit um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein Gutachten vorgelegt, wonach der angeblich dafür notwendige Abriss des Rechenzentrums eben nicht notwendig sei, berichtet in der taz Julia Hubernagel: "Es entstehe der Eindruck, dass die baurechtliche Situation rund um das Rechenzentrum 'bewusst und gezielt' fehlerhaft dargestellt worden sei, um den politischen Entscheidungsprozess zu beeinflussen und den Abriss durchzusetzen, heißt es. Das städtische Planungsbüro befand 2020 klar: 'Ein dauerhaftes Nebeneinander von Garnisonkirche und Rechenzentrum ist bauordnungsrechtlich unzulässig.' Die vorgebrachten Gründe seien fachlich nicht korrekt dargestellt, sagt Frauke Röth, Architektin und Sprecherin des Rechenzentrums. Da auf ihre Hinweise nicht reagiert worden sei, hat Röth zusammen mit dem Architekten Philipp Oswalt Beschwerde eingelegt."
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Bühne

Welt-Kritiker Manuel Brug vertilgt eine Portion "Fave e cicoria" (Bohnenpüree mit Mangold) und macht sich so gestärkt auf die Suche nach Raritäten beim apulischen Opernfestival in Martina Franca. Die nachtkritik veröffentlicht zwei Beiträge von Luna Ali und von Petra Kohse beim Symposium "Die Zukunft des Kulturjournalismus im Dialog mit der Freien Szene in Berlin". Udo Badelt berichtet im Tagesspiegel von den Bayreuther Festspielen. Die FR unterhält sich mit dem Frankfurter Theatermacher Willy Praml und seinem Nachfolger Michael Weber über viele Jahre Theaterarbeit

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung von Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" am Amsterdams Nederlandse Opera ("schwieriges Werk - aber was für eine atemverschlagende, überbordende, wahrlich ekstatische Musik", schreibt in der nmz Wolf-Dieter Peter, tief beeindruckt von der einzigen Oper des mit 28 Jahren im Ersten Weltkrieg gefallenen Komponisten) sowie die Neuinszenierung von Olga Neuwirths Oper "Bählamms Fest" auf der Ruhrtriennale durch die Theaterkompanie Dead Centre (nmz, Zeit).
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Stichwörter: Ruhrtriennale

Design

Verpackungsmaterial von Kueng Caputo


Maria Becker wandert für die NZZ durch das Zürcher Museum für Gestaltung, wo sechs Künstler oder Künstlergruppen sich aus dem Fundus des Museums bedienen durften, um sechs Räume einzurichten. "Entstanden sind kleine Geschichten über Lebenswelten, Funktionalität, Stilmythen und Warenproduktion", wie sie zum Beispiel Sarah Kueng und Lovis Caputo erzählen: "Die beiden Gründerinnen des Studios Kueng Caputo zeigen das Packmaterial, wie es zurzeit im Umlauf ist und tagtäglich anfällt: geformt aus Pappmaché und Plastik, geknüllt aus Lochkarton oder Papierschnipseln, geschäumt aus Kunststoffen, die sich um die Ware schmiegen oder sie mittels Luftkammern vor Stößen schützen. Säuberlich getrennt in Regalen platziert, gewinnen diese vielförmigen Dinge tatsächlich eine eigene Qualität, die umso reizvoller ist, als man darüber rätseln kann, was sie wohl transportiert haben und was sich in ihrer konkaven Innenseite abbildet."
Archiv: Design