Efeu - Die Kulturrundschau
Dem eigenen Größenwahn gewachsen
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26.07.2024. Solider Beginn, befindet der Tagesspiegel zum Auftakt der Bayreuther Festspiele mit Thorleifur Örn Arnarssons "Tristan"-Inszenierung, aber da geht noch deutlich mehr. Über die lebendige Impulstanz-Szene in Wien gerät die FAZ schier in Verzückung. Die taz freut sich über Meshell Ndegeocellos musikalische Würdigung von James Baldwin. Als "Plädoyer gegen das Effizienzdenken" feiert die SZ Nicolas Philiberts Psychiatrie-Doku. In Geschichte der Gegenwart erinnert sich die kroatische Schriftstellerin Monika Herceg an traumatische Kriegserfahrungen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
26.07.2024
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Bühne

Wiebke Hüster freut sich in der FAZ, dass zumindest in Österreich der Tanz noch hoch geschätzt und finanziell unterstützt wird. Das ImpulsTanz-Festival in Wien überzeugt sie bei seinem vierzigsten Jubiläum entsprechend auch mit bereits bekannten Stücken: "Dem unablässigen 'piece drain' des zeitgenössischen Tanzes wirksam entgegenzutreten, indem man einfach ältere Produktionen zum zweiten Mal einlädt - eine großartige Idee. Das Stück '(M)IMOSA' zeigt Trajal Harrell mit drei weiteren Tänzer-Choreographen: Cecilia Bengolea, François Chaignaud und Marlene Monteiro Freitas. Der All-Stars-Auftritt der Älteren, die in ihren jeweiligen Kosmos einladen und einem staunenden Publikum in Soli ihre Geschichte, ihre popkulturellen Wurzeln, ihr Können als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu Füßen legen, vergeht wie ein Hollywoodfilm mit Starbesetzung und Überlänge: im Nu. Erst wenn das Licht wieder angeht, spürt man, wie heimelig es in der Welt dieser sich zugleich enthüllenden und hinter tausend Theatergesichtern verbergenden Künstler war. Nicht, dass sie die Härten ihrer Bühnenexistenzen in '(M)IMOSA' verbergen würden."

Weiteres: Jan Brachmann macht sich in der FAZ Gedanken zur Zukunft der Bayreuther Festspiele und ist - im Gegensatz zu Claudia Roth - durchaus optimistisch: "Es scheint so zu sein, dass die Festspiele selbst am besten wissen, wie sie sich verjüngen." Der Standard wirft schon mal einen Blick auf die Highlights der Salzburger Festspiele, die heute eröffnet werden.
Besprochen wird: Geumhyung Jeongs Performance "Find, Select, Copy and Paste" im Wiener Mumok (Standard).
Film

Mit seiner Dokumentation "Auf der Adamant" gewann Nicolas Philibert 2023 den Goldenen Bären der Berlinale (unsere Festivalkritik), nun liegt mit "Averroès & Rosa Parks" die direkte Fortsetzung vor. Erneut geht es um psychiatrische Zusammenhänge, diesmal um die Erfahrungen von Patienten und Pflegepersonal. SZ-Kritiker Sebastian Jutisz sah "ein eindrucksvolles Plädoyer gegen ein Effizienzdenken, das das soziale Gefüge unserer Gesellschaften bedroht". Zwar gestatten die Patienten Einblick in "sehr intime Details aus ihrem Leben", aber niemand werde "bloßgestellt": "Es ist nicht das Leid der Patienten, das im Vordergrund steht. ... Auch die Unterfinanzierung der psychiatrischen Kliniken und die Überlastung des Personals schwingen zwar im Subtext mit, werden aber kaum explizit thematisiert." Der Regisseur "klagt nicht an, er beschränkt sich darauf, die Dinge so zu zeigen, wie sie sind".
In diesem Film "sehen wir Menschen beim Reden zu, beim wilden oder langsamen Denken, beim Schweigen, beim Zuhören, beim Ringen um Verständigung", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Es sind oft asymmetrische, sprunghafte Gespräche, unterbrochen nur durch kurze Impressionen der Innenhöfe und Klinikflure. Innenwelt und Außenwelt passen nicht zusammen bei dem Paranoiker, der olfaktorische Halluzinationen fürchtet, bei der selbstmordgefährdeten jungen Frau oder dem Burn-out-Akademiker und Geschwindredner Noé, der versichert, er sei seinem eigenen Größenwahn gewachsen."
Außerdem: Welt-Kritiker Jan Küveler findet das Programm der Filmfestspiele Venedig in diesem Jahr sehr vielversprechend. Besprochen werden Roland Emmerichs im antiken Rom angesiedelte Amazon-Serie "For those about to die" mit Anthony Hopkins (NZZ, SZ), RP Kahls "Die Ermittlung" (taz, mehr dazu bereits hier), die Netflix-Serie "The Decameron" (Presse), Shawn Levys Superheldenfilm "Deadpool & Wolverine" (Zeit Online) und die im ZDF gezeigte, spanische Serie "Simple" (taz).
Musik
Michael Stallknecht resümiert für die SZ die "Ouverture spirituelle" der Salzburger Festspiele, bei der Arbeiten von Georg Friedrich Haas und George Crumb aufeinander bezogen wurden. Von Crumb wurde etwa "Twelve Fantasy-Pieces after the Zodiac" aus den Siebzigern gegeben: "Der finnische Pianist Joonas Ahonen spielt da ebenso viel im Korpus des Flügels wie auf den Tasten, bearbeitet die Saiten vor dem zurückgeschobenen Notenpult mit Fingerhüten, Büroklammern oder Metallketten, stöhnt, flüstert und pfeift noch dazu oder ruft Christus im ekstatischen Schrei an. Doch die vielen geistigen und geistlichen Ebenen ... finden ihren Horizont nicht nur im Künftigen, sondern ebenso in den Anfängen. Zukunft und Vergangenheit schließen ihren Kreis im Ewigen, Musik arbeitet so im 20. (und 21.) Jahrhundert oft an der Wiederverzauberung der Welt."
Der US-Musikerin Meshell Ndegeocello ist mit ihrem auf Blue Note veröffentlichten Album "No More Water - The Gospel of James Baldwin" wohl "die bislang komplexeste Würdigung des US-Autors in der zeitgenössischen Musik" gelungen, schreibt Sven Beckstette in der taz. Doch bleibt die Musikerin "nicht der Vergangenheit verhaftet", sondern reflektiert mit Baldwin auch die Gegenwart, etwa im Stück "Raise the Roof": "Über langgezogene Saxofontöne und elektronische Effekte ist die Spoken-Word-Poetin und queere Aktivistin Staceyann Chinn zu hören. Zornig listet sie Morde an Schwarzen in der Geschichte der USA auf, klagt Polizeibrutalität und das Gefängnissystem an." Neben der "Wut auf die lange Historie rassistischer Gewalt steht die alltägliche Erfahrung und die damit verbundene Verletzlichkeit und das Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber, eine emotionale Achterbahnfahrt, die den Gegensatz zwischen abstrakter Geschichte und individueller Erfahrung zum Ausdruck bringt."
Weitere Artikel: Elmar Krekeler erinnert in der Welt an den Kunsttischler David Roentgen und dessen Klaviere. Besprochen werden das neue Album von Childish Gambino (NZZ, mehr dazu hier), Zaho de Sagazans Auftritt beim Paléo-Festival in Nyon (NZZ, TA), Ice Spice' Debütalbum "Y2K!" (Tsp) und ein neues Album von The Macks ("ziemlich albern, ziemlich okay", findet Olaf Velte in der FR).
Der US-Musikerin Meshell Ndegeocello ist mit ihrem auf Blue Note veröffentlichten Album "No More Water - The Gospel of James Baldwin" wohl "die bislang komplexeste Würdigung des US-Autors in der zeitgenössischen Musik" gelungen, schreibt Sven Beckstette in der taz. Doch bleibt die Musikerin "nicht der Vergangenheit verhaftet", sondern reflektiert mit Baldwin auch die Gegenwart, etwa im Stück "Raise the Roof": "Über langgezogene Saxofontöne und elektronische Effekte ist die Spoken-Word-Poetin und queere Aktivistin Staceyann Chinn zu hören. Zornig listet sie Morde an Schwarzen in der Geschichte der USA auf, klagt Polizeibrutalität und das Gefängnissystem an." Neben der "Wut auf die lange Historie rassistischer Gewalt steht die alltägliche Erfahrung und die damit verbundene Verletzlichkeit und das Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber, eine emotionale Achterbahnfahrt, die den Gegensatz zwischen abstrakter Geschichte und individueller Erfahrung zum Ausdruck bringt."
Weitere Artikel: Elmar Krekeler erinnert in der Welt an den Kunsttischler David Roentgen und dessen Klaviere. Besprochen werden das neue Album von Childish Gambino (NZZ, mehr dazu hier), Zaho de Sagazans Auftritt beim Paléo-Festival in Nyon (NZZ, TA), Ice Spice' Debütalbum "Y2K!" (Tsp) und ein neues Album von The Macks ("ziemlich albern, ziemlich okay", findet Olaf Velte in der FR).
Architektur
Flüsse waren nicht immer so deutlich Teil der städtebaulichen Architekturpläne wie heute, weiß Gerhard Matzig in der SZ, auch die Seine, in der die Olympia-Athleten schwimmen sollen, war nicht immer unbedingt sauber - und sie ist es vielleicht immer noch nicht, mutmaßt er. Die 1,4 Milliarden Euro teuren Säuberungsbestrebungen zeigen aber auch eine Bewegung hin zu mehr ökologischer Städteplanung: "Seit einigen Jahren entdecken immer mehr Städte den Reiz des Wassers, der auch einer der Ökologie ist. Als grünblaue Infrastruktur der Stadt-Resilienz. Für die Abkühlung in einer überhitzten Klimawandel-Ära. Man erinnert sich nun: Wasser ist Leben. Es entstehen neue Zugänge zu den Gewässern und neuer öffentlicher Raum an den Gewässern."
Kunst

Sophie Wagner lernt für monopol den amerikanischen Fotografen Abdulhamid Kircher kennen, der deutsch-türkischer Herkunft ist und in der Carlier Gebauer Galerie in "Rotting from Within" die schwierige Beziehung zu seinem Vater verarbeitet: "Eine Wand, geflutet mit Archivbildern, biografischen Artefakten, Fragmenten aus der Kindheit, Tagebucheinträgen sowie Kirchers eigenen ausschließlich analogen Fotografien der letzten zehn Jahre." Auch Videomaterial findet Eingang in die Ausstellung und "wirft Fragen zu Gewalt und Zugehörigkeit, Familie und Fremdsein auf und erzählt die Geschichten hinter einigen ausgestellten Fotografien. Nach einer längeren Streitsequenz zwischen dem Künstler und seinem Vater sitzt Kircher mit seiner Partnerin auf einer Mauer und spricht darüber, dass man bei einem schwierigen Elternteil die Wahl hat: Entweder akzeptiert man ihn so, wie er ist, oder man muss ihn aus seinem Leben ausschließen. Beim Betrachten von Abdulhamid Kirchers fotografischer Dokumentation scheint die Möglichkeit einer Versöhnung oder zumindest Akzeptanz auf."
Weiteres: Der Tagesspiegel begibt sich auf Entdeckungsreise, was Kunst in Brandenburg angeht. Jan van Eycks "Madonna des Kanzlers Rolin" kann jetzt restauriert im Louvre bestaunt werden, meldet die NZZ.
Besprochen werden: Die Frans Hals-Ausstellung "Meister des Augenblicks" in der Berliner Gemäldegalerie (FR), Teboho Edkins' Ausstellung "Ghosts of Katara" in der Galerie Kai Middendorff (FAZ) und "Andy Warhol & Keith Haring. Party of Life" im Museum Brandhorst (FAZ).
Literatur
Im großen Gespräch für Geschichte der Gegenwart spricht die 1990 in Kroatien geborene Schriftstellerin Monika Herceg auch über die traumatischen Kriegserfahrungen in ihrer frühen Kindheit: "Eigentlich ist das einzige Leben, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnere, das Leben auf der Flucht. ... Ich habe einige, ein paar Erinnerungen, teilweise traumatische und ein bisschen verrückte Erinnerungen, manche sind vielleicht schon Fiktion, deshalb hinterfrage ich in meinem zukünftigen Roman diese Erinnerungen. So oft erzählen wir uns Geschichten, du wirst schon das Gefühl haben, dass es wirklich so passiert ist, und gleichzeitig erzählen wir uns Geschichten, die sich im Laufe der Zeit ändern, weil wir sie anders haben müssen, wofür ich sehr dankbar bin. Wir sind heute nur die Menschen, die wir sind, da wir die Narrative über uns selbst ändern können. Und hier zeigt sich die außergewöhnliche Kraft des Erzählens, weshalb wir immer Literatur brauchen, denn diese Veränderung in der Erzählung über sich selbst geht so tief, dass sie die Erinnerungen tatsächlich verändert."
Besprochen werden unter anderem Rita Bullwinkels "Schlaglicht" (NZZ), Zora del Buonos "Seinetwegen" (FR) und Joseph O'Neills "Godwin" (taz). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Rita Bullwinkels "Schlaglicht" (NZZ), Zora del Buonos "Seinetwegen" (FR) und Joseph O'Neills "Godwin" (taz). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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