Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die große Geste bleibt

01.12.2022. Welt, SZ und Perlentaucher freuen sich über das Chaos der Zivilisationen in Kurdwin Ayubs Filmdebüt "Sonne". Die FAZ erlebt in Nürnberg ein witziges Spiel mit Polystilistik und reinstes Komponistenglück bei der Uraufführung von Anno Schreiers Oper "Turing". Die Welt steht staunend vor den verstrahlten Kokosnüssen, die der Schweizer Künstler Julian Charrière vom Bikini-Atoll nach Neuss mitgebracht hat.

Pointen und Erkenntnisse

30.11.2022. Dre Guardian bewundert Sydney neues Kulturwahrzeichen: Die Kunstgalerie Sydney Modern, die das Architekturbüro Sanaa als Lichtung im Stadtwald entworfen hat. Die SZ stellt die Ohren auf, wenn Chimamanda Ngozi Adichie in der BBC gegen die Tyrannei von Selbstzensur und Konsens angeht. Der Standard bewundert die virtuose Vagheit von Albert Serras Diplomatendrama "Pacifiction". Im Tagesspiegel erklärt Lysann Windisch vom Streamingdienst Mubi, wie das Programmkino ein bisschen cooler werden kann, wenn nicht gar edgy.

Wir sprachen alle leise

29.11.2022. Die taz bewundert im Victoria and Albert Museum den Glamour afrikanischer Mode. In der Welt erzählt der Theaterkünstler Achim Freyer, was er von Brecht lernte. Die Berliner Zeitung erkennt mit Alfred Ehrhardt die genialen Schöpfungen der Natur. Die taz betrachtet mit Katie Mitchell am Hamburger Schauspielhaus die Schönheit des Kirschgartens. Und natürlich hat Axel Brüggemann in seinem Crescendo noch ein paar Fragen an Teodor Currentzis, zum Beispiel: Wer zahlt die zweite Hälfte des Utopia-Budgets?

Das Feuer ist in den Köpfen

28.11.2022. Die SZ lässt in der Münchner Pinakothek Max Beckmanns schwarze Karosserien an sich vorbeiziehen. In Wien begeben sich FAZ und Standard mit Dostojewskis "Bösen Geistern" in vorrevolutionäre Gesellschaft. Ronya Orthmann erkundet für die FAS mit dem syrischen Schriftsteller Khaled Khalifa die Geheimnisse der arabischen Sprache und den Alltag der Diktatur. Die FR wiegt sich mit dem Fotografen Thomas Sandberg in der Melancholie Siziliens.

Intellektueller Salto vorwärts

26.11.2022. Die Zeitungen verneigen sich ein letztes Mal vor Hans Magnus Enzensberger, dem großen Chronisten, der dem Zeitgeist immer eine entscheidende Bleistiftlänge voraus war, wie die Welt schreibt. Die NZZ verabschiedet einen Luftikus, mit dem ideologisch kein Staat zu machen war. In der FAZ ärgert sich Michael Kleeberg, dass Übersetzer "schamlos ausgebeutet" werden. Berliner Zeitung und taz feiern eine wüste Party im SM-Käfig von Monica Bonvicini. Die Berliner Zeitung entdeckt einige Ungereimtheiten im Zeit-Bericht über Johann König. In der Zeit hört Navid Kermani echte Musik aus Madagaskar.

Unfähig, den Dämon zu besiegen

25.11.2022. Update: Hans Magnus Enzensberger ist gestorben. Auch die SZ wünschte sich jetzt nach den Äußerungen einiger putinliebender Musiker aus Teodor Currentzis' MusicAeterna eine Distanzierung des Dirigenten. Suspendierungen findet sie allerdings unpraktikabel. Die FAZ schwärmt von Frances O'Connors Film "Emily" über Emily Brontë. Die FR entdeckt in einer Frankfurter Ausstellung die Werke vierer jüdischer Künstlerinnen.

Die Aussagekraft sogenannter Kuhmaulschuhe

24.11.2022. Die SZ bestaunt die Imageproduktion von Renaissance-Künstlern, obwohl die ohne Instagram auskommen mussten. Die Zeit staunt über die Harmonieseligkeit auf einem Kongress über die Zukunft der Kritik. Die FAZ blickt verblüfft auf Teddys in Balenciaga-Netzhemden, die sich in Kinderarme kuscheln. Zeit online lernt aus James Grays Film "Zeiten des Umbruchs", wie sich die soziale Kälte in Amerika historisch zementierte. Tell liest Nabokov vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs.

Unausgesetzter Goldregen

23.11.2022. Die SZ beobachtet leicht abgestoßen, wie sich Hollywood-Größen an Katar und Saudi-Arabien anbiedern. Dezeen blickt auf ein 4,4 Kilometer hohen Abgrund katarischer Schäbigkeit. Mitten ins Herz trifft Luca Guadagnino den Tagesspiegel mit seiner Kannibalenromanze "Bones and All". Im chinesischen Kino florieren dagegen glamouröse Großstadtliebesgeschichten, weiß ZeitOnline. Die FR feiert das Basler Kulturzentrum Elys als Pionierprojekt in Sachen Urban Mining. Die FAZ berauscht sich im Städel an Guido Renis Farbspektakeln. Und der Streit um Teodor Currentzis geht weiter.

G G Garnelen und G G Gehacktes

22.11.2022. Die Welt plädiert nach der ihrer Meinung nach voreiligen Absetzung von Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" dafür, die Waffen der Kritik zu schärfen. Die Ausgrabung des etruskischen Thermalbads in San Casciano dei Bagni raubt der FAZ den Atem. Der taz lernt mit Patrick Holzapfel beim Open Mike, Politik zu gurgeln. In der FAS spricht Regisseur Luca Guadagnino über die Schönheit von Außenseitern. Und die SZ meldet die Verhaftung der beiden iranischen Schauspielerinnen Hengameh Ghaziani und Katayoun Riahi.

Ein Tiramisu aus Jean-Michel-Jarre

21.11.2022. NZZ und Tages-Anzeiger freuen sich über den Schweizer Buchpreis für Kim de l'Horizon. Beim Gedanken, dass Annie Ernaux und nicht Salman Rushdie in diesem Jahr den Nobelpreis erhält, könnte Maxim Biller in der Zeit glatt seinen Glauben an die Gerechtigkeit in der Literatur verlieren. Die Berliner Zeitung heult über Yael Ronens Boulevardkomödie "Blood Moon Blues" mit den Wölfen in Brandenburg. Die FAZ feiert im neu eröffneten Diözesanmuseum Freising eine Kunstmesse. FAZ und SZ trauern um Jean-Marie Straub, den großen Kämpfer der Kino-Resistance.