Efeu - Die Kulturrundschau

Kleine Diktaturen

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25.06.2022. Im Spiegel bedauern Taring Padi, dass man sich in Deutschland nicht mehr über Grenzen hinwegsetzen darf. Es sind "nicht einzelne Ausrutscher, die hier wehtun. Es ist die Systematik", fasst die taz das Documenta-Drama zusammen. Die Deutschen wittern überall Antisemitismus, schimpft Barrie Kosky im großen, noch vor dem Documenta-Eklat geführten Abschieds-Interview in der SZ. Der Standard lernt in Wien von dem Maori-Künstler George Nuku, wie man aus Plastik Fische und Götter schnitzt. "Dieselben Politiker, die mit dem Finger auf Europa und Amerika zeigen, haben dort selbst gut gefüllte Bankkonten," sagt Tsitsi Dangarembga im SZ-Gespräch über die Korruption in Simbabwe.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2022 finden Sie hier

Kunst

"Wir sind keine Antisemiten. Wir wissen nicht einmal, wer hier über uns urteilt", sagten Taring Padi gegenüber dem Spiegel, wie Birgit Rieger im Tagesspiegel meldet: "'Ich dachte, dass man als Künstler gerade in einem Land wie Deutschland, in dem Meinungsfreiheit herrscht, sich über mehr Grenzen hinwegsetzen darf', so Sri Maryanto, ein Kollektivmitglied, das laut Spiegel in München lebt und dort studiert hat. Die Ereignisse in Kassel und der Umgang damit seien für das Kollektiv 'ein Schock'. Rieger kommentiert: "Was für ein Desaster. Taring Padis Äußerungen machen die Lage in keiner Hinsicht besser. Auch wenn - was absurd ist- wirklich niemand von den Ruangrupa-Kurator:innen vor der Installation auf das riesige Bild geschaut haben sollte, muss man von Künstlern, von denen einige seit Jahren in Deutschland leben, mehr Sensibilität erwarten. Taring Padi und Ruangrupa kennen sich lange, Mitglieder beider Gruppen haben an der Kunsthochschule in Jakarta studiert." "Dafür steht das Prinzip Kollektiv nämlich auch: für einen Herrschaftsgestus, der, Harmlosigkeit vorschützend, sich der Rechenschaft entzieht", schreibt Jan Küveler in der Welt.

Es sind "nicht einzelne Ausrutscher, die hier wehtun. Es ist die Systematik", kommentiert Andreas Fanizadeh in der taz: "Unter der kulturalistischen Behauptung, ein 'Globaler Norden' agiere gegen einen 'Globalen Süden', werden wie früher bei Maoisten und Marxisten-Leninisten sämtliche 'Nebenwidersprüche' ausradiert. Hamas und viele Fraktionen der PLO stehen für repressive paternalistische Systeme und korrupte Kriegsökonomien. Doch für alle intern verursachten Missstände machen sie einen äußeren Feind verantwortlich: Israel, die USA, die Demokratien des Westens. (...) Von Freiheit der Kunst braucht man da erst gar nicht zu sprechen. Und sie haben Israel als demokratische Bedrohung im Visier, ähnlich wie Putins Russland die Ukraine." Und "warum sind die nach Deutschland und Europa ausgewanderten großen Migrations- und Flüchtlingsgruppen" eigentlich nicht vertreten? "Passen sie schlicht nicht ins ideologische Schema einer postkolonialen Kritik, die nach Authentizität im Ausland sucht, um so den globalisierten Kapitalismus und den Norden leichter angreifen zu können?"

Wäre es so schlimm, wenn das die letzte Documenta gewesen wäre?, fragt Peter Richter in der SZ. Der Kunstprofessor Daniel Hornuff hatte bereits auf ZeitOnline diese Woche geschrieben, "dass das Konzept der Weltkunstschau am Ende ist" (Unser Resümee). Und auch Hito Steyerl forderte, die Documenta müsse "vom überheblichen Paradigma der Weltkunstschau Abschied nehmen". Richter meint: "Die Biennale von Venedig ist am Ende wiederum die gültigere 'Weltkunstschau' in dem Sinn, dass hier neben den thetischen Setzungen des Kurators der Hauptausstellung in den davon unabhängigen Länderpavillons ein wirklich diverses Bild davon vermittelt wird, was rund um den Globus gerade jeweils so als relevant angesehen wird." Auf Seite 3 der SZ resümieren Moritz Baumstieger, Jörg Häntzschel und Catrin Lorch die Chronologie des Skandals. Und erfahren nebenbei, dass Sabine Schormann keinen Rücktritt plant: "Der Kapitän, sagt Schormann, geht in stürmischen Zeiten nicht von Bord."

Einige Mitglieder von Ruangrupa fühlen sich derweil zu Unrecht angegriffen, weiß Niklas Maak in der FAS: "Nach der unerwartet kritischen Rede Steinmeiers habe sich Ruangrupa zunächst geweigert, am Festessen teilzunehmen, nur zwei Mitglieder waren laut Aussagen eines Teilnehmers dazu zu bewegen, doch mitzukommen. Einige Mitglieder und Kollektive erwägen offenbar eine Abreise aus Kassel." Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisiert den Umgang der documenta-Leitung mit der Kritik, meldet unter anderem ZeitOnline.

Bild: George Nuku. Ausstellungsansicht. Weltmuseum Wien. © KHM-Museumsverband

Das Wiener Weltmuseum hat dem Maori-Künstler George Nuku mit "Oceans. Collections. Reflections" die bisher größte Einzelausstellung Im Standard staunt Stefan Weiss, wie exzellent hier Völkerkunde mit Gegenwartskunst verbunden wird: "Das Spezielle an Nukus Werk: Er bricht mit der Vorstellung, Kunst, die sich mit der Natur beschäftigt, müsse auch mit Naturmaterialien arbeiten. Denn Nukus Werkstoff besteht ausschließlich und ausgerechnet aus Plastikflaschen, Plastikverpackungen und Styropor. Fische, Götter, Ornamente, all das formt und schnitzt er aus unserem Zivilisationsmüll . (…) Nuku spricht gerne und viel über sein Werk: Plastik, meint er, sei für ihn nichts Künstliches, denn es wird aus Erdöl gemacht. In fossilen Brennstoffen steckte eigentlich nichts Böses, sondern der Geist jahrtausendealter Organismen bis hin zu den Dinosauriern. Was sich ändern müsse, sei unsere Beziehung zum Plastik."

Außerdem: Im Perlentaucher-Fotolot resümiert Peter Truschner die Marion-Kalter-Ausstellung im Salzburger Museum der Moderne: "Ein Geheimnis von Kalters teils großartigen Porträts prominenter ZeitgenossInnen liegt darin, dass 'die Berühmten' (Thomas Bernhard) die Frau mit der Kamera nicht nur im Zuge von Ausstellungen und Konzerten, sondern auch im privaten, geradezu intimen Umfeld einfach gewähren ließen, wenn sie wie nebenbei ein Foto von ihnen machte - egal, ob es sich dabei um Agnes Varda, James Baldwin oder John Cage handelte. Das macht den Zauber von Kalters Fotos aus: Nur wenige nehmen vor Kalter eine - ob exaltierte oder beiläufige - Pose ein, ebenso wenig versucht Kalter, sie zu einer solchen zu verführen." Für die FAZ besucht Oliver Jungen die Villa des Kunstsammlerpaares Peter und Irene Ludwig, die der Künstler Andreas Schmitten zum 25jährigen Jubiläum der Stiftung in gleißendes Pink getaucht hat.
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Literatur

Das haben wir gestern in der SZ übersehen: Im Interview spricht Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga, die zusammen mit einer Freundin in ihrer Heimat Simbabwe wegen eines friedlichen Protestes angeklagt worden war, über die Situation in ihrer Heimat. "Der Demonstrationsaufruf am Tag meiner Festnahme richtete sich gegen die Korruption. Damit kann ich mich identifizieren. Denn letztlich ist die Korruption für die Misere der Menschen verantwortlich." Als Reaktion darauf versuche die Regierungspartei sie - ganz in der Tradition Robert Mugabes - als "Puppe des Westens" zu diffamieren: "Auch wenn der Präsident heute einen anderen Namen hat, regiert immer noch dieselbe Partei mit denselben Schuldzuweisungen an den Westen und dessen angebliche Machenschaften. Dabei ist das ganze ziemlich heuchlerisch. Denn dieselben Politiker, die mit dem Finger auf Europa und Amerika zeigen, haben dort selbst gut gefüllte Bankkonten."

Im Tagesspiegel-Gespräch mit Lena Schneider (hinter Paywall) erklärt Dangarembga, wie erst die Idee von Privateigentum die Geschlechterrollen in Simbabwe zementierte: "Frauen hatten sich nie wie eine unterworfene Klasse gefühlt, bis die Idee von Privateigentum auftauchte. Die tatsächliche traditionelle Rolle und Macht von Frauen wurden ausgelöscht, während die koloniale Administration es einigen wenigen Männern erlaubte, gewisse Machtpositionen zu erhalten, damit das System funktionieren konnte - so entstanden 'kleine Diktaturen'."

Alexander Puschkin wurde zeit seines Lebens vom Zaren und seinem Machtapparat kontrolliert, zensiert und sogar verbannt - und dennoch identifizierte er sich mit dem russischen Imperium und seinem autokratischen Staat, wie sich etwa in dem antieuropäischen und polenfeindlichen Gedicht "Die Verleumder Russlands" zeigt, schreibt Sonja Margolina in der NZZ: "Im Gedicht empfiehlt er der europäischen Öffentlichkeit, die Finger von der Geschichte des 'alten Streits der Slawen untereinander', von ihren 'Familienzwistigkeiten', von denen sie keine Ahnung hätten, zu lassen."

Außerdem: Die FAZ widmet ihr Feuilleton dem 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann. Unter anderem erinnert Jürgen Kaube an den Juristen Hoffmann, Jan Brachmann schreibt über Hoffmann als Musiker, Stefan Trinks besingt den Zeichner Hoffmann. Weitere Artikel in NZZ, FR und Tagesspiegel.  Im taz-Gespräch mit Thomas Hummitzsch erzählt der französische Comic-Zeichner Luz, einst bei Charlie Hebdo, was ihn an Virginie Despentes' Roman "Vernon Subutex", den er nun als Comic verarbeitet hat, fasziniert. Im Standard zieht Michael Wurmitzer eine Zwischenbilanz des Bachmann-Wettbewerbs: "Mutig experimentelle Texte fehlen weitgehend, mochte man Freitagnachmittag schon annehmen. Doch da kam Mara Genschel mit aufgeklebtem Bart und Fake-US-Akzent. Sie performte - und strapazierte damit die Kategorien des Bewerbs gründlich. Das amüsierte die Jury aber mehr, als es sie überzeugte." In der SZ gratuliert Marie Schmidt der Literaturkritikerin Sigrid Löffler zum Achtzigsten, in der FAZ gratuliert Paul Ingendaay. Ebenfalls in der FAZ berichtet Florian Balke von einem Abend zu Ehren von Marcel Reich-Ranicki im Frankfurter Vortragssaal der Deutschen Nationalbibliothek. Für die SZ macht Josef Kelnberger eine Reise nach Ostende auf den Spuren von Joseph Roth, Stefan Zweig und James Ensor. Im Literarischen Leben der FAZ reist Tobias Lehmkuhl auf den Spuren Ismail Kadares durch Albanien. Und in der NZZ reist die amerikanisch-äthiopische Autorin Maaza Mengiste auf Luzerner Berg Pilatus.

Besprochen werden unter anderem: Christoph Butterwegges "Die polarisierende Pandemie" (taz), Chloé Delaumes "Das synthetische Herz" (taz) zwei Peter-Handke-Bände (Berliner Zeitung), Gerald Murnanes "Inland" (FAZ) und Annekathrin Kohouts "Nerds - Eine Popkulturgeschichte" (SZ) Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

"Antisemitismus ist kein jüdisches, sondern ein deutsches Problem", sagt Barrie Kosky im großen Abschiedsgespräch, das Tobias Haberl (SZ-Magazin) mit Kosky noch vor dem Documenta-Eklat zum Ende seiner zehnjährigen Intendanz an der Komischen Oper geführt hat. Aber die Deutschen hätten sich "in eine gefährliche Sackgasse manövriert", fährt er fort: Sie tun sich "aufgrund ihrer Geschichte schwer, Israel zu kritisieren, andererseits wittern die Antisemitismusbeauftragten inzwischen überall Antisemitismus. (...) Für mich als spiritueller atheistischer Jude besteht zwischen Antisemitismus und Antiislamismus kein Unterschied, ich finde beides gleich schlimm und war schockiert, wie wenig man während der Flüchtlingskrise 2015 vom Zentralrat der Juden gehört hat. Ganz ehrlich, ich habe ein großes Problem damit, wenn ein paar Antisemitismusbeauftragte oder der Zentralrat der Juden bestimmen, was antisemitisch sein soll und was nicht, ob und wie Israel kritisiert werden darf."

Außerdem: Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg spricht die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca über Diversität am Theater und Luigi Dallapiccolas "Ulisse", der am Sonntag an der Oper Frankfurt Premiere hat.

Besprochen werden Lisa Nielebocks Inszenierung von Goethes "Wahlverwandtschaften" am Schauspiel Frankfurt (FR, nachtkritik) und Annette Pullens Inszenierung "Pardauz! Schnupdiwup! Klirrbatsch! Rabum!" - Ein Wilhelm-Busch-Bilderreigen von Rebekka Kricheldorf und Hannah Zufall (nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Film

Albrecht Schuch wurde auch als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet

Der 72. Deutsche Filmpreis geht an Andreas Kleinerts Drama "Lieber Thomas" (unsere Resümees), meldet unter anderem der Tagesspiegel. "Die neun Lolas für 'Lieber Thomas' setzen eine inzwischen leidige Gewohnheit fort: Die 2100 Mitglieder der Filmakademie scheinen sich seit einer Weile heimlich auf den einen Film zu einigen, der die Verleihung dann dominiert", klagt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der deutsche Film kommt, auch wenn er sich wie im Fall von Dresen und Kleinert, politisch gibt, selten über Allgemeinplätze hinaus; er bleibt stets auf der persönlich-biografischen Ebene hängen." Auch Andreas Dresens "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" galt als Favorit (mehr hier). Beide Filme wären für Christiane Peitz im Tagesspiegel in Ordnung gewesen. Ansonsten aber bot sich ihr unter den Nominierten ein Trauerspiel: Viel "Konfektionsware". "Hat sich die deutsche Filmszene mit dem eigenen Mittelmaß abgefunden, bescheidet sich mit zwei, drei künstlerisch halbwegs herausragenden Produktionen im Jahr? Gilt ansonsten jetzt neben der wirtschaftlichen auch die kulturelle Förderdevise, Hauptsache, in Deutschland wird gedreht?"

Außerdem: Bei artechock berichtet Dunja Bialas vom 39. Filmfest München. Im Welt-Interview spricht der Regisseur und Schriftsteller Emmanuel Carrere, dessen Film "Wie im echten Leben" mit Juliette Binoche diese Woche in die Kinos kommt, über das Scheitern, Journalismus und Freundschaft.

Besprochen werden Apichatpong Weerasethakuls "Memoria" (Standard), Ulrike Frankes und Michael Loekens Doku " We Are All Detroit" über das Industrieverschwinden in Detroit und Bochum (ZeitOnline).
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Musik

Nach sechs Jahren veröffentlicht die in Moskau geborene und inzwischen in L.A. lebende Musikerin Regina Spektor ihr neues Album. Im ZeitOnline-Gespräch mit Sinem Kilic erzählt sie, wie sie in Russland als Jüdin und dann in den USA als Russin galt. Und sie erinnert sich an ihre Kindheit in der Sowjetunion: "Für mich, die ihre Kindheit in der Sowjetunion verbracht hat, wo alle gezwungen wurden, Russisch zu sprechen, gab es keinen Unterschied zwischen Odessa, Charkiw, Kiew und dem damaligen Leningrad. An all diesen Orten sprach man dieselbe Sprache, liebte dieselbe Literatur und Musik, schaute dieselben Filme und aß das gleiche Essen. Der einzige Unterschied, der mir einfällt, ist, dass meine Verwandten in Odessa deutlich besser Party machen konnten als wir. Odessa ist bekannt für seine Fröhlichkeit und seinen Humor, und viele der lustigsten und größten Persönlichkeiten der Sowjetunion kamen von dort."

"Stimmlich ist diese Platte zugänglicher als alles, was sie bisher gemacht hat. Es gibt kein kehliges Keuchen, kein Falsett-Quieken aus dem Nichts, keinen Bronx-Akzent", schreibt Zach Schönfeld bei Pitchfork. Und der Eröffnungssong "Becoming All Alone" klinge, als würde man mit Gott ein Bier trinken. Da hören wir doch rein:


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Stichwörter: Spektor, Regina, Odessa