Efeu - Die Kulturrundschau

So real wie ein Bombenkrater

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2022. Die NZZ fröstelt in einer Ausstellung über "Kunst und Krieg", wo die Greuel in den Grafiken von Goya und Callot sich in den Bildern aus der Ukraine spiegeln. Der Tagesspiegel freut sich über die Unmittelbarkeit der Prosa Stephen Cranes, wenn der von Slums oder dem amerikanischen Bürgerkrieg erzählt. Die FAZ hört sich begeistert durch den Klassik-Streamingdienst Symphony.Live. Die Jungle World begutachtet die Diversitätsstrategien bei Disney.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2022 finden Sie hier

Film

Freie, undefinierte Erotik: "Piaffe" von Ann Oren

Daniel Kothenschulte offenbart in der FR seinen guten Vorsatz fürs Jahr 2023 und hofft, dass sich die Filmförderung dem anschließt: mal eben das Kino, vor allem aber die Kunst im Kino retten. Denn um die steht es in Deutschland gar nicht gut: Das Außergewöhnliche und Besondere wird vom Filmförder-Mittelmaß grauer Einheitsware zerrieben. Alternativen? "Helena Wittmanns schwelgerische und doch stilsichere Reiseerzählung 'Human Flowers of Flesh' handelt von der rätselhaften Mission einer Gruppe Suchender auf einer Segelyacht im Mittelmeer. Es ist eine Metapher für ein Kunstideal, das nicht Konzepte abarbeitet, sondern Freiheit schenkt, im Suchen und im Finden. Wie auch der zweite deutsche Festivalerfolg im Ausland, der im eigenen Land nicht mal einen Filmverleih gefunden hat. Die aus Tel Aviv stammende Videokünstlerin Ann Oren erntete für ihren Film 'Piaffe' auf den brach liegenden Äckern des filmischen Surrealismus. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, gespielt von der Mexikanerin Simone Bucio, die sich als Geräuschemacherin für einen Pferdefilm versucht. Dabei wächst ihr selbst ein Pferdeschwanz am Steißbein, begleitet von einer neuen sexuellen Empfindsamkeit. Selten hat man im Kino eine so freie, undefinierte Erotik gesehen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass uns diese beiden Filme bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises begegnen werden."

Tobias Obermeier befasst sich in der Jungle World mit den Diversitätsstrategien bei Disney. An sich sind die ja eine gute Sache, findet er. Doch "dieser Akzent auf Repräsentation ist eher ökonomischen als gesellschaftspolitischen Gründen geschuldet. Disney hat es jahrzehntelang vermieden, auch nur den Hauch einer Kontroverse zu riskieren." Unter anderem wirft das Disney-Studio Pixar der Konzernleitung vor, "bei so gut wie jeder Szene, in der 'offenkundig homosexuelle Zuneigung' zu sehen sei, Schnittänderungen zu fordern." Diese Haltung "könnte auch damit zusammenhängen, dass man es sich mit China, einem der wichtigsten Kinomärkte der Welt, nicht verscherzen möchte. Ohne die über 82.000 Kinoleinwände in dem Land könnte der Konzern mit seinen sündhaft teuren Blockbuster-Produktionen, die oft mehrere Hundert Millionen US-Dollar verschlingen, nicht die notwendigen Profitmargen erzielen. Da ist es nur folgerichtig, dass man sich den kulturpolitischen Vorgaben der chinesischen Regierung fügt - nicht nur bei Disney."

Jobst Oetzmann aus dem Beirat des Bundesverbandes Regie treiben derweil ganz andere Sorgen um: Netflix zahle Regisseuren zu wenig Honorar, finden er und seine Kollegen und liegen daher seit geraumer Zeit mit dem Streamer im Clinch. Sie fordern eine Gewinnbeteiligung. "Die Verdi-Vereinbarungen mit Netflix liegen aktuell kaum über denen mit deutschen Sendern, und dann auch noch mit nur bescheidenen Folgevergütungen", sagt er im SZ-Gespräch. "Wir fordern eine Vergütungsregel für eine Erstvergütung, eine Vergütung für die Einstellung auf die Netflix-Plattform in allen Ländern, gegebenenfalls gestaffelt und nach Zeit und Territorien, und eine Regelung für den Erfolgsfall. Netflix ist ein Sonderfall: Sie stellen ihre Auftragsproduktionen ein, und die sind nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern überall, auch in Patagonien und Taiwan, zugänglich. Andere Streaminganbieter haben unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Territorien, Netflix nicht."

Außerdem: Damien Chazelles verruchtes, mit Brad Pitt und Margot Robbie zudem prominent besetztes Epos "Babylon" sollte eigentlich als heißer Oscar-Kandidat ins Rennen gehen, legte nun beim US-Filmstart allerdings eine sensationelle Bruchlandung an den Kassen hin, meldet Tobias Kniebe in der SZ. Jörg Taszman resümiert im Filmdienst das Kinojahr 2022. Im Filmdienst blickt Marius Nobach auf die gestorbenen Filmschaffenden der letzten zwölf Monate zurück.

Besprochen werden Rian Johnsons neuer "Knives Out"-Whodunnit "Glass Onion" ("Funktioniert die erste Hälfte zuvorderst als Satire über dumme, reiche Leute, kennt die zweite Hälfte nichts als Krimi und Erklärungen", schreibt Robert Wagner im Perlentaucher), Annie Ernaux' Essayfilm "Die Super-8-Jahre" (taz, ZeitOnline, mehr dazu hier), Xavier Giannolis Balzac-Verfilmung "Verlorene Illusionen" (Welt), Aron Lehmanns Verfilmung von Mariana Lekys Okapi-Bestseller "Was man von hier aus sehen kann" (Tsp, taz), Albert Serras "Pacifiction" (NZZ), und Matthew Warchus' für Netflix entstandene Musicalverfilmung von Roald Dahls "Matilda" (FR). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Archiv: Film

Bühne

Botho Strauß gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Cordula Trantow zum Achtzigsten. Ulrich Seidler schreibt zum Tod des Schauspielers und Theaterleiters Manuel Soubeyrand (BlZ). Besprochen wird Caterina Panti Liberovicis Inszenierung von Donizettis "Don Pasquale" bei den Tiroler Festspielen Erl (nachtkritik)
Archiv: Bühne

Kunst

Albrecht Dürers "Apokalyptische Reiter" aus Die Apokalypse des Johannes (Blatt 5), 1511. Kunstmuseum St. Gallen


Das Kunst Museum Winterthur hatte seine Ausstellung über "Kunst und Krieg" schon vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine geplant. Die ungewollte Aktualität trifft die NZZ-Kritikerin Maria Becker jetzt wie ein Schlag: "Wir können nicht mehr sehen ohne die medialen Bilder im Hinterkopf. Das Zusammentreffen mit der Realität wirkt beklemmend. Es ist, als ob sich etwas Unvorhergesehenes plötzlich krass bewahrheiten wollte. Das Geschehen in der Ukraine, das wie eine Auferstehung des Kriegs aus unserer jüngeren Historie anmutet, erscheint aus der Distanz unwirklich. Doch wir wissen: Es ist so real wie ein Bombenkrater. Besonders verstörend ist, dass die Greuel in den Grafiken von Goya und Callot sich in den Bildern der Kriegsverbrechen in der Ukraine spiegeln. Es ist nicht der virtuelle Krieg wie in den Videos von Harocki, der sich in Gesichtern von gamenden Soldaten und traumatisierten Veteranen abzeichnet. Es sind die Bilder aus der Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, die auferstanden sind: Die gleiche Grausamkeit und Verrohung und die gleiche Abstumpfung vor dem Tod. Der Krieg mache mehr Menschen böse als er töte, hieß es in der Antike. In der Ukraine zeigt er sein uraltes Gesicht."

Weitere Artikel: Reza Afisina und Iswanto Hartono von Ruangrupa, jetzt an der Hochschule für bildende Künste Hamburg unterrichtend, lassen im Interview mit der Zeit jede Kritik an sich und der Documenta abperlen als wären sie aus Teflon. "Zeit: Sie sagen, dass Sie BDS nicht unterstützen, haben aber einen Letter Against Apartheid unterschrieben, der dazu aufruft, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit Israel zu beenden. Hartono: Wir unterstützen keine Form der Apartheid und keine Form des Boykotts." Johanna Adorján schreibt in der SZ zum Tod der Pariser Galeristin Suzanne Tarasieve. Ingeborg Ruthe schreibt zum Tod der Malerin Dorothy Iannone (BlZ).

Besprochen werden die Helen-Frankenthaler-Ausstellung im Essener Folkwang Museum (allerschönste "Farbfeldmalerei" und ein "Flow von Klarheit und Leichtigkeit" begeistern FAZ-Kritiker Georg Imdahl) und die Ausstellung "Hamburg und Tirol - Eine Alpenfreundschaft?" im Museum am Rothenbaum (Standard).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Tobias Schwartz dankt im Tagesspiegel Paul Auster dafür, mit seiner Biografie über Stephen Crane zur aktuellen Wiederentdeckung des Schriftstellers maßgeblich beigetragen zu haben. Crane bedient in seinen Schilderungen etwa des amerikanischen Bürgerkriegs keinen Authentizitätsfetisch der Erfahrungen aus erster Hand, wie er heute Mode ist. "Was an Crane, der allerdings die Slums, die in anderen Texten vorkommen, genauestens kannte, besticht, ist die Unmittelbarkeit seiner Prosa. Deren Plastizität entfaltet in einer Zeit, in der das Medium Film gerade entdeckt wird, eine mitreißende filmische Wirkung." Aber auch Cranes "fragmentarische Erzählweise" fasziniert Schwartz: Diese "lässt den seinerzeit gängigen Realismus und Naturalismus weit hinter sich und nimmt die literarische Moderne vorweg, zu deren Protagonisten neben Gertrude Stein, Djuna Barnes, John Dos Passos und William Faulkner auch Ernest Hemingway zählt, einer der literarischen Erben des an Tuberkulose erkrankten und im Jahr 1900 mit 28 Jahren viel zu früh verstorbenen Genies."

Außerdem: In der NZZ setzt Sergei Gerasimow sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. In der FAZ erinnert Paul Ingendaay an den Schriftsteller William Gaddis, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Anuk Arudpragasams "Nach Norden" (Perlentaucher), Leïla Slimanis "Schaut, wie wir tanzen" (Standard), Mircea Cărtărescus "Melancolia" (ZeitOnline), Hans Wollschlägers "Briefe 1988-2007" (online nachgereicht von der FAZ), Zigmunds Skujins' ursprünglich 1984 veröffentlichter Familienroman "Das Bett mit dem goldenen Bein" (NZZ), Noëlle Gogniats "So ist es eben" (NZZ), Dagmar Leupolds "Dagegen die Elefanten!" (Standard), Ben Wilsons "Metropolen" (FR), Norbert Millers "Die künstlichen Paradiese" (SZ), Karla Zárates "Das letzte Mahl" (TA), neue Comics über Depression (Tsp), Steffen Martus' und Carlos Spoerhases "Geistesarbeit. Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften" (Welt) und Christoph Ransmayrs von Anselm Kiefer illustrierter Gedichtband "Unter einem Zuckerhimmel" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Nach vierzig Jahren Überlegung und etwa zehn Milliarden Euro Umbaukosten ist die riesige Battersea Power Station von einer malaysischen Investorengruppe in London wieder eröffnet worden, berichtet Alexander Menden in der SZ: Als Einkaufszentrum mit Luxuswohnungen. Menden lässt sich mit einem Aufzug für 23 Euro zum höchsten Punkt des Gebäudes fahren, aber das macht ihn nur noch trauriger: "Oben angelangt, hat man dann einen spektakulären Blick. Im Norden ragt das Wembley Stadion in den Londoner Dunst, flussabwärts ein Wald aus Hochhäusern, in den sich die Metropole seit der Stilllegung der Battersea Power Station verwandelt hat. Nach einem aber hält man vergebens Ausschau: Giles Gilbert Scotts Bankside Power Station liegt in Southwark, dem Blick entzogen, hinter der nächsten Themsebiegung. Sie wurde erst im Jahr 1963 fertig, bereits zwei Jahre vor Battersea wieder abgeschaltet, und auch sie erhielt eine neue Bestimmung. Seit 2000 heißt sie Tate Modern und bietet jährlich Millionen Besuchern freien Zugang zu moderner und zeitgenössischer Kunst."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Battersea Power Station

Musik

Max Nyffeler ist in der FAZ begeistert von dem neuem Klassik-Streamingdienst Symphony.Live: Dieser "konzentriert sich auf Livekonzerte mit internationalen Spitzenorchestern und ihrem Repertoire. ... Die wöchentlich erscheinenden Konzertaufnahmen werden ergänzt durch Interviews mit Dirigenten, Musikern und Publikum, Backstage-Reportagen und Charakterisierung der Werke, manchmal mit Hinweisen auf die Geschichte des Orchesters oder des Konzertsaals. Nach dem Konzert folgt eine Kritikerrunde, in der Fachleute diskutieren. Alles in allem ist das bestes Bildungsfernsehen - eigentlich eine Domäne der Öffentlich-Rechtlichen, doch die haben dafür offenbar keinen Platz mehr."

Außerdem: Das sonst weitgehend verpaywallte VAN-Magazin spendiert den Klassikfreunden für die Zeit zwischen den Jahren 33 frei zugängliche Longreads und Interviews aus den letzten zwölf Monaten - eine ausdrückliche Stöber- und Leseempfehlung auch des Perlentauchers, der VAN immer gerne zitiert. Oliver Polak kürt in der Welt seine Lieblingskonzerte 2022. Vor allem das Frankfurter Kiss-Konzert war im Grunde ein Gottesdienst für ihn:



Besprochen werden die Wiederveröffentlichung von Rory Gallaghers Album "Deuce" (NZZ), ein Berliner Chopin-Abend des Pianisten Pietro Massa (Tsp) und Stella Sommers neues Album "Silence Wore a Silver Coat" (taz, Musikexpress). Wir hören rein:

Archiv: Musik