Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.12.2022. Die FAZ pilgert nach Madrid, wo das Museo Thyssen-Bornemisza Kunst der ukrainischen Avantgarde zeigt. Der DlfKultur fragt, wie das Zentrum für Politische Schönheit auf die Idee kommen konnte, in Otto Muehls ehemaliger Kommune eine Werkschau zu planen. Die SZ liest berührt Hans Wollschlägers Briefe, in denen sich der matte Glanz einer tragischen Schriftstellerexistenz offenbart. Die Welt sieht sich bestätigt: Die ganze moderne Architektur hätte nie gebaut werden dürfen. Außerdem entschwebt die SZ ein letztes Mal in den Wolkenfelder des Krautrock-Gitarristen Manuel Göttsching.
12.12.2022. Nach der Verleihung des Europäischen Filmpreises an Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" fragen sich Welt und Tagesspiegel, wie das europäischen Autorenkino der amerikanischen Übermacht entgegentreten kann. Die FAZ feiert mit dem Leipziger Museum für bildende Kunst die Malerin Olga Costa und mit ihr die mexikanische Moderne. Im Standard ätzt Wolfgang Prix gegen das neue Biedermeier in der Architektur. Die taz geht ins Atelier Friedl Dicker und Franz Singer. Die FAZ lauscht verzückt der pedallos perlenden Geläufigkeit des Pianisten Walter Gieseking.
10.12.2022. Rieke Süßkow schiebt Peter Handke in Wien ins Pflegeheim ab und die Feuilletons amüsieren sich über so viel Respektlosigkeit. Nur die FAZ schluchzt: Skandal! Wo bleibt da die Ehrfurcht? Außerdem sucht die FAZ nach den Gemeinsamkeiten französischer Literatur-NobelpreisträgerInnen. FR, Welt und FAZ verbrennen sich in Frankfurt an der beißenden Ironie von Rosemarie Trockel. "Europa bleibt zersplittert", erkennt der Tagesspiegel auch bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises. Und die taz stolpert auf den Algenteppichen von rRoxymore.
09.12.2022. Kollektivpanik ist Religionsausübung, ruft Jonathan Meese im Gespräch mit der SZ (zusammen mit Alexander Kluge) allen Aktivisten entgegen. Die Welt erzählt, wie deutsche Behörden den iranischen Filmemacher Ata Mehrad schikanieren. Der Tagesspiegel fragt nach der Premiere von Antoine Fuquas Sklavereidrama "Emancipation": Black Trauma Porn, wirklich? Die FAZ liest in Nora Kienasts Dissertation "Musikwettbewerbe unter Legitimationsdruck" von Seilschaften und Absprachen im Klassikbetrieb.
08.12.2022. Annie Ernaux hat ihre Nobelpreisrede gehalten und der Tagesspiegel staunt, wen sie alles repräsentieren will. Im Interview mit der nachtkritik erklärt die iranische Dramatikerin Mahin Sadri den Unterschied zwischen Deutsch und Farsi. Die nmz hört sich in Frankfurt mit Tschaikowskis Oper "Die Zauberin" an die Grenzen der Tonalität. Die FAZ lernt in einer Tudor-Ausstellung, wie Heinrich der VIII. mit dem Heiland kommunizierte. Die Zeit beobachtet, wie Chimamanda Ngozi Adichie und Ayad Akhtar der Cancel-Culture die Zähne ziehen.
07.12.2022. Die FAZ bewundert die glamouröse Tilda Swinton in einer Mode-Performance mit Kostümen aus Pasolini-Filmen. Ebenfalls in der FAZ erinnert sich Christoph Ransmayr an eine Reise mit Enzensberger in den Kernschatten des Mondes. Die Jungle World verabschiedet sich nach elf Staffeln "The Walking Dead" vom Zombiefilm, der nur noch resignative Utopien formuliere. Und dem Standard graut vor Sidos Rückkehr auf den Rap-Dampfer.
06.12.2022. Peter Handke wird achtzig. Die Feuilletons feiern seine Poesie, weniger seine Lust an der Provokation und seine Serbien-Obsession. Als Stück der Stunde feiert die NZZ Francesco Cavallis Oper über den queeren Kaiser Eliogabalo von 1667. Die FAZ bewundert die neue, für Licht und Menschen durchlässige Kunstakademie von Jerusalem. Der Filmdienst beobachtet den großen Paradigmenwechsel in der Filmkritik. Kino ist nicht mehr fürs Publikum, sondern für Akademiker. Pitchfork kürt seine besten Songs des Jahres.
05.12.2022. In Berlin tagte zum ersten Mal der PEN Berlin. Schön divers ist er, freut sich die FAZ, jünger, weiblicher, migrantischer. Die politischen Konflikte waren allerdings schon ganz schön handfest, berichtet die SZ, und ZeitOnline stellt fest, dass der neue PEN nicht mehr links, sondern liberalkonservativ ist. Die Nachtkritik schluckt schwer bei Kirill Serebrennikows Schreckensinszenierung "Der Wij" in Hamburg. ZeitOnline lauscht den Tuareg-Jams, die im mauretanischen Flüchtlingscamp M'berra entstehen.
03.12.2022. Die SZ wünschte sich, es gäbe heute mehr Schriftsteller mit dem ungeschützten Wagemut eines Heinrich Böll statt dem Gratismut einer salongeschützten Altlinken wie Annie Ernaux. Außerdem hofft sie, dass die Wahl von Chantal Akermans "Jeanne Dielman" als bester Film aller Zeiten eine diversere Filmgeschichtsschreibung einleitet. Toller feministischer Film, meint auch die Welt, nur leider kann man ihn in Europa nirgends im Stream sehen. Der Tagesspiegel feiert Anita Rocha da Silveiras feministische Horror-Groteske "Medusa", die von einem Brasilien der Zukunft erzählt, in dem Christenfundamentalismus herrscht.
02.12.2022. Die Berliner Zeitung bewundert ungarische Kunst aus dem Untergrund der Nachkriegszeit. Das British Filminstitute versucht den Filmkanon umzuschreiben: Als bester Film aller Zeiten gilt ihm jetzt Chantal Akermans "Jeanne Dielman 23, quasi du Commerce, 1080 Bruxelles". Die SZ staunt bei der Pressekonferenz zum Nachlass von Rilke über die originellen Gründe des Literaturarchivs in Marbach, warum der Kaufpreis nicht genannt wird. Die Musikkritiker trauern um Christine McVie von Fleetwood Mac, die Architekturkritiker um Meinhard von Gerkan.