Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2022. NZZ und Tages-Anzeiger freuen sich über den Schweizer Buchpreis für Kim de l'Horizon. Beim Gedanken, dass Annie Ernaux und nicht Salman Rushdie in diesem Jahr den Nobelpreis erhält, könnte Maxim Biller in der Zeit glatt seinen Glauben an die Gerechtigkeit in der Literatur verlieren. Die Berliner Zeitung heult über Yael Ronens Boulevardkomödie "Blood Moon Blues" mit den Wölfen in Brandenburg. Die FAZ feiert im neu eröffneten Diözesanmuseum Freising eine Kunstmesse. FAZ und SZ trauern um Jean-Marie Straub, den großen Kämpfer der Kino-Resistance.
19.11.2022. Hyperallergic besucht den Maler Ha Chong-Hyun in Südkorea und erzählt uns von der Tansaekhwa-Bewegung. Ein Ereignis, jubelt die SZ über den Briefwechsel Bachmann/Frisch. Die FR lernt, dass Bachmann Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" sogar redigiert hatte. Warum war sie also so wütend? Artechok denkt über den Zustand der Kritik nach in einer Zeit, in der jeder glaubt, voraussetzungslos mitquatschen zu dürfen. In der NZZ antwortet Nicolas Stemann auf seine Kritiker: Woke Ästhetik gibt es gar nicht. Die taz hört Jazz in Vilnius.
18.11.2022. Die Welt erzählt, wie Monica Bonvicini von einem anonymen Kollektiv mit dem sozialen Medienpranger gedroht wurde, falls sie sich nicht von ihrem Galeristen Johann König trenne. Die SZ entdeckt im Kupferstichkabinett Dresden den letzten Romantiker: Albert Venus. taz und Pitchfork empfehlen das neue Album von Weyes Blood. Die FAZ beugt sich in der Pariser Bibliothèque Nationale freudig über die Späne von Marcel Prousts Werk.
17.11.2022. Die taz strebt ins Diözesanmuseum Freising wie die Motte zum Licht - katholische Ikonografie, in Szene gesetzt von amerikanischer Landart, erweist sich als unwiderstehliche Kombination. Die NZZ erlebt einen Auftritt von Furtwänglers Stieftochter bei der Premiere von Christian Bergers Dokumentarfilm "Klassik unterm Hakenkreuz" - welch ein Verdrängungstheater. Die Filmkritiker schwenken Weihrauch zum Achtzigsten von Martin Scorsese, den Mann des brillanten Einzelstücks, wie ihn die SZ rühmt, oder Meister der konfliktreichen Kollaboration, so die FAZ, oder auch schlicht den größten lebenden Filmemacher, wie der Filmdienst meint.
16.11.2022. Der Guardian entdeckt Witz und Melancholie in den Skulpturen der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz. Die FAZ erkennt im Fahrraddesign technische Revolution und Konzeptstudie zugleich. Die taz gibt zu bedenken, dass vielleicht auch der identitätsstiftende Konsum des Neoliberalismus schuld ist am Zuschauerschwund. In der SZ plädiert Karoline Herfurth für mehr Elternfreundlichkeit am Filmset. Außerdem wiegt sich die taz im Jazz der Harfenistin Alina Bzhezhinska.
15.11.2022. Weder modern noch revolutionär findet der Guardian die deutschen Malerinnen, die die Royal Academy in ihrer Ausstellung "Making Modernism" zeigt, aber mitunter genial. Die NZZ folgt Banksys Spuren durch Kiews Vororte. Die Nachtkritik beobachtet bewegt, wie die Gruppe Futur 3 am Schauspiel Köln den Holodomor an den ukrainischen Bauern aufarbeitet. In der taz erklärt der chilenische Regisseur Sebastián Lelio, warum er in seinem Film "Das Wunder" vom Glauben nur mit Brecht erzählen kann. Und alle gratulieren dem Pianisten, Dirigenten und "Overachiever" Daniel Barenboim zum Achtzigsten.
14.11.2022. Die FR erliegt der obsessiven, rohen und rätselhaften Wucht der Black-Art-Ikone Jean-Michel Basquiat, dem die Albertina eine Retorspektive widmet. Passend dazu erleben Standard und Nachtkritik mit Tony Kushners "Engel in Amerika" im Burgtheater noch einmal das homophobe und rassistische Amerika der achtziger Jahre. Die Welt meldet nicht wirklich erleichtert eine Einigung zu Hamburger Bahnhof und Rieckhallen.Die taz erkennt einen neuen Mut zum politischen Akzent bei der Duisburger Filmwoche. Die SZ schwebt mit dem Kollektiv Sault im siebten Soul-Himmel.
12.11.2022. FAZ und ZeitOnline sichten eine Reihe von Filmen über die Anschläge auf das Bataclan: Mit Bertrand Bonellos toxisch-sinnlichem Film 'Nocturama' entstand der eigentliche Wurf aber schon vor dem 13. November 2015, stellt die FAZ fest. ZeitOnline ringt nach Atem nach der Lektüre des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Der Guardian erlebt bei der Kulturwoche Tiflis, wie Georgier und Ukrainer dem gemeinsamen Feind trotzen. Und alle trauern um den Popsänger und -kritiker Kristof Schreuf, der so viel Spaß am Lärm hatte.
11.11.2022. Während auf ukrainische Museen Bomben fallen, werden in russischen Museen Soldaten für den Krieg rekrutiert, erzählt in der NZZ Julia Waganova, Direktorin des Chanenko-Kunstmuseums in Kiew. Der Filmdienst begutachtet die Zombies in Claudia Müllers Porträtfilm über Elfriede Jelinek. Die Welt bewundert die phänotypische Vielgestaltigkeit der österreichischen Schriftstellerin. Die FR staunt über die fitte und gut gelaunte Mutter Wen Huis, die in deren Choreografie in "I am 60" tanzt. In der FAZ erklärt der ukrainische Dirigent Volodymyr Sirenko die zentrale Bedeutung der sinfonischen Ballade "Grażyna" von Borys Ljatoschynskyj für den ukrainischen Freiheitskampf.
10.11.2022. Utopie und Sündenfall findet der Tagesspiegel in David Cronenbergs neuem Film "Crimes of the Future", mit Menschen, denen dauernd neue Organe nachwachsen. Die SZ taumelt dabei von Höhepunkt zu Höhepunkt, der Perlentaucher sah gar den Sexfilm der Zukunft. Die Welt hat langsam genug von Autofiktion in der Literatur und fordert: Schreibt und lest nicht so romantisch! Das Van Magazin fragt, warum Tom Buhrow bei Kürzungen in den Öffentlich-Rechtlichen ausgerechnet die Orchester im Sinn hat. Für die Klimaaktivisten sind Museen nur Tempel des Warenfetischismus, glaubt Boris Groys in der SZ.